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Montag, 10. Januar 2022

Das Heinrich-Heine-Denkmal auf dem Rathausmarkt

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Unter dem Deckmantel von Liebe, Frieden, Wahrheit und Demokratie werden antisemitische und rassistische Verschwörungstheorien verbreitet. Letztlich will man aber nichts anderes als einen faschistischen Staat.

Die demokratische Mehrheit der Stadt trifft sich am 15. Januar 2022 um 15:30 Uhr am Ferdinandstor - coronakonform mit Anstand, Abstand und Maske.

Das Denkmal für Heinrich Heine am Rande des Hamburger Rathausmarktes. 

Auf dem Hamburger Rathausmarkt gibt es ein relativ unscheinbares Denkmal für den am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geborenen Dichter, Schriftsteller und Journalisten Heinrich Heine. Das Denkmal ist für mich mit Wolf verbunden, denn bei jeder antifaschistischen Stadtrundfahrt stiegen wir hier aus. Wolf berichtete über das Leben Heines, über Hamburgs Umgang mit seinen Denkmäler und rezitierte "Weltlauf". Das Heine-Gedicht ist bis heute das einzige Gedicht, das ich auswendig kann. 

Weltlauf / Heinrich Heine

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazubekommen.
Wer nur wenig hat, dem wird
Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,
Ach, so lasse dich begraben -
Denn ein Recht zum Leben, Lump,
Haben nur, die etwas haben.

Zwischen 1816 und 1819 lebt Heinrich Heine in Hamburg, so ihn sein Onkel, der Bankier Salomon Heine, unter seine Fittiche nimmt, in der Hoffnung, aus dem jungen Mann werde ein ehrbarer Kaufmann. Aber Henrich Heine hat weder Talent für Geldgeschäfte noch für den Tuchhandel, interessiert sich ausschließlich für Literatur und veröffentlicht 1817 in Hamburg erste Gedichte. 

1819 kehrt Heinrich Heine Hamburg den Rücken, studiert in Bobb, Göttingen und Berlin, ist aber immer wieder in der Hansestadt. Sein Plan, sich hier als Anwalt niederzulassen, scheitert zwar, obwohl er dafür vom Judentum zum Christentum konvertiert, aber in Hamburg sitzt Heines Verleger Julius Campe. Seinetwegen, aber auch wegen seiner Hamburger Familie, bleibt der Dichter bis zu seinem Tode 1856 der Hansestadt eng verbunden.

Erinnerung an die Zerstörung des Heine-Denkmals im Stadtpark durch die Nationalsozialisten.

Anlässlich des 100. Geburtstags Heines 1887 soll dem Dichter auch im Hamburg ein Denkmal gesetzt werden. Kaiserin Sissi wollte der Stadt eine vom dänischen Bildhauer Louis Hasselriis gestaltete Plastik des sitzenden Heine schenken, aber die Stadt lehnt ab. Die Kaiserin lässt das Denkmal in ihrem Schloss auf Korfu aufstellen. Nach ihrem Tode geht der Beitz auf Korfu an Kaiser Wilhelm, der Heine verachtet. Er lässt die Marmorskulptur 1909 entfernen. Nach Intervention des Campe-Sohns wird das Denkmal nach Hamburg verschifft. Julius Campe bietet die Skulptur erneut dem Hamburger Senat an, der das Geschenk mit dem Hinweis auf Heines angeblich „vaterlandsfeindliche Haltung“ ablehnt.   

Das Hasselriis-Denkmal wird schließlich im Hof des Hoffmann und Campe Verlags, dem Barkhof an der Mönckebergstraße, errichtet und erst 1927 im Donners Park in Altona öffentlich aufgestellt. Um es vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten zu schützen, lässt die Tochter Campes es abbauen und 1939 zu ihrem Wohnort, der südfranzösischen Hafenstadt Toulon, verschiffen. Während der deutschen Besetzung Frankreichs versteckt, steht das Denkmal seit 1956 im botanischen Garten Toulons. Vor drei Jahren scheitert eine Initiative des Schauspielers Christian Quadflieg, die Skulptur nach Hamburg zurückzubringen.

Erinnerung an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten im Mai 1933. In seiner 1823 veröffentlichten Tragödie “Almansor“ schreibt Heine: “Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” 

1926 erhält Hamburg dann tatsächlich ein öffentliches Heine-Denkmal, gestaltet von Hugo Lederer, aufgestellt im Stadtpark. Die Nazis entfernen es 1933 und schmelzen es später ein. Zwar fallen Heines Werke nicht der Bücherverbrennung zum Opfer, aber sie werden 1940 verboten.

