Jetzt bin ich plötzlich das vierte Rad einer Dreiergruppe, für das bei den Essenszeiten ein Platz am Tisch freigehalten wird, bin nachmittags oder abends zum Strandkorbsitzen hinter dem Café verabredet, werde zu Fahrradtouren und Wanderungen mitgeschnackt ... Natürlich kann ich auch Nein sagen, aber bevor ich das mache, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich den letzten Sommer im Krankenhaus verbrachte und deswegen diesen Sommer nicht in der Klinik verbringen sollte, denn wer weiß, wie viele Sommer es noch für mich geben wird.
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 334. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.
Ich war im Kino, habe endlich "Minions and Monsters" gesehen (und das heimische Kino vermisst, das so viel gemütlicher (und preiswerter) ist). Ich war im Freibad. Ich habe Jimmy gekauft. Jimmy, benannt Jimmy, dem Gummipferd, das der Gatte liebte, heißt mein imola-rotes Kompakt-eBike mit Platz für einen kleinen Hund und einen Wasserkasten. Ich bin heute mit Jimmy vom Laden zurück in die Klinik gefahren. Für 13 Kilometer brauchte ich eine Stunde und zwei Nervenzusammenbrüche. Zwei Tage vor der Abholung machten mich Freundinnen noch kirre, dass ich ohne eBike-Fahrkurs kein eBike fahren könne. Andere wiederum machten mir Mut.
Das Fahren ist auch kein Problem. Probleme ich ich beim Auf- und Absteigen und beim Bremsen. Bei allem, was einen höheren Einstieg hat als ein Tretroller, bleibe ich beim Auf- und Absteigen nämlich hängen (und selbst beim Tretroller bin ich nicht sicher, da ewig nicht mehr damit gefahren). Ich schaffe es sogar spielend, beim Auf- und Absteigen auf's Ergometer hinzufallen und dadurch eine ganze Reihe Ergometer dominomäßig zum Umsturz zu bringen.
Damit ich nach erfolgreich absolvierter Überführungsfahrt das eBike nicht für den Rest der Reha im Fahrradstand lasse, habe ich mich für eine geführte Fahrradtour angemeldet - vorausgesetzt, ich bekomme das Fahrradschloss geöffnet. Was im Laden so einfach ging, klappte in der Klinik erstmal gar nicht, so dass ich mich schon 13 Kilometer zurückradeln sah (und weil ich weitere 13 km zurück in die Klinik nicht geschafft hätte, mit dem Großraumtaxi zurückfahren ...). Dann muss ich noch den Treffpunkt der Tour finden und 16 bis 25 km durchhalten. Frau wächst mit ihren Aufgaben ... Die Dreiergruppe vom Essen ist aber auch auf der Tour, kennt den Treffpunkt, und eine hat so ein Schloss wie ich. Es besteht also die Chance, dass ich zwei von drei Hürden meistere.
Morgen mache ich eine Fahrt mit einer historischen Eisenbahn - zum ersten Mal ohne den Gatten. Ich habe gehadert, ob ich das wirklich machen möchte, als ich tatsächlich noch einen Platz über die Warteliste ergatterte, und bin jetzt gespannt. wie es wird. Putzigerweise führt die Strecke fast bis nach Hause (und wieder zurück). Danach will ich wieder ins Freibad, falls mir das nicht zu viel wird. Aber ich möchte diesen Sommer möglichst auskosten.
Bei der Ergotherapie hatte ich Glück, dass die erste Einheit ausfiel. Ich saß dann mit Eis und Buch im Strandkorb. Bei der Gruppentherapie wird es kommende Woche spannend, denn der eigentliche Therapeut aus. Stattdessen übernimmt meine Einzeltherapeutin, die sehr, sehr jung ist, also wirklich sehr jung. Spannend wird es, weil eine Frau die Sitzung dominiert und bislang nicht darauf eingegangen wurde, obwohl andere thematisierten, wie schlecht es ihnen damit geht. Mal schauen, wie meine Einzeltherapeutin damit umgeht. Ansonsten werden zehn Leute fünf Wochen lang eine Frau therapieren anstatt sich selbst, und die elfte guckt sich das innerlich kopfschüttelnd an und denkt sich, was sie in der Zeit Sinnhafteres hätte machen können. Stricken zum Beispiel. Oder Lesen.
Ich lese gerade "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne*" von Saša Stanišić*, und die titelgebende Geschichte hat mich sehr gerührt. Diese Witwe möchte übrigens nicht angesprochen werden, sondern versucht gerade, einen Verehrer auf Abstand zu halten. Der Mann im Zimmer gegenüber wird mir ein wenig zu anhänglich, freut sich ein wenig zu sehr, mich zu sehen. Ich habe keine Kapazität für einen Kurschatten.
Schwiegermutter und Tante geht es gut, von der Hitze abgesehen. Unter der leiden beide sehr.
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse ist gerade Pause. / *Affiliate links






