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Samstag, 24. Oktober 2026

Samstagsplausch KW 43/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXLV

Die Woche begann im Jüdischen Salon mit einer Lesung aus "Diamanten*" von David Vajda, moderiert von Adriana Altaras, die auch "in echt" so großartig ist wie in Filmen, Büchern* oder auf der Bühne. Vajdas Buch ist auch zu empfehlen, klar.

Wir kamen zu spät zur Lesung, weil wir wie eine Handvoll anderer Leute den Veranstaltungsort nicht fanden. Normalerweise gibt es ja bei allem, was "irgendwie jüdisch" ist, Polizei- und Sicherheitsdienstpräsenz. Die fehlte hier völlig, was mich erst gar nicht irritierte, waren wir doch so beschäftigt damit, herauszufinden, ob die Lesung ausfiel und was passiert sein muss, dass niemand mehr in der Lage war, die angemeldeten Besucher irgendwie zu informieren oder ein Schild an der Tür anzubringen. Die Polizei kam erst nach Veranstaltungsbeginn, als die meisten Wartenden schon enttäuscht gegangen waren. Die Beamten waren genau so perplex wie wir ob des dunklen, leeren Gebäudes. Durch einen Anruf bei der Leitstelle stellte sich heraus, wir waren alle am falschen Veranstaltungsort. Minuten später bekamen wir quasi eine Polizei-Eskorte zum richtigen Veranstaltungsort, der zum Glück ganz in der Nähe war - genaugenommen auf der anderen Straßenseite, verborgen von Baugerüst und Bauplane. Jedenfalls: Polizeigeleit zu einer Veranstaltung hatte ich seit Jahrenden nicht mehr. 

In dieser Woche jährte sich der Todestag des Gatten zum ersten Mal, und ich war froh, dass ich mir die ganze Woche Urlaub nahm. Ich war bis zum Besuchsende von Schwiegermutter komplett neben der Spur. Erst, als Schwiegermutter wieder abgeliefert war, ging's mir besser.

Schwiegermutter erklärte mir ja seit dem Rotgarnelen-Gate letztes Weihnachten mehrfach, das Grab des Gatten ginge sie nichts an, weswegen sie entgegen ihrer ursprünglichen Zusagen nicht die Kosten dafür trage. Da ich meine Schwiegermutter kenne, rechnete ich eh nicht mit der Kostenübernahme. Ich war milde überrascht, als sie zum Geburtstag des Gatten darauf bestand, zum Grab gefahren zu werden. Damals kam ich wegen meiner Reha noch drum herum. Jetzt zum ersten Todestag forderte Schwiegermutter vehement, sie wolle das Grab besuchen und dafür bei mir übernachten, was ich ablehnte. Eine Hotelübernachtung so wie früher lehnte sie ab. Sie will partout ins Haus. Dass es im Haus kein Gästezimmer für sie gibt, ist ihr schon ein Dorn im Auge, seitdem wir ihr im Sommer 2022 sagten, dass wir umziehen. Für unsere Wohnung hatte sie da schon lange keinen Schlüssel mehr, weil es selbst dem geduldigen Gatten irgendwann reichte, dass sie in unserer Abwesenheit die Wohnung nach ihren Vorstellungen ohne Absprache "umgestaltete", alle Schränke durchwühlte etc. Dass seine Mutter bei uns übernachtet, verbat sich der Gatte von Anfang an - nur bei seiner narzisstisch-egozentrischen Mutter kam das einfach nie an. Es gibt ein Gästebett im Eisenbahnzimmer, aber, so der Gatte mal in ungewohnter Klarheit zu seiner Mutter: "Das ist nur für nette Menschen, also nicht für dich."

Jedenfalls saß Schwiegermutter kaum am Tisch, als sie mir auch schon erklärte, sie habe sich überlegt, wie ich das Arbeitszimmer des Gatten umgestalte, damit sie dort jeden Monat ein paar Tage übernachten kann. Sie zahle auch die Umgestaltung, und wenn sie das Zimmer mal nicht nutze, könnte da auch mal jemand anderes übernachten. Ich dürfe auch einen Kleiderschrank dort hineinstellen (ich möchte das Zimmer perspektivisch als "Ankleidezimmer" nutzen und in meinem Arbeitszimmer nur noch Bücherregale haben). Ich bräuchte ihr in das Zimmer keine Küche einzubauen, sie würde meine nutzen (das Zimmer ist knapp 12 qm groß, ein wenig knäpplich für Bett, Kleiderschränke und Küche). Sie würde mich nicht stören, sondern würde für mich kochen, den Haushalt machen, im Garten arbeiten und am Grab sitzen. 

Ja, nee, is klaa. 

Das Grab fand nur bedingt Schwiegermutters Zustimmung. Es ist zu abgelegen, der Stein sieht aus wie Holz (ja, deswegen wählte ich ihn), er sieht je nach Witterung anders aus (ja, deswegen - du weißt schon), der Sitzstein wäre ja ganz nett, aber an ihm fehlt ein Geländer (was die Friedhofsverwaltung wohl zu der Idee sagt?!), die Blumenvase ist ja ganz hübsch, aber zu klein (ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand mit einem Arm voller roter Rosen erscheint), und überhaupt müssen in der Vase das ganze Jahr über rote Plastik-Rosen stehen, denn auf dem Grab fehlt Rot (Kunstblumen sind auf dem Friedhof verboten). 

Ich wiederhole mich: Ja, nee, is klaa. 

Nach dem Grabbesuch fuhr ich Schwiegermutter in die katholische Kirche, wo immerhin die Madonna Gnade vor ihren Augen fand. Die Kirche selbst hingegen fand sie hässlich, aber die hiesigen Bauern wissen es halt nicht besser. 

Nach dem Entzünden eines Lichtermeeres in der Kirche befand Schwiegermutter, jetzt wolle sie nach Hamburg gefahren werden zu Kaffee und Kuchen. Sie zeigte mir die sechs Fotoalben mit Fotos des Gatten und von ihr, die sie gestaltete, und erklärte stolz, in einem wären auch Fotos von mir auf unserer Hochzeit. Ich weiß nicht, wer die Frau auf den drei Fotos ist. Ich bin es nicht. Es sind auch keine Fotos von unserer Hochzeit. Aber es hätte mich ohnehin gewundert, wenn es Fotos von mir gäbe. Der Gatte schenkte seiner Mutter gerne Fotos von uns beiden. Die wurden nie aufgestellt, sondern zeitnah entsorgt. War in einem der Foto-Kalender, die Schwiegermutter und Tante gerne zu Weihnachten bekamen, mal ein Foto, auf dem ich war, wurde das Bild überklebt. Ich bin nun mal nicht die Frau, die Schwiegermutter für ihren Sohn wollte, also werde ich tunlichst ignoriert. 

