Heute wollte ich eigentlich mit ein paar Deerns aus der Strickgruppe nach Hamburg ins Strickkino, merkte aber noch rechtzeitig, wie sehr mich der gestrige Abend erschöpfte und blieb zu Hause. Immerhin hatte ich die Kraft für eine Abholerin, die eine Menge Umzugskartons mitnahm. So habe ich wieder Platz im Gartenhäuschen. Und ich habe es geschafft, Wäsche zu waschen, bevor ich keine Unterwäsche mehr gehabt hätte. Haushalt und Selbstfürsorge fallen mir schwer. Stattdessen pflege ich meine Depression. Das klappt gut.
Alleinsein, Stille und Leere machen mir weiterhin zu schaffen. Es gibt jeden Tag unzählige Momente, die ich gerne mit dem Gatten teilen würde, unzählige Gedanken an etwas, das ihm sehr gefallen hätte, das er gerne mit mir geteilt hätte. Stattdessen beschäftige ich mich mit Bestattungsvorsorge, Patientenvollmacht, Mitgliedschaft in der DGHS, Einrichtung eines Treuhandkontos für Beerdigungs- und Grabpflegekosten ... Langsam habe ich alles so formuliert und zurechtgebastelt, dass es für mich passt und umgesetzt werden kann bei Notar und Bank.
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich mich, im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 306.
Diese Woche habe ich es endlich zum Friedhof geschafft, denn das Grab ist ja schon seit vier Wochen fertig. Es ist sehr schön geworden, und der Gatte hat definitiv regelmäßigen Hasen-Besuch. Ich musste ihm ein Grab mit Hasen-Besuch versprechen und bin froh, dass ich das Versprechen halten konnte.
Im Büro ist Aufregung, weil sich einige der Böberen sehr wichtig nehmen. So muss jetzt jeder Urlaubsantrag der Amtsleitung vorgelegt werden. Die Dame muss ihre Allmachtsphantasien ausleben. Sie neigt dazu, Mitarbeiter vorzuführen und bloßzustellen, vor allem, wenn sie weiblich und intelligent sind. Ich gehe der Dame weitgehend aus dem Weg, inzwischen seit 13 Jahren, und bin gelassener als die Kolleginnen. Gelassen bin ich auch bei der aktuellen Büro-Situation, denn es soll geprüft werden, ob wir tatsächlich alle Büro-Räume nutzen, die wir haben. Die Abteilung, mit der wir uns die Etage teilen, möchte sich vergrößern. Bis auf zwei Glückliche, die ein Einzelbüro haben (ich bin eine davon), werden eh alle Räume mehrfach genutzt (anders als bei der Nachbarabteilung, wo es nur sehr große Einzelbüros gibt). Die beiden Einzelbüros haben wir nur, weil die Räume zu klein für zwei Schreibtische sind. Ich schätze den Luxus eines Einzelbüros sehr, hätte aufgrund meiner Behinderung auch einen Anspruch darauf, denke mir aber, dass ich zu alt für solchen Scheiß bin - und bis vor 13 Jahren war ich prekär beschäftigt, war es gewohnt, ohne festen Arbeitsplatz oder gar ohne Büro zu arbeiten, war oft froh, wenn an einem Küchentisch noch ein Eckchen frei war. Auch hier sehe ich die Aufregung meiner Kolleginnen sehr entspannt. Bis zur Rente dürften es noch sieben Jahre sein ...
Ansonsten hat sich die Schlagzahl im Büro langsam erhöht, wobei ich mich immer noch langsam wieder in meine Rolle als Projektleitung einfinden muss, mir Konzentration und Schlaf fehlen. Die Schlafstörungen begleiten mich weiterhin. Die Kollegin, mit der ich zusammenarbeite, ist eine tolle Unterstützung, hält alle Fäden nach wie vor in der Hand, behält den Überblick im Gegensatz zu mir, organisiert mein Chaos und ist gleichzeitig froh über jedes Fädchen, das sie abgeben kann. Ich habe zudem die unglaubliche Vorgabe, langsamer zu arbeiten. Das ist mir auch noch nicht passiert und fällt mir sehr schwer. Im Gegenteil: Ich habe immer den Eindruck, nicht schnell genug zu arbeiten.