1977 gründet der Maler und Publizist Arie Goral die Heine-Gesellschaft. Es gelingt dem jüdischen Hamburger und seinen Mitstreitern, das Denkmal zu finanzieren und die Genehmigung zur Aufstellung am Rande des Rathausmarktes zu bekommen. So hat endlich ein Heine-Denkmal einen zentralen Platz mitten in der Stadt.

Noch ein Blick auf das Heine-Denkmal an der Mönckebergstraße.

Die Bronzeplastik mit dem nachdenklich blickenden Heinrich Heine gestaltet Waldemar Otto. Sie ist der Lederer-Skulptur nachempfinden und steht auf einem Granitsockel mit vier Bronzerelief, die an die Bücherverbrennung und die Zerstörung des früheren Heine-Denkmals erinnern. 

Montag, 3. Januar 2022

Die Schilleroper

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.  

Aktuell tarnen sich die Demokratiefeinde als Kritiker jeglicher Corona-Maßnahmen und marschieren sonnabends durch die Innenstadt. Aber auch unter der Woche laufen Nazis gerne durch verschiedene Stadtteile. Dabei ignorieren sie ungeahndet jegliche Auflagen bezüglich Abstand und Maskenpflicht. An Intelligenz und Anstand mangelt es ihnen ohnehin, sonst wären sie keine Nazis. 

Die demokratische Mehrheit der Stadt hingegen trifft sich am 15. Januar 2022 um 15:30 Uhr am Ferdinandstor - coronakonform mit Anstand, Abstand und Maske.

Die Schilleroper ist auch eine große Freiluft-Galerie.

Der markante Rundbau, dessen Stahlkonstruktion unter Denkmalschutz steht, im Oktober 2018.

Der markante Rundbau der Schilleroper, der nicht zufällig an ein Zirkuszelt erinnert, wird Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Ernst Michaelis für Circus Busch errichtet und fasst über 1.000 Zuschauer. Nur wenige Jahre später zieht Circus Busch allerdings an den Zirkusweg auf St. Pauli um. Das Gebäude wird zum Theater umgebaut, eröffnet 1905 mit Schillers "Wilhelm Tell" und erhält anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters den Namen "Schiller-Theater". In den 1920er Jahren werden im Wesentlichen politische Stücke gespielt, treten Laiengruppen der Hamburger Arbeiterbewegung auf. Das Theater ist in finanziellen Schwierigkeiten.

Die Nebengebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind inzwischen abgerissen.

Ab 1933 passt sich das Theater den Nationalsozialisten an, nimmt zum Beispiel ein Drama von Joseph Goebbels auf den Spielplan. Aufgrund eines fehlenden Luftschutzkellers muss das Theater mit Beginn des Zweiten Weltkriegs den Betrieb einstellen. 

Erinnerung an die Zeit zwischen 2003 und 2006, als die Schilleroper zum letzten Mal als Club genutzt wurde. 

Spätestens ab 1943 befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Schilleroper in der damaligen Amselstraße ein Lager für etwa 500 italienische Kriegsgefangene, bewacht von Soldaten. Die Männer werden bei Aufräumarbeiten von Bombenschäden eingesetzt; körperliche Schwerstarbeit, die in der Regel u.a. aufgrund von Blindgängern und einstürzendem Mauerwerk viele Opfer fordert. Das Lager besteht bis Anfang 1945, dann werden die Männer verlegt.

Die denkmalsgeschützte Rotunde mit dem "Laterne" genannten Oberlicht, das an einen Leuchtturm erinnert.

Außerdem befindet sich auf dem Gelände die Großküche Hönisch, die zahlreiche Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mit Essen versorgt, aber auch das Mittagessen für die Wachmannschaften des KZ Neuengamme lieferte. Die Großküche liefert zumindest in einem Falle auf Wunsch eines Betriebes, bei dem Kriegsgefangene eingesetzt sind, auch schon mal doppelte Verpflegungssätze, was aufgrund einer Anzeige allerdings geahndet wird.  

Im dichtbebauten Areal Bei der Schilleroper / Lerchenstraße sollen Neubauten mit bis zu 10 Stockwerken entstehen.

Nach der Befreiung wird das einstige Theatergebäude, das nicht von Bomben zerstört wurde, als Unterkunft für Flüchtlinge und Ausgebombte genutzt, schließlich als Hotel, Unterkunft für Arbeitsmigranten bzw. Flüchtlinge und Obdachlose, aber auch immer wieder für kulturelle Zwecke. Uneinigkeit über die weitere Nutzung und Leerstand setzen dem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, sehr zu. Im letzten Jahr kam es kurzfristig zu Abrissarbeiten einsturzgefährdeter Nebengebäude, sollte das Stahlgerüst der Rotunde endlich gestützt werden, aber kaum begannen die Arbeiten, wurden sie auch schon wieder wegen unsachgemäßer Durchführung gestoppt. 