Schwiegermutter redete seht viel davon, dass ich jetzt ja sofort ihr Gästezimmer in Auftrag gebe könne. Ich müsse sie auch erst wieder anrufen, wenn ich ihr sage, dass ihr Zimmer fertig sei. 

Also nie. 

Eigentlich sollte der Masken-Hase auf der Handtasche sitzen bleiben, aber er ertrotze sich einen Platz am Tisch. Überhaupt war er sehr vorwitztig: Ursprünglich sollte Nelly mitkommen, die einfach die feineren Manieren hat, aber der Masken-Hase sprang einfach in die Handtasche. Optimaler Begleit-Hase wäre ohnehin Portobello gewesen, denn den fand der Gatte weiland in der gleichnamigen Londoner Straße.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 345. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Herr Könnig bereitet das Grammophone vor.

Da der Gatte und ich uns nie wirklich an Jahrestage banden, fand die eigentliche Jahrzeit einen Tag später statt und war sicher mehr im Sinne des Gatten als der Auftritt seiner Mutter: Mit G., die auch der Gatte sehr schätzte, die zudem unser letzter gemeinsamer Besuch war, war ich zum High Tea im Eaton Place. Dort sang Herr Könnig zum Grammophon. Der Gatte redete im letzten Jahr oft davon, wie sehr ihm der Besuch im Museumsbauerhof Wennerstorf gefallen hat und wie gerne er Herrn Könnig nochmal singen hören möchte, aber nicht nur daraus wurde ja nichts mehr. 

Herr Könnig singt zum Grammophon.

Ansonsten erledigte ich diese Woche nicht wirklich viel. Ich bin für diese Saison gegen Grippe und Covid geimpft. Im Grippe-Arm randalierte es gleich nach der Impfung ordentlich, es gab dann aber nur einen blauen Fleck, während sich im Covid-Arm nach zwei Tagen eine hartnäckige Beule bildete. Mal gucken, wann die verschwindet. Jedenfalls bin ich froh, dass Erkältungssymptome ausblieben. Die Apothekerin berichtete, aktuell lassen viele ihre Impftermine verfallen, was doppelt ärgerlich ist, da welche, die sich impfen lassen wollen, dadurch keine Termine bekommen. Die erste Covidwelle ist auch schon durch. Die zweite erwartet sie in drei Wochen, nach den Herbstferien, und im Übrigen verstünde sie nicht, warum nicht wenigstens Menschen mit Erkältungssymptomen Maske trügen, um andere nicht anzustecken ... 

Ich habe es geschafft, das mal wieder seit drei Monaten grundlos gesperrte Konto meiner verstorbenen Mutter wieder zu entsperren. Diese Bank ist wirklich an Kundenunfreundlichkeit nicht zu toppen. Es dauerte ja auch drei Jahre, bis das Konto auf mich übertragen wurde, obwohl alle erforderlichen Vollmachten schon vor dem Tode meiner Mutter vorlagen. Sollte ich irgendwann mal nicht mehr völlig neben der Spur sein, muss ich das Konto mal kündigen (wobei das auch so gut wie unmöglich ist, Kundenunfreundlichkeit galore halt). Ich fände es ganz praktisch, mein Geld auch ausgeben zu können, wenn ich es möchte.

Ich schaffte es nach einer Woche endlich, die Balkonkästen zu bepflanzen. Eigentlich wollte ich auch im Garten und im Haus arbeiten, aber entweder passte das Wetter nicht oder mir fehlte die Kraft. So schiebe ich weiter einen zu erledigenden Berg vor mich her. Ich kann natürlich auch das Gästezimmer für Schwiegermutter fertigmachen lassen und sie Haus und Garten nach ihren Vorstellungen gestalten lassen ... 

Ansonsten gewöhne ich mich an den Gedanken, dass ich in den kommenden vier Wochen mit dem Auto ins Echt-Büro fahren muss, weil die Bahnstrecke zwischen Harburg und Hauptbahnhof kurzfristig gesperrt wird, wie Montag bekannt wurde. Angesichts von ca. 150.000 Leuten, die die Strecke täglich alleine aus Richtung Süden kommend pendeln, ist das, gelinde gesagt, fatal. Die S-Bahn, die als Ersatz genutzt werden soll, ist auch ohne zusätzliche Fahrgäste chronisch überlastet, und wenn sie wie so oft ausfällt, ist der Süden abgeschnitten. Schienen-Ersatz-Verkehr wird es nicht geben - welche Busse sollten auch diese Massen fassen?! Die Situation ist so kritisch, dass über Bahnsteigsperrungen nachgedacht wird. Die Informationslage ändert sich ständig. Heute heißt es, ein paar Züge fahren doch nach Hamburg durch, aber welche es sind, werde von Tag zu Tag entschieden. Die aktuell ersichtlichen Fahrten sind ein Witz. Ich könnte Dienstagmittag ins Büro fahren und Mittwochmorgen zurück. Okay, so komme ich auch auf zwei Mal sechs Stunden, aber meine Chefinnen fänden das nicht so toll. Also fahre ich sehr früh mit dem Auto nach Bahrenfeld und hoffe, dass ich dort noch einen Parkplatz bekomme, um dann möglichst so wieder zurückzufahren, bevor sich der Feierabendverkehr staut. So werde ich dann mindestens vier Stunden mit Auto und ÖPNV unterwegs sein, um sechs Stunden zu arbeiten. Ganz großes Kino.

Der Herbst macht mir weiterhin zu schaffen. Ich bin einfach nicht für dunkle Tage geschaffen. Aber meine entzündete Plantarsehne wird zunehmend besser. Ich bin immer öfter schmerzfrei und erwäge, zu einer anstehenden Festivität mal ordentliche Schuhe zu tragen anstatt der Wanderschuhe, die seit mehr als einem Vierteljahr die einzigen Schuhe sind, in denen ich einigermaßen laufen kann.   

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

Samstag, 17. Oktober 2026

Samstagsplausch KW 42/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXLIV

Die Woche war wieder voller Unternehmungen. Ich hätte Nachholbedarf, meinte eine Strickfreundin. Das sehe ich nicht ganz so. Ich konnte ja auch zu Lebzeiten des Gatten alles unternehmen, was ich wollte, und es gab schon immer Zeiten, in denen mehr los war als zu anderen Zeiten. Mal fix, mal nix, nannte das mal jemand. Es wird also wieder anders, wenn nicht mehr so viel los ist, das mich interessiert - und da es mich anstrengt, auf dem Swutsch und unter Menschen zu sein, ist das hoffentlich bald der Fall. 

Der Masken-Hase durfte mit ins Theater.

