Mittwoch, 24. August 2016

MMI: Die Zeche Rosenblumendelle in Mülheim (Ruhr)

Ende Juli verbrachte ich ein paar Tage in Mülheim, wo Mudderns in der Nachkriegszeit aufwuchs. Neben dem (Über-)Leben, dem Aufwachsen zwischen vier Erwachsenen und drei Kindern in einer knapp 80m² großen Doppelhaushälfte und der Schulzeit spielte vor allem die Zeche Rosenblumendelle eine große Rolle.

Nachdem mein Großvater, ein Holzkaufmann, mit viel Glück früh aus russischer Kriegsgefangenschaft kam und seine Familie in Berlin wiederfand, wohin sich meine Großmutter mit ihrer erwachsenen Tochter samt Neugeborenem, einer Zehn- und einer Achtjährigen aus Westpommern durchgeschlagen hatte, ging's erstmal nach Oberbayern, wo man Zuflucht bei der Familie des Schwiegersohns, der in Kriegsgefangenschaft war, fand.

Ein alter Förderwagen der Zeche am Eingang in den Revisionsschacht.
Dann ging's mit alle Mann ins Ruhrgebiet, wo mein Großvater ursprünglich herkam und wohin er noch immer Verbindungen hatte, die er nutzen konnte, um Arbeit zu finden. Es klappte: Er übernahm schließlich die Leitung des Sägewerks der Zeche Rosenblumendelle. Wie Mudderns mir während unseres Urlaubs in Oberursel erzählte, wurden in den Sägewerken der Zechen das Grubenholz gelagert und verarbeitet.

Der erwachsene Sohn, der inzwischen auch aus den Nachkriegswirren aufgetaucht war und sich in Mülheim einfand, bekam Arbeit als Tischler, und der Schwiegersohn, der ebenfalls aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, wurde Bergarbeiter. So lebte dann die ganze Familie von der Zeche.

Mudderns und ich am Gedenkstein für die Zeche Rosenblumendelle.
Ein knappes Jahr war die Familie getrennt, wohnten meine Großmutter mit ihren beiden jüngsten Töchtern und der erwachsenen Tochter mit ihrem ersten Kind in Dorsten, während die Männer nach einer Wohnung in Mülheim suchten und zur Untermiete lebten.

Schließlich fand man in der Nähe der Zeche eine Doppelhaushälfte. Unten waren Elternschlafzimmer und Wohnküche. Oben waren zwei Zimmer: Eins für die erwachsene Tochter samt Familie (Mann und ein, später zwei Kinder), eins für meine Mutter und ihre Schwester. Auf dem Treppenabsatz fand noch eine Kochnische für die Familie der erwachsenen Tochter Platz. Außerdem gab's noch ein Plumpsklo samt Hühner- bzw. Schweinestall, einen Vorratskeller und einen Selbstversorgergarten. Der erwachsene Sohn lebte in der Nähe zur Untermiete.

Blick auf das ehemalige Zechengelände: Links war die Waschkaue, rechts die Verwaltung.
Während der Planung der Reise war schnell klar: Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Gelände der ehemaligen Zeche Rosenblumendelle zu erkunden, möchten wir sie nutzen, denn dieser Ort ist (neben dem Haus, in dem sie lebte) für Mudderns einfach sehr wichtig. Ich stieß auf den Initiativkreis Bergbau und Kokereiwesen, der bis vor kurzem öffentliche Führungen über das ehemalige Zechengelände machte.

Lars van den Berg war auch sofort bereit, uns zu führen, gab aber zu bedenken, dass der normale Rundgang knapp drei Stunden dauere und etwa drei Kilometer umfasse. Das wäre normalerweise kein Problem für Mudderns (eher schon für mich, denn durch dieses dusselige Burn Out habe ich noch immer meine alte Form nicht zurück), nur machten uns Hitzewelle und verschleppte, fiebrige Blasenentzündung einen Strich durch die Rechnung: Mudderns, die normalerweise einmal, oft auch zweimal täglich ihre drei bis fünf Kilometer lange Runde durch's Dorf dreht, war mit einem kurzen Spaziergang schon überfordert, weigerte sich zudem, zu trinken - nicht nur bei Hitze fatal.

Spurensuche mit historischen Fotos auf dem ehemaligen Zechengelände.
So sagte ich dann alle Führungen ab bis auf die über das Zechengelände, denn die wollte Mudderns partout machen. Van den Berg entpuppte sich als wahrer Engel, holte uns vom Hotel ab, strich die Tour zusammen, zeigte uns manches im Vorbeifahren, ging mit viel Geduld und Improvisation über das Zechengelände und fuhr uns im Anschluss wieder ins Hotel.

Auch, wenn sie es nicht zeigen kann: Mudderns freute sich, dass sie einiges auf dem Gelände wiedererkannte. So erinnerte sie sich daran, dass sie aus der Bücherei der Zeche die ersten "Pucki"-Bücher auslieh (die paar, die sie geschenkt bekam, liebt sie bis heute, und da sie jahrzehntelang bedauerte, nie die ganze Serie gelesen zu haben, schenkte ich ihr die zum 65. Geburtstag kurzerhand komplett*), dass sie mal die Zeche durch die Markenhalle betrat, viel öfter aber einen Nebeneingang am Sägewerk nutzen durfte, um ihrem Vater Essen zu bringen, vorbei an den Kindern, die nicht auf das Gelände durften, sondern ihren Vätern die Henkelmänner über den Zaun reichen mussten.

Blick über das ehemalige Zechengelände. Da, wo heute Bäume wuchsen, war früher das Sägewerk, das mein Großvater leitete.
Schlussendlich konnten wir dann auch noch das Gebäude identifizieren, in dem Mudderns und ihre Schwester mal als Engel zu einer Weihnachtsfeier der Sägewerksmitarbeiter auftraten: Mudderns Beschreibung nach kann es nur die Fünte gewesen sein, wo sich bis heute die ehemaligen Bergarbeiter aus Rosenblumendelle zum Stammtisch treffen.

Jetzt, wo Mudderns wieder fit ist, nimmt sie die Fotos, die ich auf dem ehemaligen Zechengelände machte, und die historischen Fotos, die uns van den Berg zum Ende der Führung überreichte, immer öfter zur Hand, und wenn wir abends telefonieren, erzählt sie das eine oder andere, das ihr wieder einfiel. Das freut mich.

Dieser Betrag nimmt teil an der Linkparty "Mittwochs mag ich" bei Frollein Pfau. Noch mehr Infos zur Geschichte der Zeche Rosenblumendelle und historische Fotos gibt es hier und hier geht's zum Initiativkreis Bergbau und Kokereiwesen e. V..

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