Das freigelegte Stahlskelett der Rotunde im Oktober 2021. Die Abbrucharbeiten wurden im August gestoppt. Die Konstruktion ist einsturzgefährdet und soll einen Stützturm erhalten, der allerdings noch immer fehlt.

Heute ist die Schilleroper der letzte erhaltene Zirkusbau, der im 19. Jahrhundert in Stahlskelettbauweise errichtet wurde, ein Juwel der Architekturgeschichte. Was die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs nicht schafften, schaffte das Desinteresse der Nachkriegszeit: Seit fast 70 Jahren verfällt das Gebäude. Besitzer und Stadt schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu, so dass sich nichts tut, was den Verfall aufhält. Ein realistisches Konzept fehlt. Aktuell sieht alles nach der typischen Hamburger Lösung im Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden aus: Verfallen lassen, bis ein Abriss unvermeidbar ist, dann lukrativ neu bauen.

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Montag, 28. Oktober 2019

Der Gotenhof (Steckelhörn 12)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

In der enge Straße Steckelhörn kommt das Kontorhaus "Gotenhof" gar nicht so richtig zur Geltung. Der gerundete massige Bau mit der kunstvoll expressionistisch gestalteten Klinkerfassade verdiente eine breitere Straße.

Das zwischen 1929 und 1930 erbaute Kontorhaus "Gotenhof".
Ursprünglich standen hier Fachwerkauten, Wohnhäuser und Speicher, teils noch aus dem Mittelalter, die abgerissen werden, damit der "Gotenhof" zwischen 1929 und 1930 nach Plänen des Architekten Karl Stuhlmanns erbaut werden kann. Angesichts der Wirtschaftskrise kann nur ein kleiner Teil des Kontorhauses vermietet werden. Die Erbauergesellschaft gerät in finanzielle Schwierigkeiten, das Gebäude wird zwangsversteigert und von der Stadt gekauft. 1931 ziehen das Statistische Landesamt und die Jugendbehörde ein - ersteres hat dort bis heute seinen Sitz.

Ab 1933 kommt dem Jugendamt eine maßgebliche Rolle bei der Vorbereitung und Umsetzung der NS-Euthanasie bzw. der rassenhygienischen Fürsorge in Hamburg zu. Es ist beispielsweise für die Entscheidung  über Einweisung von sogenannten "unerziehbaren" Jugendlichen in ein Jugend-KZ zuständig, entscheidet aber mit Stellungnahmen auch die die Sterilisation von Kindern und Jugendlichen. Verweigern sich die Angehörigen einer Sterilisation, werden sie umgangen, indem das Jugendamt den Antrag stellt und das Gesundheitsamt alles weitere veranlasst.

Mit Regierungsrat Paul Ellerhusen verfügt die Behörde ab 1934 über einen leitenden Angestellter, der als ehemaliger Kommandant des KZ Fuhlsbüttel durch Folter bekannt wird - so bekannt, dass die Staatsanwaltschaft einschaltet und Ellerhusen ins Jugendamt versetzt. 1950 wird der 63jährige zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, muss die Strafe aber nicht vollständig verbüßen, sondern wird vorzeitig entlassen.

Im Oktober 1936 entwirft mit dem 36jährigen Heinrich Lottig ein Leitender Oberarzt der Behörde eine "Wertungstabelle" mit sechs Kategorien als Grundlage für die Entscheidungsfindung zur Sterilisierung. Diese "Wertungstabelle" wird von anderen Kommunen übernommen. Lottig meldet sich 1940 an die Front und fällt ein Jahr später.

1938 wird der 52jährige Paul Prellwitz Direktor des Jugendamtes. Der Antisemit tritt bereits 1925 in die NSDAP ein und macht nach der Machtübernahme schnell Karriere. Prellwitz führt das Amt hierarchisch, wird schnell zum Senatsdirektor befordert und schließlich ständiger Vertreter des Präsidenten der Fürsorgebehörde. 1945 wird Prellwitz im Alter von 59 Jahren aus dem Staatsdienst entlassen. Juristisch wird er nicht belangt. 

Im "Gotenhof" erinnert heute nichts mehr an die Zeit, als hier darüber entschieden wurde, welche Menschen ein Recht auf Leben haben und welche nicht.

Montag, 21. Oktober 2019

Stolperstein für Claudius Gosau in der Woltmanstraße 14

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

Ein Zeitlang blickte ich von meinem Bürofenster direkt auf eine in den 1860er Jahren erbaute Häuserzeile in der Woltmanstraße. Vorm Eingang von Nummer 14 liegt ein Stolperstein für Claudius Gosau. Über ihn (und seine Familie) ist verhältnismäßig wenig bekannt.