Jedenfalls war ich im Theater und auch bei der langen Nacht des Strickens der Jesteburger Landfrauen. Die findet einmal im Jahr im Heimathaus statt. Mich begleitete eine der "Strickliesels" aus der Reha-Strickgruppe, die in Hamburg wohnt. Eigentlich wollten wir nicht lange bleiben, aber dann gehörten wir doch zu denen, die nach 22 Uhr quasi buchstäblich ausgekehrt wurden. Es war ein ausgesprochen schöner, harmonischer, ruhiger Abend.

Vor dem Jesteburger Heimathaus.

Ich arbeitete weiter an meinem Lulu Slipover, bei dem ich ja die Knopfleisten verbreiten muss, und plauschte mit den Mädels aus meiner Strickgruppe, während meine Begleitung sich in die Geheimnisse des Färbens mit Pilzen einführen ließ (Beispiele dazu gibt es in diesem Samstagsplausch zu sehen) und es ansonsten genoss, inmitten strickender Frauen zu sein und zu Fachsimpeln. Es wurde von meiner Strickgruppe eine Strickreise nach Kopenhagen angedacht - mal gucken, was daraus wird. 

Neben den Spinnerinnen, die ihre pflanzen- und pilzgefärbten Stränge präsentierten, zeigten die Landfrauen ihre Werke, zeigte Heidis Strickbar einen kleinen Teil ihres Sortiments.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 344. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Zuhause hielt ich es möglichst ruhig. Ich bingte Badehotellet* - meine Strickgruppe machte mich auf die Serie aufmerksam. Am Ende der achten Staffel, die letzte, die Deutsch synchronisiert ist, stellte ich fest, dass ich aus irgendeinem Grunde erst bei Staffel 3 einstieg - in der kommenden Woche habe ich also das Vergnügen, die ersten beiden Staffeln gucken zu können. Zu der Serie lässt es sich vortrefflich stricken. 

Kommende Woche jährt sich der erste Todestag des Gatten. Ich werde ihn mit Schwiegermutter verbringen. Sie will jetzt doch das Grab des Gatten sehen, was sie monatelang ablehnte. Dann änderte sie ihre Meinung. Nun wirft sie mir ja vor, ich enthalte ihr den verstorbenen Sohn vor, weil er nicht im Hamburger Familiengrab beigesetzt ist. Das lehnte der Gatte ja schon vor mehr als zwei Jahrzehnten ab, weil es dort keinen Platz für mich gibt. Es wird also aus mehreren Gründen ein sehr schwerer Tag. Die Trauergruppe schlug vor, dass ich mir für den Schwiegermutter-Besuch Unterstützung hole, damit ich da nicht alleine durch muss, aber ich weiß nicht, wen ich fragen soll. Ich mag das niemandem zumuten. Schwiegermutter würde es mir auch übel nehmen, wenn an dem Tag jemand für sie Fremdes da ist, und das macht es nochmal schwerer für mich. Ich muss da also irgendwie durch. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse. / *Affiliate link 

Freitag, 16. Oktober 2026

#12von12 im Oktober 2026

Caro von "Draußen nur Kännchen" sammelt jeden Monat am 12. des Monats 12 Impressionen des Tages - vielen Dank dafür! 

#1: Da ich heute zu Hause arbeite, lässt mich Schnuffi schlafen, bis es hell ist.

#2: Dem Gatten guten Morgen sagen.

#3: In der Vase sind gerade sogenannte Herbst-Tulpen. Sie duften unwahrscheinlich intensiv. 

#4: Arbeiten.

Heute ist Montag, Heimbüro-Tag. Diese Tage sind normalerweise entspannt, aber seitdem ich zwei Mal in der Woche mit Reha-Nachsorge beschäftigt bin, ist jeder Tag verplant. So ist denn auch der heutige Tag eng getaktet.

#5: Auf zur großen Einkaufstour!

#6.

#7: Ich habe vielleicht ein My zu viel eingekauft, aber zumindest habe ich Wolle und genügend Schnobkram für Halloween. Letzteres war dem Gatten wichtig.

#8: Es ist nicht mehr zu leugnen, es wird Herbst. Ich starte in die Kaminsaison.

#9: Das wird das Abendessen.

#10: Füße hoch und stricken. Ich muss am Lulu Slipover die Armausschnitte und die Knopfleisten breiter machen.

#11: Der weite Weg zum Einkaufen hat sich gelohnt. Ein winziger Farbunterschied ist zwar sichtbar, wenn beide Garne nebeneinander liegen, aber im fertigen Häkelstück wird das nicht der Fall sein. 

#12: Das Kuschel-Rudel will vor dem Einschlafen noch etwas lesen*.

Der Blick in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 12. Oktober 2020 bekam der Gatte eine schlechte Diagnose. Damals ahnten wir noch nicht, das es nicht die einzige bleiben wird. Damals ahnten wir auch nicht, dass Mudderns Haus und Garten mitsamt Apfelbaum heute uns gehören würden. Am 12. Oktober 2021 wartet der Gatte auf die Verrentung, bin ich malad, gibt es einen Krebsverdacht, der sich zum Glück nicht bestätigt. 

Am 12. Oktober 2022 hätten wir nicht gedacht, dass wir ein Jahr später immer noch zwischen Wohnung und Haus pendeln, weil die Baustelle nicht fertig wird. Am 12. Oktober 2023 hofften wir, dass wir bis Ende des Jahres umgezogen sind. Am 12. Oktober 2024 waren wir das letzte Mal gemeinsam auf Mallorca im Urlaub. Am 12. Oktober 2025 sonntagsfrühstückte ich das letzte Mal gemeinsam mit dem Gatten. Uns sollten noch neun gemeinsame Tage vergönnt sein. / *Affiliate link

Samstag, 10. Oktober 2026

Samstagsplausch KW 41/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXLIII

Die Woche war trotz vieler schöner Verabredungen schwer und anstrengend. Normale Menschen schöpfen aus dem Zusammensein mit Freundinnen Kraft. Mich kostet es Kraft, denn es stresst mich, unter Menschen zu sein, so lieb sie auch sind. Hinzu kommt, dass ich gerade die finale Lebensphase des Gatten sehr intensiv wieder erlebe. Vor einem Jahr begann die Zeit, in der es nicht mehr zu leugnen war, dass der Gatte sterben würde, unterhielten wir uns über seine Beerdigung, schrieben wir unser Testament, ließen wir uns nicht mehr alleine, um jeden gemeinsamen Moment zu nutzen. Es war nicht geplant, dass mich der Gatte alleine lässt. Ich versuche, Tag für Tag irgendwie weiter zu machen, auch wenn es keinen Grund mehr gibt. 

