Montag, 28. Dezember 2015

Rezension: "In einer kalten Winternacht" von Ævar Örn Jósepsson

Den isländischen Autoren Ævar Örn Jósepsson kannte ich bislang nicht, aber das schöne am Lesen ist ja, dass sich einem ständig neue literarische Welten erschließen.

Die eigentliche Geschichte aus "In einer kalten Winternacht" ist schnell erzählt: In Reykjavik wird eine junge Frau mit elf Messerstichen brutal niedergemetzelt. Das Opfer ist die Jurastudentin Erla.

Für Katrin, Kommissar Árnis Kollegin, ist es ihr schwerster Fall: Sie kennt das Opfer, ist eng mit der Familie befreundet und setzt alles daran, den Mörder zu finden. Befindet er sich gar in den eigenen Reihen?

Während Katrin engagiert versucht, den brutalen Überfall auf Erla aufzuklären, kommt ihr auch immer wieder die brutale Vergewaltigung der Studentin während der sogenannten Kochtopf-Revolution im Winter 2008/2009 in den Sinn. Hängen beide Fälle womöglich zusammen? Hat einer der damals Verdächtigen womöglich erneut zugeschlagen?

Von ihren Kollegen erhält die Kommissarin dabei wenig Unterstützung: Árni ist in Elternzeit, Guðni trägt eine Privatfehde gegen einen Drogenboss aus (da ergeben sich Parallelen zu Arnaldur Indridasons Ermittler Erlendur Sveinsson*), Stéfan hat sich nach dem Tod seiner Frau mit einer Depression zurückgezogen.

Das Buch ist der aktuelle, fünfte Band der Reihe um Kommissar Árni, der aber in diesem Band keine so große Rolle einnimmt, sondern seiner Kollegin Katrin den Vortritt lässt (jedenfalls entsteht bei mir dieser Eindruck, denn die anderen vier Bände kenne ich ja nicht).

Auch wenn die Handlung in sich abgeschlossen ist, es Rückblenden gibt, fiel es mir doch sehr schwer, in den Kosmos um Árni und Katrin einzusteigen. Bis zum Schluss fragte ich mich gelegentlich, wer wer ist und was die Figuren miteinander zu tun haben. Das führte dazu, dass ich mich gelegentlich durch die Handlung kämpfte und bisweilen den Überblick verlor, um welchen Fall es eigentlich gerade geht: Die Vergewaltigung oder den Messer-Mord.

Schließlich beschloss ich, die Personen Personen und die Verbrechen Verbrechen sein zu lassen, mich nicht um die Protagonisten zu kümmern und einfach weiterzulesen in der Hoffnung, der Knoten in meinem Kopf und in der Handlung werde sich am Ende schon irgendwie lösen. So ertrug ich auch einige Längen in der Handlung (und am Schluss lösten sich dann alle Fälle tatsächlich irgendwie, mehr oder weniger).

Wesentlich interessanter als den eigentlichen Kriminalfall fand ich die Ereignisse in der jüngeren isländischen Geschichte zwischen 2008 und 2010, also während des isländischen Staatsbankrotts und der sich anschließenden lautstarken Demonstrationen, bei denen zur Bekräftigung der Argumente lautstark auf Kochtöpfe und anderes Haushaltsgerät eingeschlagen wird.

Den Umgang der von Ævar Örn Jósepsson geschaffenen Personen mit den politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten fand ich dann wesentlich spannender als die Kriminalfälle des Buches. Sie brachten mich dazu, mich mehr mit der jüngeren isländischen Geschichte zu beschäftigen.

Wenn ich das erste Mal ein Buch eines mir bislang unbekannten Autors lese, frage ich mich immer, ob ich seine anderen Bücher auch lesen würde. Bei Ævar Örn Jósepsson tendiere ich dazu, diese Frage mit Nein zu beantworten.

Fazit: Als Krimi lässt mich "In einer kalten Winternacht" einigermaßen ratlos zurück. Fans der Kommissar-Árni-Reihe werden aber sicher ihren Gefallen daran finden.

Verlagsangaben zum Buch: Ævar Örn Jósepsson / In einer kalten Winternacht / Ein Island-Krimi  / Aus dem Isländischen von Coletta Bürling / Originaltitel: Önnur lif / Taschenbuch, Broschur / 480 Seiten / € 9,99 /ISBN: 978-3-442-74174-8 / Verlag: btb

Hier geht's zur Leseprobe.

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

*Affiliate links, u.a. zu den Büchern von Ævar Örn Jósepsson

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