Blick auf die (eigentlich denkmalgeschützten) Häuser der Woltmanstraße, die zwar die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs überlebten, nicht aber die aktuelle Baupolitik.
Gosau wird 1892 in Dithmarschen geboren und lebt bis 1938 in Heide. Er leistet Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, wird mehrfach schwer verwundet, verdient in der Weimarer Republik sein Geld meistens als Bauarbeiter, ist seit 1915 mit Marianne Hansen verheiratet und Vater zweier Kinder.

Der Stolperstein für Claudius Gosau in der Woltmanstraße 14.
In den 1920er Jahren wird Gosau KPD-Mitglied und leitet den Musikzug der Partei. 1930 wird er aus der Partei ausgeschlossen, aber dessen ungeachtet nach Machtübernahme der Nazis im April 1933 aus politischen Gründen verhaftet, scheint aber nicht im organisierten politischen Widerstand aktiv zu sein.

1938 zieht die Familie nach Hamburg, in die Woltmanstraße 14. Vermutlich hofft sie, in der anonymeren Großstadt weniger aufzufallen als im kleinen Heide, wo die politische Einstellung von Claudius Gosau hinlänglich bekannt ist.

Blick auf den Hauseingang Woltmanstraße 14.
Der 22jährige Sohn Wilhelm bleibt in Heide, wo er als Landarbeiter tätig ist. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Wilhelm Gosau "aus erzieherischen Gründen" verhaftet und im Juli 1943 in Auschwitz ermordet.

Claudius Gosau findet Arbeit als Lokführer bei der Firma Gottlieb Tesch in Bremen-Farge. Der Betrieb errichtet dort ab 1938 ein unterirdisches Tanklager, unterhält ein eigenes Lager, in dem Zivilarbeiter wie Gosau, aber auch Häftlinge eines Gestapo-Arbeitserziehungslager untergebracht sind. Auf dem Gelände befinden sich mehrere Lager, u.a. auch ein Außenlager des KZ Neuengamme (das Gelände ist heute Teil des Denkortes Bunker Valentin).

Gosau führt mit seinen Kollegen offene Gespräche über den Kriegsverlauf und macht aus seiner politischen Einstellung keinen Hehl. Am 17. September 1943 wird der 51jährige nach Denunziation festgenommen und wegen Hochverrats sowie Wehrkraftzersetzung vor dem Volksgerichtshof angeklagt. Am 11. Februar 1944 wird Claudius Gosau zum Tode verurteilt und am 6. März 1944 in Brandenburg-Görden hingerichtet. 1946 wird seine Urne im Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

Montag, 14. Oktober 2019

Fischertwiete 1 und 2: Chilehaus A und B

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

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Das Chilehaus, seit 2005 Unesco-Weltkulturerbe, ist fester Bestandteil von Stadtrundfahrten und vieler Stadtführungen, eines der weltweit am meistens fotografierten Architekturmotive und eines der Hamburger Wahrzeichen. Erbaut wird das Kontorhaus zwischen 1922 und 1924 für den Unternehmer Henry B. Sloman nach Plänen des Architekten Fritz Höger. Es ist eines der prägnantesten Beispiele für den Backstein-Expressionismus der 1920er Jahre.

Das Chilehaus (Detail).
Schon die schieren Daten sind beeindruckend: 4,8 Millionen Bockhorner Klinker und 750 Güterwagen Zement werden für den Bau, der auf über 1.000, bis zu 16 Meter langen Eisenbetonpfeilern mit einer Gesamtlänge von 18.000 Metern ruht, benötigt. Das Gebäude hat eine Grundfläche von fast 6.000 qm², ist 10 Etagen hoch und hat 2.800 Fenster.

Erbaut wird das Chilehaus auf zwei Grundstücken links und rechts der Fischertwiete, übrigens die älteste noch erhaltene Straße Hamburgs, die bogenförmig überbaut wird. Bis 1922 befindet sich hier eines der Gängeviertel der Stadt, wo Menschen unter prekären Bedingungen auf engstem Raum leben. Sie werden umgesiedelt.

Das Chilehaus verfügt über drei Eingänge, die das Gebäude in die Komplexe A, B, und C gliedern. In allen drei Eingängen, die zu regulären Bürozeiten geöffnet sind, finden sich noch die alten Hinweistafeln auf die ursprünglichen Mieter.