In der Nordheide kann der Himmel Drama.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 343. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Ich war bei einem Handwerkerkurs im Oberhafen-Quartier und kann nun endlich einigermaßen mit der Makita des Gatten umgehen. Ich habe inzwischen auch ein Ladegerät gekauft, denn in dem Chaos der beiden Werkstätten des Gatten war kein Passendes zu finden. Ich kann auch wieder mit Schlagbohrer oder Bohrhammer umgehen, und mein Hohlraumdübel saß im ersten Versuch. Jetzt muss ich Schlagbohrer und Bohrhammer nur noch finden. Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie der Gatte und ich an genau so einem wunderschönen Spätsommertag vor 15 Jahren durch die HafenCity stromerten, wie sehr er das damals genoss, wie sehr ihm das quirlige Treiben im Oberhafen-Quartier heute gefallen hätte.

Zusammen mit der Sandkastenfreundin überraschten wir die dritte im Bunde zu ihrem runden Geburtstag. Die eine hatte Angst, dass die andere nicht feiern würde, weil schwere Zeit und überhaupt. Wir wollten also nur schnell ein paar Blümchen, Kuchen und Geschenk klammheimlich vor ihre Tür stellen. Nun ja, wir crashten ihre Party! Großes Gelächter auf allen Seiten, und wir durften nicht ohne Kaffee und Kuchen weiter. Danach machten wir zu zweit eine kleine Radtour, damit ich meine Radfahr-Angst ablege. Wobei: Ich habe keine Angst vorm Radfahren. Ich kann nur nicht Bremsen, Aufsteigen und Absteigen. Bremsen, Stehen, Fallen ist eins. So bescheuert es ist, werde ich tagelang unsere kleine Anwohnerstraße rauf und runter fahren, um Bremsen, Aufsteigen und Absteigen zu üben - wie vor 55 Jahren, als meine Mutter mir Radfahren beibrachte. Ich habe keine Lust, mich von meinen Ängsten einschränken zu lassen. 

Ich habe einen ganzen Tag auf einer Tagung überstanden. Solche Termine stressen mich extrem, und ich war froh, dass ich den Tag darauf außerplanmäßig ins Heimbüro konnte. 

Ich habe gelernt, was ein Taxi vom Hamburger Hauptbahnhof in die lindgrüne Hölle kostet. Ich hätte auf diese Erfahrung verzichten können, aber als über eine Stunde immer noch kein SEV in Sicht war, ich zudem in Harburg nicht weitergekommen wäre, weil dort aufgrund eines Gaslecks keine Züge hielten, machte ich mich auf eine Suche nach einem Taxi. Ich war nicht die einzige, es gab kaum Taxen. Also sprach ich einen jungen Man an, der gerade in eines einstig, ob er zufällig nach Harburg fahre. Er bejahte, und als geklärt war, dass wir uns die Kosten teilen, stieg ich mit ein. Der Taxler war dann so nett, mich weiter in die lindgrüne Hölle zu fahren. Ich habe jetzt auch die Uber-App für den Fall, dass so etwas nochmal passiert.  

Ich hatte Besuch von einer Strickfreundin, die ich drei Jahre lang nicht da, weil es leider keine Yarncamps mehr gibt. Ich war beim Stricktreffen, das diesmal mehr als gut besucht war. Ich habe bei meiner Strickgruppe anscheinend einen Ruf weg. Ich kam später. Eine war neu dabei und wurde gefragt, wie sie vom Treffen erfuhr: "Ich habe da vor drei Wochen eine am Bahnhof angesprochen, die so einen schönen Schal trug. Die fragte, ob ich auch stricke, und erzählte, wann und wo ihr euch trefft. Ich weiß nicht, wie sie heißt." Alle im Chor: "Ach, Sabine!" Später beklagte sich eine aus der Gruppe, sie müsse schon wieder was für ihre Tochter stricken, die nicht stricken kann, und sie kommt gar nicht mehr zu ihren Projekten. Prompt kam: "Stell' sie mal Sabine vor." Die "Strickliesels", denen ich während der Reha Stricken beibrachte oder wieder ans Stricken heranführte, stricken übrigens immer noch.

Ich habe mit den beiden Sandkastenfreundinnen einen Wellness-Nachmittag in einer Therme verbracht. Am einem usseligen Herbsttag genau das Richtige, aber für mich auch ein enormer Stressor, weil viele Menschen und laut. 

Der Herbst macht mir gerade zu schaffen. Ich bedauere schon, dass ich mir so viel vornahm, dass ich nicht einfach eingekuschelt zu Hause sitzen und stricken kann. Aber das ist auf Dauer ja auch keine Lösung.

In Sachsen-Anhalt reagieren machttrunkene Faschisten, unterstützt von BSW und CDU. Es ist schwer, damit umzugehen. Faschismus ist wieder Normalität, rückt im Landtag von Sachsen-Anhalt auch buchstäblich in die Mitte. Die Demokratie ist am Ende.  

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse. 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

#WMDEDGT 10/26: Ein Jahr weiter, irgendwie

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Heute ist Montag, normalerwiese ein entspannter Arbeitstag im Heimbüro. Heute aber nehme ich an einer Tagung in Hamburg teil. Heißt: Pünktlichst aufstehen und über eine Stunde eher los als sonst. Oder anders: Ich verlasse das Haus bei Sonnenaufgang und betrete es erst wieder bei Sonnenuntergang. So ein langer Tag ist ungewohnt und fordert mich Sensibelchen. Mich fordert auch, dass die Tage kürzer werden, dass es dunkel ist, wenn ich aufstehe, und dunkel ist, wenn ich nach Hause komme. Die schon lange verrentete Kollegin, die stets verneint, ließ sich ja weiland von Oktober bis März krankschreiben, weil sie befand, es sei ihr nicht zuzumuten, bei Dunkelheit zur Arbeit zu gehen bzw. bei Dunkelheit nach Hause zu kommen. Joa, kann man machen. Ich hingegen mag Arbeit und Kolleginnen zu sehr für so einen Move. Meine Ärztin würde so was auch nicht mitmachen. 

Der morgendliche Blick auf's Taschentelefon sagt mir nicht nur, dass ausnahmsweise mal kein Zug ausfällt, sondern auch, dass der Gatte vor einem Jahr kaum noch etwas aß - ein klares Zeichen dafür, dass seine allerletzte Lebensphase begann. Zwei Wochen später sollte er sterben.

Ich bin rechtzeitig am Bahnhof. Der Zug ist erfreulich leer und pünktlich, so pünktlich, dass ich beim Umsteigen eine S-Bahn ausfallen lassen kann, weil sie mir zu voll ist. Der Umstieg von der S-Bahn in den Bus bereitet mir kurz Probleme, denn ich stelle fest, dass ich an diesem S-Bahnhof noch nie umgestiegen bin. Außerdem bin ich so ein Land-Ei geworden, dass mich die Großstadt irritiert. Ich finde die Bushaltestelle, komme am Ziel an und finde den Tagungsort mithilfe der Hochbahnwache. 

