Der Termin in der neuen Frauenarztpraxis war so erfolgreich, dass sich spontan drei weitere Frauen aus meinem Umfeld dort Termine holten. Die Ärztin war sehr wertschätzend, fand es klug, dass ich wieder Hormone nahm, als ich vor Schmerzen nicht mehr weiter wusste, und verordnete mir weiterhin Hormone, wenn auch andere Präparate, als ich bisher bekam. Bislang scheinen sie gut wirken. Zusammen mit den Therapien in der Reha bin ich hoffnungsvoll, bald wieder richtig gehen zu können, die Entzündung im rechten Fuß ein wenig ausheilen zu können.
Ich meldete mich von der über 90jährigen Strick-Nachbarin ab, brachte ihr einen Sonnenblumenstrauß mit, über den sie sich sehr freute. Ihr setzten die Hitzewellen sehr zu - unsere gemeinsame Putzfrau warnte mich schon vor, dass sie sehr schwach ist. Die kommende Hitzewelle machte ihr dann auch Angst, setzt ihr nicht nur körperlich zu. Es war schwer, diese lebenslustige, agile Frau, die kaum zu bremsen war, so schwach zu sehen. Ich hoffe, es geht ihr bald wieder besser. Eigentlich wollte sie ins Betreute Wohnen ziehen, wenn sie nicht mehr alleine leben kann, aber selbst davon ist aktuell keine Rede mehr.
Die Reha lässt sich gut an, wenngleich ich ein wenig mit den äußeren Umständen hadere. Prompt gewann ich als neue Diagnose eine Anpassungsstörung. Dass ich das als Kompliment auffasste, war anscheinend irgendwie falsch,
Ich hätte Werkzeugkasten und Elektriker mitbringen sollen, um mein (renoviertes) Zimmer nutzbar zu machen. Die Haustechnik liebt mich bereits ... Ich wischte auch erstmal Staub. Wer mich irl kennt, weiß: Dann ist es wirklich dreckig. Im Zimmer fehlte auch ein Sitzmöbel. Das soll angeblich so, denn meine Depression heile anscheinend sofort, wenn ich mich außerhalb meines Zimmers unter Menschen aufhalte (normalerweise steht in jedem Zimmer ein Sessel). Ich bin anderer Meinung und organisierte mir ein Sitzmöbel. Ich bin gespannt, wann das auffällt. Sobald ich den nächsten Baumarkt fand, kaufe ich einen Inbus, um eine Stehlampe zu reparieren, und einen Elektromarkt für einen Fön finde ich sicher auch noch. Ich brachte keinen mit, weil die Zimmer mit einem Fön ausgestattet sind - nur der ist halt defekt, und die Haustechnik hat anderes zu tun. Bei der Nachttischlampe half mir mein Zimmernachbar, denn der Info, dass die Lampe über den Notrufknopf zu bedienen ist, wollte ich nicht trauen. Das ist aber tatsächlich so. Dafür lässt sie im Gegensatz zu allen anderen Lampen nicht mit dem Zimmer-Hauptschalter ausschalten.
Ich hadere auch mit der Aussicht. Beim letzten Mal war ich im Altbau untergebracht, genoss freie Sicht auf Wolken und Wald. Den Altbau gibt es nicht mehr. Aus allen Zimmern genießt man jetzt nur noch freie Sicht auf Klinker- und Fensterfronten. Wenn ich mich aus dem Fenster lehne, kann ich zumindest ein Stückchen Wald sehen. Ansonsten sieht das Therapiekonzept halt vor, so wenig Zeit wie möglich im Zimmer zu verbringen.
An Bewegungsmangel jenseits der Sporttherapie leide ich nicht. War früher der Wasserspender in einem der Hauptflure im Erdgeschoss untergebracht an einer Stelle, an der jeder vorbei musste, befindet er sich nun auf jeder Etage im "neuen" Neubau. Wenn man wie ich aber im "alten" Neubau untergebracht ist, muss man erst ins Erdgeschoss, dann durch einen Verbindungsbau und einen provisorischen Verbindungsgang in mindestens die erste Etage des "neuen" Neubaus, wenn man vergessen hat, sich zu den Essenszeiten mit Wasser zu versorgen, heißes Wasser braucht oder außerhalb der Öffnungszeiten des Cafés einen Kaffee möchte.
Bei der Ergotherapie muss ich wieder ausdruckszentriert arbeiten, denn produktive Ergotherapie gibt es nur für Rehabilitanden aus medizinischen Berufen. Also knete ich brav Monster und tanze meinen Namen. Meine Einzeltherapeutin ist sehr, also wirklich sehr jung - ich war versucht, mir ihr Diplom zeigen zu lassen ... Mal schauen, wie sich das anlässt. Die Reha-Ärztin ist sehr esoterisch, hört aber zu, wie ich am Therapieplan merkte.
Trotz kleiner Nickeligkeiten bin ich wild entschlossen, die Zeit hier zu genießen und das Beste daraus zu machen.
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 333. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse ist gerade Pause.