Blick auf den Eingang in den Komplex Chilehaus B, Fischertwiete 1.
Im siebten Stock des Chilehaus B (Fischertwiete 1) befindet sich 1933 das Architekturbüro Dyrssen & Averhoff. Friedrich Dyrssen ist Vorsitzender des Hamburger Landesgruppe des Bundes Deutscher Architekten und setzt ab 1933 die sogenannte Gleichschaltung des Landesverbandes um, d. h. das Berufsverbot für jüdische Architekten. 1934 schied Dyrssen aus dem Amt, bleibt aber als Architekt tätig und orientiert sich gemäß NS-Vorgabe an Stil der Heimatschutzarchitektur.

Historische Übersicht der Mieter mit den Buchstaben A bis K im Chilehaus B.
Das Büro Dyrssen & Averhoff ist maßgeblich an Planungen für das "neue Hamburg", das nach dem "Endsieg" der Nationalsozialisten entstehen soll, beteiligt sowie mit Instandsetzungen und Bau von Hochbunkern beschäftigt. Dyrssen & Averhoff werden zu "Vertrauensarchitekten" der Deutschen Arbeitsfront ernannt und dem Wohnungsbauunternehmen SAGA als Berater in städtebaulichen und technischen Fragen zur Seite gestellt. Nach der Befreiung erhält das Büro von der SAGA Aufträge für Wiederaufbau und Neubau.

Historische Übersicht der Mieter mit den Buchstaben L - Z im Chilehaus B.
Im November 1944 befindet sich gemäß unterlagen der Behörde für Ernährung und Landwirtschaft ein Zwangsarbeitslager der Firma Völker / Walter Rohrleitungsbau im Chilehaus B. Verzeichnet sind 22 Essensteilnehmer. Das Lager ist eines von über 1.100 Lagern, verstreut über das gesamte Hamburger Stadtgebiet, in denen zwischen 1939 und 1945 bis zu 500.000 Männer, Frauen und Kinder Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft leisten müssen.

Gegenüber, in der Fischertwiete 2, befindet sich das Büro des 1885 geborenen und 1993 verstorbenen Ricardo Sloman, eines der vier Kinder des Bauherren des Chilehauses, und seiner Frau Renata Hilliger. Der Kaufmann ist ein Antisemit, der mit seinen Schriften dazu beiträgt, den Geist des Nationalsozialismus zu verbreiten und sein Gedankengut mit Titeln wie "Selbstmord der weißen Kulturvölker" bis in die späten 1950er Jahre verbreitet. Seine Thesen finden sich bis heute in den Schriften der neu-alten Nazis wieder.

Montag, 7. Oktober 2019

Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter vor der Finanzbehörde (Gänsemarkt 36)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

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Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter vor der Finanzbehörde.
Vor der Finanzbehörde am Gänsemarkt liegen seit 2007 zwei Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter.

Walter wird am 19. März 1877 in München als sechstes von sieben Kindern geboren. Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann und führt ab 1905 sehr erfolgreich einen Getreide- und Futtermittelgroßhandel. 1922 heiratet der 45jährige die 29jährige Herta. Ein Jahr später kommt Tochter Nora zur Welt und 1926 Tochter Lisa.

1929 muss Walter sein Geschäft aufgeben. In Bayern hat der Antisemitismus zugenommen, es wird propagiert, Futtermittel und Getreide nicht bei Geschäften mit jüdischen Inhabern zu kaufen. Schon gelieferte Ware wird nicht bezahlt.

Um seine Familie durchzubringen, versucht Walter, sich erst in Berlin, dann in Hamm und schließlich in Paris eine Existenz aufzubauen - vergeblich. 1935 kommt er nach Hamburg, alleine, in der Hoffnung, sich im Schutze der Anonymität der Großstadt als Hausierer durchschlagen zu können. Frau und Töchter bleiben in Paris.

Walter wird von der Finanzbehörde eine Handelserlaubnis verweigert. Ihm bleibt nur, sich als Hausierer durchzuschlagen. Immer wieder wird er als Jude gedemütigt, geschlagen, von Hunden gehetzt, erniedrigt. Am 7. August 1935 stürzt sich der 58jährige aus der siebten Etage in den Lichthof der Finanzbehörde in den Tod.

Die Finanzbehörde am Gänsemarkt.
Herta Walter und ihre Töchter Nora und Lisa überleben unter schwierigen Bedingungen im Exil und kehren nach der Befreiung nach Deutschland zurück. Hier leben die Nachfahren von Herta und Berthold Walter bis heute.

Der 1881 in eine wohlhabende liberal-jüdische Hamburger Familie hineingeborene Leo Lippmann ist Jurist und Staatsrat in der Finanzbehörde. Im Alter von 25 Jahren heiratet er die gleichaltrige Anna Josephine von der Porten. Das Paar bleibt kinderlos.