Die Tagung ist super inklusiv und achtsam usw. Dass ich dennoch unter 100 Menschen die einzige mit Maske bin, überrascht mich nicht. Corona ist ja längst vorbei, und dass es immer noch Menschen gibt, die sich und andere schützen, interessiert nicht, Achtsamkeit hin oder her. 

Vormittags kommt meine Vertretungskollegin. Wir freuen uns, dass sie es geschafft hat, denn nach der letzten Infektion vor einem halben Jahr ist sie so schwach, dass kaum noch was geht. Aber klar, es ist nur eine Erkältung. Wir finden zwei Plätze am Rand mit einem Tischchen, auf den ich den Luftfilter stellen kann. Heißt für uns beide: Zwei Stunden ohne Maske. Danach geht meine Vertretungskollegin wieder. Der Tag darf nicht zu lang sein für sie. Für mich geht die Tagung noch bis halb fünf weiter - mit Maske, klar. Ich habe keinen Bock auf Erkältung, Grippe, Corona. 

Kurze Masken-Pause auf dem Weg zur Bushaltestelle. Ich brauche etwas, bis ich den richtigen Bus finde. Dass ich hier mal 40 Jahre lebte, hier regelmäßig umstieg, scheint komplett vergessen. Wegen einer Baustelle ist die Haltestelle an der S-Bahn verlegt, verpasse ich fast den Ausstieg, werde zum Glück stutzig, als sich der Bus fast leert. Ich finde den S-Bahnhof und bin zügig am Hauptbahnhof, wo es chaotisch wird, weil Verspätungen. Immerhin fallen die Verstärkerzüge nicht aus, so dass ich die beiden verspäteten übervollen Züge fahren lasse und den ziemlich leeren Verstärkerzug nehme. Da aufgrund der Verspätungen jetzt drei Züge fast gleichzeitig fahren, bin ich zwar eine halbe Stunde später zu Hause als geplant, aber pünktlich. 

Auf dem Hinweg ging die Sonne auf der anderen Seite auf.

Mittlerweile bin ich nicht nur müde und erschöpft, sondern trotz des guten und reichlichen Mittagessens auch hungrig. Ich beschließe, beim Asia-Imbiss vorbeizugehen. Nach ziemlich genau zwölf Stunden bin ich wieder zu Hause, habe Wan Tan und Ente süß-sauer dabei. Zu Hause ist das Licht an - ich ertrage es immer noch nicht, in ein dunkles, leeres, stilles Haus zu kommen. Normalerweise würde der Gatte auf mich warten, hätte das Abendessen fertig (oder, wenn ich wie heute etwas mitbringe, den Tisch gedeckt) und den Kamin angefeuert. Seit dem Tode des Gatten sind zwei Lampen über Zeitschaltuhr gesteuert, damit ich nicht in ein dunkles Haus komme, läuft den ganzen Tag das Radio, damit ich nicht in ein stilles Haus komme. Energieverschwendung, ich weiß. 

In der Nordheide kann der Himmel Drama.

Die Straßenklamotten abwerfen, abschminken und zu Abend essen. Ich schaffe mit Müh und Not den Montagskrimi, unterbrochen von den Sandkastenfreundinnen, die uns für einen Wellness-Tag verabreden. Den Wellness-Tag haben wir gestern einer von uns dreien zum runden Geburtstag geschenkt, und die andere besteht nun auf zügige Einlösung des Gutscheins. Da die Beschenkte diese Woche Urlaub hat, wird der Gutschein schneller eingelöst, als mir lieb ist. Ich muss meine Impftermine umbuchen und den Rehasport absagen. Gnarf. Ja, nee, doch, ich freue mich auf den Freundinnen-Tag. 

Ich verabrede mich mit einer Strick-Freundin und ertappe mich dabei, wie ich zum ersten Mal frage, ob sie zu mir kommen möchte. Bislang fragte ich immer noch, ob jemand zu uns kommen möchte. Vielleicht akzeptiere ich langsam, dass das alt-neue Haus nicht mehr unseres ist, sondern meins, egal, wie saehr ich mir wünschte, es wäre anders.

Auf dem Heimweg hatte ich mich bei der Chefin für den kommenden Tag im Echt-Büro abgemeldet, worüber ich angesichts meiner Erschöpfung mehr als froh bin. Ich falle ins Bett, lese* nur noch ein paar Zeilen und werde fast zehn Stunden schlafen.  

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 5. Oktober 2020 war der Gatte noch gesund und fuhr ins Büro, gab's eine Kundgebung für einen jüdischen Studenten, der am Vortag vor der Synagoge niedergeschlagen wurde, wo gerade Sukkot gefeiert wurde. Einzelfall, klar. Am 5. Oktober 2021 beschäftigte mich ein Krebsverdacht, der sich Gott sei Dank als unbegründet herausstellte. Am 5. Oktober 2022 war Yom Kippur. Am 5. Oktober 2023 ahnte niemand, dass die Hamas zwei Tage später eine Menschenjagd veranstalten sollte - das schlimmste Pogrom seit Ende der Shoah. Am 5. Oktober 2024 waren der Gatte und ich auf Mallorca, nicht ahnend, dass es unser letzter gemeinsamer Urlaub dort werden sollte. Ein Jahr später steht der Gatte am Ende seines kurzen Lebens. Zwei Wochen später sollten wir für immer getrennt sein. / *Affiliate link

Samstag, 3. Oktober 2026

Samstagsplausch KW 40/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXLII

Aktuell steht ein Foto des Gatten mit
Blumen auf dem Kamin. Dieses Foto
kommt immer mit auf Reisen und steht
sonst in meinem Arbeitszimmer.
Ich kämpfe immer noch mit den durchgetakteten Tagen und war gestern Nachmittag stolz und froh, alles geschafft zu haben. So schön Verabredungen auch sind, so viel Spaß ich habe, so viel Kraft kostet es mich auch. Die wöchentliche Trauergruppe ist ebenfalls kräftezehrend, auch wenn sie mir gut tut.