Eine schöne Überraschung bereitete J. mir diese Woche. Sie fragte, ob ich "ein bisschen Sockenwolle" bräuchte. Nun bin ich gerade in der Ich-kann-keine-Sockenwolle-mehr-sehen-Phase, aber ja, für ein bisschen Sockenwolle findet sich noch ein Plätzchen, und dann sind da ja auch noch die Strickgruppe, die 91jährige dauerstrickende Nachbarin, eine Freundin ... Es kam dann erst die Warnung, es könne doch ein bisschen mehr Wolle werden, gefolgt von einem Fünf-Kilo-Paket! Die Sockenwolle ging dann direkt an die dauerstrickende Nachbarin, der Rest an eine Freundin, und zwei Glitzergarne behielt ich für mich - Glitzer kann man schließlich nicht widerstehen!
Ich sitze immer noch am liebsten im Relax-Sessel und stricke, aber ich habe es geschafft, eine Balaclava zu stricken, die einen Channel Island Bind Off erfordert. Den zu verstehen, fiel mir sehr schwer, aber ich habe es geschafft! Als nächstes muss mein wattiges, depressives Hirn verschränkte Zunahmen lernen, aber zur Entspannung stricke ich jetzt erstmal eine weitere Fischermütze. Die dauerstrickende Nachbarin machte mir Mut, mein Gestricksel zu verkaufen - es gibt hier einen Laden, der das auf Provisionsbasis macht. Mal schauen.
Schwiegermutter fand jemanden, der ihr Taschentelefon programmierte und ihr die Funktion so erklärte, dass sie es bedienen kann - leider, denn aus irgendeinem Grunde sieht sie angeblich ständig meinen Namen und meine Nummer im Display und ruft mich täglich zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten an. Dabei hatte ich mir gerade abgewöhnt, mein Telefon ständig stumm zu schalten ... Der Jemand, der ihr das Telefon einrichtete, hat angeblich auch ein Wundergerät, mit dem Schwiegermutter wieder lesen kann, aber das Gerät ist sehr teuer, darf nur im Regal stehen, weswegen sie gerade Bücher und CDs wegwarf, und sie soll ihren Augenarzt fragen, ob die Krankenkasse einen Teil der Kosten übernimmt. Ich habe nicht weiter nachgefragt, was das für ein Wundergerät ist, denn ihrer Erklärung könnte ich eh nicht folgen. Entweder, das Teil taugt was, oder nicht, und wenn es nichts taugt, ist sie eh keinen vernünftigen Argumenten zugänglich, sie wird wieder mal abgezockt. Ich vermute, letzteres. Ansonsten möchte sie, dass ich jeden Sonntag zu ihr zum Essen komme. Ja, nee, is klaa. Am Grab des Gatten zeigt sie kein Interesse mehr, und beim Haus interessiert sie nur, ob ich das endlich fertig habe, ob das Gästezimmer für sie bezugsfertig ist.
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

Hallöchen, es ist aber doch auch viel gutes passiert, wenn ich das so lese.
AntwortenLöschenIch bin auch allein, von meinem Mann habe ich mich vor gut 10 Jahren getrennt
und auch scheiden lassen, da eine erwachsene voreheliche Tochter im Todesfall
Probleme verursacht hätte (ist eine lange, komplizierte Geschichte, die nicht ins Netz
gehört). Er starb vor einigen Jahren still und allein, wurde nach meinem Hinweis
von der Polizei gefunden und weil mir niemand Auskunft gab vom Ordnungsamt
eingeäschert und beigesetzt. Leider zu spät habe ich zumindest herausgefunden
wo er liegt. Er bekommt Besuch von Wühlmäusen, die möchte er im Leben
allerdings nicht.
Ich fahre mehrmals im Jahr zum Grab hin, dass gehört sich für mich so, gerade auch
weil die Scheidung problemlos war.
Oft bin ich sprachlos wenn ich bei dir lese...
LG,
Tina
Wäre es eine Option für dich , eine Art Tagebuch zu führen, für all die Gedanken, die du sonst mit dem Gatten geteilt hättest?
AntwortenLöschenJa, diese Momente, wo man nun alleine durchmuss, das ist schwer.
Und ich möchte dir sagen ,dass du das toll machst, auch wenn es sich für dich zur Zeit nicht danach anfühlt. Immer einen Schritt nach den anderen,liebe Grüsse, Silke