Lippmanns Karriere wird 1933 durch das "Gesetz zur Widerherstellung des Berufsbeamtentums" jäh beendet: Alle Juden werden aus dem Staatsdienst entlassen. Der 52jährige hofft vergeblich auf eine Rückkehr in den Staatsdienst - vergeblich. Zwei Jahre später wird Lippmann in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde gewählt, ist dort für die Finanzen zuständig, wird schließlich stellvertretender Vorsitzender.

Im Frühsommer 1939 hätten die Lippmanns die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen, entscheiden sich aber dagegen. Wenige Monate später ist Juden die Auswanderung verwehrt. Durch die rassistischen NS-Gesetze müssen sich die Lippmanns immer mehr einschränken, verlieren durch Auswanderung oder Freitod lieb gewonnene Menschen, müssen nichtjüdische Angestellte entlassen, Hab und Gut weit unter Wert verkaufen, da Juden beispielsweise der Besitz von Münzsammlungen untersagt ist, und schließlich umziehen, um in Reichweite der Gestapo zu sein, denn die Deportationen in die Vernichtungslager stehen bevor.

Ein Blick auf die Details des Bauschmucks lohnt innen wie außen. Hier ein Türgriff.
Lippmann erlebt die Deportationen der jüdischen Hamburger, die, nach einer ersten Deportation 1938, ab dem 25. Oktober 1941 systematisch durchgeführt werden. Spätestsens im Frühjahr 1943 scheinen sich Anna und Leo Lippmann für den Freitod entschieden zu haben, sollten sie deportiert werden, denn im März 1943 legt der 62jährige detailliert fest, wie er beigesetzt werden möchte.

Am 10. Juni 1943 besetzt die Gestapo die Räume der Jüdischen Gemeinde und Lippmann seine für den nächsten Tag geplante Deportation nach Theresienstadt mit. In der Nacht zum 11. Juni 1943 scheiden Anna und Leo Lippmann aus dem Leben.

Die ehemalige Kassenhalle der Finanzbehörde, heute ein Ausstellungssaal, ist seit 1993 nach Leo Lippmann benannt. Seit 2007 erinnert ein Stolperstein auf dem Gänsemarkt an ihn und an Berthold Walter. An Anna Lippmann erinnert ein Stolperstein vor dem letzten Wohnhaus des Paares in der Böttgerstraße.

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Montag, 2. September 2019

80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm. 

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell plant das blaubraune Pack anscheinend am 22. September eine Demo auf dem Rödingsmarkt. Da gibt es zwar keine wirkliche Versammlungsfläche, aber für das Häuflein reicht eine der Bushaltebuchten - und die demokratische Mehrheit schafft sich schon Platz.  


Graffiti am S-Bahnhof Rothenburgsort.
Gestern vor 80 Jahren, am 1. September 1939, marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Zwei Tage später erklären Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. Direkt oder indirekt sind über 60 Staaten am Krieg beteiligt, mehr als 110 Millionen Menschen stehen unter Waffen. Der Krieg kostet über 60 Millionen Menschen das Leben.

Montag, 29. Juli 2019

Otto Gröllmann und das Archiv der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe

Montags gegen Nazis
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm. 

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. 

Theater sind nicht unpolitisch, was immer wieder dazu führt, dass alte und neue Faschisten versuchen, Einfluss auf sie zu nehmen. Nicht nur mit der "Hamburger Erklärung der Vielen" setzen sich Künstler und Kulturschaffende gegen die aktuellen Nazis zur Wehr.


Das Thalia Theater in Hamburg.
Am Thalia Theater arbeitet 1933 Otto "Otje" Gröllmann als Atelier- bzw. Ausstattungsleiter und Bühnenbildner. Der 31jährige Hamburger hat eine bewegte Biographie: Als 20jähriger wird er Mitglied der KPD, steht in engem Kontakt zu Willi Bredel und Ernst Thälmann. Ein Jahr, 1923, später nimmt Gröllmann am Hamburger Aufstand teil. Ziel ist ein Umsturz nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution. Der Aufstand wird sofort niedergeschlagen.

Konsequenterweise engagiert sich Gröllmann früh gegen die Nationalsozialisten, ahnt, was es bedeutet, sollten sie an die Macht kommen. Als sie an der Macht sind, darf Gröllmann seinen Beruf als Ausstattungsleiter nicht mehr ausüben, bleibt aber weiter als Bühnenbildner am Thalia. Ende 1933 wird Gröllmann aufgrund seines Widerstands verhaftet und zu 17 Monaten Gefängnis verurteilt.