Mein Fuß überstand zwei Tage im Echtbüro. Ich laufe ja bummelig drei Kilometer zum Bahnhof und zurück, was bis zur Entzündung kein Problem war. Seit der Entzündung (und der Verschlechterung durch das Nordic Walking in der Reha) überlege ich mir aber jeden Schritt mehrfach. Der Fuß ist noch lange nicht okay, aber es scheint zu werden. Ich brauche halt Geduld und Disziplin für TENS und Dehnübungen. An einem Tag war ich sogar flotter als früher, vor der Entzündung, unterwegs und bekam einen Zug früher als geplant

Das Pendeln war einigermaßen erträglich, denn es fuhren Verstärkerzüge. Die sind leerer. Außerdem konnte ich sehr pünktlich Feierabend machen und früher als sonst fahren. Im Büro ist es nämlich gerade ruhig, was eine angenehme Abwechslung ist. Ich konnte sogar entspannt mit meiner Vertretungskollegin Kaffee trinken und ihr in Ruhe ein paar Vorgänge zeigen, ohne dass sie in Versuchung kam, Überstunden zu machen. Sie möchte versuchen, kommende Woche mit auf eine Tagung zu kommen - mal gucken, was ihr Körper dazu sagt. Neuer Input, andere Nasen täten ihr jedenfalls gut (und ich finde es auch schöner, nicht alleine auf der Tagung zu sein, weil zwei unterschiedliche Perspektiven und überhaupt). 

Am Wochenende war ich bei den überrechten Nachbarn zum Kaffee und im Kino. Ich habe endlich "Vaterland*" gesehen. Auf dem Rückweg vom Kino guckte ich kurz im Rathaus vorbei, wo gerade das Ergebnis der Bürgermeister-Stichwahl verkündet wurde. Dieses Nazi-Nest hat so seine Momente: Überraschenderweise gewann der Kandidat, der u.a. von den Grünen unterstützt wird, nicht der, der für die CDU mit Unterstützung der AfD antrat. So gibt es zumindest frischen demokratischen Wind. Wir werden sehen, was die nächsten acht Jahre bringen.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 342. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Tante und Schwiegermutter geht es gut. Tante freut sich, dass ich sie über den ersten Advent besuchen komme, und sagt immer wieder, das werde ihr nicht zu viel, ich solle auf keinen Fall ins Hotel. Ich hoffe, ich kann sie mal zum Essen einladen oder dazu überreden, mit in die Altstadt zu kommen. Da war sie lange nicht mehr, weil sie alleine mit dem ÖPNV nicht so mobil ist und sich kein Taxi erlaubt. Aber vielleicht lässt sie ja zu, dass ich das Taxi bezahle. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, wenigsten einmal Kuchen bei ihrem Lieblingskonditor zu holen (oder noch besser mit ihr dort konditorn zu gehen).

Schwiegermutter ist natürlich mucksch, dass sie nicht mit zu Tante darf. Außerdem möppert sie, dass ich zu selten anrufe. Dass ein Telefon in beide Richtungen funktioniert, ist schon lange ein Problem für sie. Sie wird zunehmend verwirrter. Aktuell kann sie sich einfach den Todestag des Gatten nicht merken. Da sie am Todestag zu mir kommen möchte, bin ich gespannt, an welchem Tag sie vor der Tür stehen wird. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse. / *Affiliate link

Freitag, 2. Oktober 2026

#pmdd2026: Der 28. September 2026

An jedem 28. eines Monats ist Picture my Day-Day, kurz pmdd. Ich finde, das ist ein schönes Tagebilderbuch. Mitmachen ist einfach: Fotos vom Tag machen, bloggen oder mit #pmdd2026 auf Bluesky oder Instagram einstellen. Gesammelt wird alles auf dieser Seite. 

Da ich heute zu Hause arbeite, lässt Schnuffi mich schlafen, bis es hell wird.

Der Gatte würde sagen, Schäfchen guckt mopsig. 

Dem Gatten guten Morgen sagen.

Arbeiten.

Ich habe beschlossen, für das erste Todesjahr des Gatten eine Temperaturdecke zu häkeln. Ich trug die Temperaturen nach und muss noch gucken, dass ich sie für die letzten Tage bis zum ersten Todestag eintrage.

Heute ist Montag, also Heimbüro-Tag. Da meine Kollegin mit am Start ist, ist es ein entspannter Arbeitstag. Ich kann mich um Inhaltliches und Konzeptionelles kümmern und mich in Ruhe mit der Kollegin besprechen. Das ist eine angenehme Abwechslung, denn Ruhe ist in unserem Bereich selten.

Ein bisschen Hausarbeit.

Der Teetisch wäre gedeckt. Und: Ja, ich brauche neue Gläser, weil die jetzigen milchig sind. 

Schnell noch den Wochenplan katualisieren.

Der tägliche Apfel. Die Äpfel des alten Baumes sind endlich groß und reif genug, um sie so essen zu können.

Die Heilwolle, die ich letzte Woche kaufte, ist gewickelt und wird vor dem Stricken gewogen. Die Verkäuferin war sich nicht sicher, ob's 100 Gramm sind, und sagte mir, wo sie normalerwiese verkauft, falls ich mehr brauche. Es sind aber 100 Gramm. Das sollte für zwei Paar einfache Handstulpen reichen. 

Pünktlicher Feierabend und ein bisschen Aufräumen, denn eine Strickfreundin kommt zum Tee. Heute wird allerdings weniger gestrickt als gehäkelt. Waldi der Dritte will fertig werden. Das Teetrinken zieht sich bin in den Abend, so dass außer Schnattern, Häkeln und Teetrinken nichts mehr passiert.

Waldi der Dritte will fertig werden.

Acht Maschen vor Ende muss ich noch ein neues Knäuel anfangen.

Fast fertig. Ein Streifen fehlt noch.

Angesichts der Kuchenschlacht fiel das Abendessen aus. 

Die Apfelernte der letzten beiden Tage.

Vor dem Einschlafen noch etwas lesen*. Die Holly-Holmes-Reihe* ist nur etwas für Schmerzbefreite. Inzwischen frage ich mich nicht mehr, was Autorin und Übersetzerin beruflich machen, sondern ob die Krimis von einer extrem schlechten KI geschrieben und übersetzt wurden. Aber da ich aktuell gerne mal wieder mindless lese, passt es.

Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 28. September 2020 war der Gatte noch gesund und arbeitete. Ich hatte einen Büro- und Ladentag und wechselte die Zeitung an der Fenster-Leckage aus, wie auch am 28. September 2021. Am 28. September 2022 hätten wir laut Aussage des Bauunternehmers, der sich später als ziemlicher Chaot entpuppte, seit zwei Tagen im Haus wohnen können, war der Gatte noch fit genug, um mit dem Schornsteinfeger alleine die Hausbegehung zu machen. Heute kann er das nicht mehr. Am 28. September 2023 pendelten wir noch immer zwischen Wohnung und Baustelle. Am 28. September 2024 freuten wir uns auf den bevorstehenden Mallorca-Urlaub und ahnten nicht, dass es unser letzter gemeinsamer Mallorca-Urlaub sein würde, denn ein Jahr später war der Gatte Palliativ-Patient. Uns sollten noch drei gemeinsame Wochen bleiben. / *Affiliate links

Samstag, 26. September 2026

Samstagsplausch KW 39/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXLI

Die Woche war sehr abwechslungsreich. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass meine Tage wieder durchgetaktet sind. Durchgetaktet waren die Tage in der Reha zwar auch, aber anders, ich musste mich nicht ums Kochen kümmern, und es gab viele Ausfälle und Leerlauf durch Urlaube oder Krankheiten. So hatte ich manchmal den ersten Termin um 13 Uhr oder nur zwei Termine, einen um halb acht und den nächsten um 17 Uhr ...