Nach der Entlassung hält er sich mit Arbeiten am Theater und auf dem Bau über Wasser und schließt sich wieder seinen Genossen an, darunter auch Robert Abshagen. Gröllmann setzt seine Widerstandstätigkeit als Teil der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe fort. Mit etwa 300 Mitgliedern in etwa 30 Betrieben und Werften, die über die ganze Stadt verteilt sind, ist es die größte Widerstandsgruppe in Hamburg. Die Männer und Frauen kannten sich untereinander nicht alle, sondern waren über Kontaktleute miteinander verbunden. So soll verhindert werden, dass die ganze Gruppe aufflog, wenn ein Mitglied verhaftet wurde. 

1938 wird Gröllmann Atelierleiter und Bühnenbilder am Thalia Theater und bringt dort das Archiv der Widerstandsgruppe unter. Bis Oktober 1942 bleibt es im Theaterversteck. Kurze Zeit später wird Gröllmann erneut verhaftet, bei Verhören schwer gefoltert und im März 1943 ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Hier erlebt er den Hamburger Feuersturm im Juli 1943. Im darauffolgenden Chaos, das auch vor den Behörden nicht Halt macht, wird der 41jährige vorübergehend entlassen, wollte nach Schweden oder in die Schweiz fliehen, was beides misslingt. 

Gröllmann bleibt weiterhin im Widerstand aktiv: Er schließt sich einer Gruppe an, die bis zur Befreiung im Mai 1945 Flugblätter gegen das NS-Regime herausgibt. In der ganzen Zeit ist er ohne festen Wohnsitz, lebt im Wald, gelegentlich in einer Jugendherberge, kommt manchmal bei Genossen unter. So kann er sich einer erneuten Verhaftung entziehen.

Die Gedenktafel am Thalia-Theater für Otto Gröllmann und die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe.
Nach der Befreiung arbeitet Gröllmann wieder am Thalia-Theater, heiratet die Theaterfotografin Gertrud, von der nur wenig Informationen vorliegen. Am 5. Februar 1947 bringt Gertrud Gröllmann Tochter Jenny zur Welt. Sie wird später Schauspielerin. 1949 übersiedelt die Familie in die SBZ, die spätere DDR. Otto Gröllmann arbeitet weiterhin an Theatern in Schwerin und Dresden. 

Auch in der DDR ist er kein Bequemer, übt wiederholt Kritik am Honecker-Regime, erhält aber dennoch den Vaterländischen Verdienstorden und kann im April 1988 zur Enthüllung der Gedenktafel am Thalia-Theater nach Hamburg reisen. 

Zwei Wochen vor zwei 98. Geburtstag stirbt Otto Gröllmann am 12. Juli 2000 in Berlin.

Montag, 13. Mai 2019

Heute vor 80 Jahren: Kapitän Gustav Schröder und die Irrfahrt der St. Louis

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren. Es bleibt also spannend.

Gedenktafel an Brücke 3 für die Passagiere der St. Louis - hamburgtypisch optisch gut der Umgebung 
Am 13. Mai 1939, heute vor 80 Jahren, legt die St. Louis, eines der großen HAPAG-Transatlantikschiffe, in Hamburg ab. Ziel der Sonderfahrt ist Havanna. Kapitän des Schiffes ist der 1885 im dänischen Haderslev geborene Kapitän Gustav Schröder (hier gibt es einen ausführlichen Artikel über ihn).

An Bord sind 937 Passagiere, überwiegend jüdische Deutsche, die hoffen, in Kuba eine Zuflucht zu finden, denn das Land akzeptiert zu diesem Zeitpunkt auch die Einreise von Juden, die nur ein Touristenvisa haben. 

Als das Schiff zwei Wochen später am Ziel ist, haben sich die Visabestimmungen geändert, verweigert Kuba die Einreise. Kapitän Schröder ankert in der Bucht vor Havanna und beginnt mit verzweifelten Verhandlungen, unterstützt von jüdischen Organisationen. Schließlich dürfen 29 Menschen an Land. 

Schröder kreuzt vor Florida und versucht mit wachsender Verzweiflung, einen sicheren Hafen zu finden. Als sowohl die USA als auch Kanada das Schiff abweisen, erhält die St. Louis Order, zurück nach Europa zufahren. Die Passagiere drohen mit Selbstmord und Meuterei, haben Angst vor der Haft in Konzentrationslagern - einige von ihnen haben bereits KZ-Haft hinter sich und ahnen, dass das nur der Anfang war.

Am 17. Juni 1939 darf das Schiff in Antwerpen anlegen, dürfen die Passagiere von Bord gehen. Großbritannien, Belgien, Frankreich und die Niederlande erklären sich zur Aufnahme der Flüchtlinge bereit. Aber ihre Sicherheit ist trügerisch: Mit dem deutschen Einmarsch in den Niederlanden, in Belgien und Frankreich geraten viele wieder in die Fänge der Nazis. Über 250 der St.-Louis-Passagiere werden ermordet. 

Zugang zu Brücke 3 mit der Gedenktafel für die St. Louis (rechts, perfekt mit der Wand harmonierend). 
Gustav Schröder wird verhältnismäßig früh für sein Verhalten geehrt: 1957 erhält der 72jährige das Bundesverdienstkreuz. Yad Vashem ehrte den Kapitän posthum 1993 mit dem Titel "Gerechter unter den Völkern". Neben einer Straße in Langenhorn und der Gedenktafel an den Landungsbrücken ist seit gestern der Park zwischen der St. Trinitatis-Kirche und der Kirchenstraße nach Kapitän Schröder benannt. Dort befand sich einst das jüdische Herz Altonas. 

Aber das ist eine andere Geschichte.  

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Montag, 6. Mai 2019

Lesung von Juna Grossmann ("Schonzeit vorbei") in der Buchhandlung Felix Jud

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren, schaffte es aber schon nicht, zu den letzten angemeldeten Kundgebungen überhaupt zu erscheinen. Angesichts der NS-Aufmärsche in der letzten Woche in Plauen und anderen sächsischen Orten bin ich sehr dankbar, in einer Stadt zu leben, die stabil ist, aber ich weiß, der Lack der Zivilisation ist dünn. 


Blick auf die Buchhandlung Felix Jud im Neuen Wall.
Seit fast 100 Jahren gibt es in Hamburg die Buchhandlung Felix Jud & Co.. Das Geschäft in der Mellin-Passage (übrigens die älteste erhaltene Einkaufspassage der Stadt) ist eine Institution und für manche die schönste Buchhandlung Hamburgs.

1923 gründet der 24jährige Felix Jud die "Hamburger Bücherstube" in den nahegelegenen Colonnaden - "allen Verhältnissen zum Trotz", denn es sind wirtschaftlich schlechte Zeiten. Zehn Jahre später werden es es auch politisch schlechte Zeiten, vor allem für wache, kritische Geister, und wenn sie dann auch noch den Nachnamen "Jud" tragen, wird's nochmal schwieriger.

Felix Jud trotzt erneut den Verhältnissen und weigert sich, seinen Nachnamen zu ändern - nicht im Stillen, sondern öffentlich: Ein Schaufenster wird mit einer Stürmerkarikatur mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" dekoriert. Dazu kommen Photographien des Säuglings Felix Jud auf einem Eisbärenfell, als Konfirmant und als erwachsener Mann, ebenfalls kommentiert mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" - und quer dazu ein Waschbrett mit dem Werbeslogan "Persil bleibt Persil". 

Im Mai 1933 verbrennen die Nazis Bücher ihnen unliebsamer Autorinnen und Autoren. Jud, der neben den klassischen Werken vor allem die neue deutsche Literatur schätzt, muss das Herz geblutet haben. 

Wieder kommentiert die Schaufenster-Dekoration das Geschehen: Jud stellt diverse Bände des Buches "Heitere Tage mit braunen Menschen*" von Richard Katz aus. Katz' Bücher werden übrigens ebenfalls verbrannt; er selbst überlebt im Exil (hier geht's zur Übersicht zu den Terminen, an denen rund um den 10. Mai an den 86. Jahrestag der Bücherverbrennung erinnert wird).

Jud belässt es aber nicht bei Schaufenster-Dekorationen: Er verkauft unter der Hand verbotene Literatur, macht die Leser miteinander bekannt, veranstaltet Lesungen und hält engen Kontakt zu verschiedenen Widerstandsgruppen, darunter die Hamburger Weiße Rose mit ihrem Musenkabinett.

Aufgrund seines Widerstands gegen das NS-Regime wird Jud im Dezember 1943 verhaftet, kommt über das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in das KZ Neuengamme, wird im Rahmen der Prozesse gegen die Hamburger Weiße Rose angeklagt und am 19. April 1945 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Anfang Mai, als die Briten Hamburg erreichen, wird Felix Jud befreit. Der couragierte Buchhändler stirbt 1985 im Alter von 86 Jahren. Seine Buchhandlung und eine Straße in Neuallermöhe erinnern bis heute an ihn.

Am kommenden Montag, 13. Mai 2019, um 19 Uhr stellt Juna Grossmann ihr Buch "Schonzeit vorbei*" in der Buchhandlung Felix Jud vor. Details zur Veranstaltung gibt es hier. Eine Anmeldung ist erforderlich (und dabei kannst Du dann auch gleich Dein signiertes Buch bestellen, falls Du meiner Lese-Empfehlung noch nicht gefolgt bist). Also: Anmelden und hin da, zack, zack!

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