Am Seerosenteich im kleinen Museumsdorf.

Sonnabend war ich mit einer der beiden Sandkasten-Freundinnen zum World Wide Spin in Public Day im kleinen Freilicht-Museum. Natürlich kam Wolle mit nach Hause, und zwar ganz besondere: Heil- oder Lanolinwolle. Sie steckt noch voller Wollfett. Daraus werden Handstulpen für die beiden Freundinnen (und vielleicht reicht es auch noch für ein Paar für mich). Beide haben Probleme mit trockenen Händen, eine auch mit den Gelenken. Bei beidem soll die Wolle helfen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Wolle verstricken lässt. Beim Wickeln merkte ich jedenfalls schon den pflegenden Effekt.

Die spinnen doch!

Außerdem gab es viele Beispiele für Pflanzen- bzw. Solarfärbungen. Das wollte ich schon im letzten Jahr ausprobieren, aber dann verbrachte ich den Sommer ja mit dem Gatten im Krankenhaus. Diesen Sommer verbrachte ich in der Reha-Klinik, also wird es ein Projekt für den kommenden Sommer.

Pflanzengefärbte Wolle in unterschiedlichen Intensität.

Die kräftigen Farben mag ich natürlich am liebsten. Es gab sogar ein ziemlich knalliges Blau!

Diese Farben waren mir ein wenig zu pastellig. Es ist faszinierend, wie sich Farben je nach Menge der verwendeten Pflanzen verändern. 

Praktischerweise war im Museum auch Backtag, so dass wir uns nicht nur an frischem Butterkuchen labten, sondern auch ein frisch gebackenes, noch warmes Sauerteig-Brot mit nach Hause nahmen. Das Haus roch ein paar Tage nach frischem Brot und den Äpfeln, die ich bei uns im Garten erntete. 

Heilwolle mit bunten Einsprengseln.

Den Sonntag verbrachte ich mit der Planung von Freizeit-Gestaltung: Ich buchte eine Karte für "Die Stadt der träumenden Bücher", eine Ausfahrt zum Weihnachtsmarkt auf der Festung Bourtange und verabredete mich für eine Stricknacht im Nachbardorf. Zusammen mit einer der beiden Sandkasten-Freundinnen wurde ein Gutschein für die dritte im Bunde gebastelt, die bald einen runden Geburtstag feiert. Wir wollen sie mit einem Wellness-Tag samt Essengehen überraschen und hoffen, sie freut sich. 

Ich buchte eine Veranstaltung anlässlich des ersten Todestag des Gatten, die ihm sehr gefallen hätte. Am Todestag des Gatten kommt allerdings Schwiegermutter. Nachdem sie mir monatelang erzählte, das Grab ihres Sohnes ginge sie nichts an, wirft sie mir inzwischen vor, ich würde es ihr vorenthalten. Ja, nee, is klaa. Außerdem beschwerte sie sich dann doch wieder darüber, dass sie nicht bei mir übernachten kann, weil ich kein Gästezimmer habe. Ich war zu perplex, um zu entgegnen, dass sie doch selbst verfügte, den Innenausbau zu stoppen, weil der Gatte nichts mehr davon habe.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 341. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Tante wurde von falschen Handwerkern, die sie spät abends überrumpelten, bestohlen. Sie ist tief getroffen, und dass Schwiegermutter sie beschimpfte, machte die Sache nicht besser. Ich habe Schwiegermutter nicht daran erinnert, dass ihr das auch zwei, drei Mal passiert ist, also sie noch in ihrem Haus wohnte (und da war sie wesentlich jünger als Tante). Schwiegermutter macht ja keine Fehler. 

Die Arbeitswoche war intensiv, denn im Moment liegt viel an. Das Pendeln war nicht ganz so entspannt, denn nachmittags fielen viele Züge aus. Die wenigen, die fuhren, waren logischerweise komplett überfüllt. 

Mit der Vertretungskollegin sprach ich lange über ihre gesundheitliche Situation. Sie kämpft immer noch mit den Folgen der letzten Infektion im März, kommt buchstäblich nicht wieder richtig auf die Beine und hat Angst vor der kommenden Erkältungssaison. Dass eine Kollegin diese Woche völlig verrotzt und fiebernd (und natürlich maskenlos) zur Arbeit kam, machte es nicht besser. Sie hat Angst vor der nächsten Infektion, möchte aber auch gleichzeitig wieder einen normalen Alltag haben, zur Arbeit fahren oder in den Urlaub ... Es ist ein Elend. Seit dem Sommer ist die Kollegin in der Wiedereingliederung, und ich hoffe, sie zieht die bis zum Jahresende durch. Sie möchte nämlich so schnell wie möglich wieder voll einsteigen. Leider sieht ihr Körper das anders. Wir freuten uns so, gemeinsam im November auf eine Tagung zu fahren, aber dahin werde ich wohl alleine fahren, denn für sie ist das noch zu anstrengend. 

Ein Willkommensgruß von der Vertretungskollegin: Buch, Tee und symbolische Blumen. Den Gruß wollte sie mir schon in die Reha schicken, aber ihr fehlte die Kraft.

Diese Woche startete auch meine Online-Trauergruppe. Sie ließ sich gut an. Lachen musste ich nur, als ich kurz vor Beginn an mir herunter guckte. Sie Therapeutin arbeitet auch als Suchttherapeutin und sagte, sie lege aus der Suchttherapie viel Wert darauf, dass die Klienten nicht im Schlafanzug am Klapprechner sitzen. Nun ja, der Termin ist an einem meiner Heimbüro-Tage. Ich sorgte also schnell noch dafür, dass ich straßenfein aussehe - zumindest oberhalb der Jogginghose.

Diese Woche startete ich auch mit meinem privaten Reha-Sport-Programm: Zusammen mit der überrechten Nachbarin gehe ich eine Stunde zum Frauenschwimmen. So war ich nach 45 Jahren zum ersten Mal wieder im örtlichen Schwimmbad. Ich weiß immer noch nicht, was die angepriesene "feminine Atmosphäre" sein soll, aber ich weiß, dass ich beim nächsten Mal nicht mehr nackicht vom Duschen zur Umkleide schlappen sollte, wenn ich nicht wieder einem Mann in die Arme laufen will, denn Geschlechtertrennung beginnt hier erst ab der Dusche ... In unserem Hamburger Sportverein waren die Geschlechter schon ab der Umkleide getrennt, so dass ich nackt von der Dusche zum Umkleiden gehen konnte. Ich rechnete nicht damit, dass es irgendwo anders sein könnte, nahm es auch beim Weg ins Bad nicht wahr, weil ja um mich herum nur Frauen waren.

Ich habe die Reise gebucht, die ich mir zum runden Geburtstag schenke. Auf der zweiten Hälfte begleitet mich hoffentlich ein lieber Mensch. Ansonsten wird es sehr spannend zu sehen, wie ich damit umgehe, erstmals alleine in einem dänischen Ferienhaus zu sein.  

Mit den "Strickliesels" aus der Reha bin ich noch immer im Kontakt. Mich beeindruckte wieder vor allem diejenige, die als Linkshänderin stricken komplett neu lernte. Sie übte jetzt das Stricken linker Maschen, um mehr Muster und andere Strickstücke stricken zu können. Bislang konnte sie nur rechts stricken, fertigte krause Schals oder rundgestrickte Loops. Mit den linken Maschen wird Stricken nun unendlich. Es ist schön zu sehen, wie sie mit jeder Masche besser wird. Als nächstes möchte sie häkeln lernen, denn ihre beiden Kinder möchten Temperaturdecken. Es bleibt spannend! 

Die politische Lage beobachte ich als Historikerin fasziniert. Als Mensch, Demokratin und Antifaschistin bin ich erschrocken und besorgt und frage mich, wo mein Reisepass ist, für den Fall der Fälle. Der Ausgang der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und vor allem in Berlin ist erfreulich, aber unerfreulich ist, wie die Rechten und Konservativen darauf reagieren. Da wird Antisemitismus vorgeschoben, um Großkonzerne zu schützen und eine Mehrheit für ein AfD-Verbotsverfahren zu verhindern. Chaim Guski analysiert da fundierter und eloquenter als ich. Gleichzeitig baut die AfD das parlamentarische System in Sachsen-Anhalt um, bereitet sich die CDU auf eine Koalition mit der Partei vor, untersagt man gemeinsam im sächsischen Heidenau die Verlegung von Stolpersteinen, plant die AfD unverhohlen ein Zentrum für "Remigration" aka Deportation in Magdeburg. Wie gesagt: Als Historiker ist es faszinierend, den Aufstieg des Faschismus live mitzuerleben. Als Mensch, Demokratin und Antifaschistin könnte ich sehr gut darauf verzichten. Immerhin kann man den Faschisten nicht vorwerfen, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt haben. Im Gegenteil. Sie nutzen sie als Blaupause.

Das Wochenende und die kommende Woche wieder anstrengend, da voller Verabredungen. Ich bin gespannt, was meine Soziophobie dazu sagt.

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Samstag, 19. September 2026

Samstagsplausch KW 38/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXL

Der Gatte hätte sich sehr über 
die vielen Äpfel an seinem 
Baum gefreut.
Inzwischen liegt schon wieder eine ganze Arbeitswoche hinter mir. Meine Kolleginnen machten mir den Wiedereinstieg leicht. Es blieb quasi nichts liegen, und Montag früh bekam ich die Order, mich erstmal mit einem Kaffee hinzusetzen und die eMails zu lesen. Das waren aber gar nicht so viele, denn meine Vertretungen haben das Projekt genauso im Griff wie ich. Da bewährt sich wieder mal, dass ich Wert darauf lege, dass wir im Team arbeiten und alle den gleichen Wissensstand haben.

Auch das Pendeln war einigermaßen entspannt, da einige Verstärkerzüge fuhren. Die sind leerer als die Regelzüge, und die Abfahrtszeiten passen mir besser. Meine Füße hielten tapfer durch. Die Momente, in denen ich schmerzfrei bin, werden mehr, wenngleich ich die beiden Hamburg-Tage, an denen ich viel laufen muss, spürte (und Schmerzmittel brauchte). 

Ich hatte ein Vorgespräch mit einer Trauer-Therapeutin und starte kommende Woche mit einer Trauergruppe im Rahmen der Reha-Nachsorge. Ich denke, das passt besser zu mir, als eine Selbsthilfegruppe, wie sie hier im Ort angeboten wird (und zu der ich es noch nicht schaffte). Kommende Woche startet auch der Rehasport, zu dem ich mit einer Nachbarin gehen kann. Meine Tage werden also wieder sehr durchgetaktet sein. Mal gucken, wie ich damit zurecht komme. 

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 340. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Ich war auf dem Friedhof, wo mir zwei kleine Rehe begegneten! Sie waren offensichtlich auch am Rosenstock auf dem Grab des Gatten, aber sie waren so mager, dass ich ihnen jede Rose könne. Ich wusste vorher, dass Rehe und Hasen die Rosen mögen, und da der Gatte sich Hasen an seinem Grab wünschte, Rehe mochte, ist das für mich okay. Außerdem bin ich selbst schuld, vergaß ich vor der Reha, die Rose mit Vergrämungsspray einzusprühen. 

Nach dem Friedhofsbesuch war ich im Kino, den neuen Eberhofer gucken, und musste natürlich daran denken, dass ich den Film davor mit dem Gatten guckte. Er freute sich so sehr darüber, dass wir jetzt so wohnen, dass wir einfach zu Fuß ins Kino gehen können, und nutzte das so oft wie möglich. 

Zusammen mit Nachbarn ging ich zur Eröffnung des Stadtfestes. Im letzten Jahr gingen wir noch gemeinsam mit dem Gatten, wobei ich ihn schon im Rollstuhl schieben musste. Wir ahnten damals schon, dass es der letzte Stadtfest-Besuch des Gatten sein würde. Der Gatte liebte das Stadtfest. Da sist auch wirklich schön, beginnt mit einem Festumzug der hiesigen Vereine, die auch das Programm tragen, und so ziemlich alle Vereine und Initiativen bekommen Gelegenheit, sich zu präsentieren. Ich hätte gerne eine "Probe-Wanderung" des hiesigen Wandervereis mitgemacht, traute das aber meinen entzündeten Füßen noch nicht zu. 

Ich habe die Reise zu unserer Silberhochzeit gebucht, die ich nun alleine antreten muss. Ich zögerte lange ob der Ausgabe, dachte dann aber an die vielen Reisen, die wir nicht machen konnten, weil sie zu anstrengend gewesen wären. 

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