Samstag, 19. September 2026

Samstagsplausch KW 38/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXL

Der Gatte hätte sich sehr über 
die vielen Äpfel an seinem 
Baum gefreut.
Inzwischen liegt schon wieder eine ganze Arbeitswoche hinter mir. Meine Kolleginnen machten mir den Wiedereinstieg leicht. Es blieb quasi nichts liegen, und Montag früh bekam ich die Order, mich erstmal mit einem Kaffee hinzusetzen und die eMails zu lesen. Das waren aber gar nicht so viele, denn meine Vertretungen haben das Projekt genauso im Griff wie ich. Da bewährt sich wieder mal, dass ich Wert darauf lege, dass wir im Team arbeiten und alle den gleichen Wissensstand haben.

Auch das Pendeln war einigermaßen entspannt, da einige Verstärkerzüge fuhren. Die sind leerer als die Regelzüge, und die Abfahrtszeiten passen mir besser. Meine Füße hielten tapfer durch. Die Momente, in denen ich schmerzfrei bin, werden mehr, wenngleich ich die beiden Hamburg-Tage, an denen ich viel laufen muss, spürte (und Schmerzmittel brauchte). 

Ich hatte ein Vorgespräch mit einer Trauer-Therapeutin und starte kommende Woche mit einer Trauergruppe im Rahmen der Reha-Nachsorge. Ich denke, das passt besser zu mir, als eine Selbsthilfegruppe, wie sie hier im Ort angeboten wird (und zu der ich es noch nicht schaffte). Kommende Woche startet auch der Rehasport, zu dem ich mit einer Nachbarin gehen kann. Meine Tage werden also wieder sehr durchgetaktet sein. Mal gucken, wie ich damit zurecht komme. 

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 340. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Ich war auf dem Friedhof, wo mir zwei kleine Rehe begegneten! Sie waren offensichtlich auch am Rosenstock auf dem Grab des Gatten, aber sie waren so mager, dass ich ihnen jede Rose könne. Ich wusste vorher, dass Rehe und Hasen die Rosen mögen, und da der Gatte sich Hasen an seinem Grab wünschte, Rehe mochte, ist das für mich okay. Außerdem bin ich selbst schuld, vergaß ich vor der Reha, die Rose mit Vergrämungsspray einzusprühen. 

Nach dem Friedhofsbesuch war ich im Kino, den neuen Eberhofer gucken, und musste natürlich daran denken, dass ich den Film davor mit dem Gatten guckte. Er freute sich so sehr darüber, dass wir jetzt so wohnen, dass wir einfach zu Fuß ins Kino gehen können, und nutzte das so oft wie möglich. 

Zusammen mit Nachbarn ging ich zur Eröffnung des Stadtfestes. Im letzten Jahr gingen wir noch gemeinsam mit dem Gatten, wobei ich ihn schon im Rollstuhl schieben musste. Wir ahnten damals schon, dass es der letzte Stadtfest-Besuch des Gatten sein würde. Der Gatte liebte das Stadtfest. Da sist auch wirklich schön, beginnt mit einem Festumzug der hiesigen Vereine, die auch das Programm tragen, und so ziemlich alle Vereine und Initiativen bekommen Gelegenheit, sich zu präsentieren. Ich hätte gerne eine "Probe-Wanderung" des hiesigen Wandervereis mitgemacht, traute das aber meinen entzündeten Füßen noch nicht zu. 

Ich habe die Reise zu unserer Silberhochzeit gebucht, die ich nun alleine antreten muss. Ich zögerte lange ob der Ausgabe, dachte dann aber an die vielen Reisen, die wir nicht machen konnten, weil sie zu anstrengend gewesen wären. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse

Montag, 14. September 2026

#12von12 im September 2026

Caro von "Draußen nur Kännchen" sammelt jeden Monat am 12. des Monats 12 Impressionen des Tages - vielen Dank dafür! 

#1: Ich würde gerne noch schlafen, aber Schnuffi besteht darauf, dass ich aufstehe, denn mein Fahrrad wird heute geliefert. 

#2: Dem Gatten guten Morgen sagen.

#3: TENS hilft zwar nicht gegen die Entzündung im Fuß, nimmt aber den Schmerzreiz. Während das Gerät arbeitet, frühstücke ich und schreibe Wochenplan und Einkaufsliste.

#4: Mein Fahrrad ist da!

#5: Nach dem Mittagsschlaf macht der Himmel Drama.

Heute ist ein Eigentlich-Tag. Eigentlich wollte ich in die Bücherei, den Lese-Ausweis verlängern, zum Wochenmarkt, Blumen für mich kaufen und anschließend eine Stadtführung mitmachen. Dann aber meldete sich der Verkäufer meines eBikes und meinte, er könne heute mein Rad anliefern. Und schließlich zeigte mir mein Fuß, was er davon hielt, dass ich in den letzten beiden Tagen viel zu Fuß unterwegs war. Aus Solidarität zickt nun auch der linke Fuß. Also zu Hause bleiben und schonen. Schließlich will ich morgen zum Gatten und ins Kino - zu Fuß.

#6: Im Garten ließen mir die Vögel ein paar Weintrauben übrig. Sie sind zuckersüß.

#7: Schnell die Blümchen einfangen, ehe der angekündigte Sturm sie verweht. 

#8: Der kleine Apfelbaum des Gatten hängt voller Äpfel, die aber noch nicht reif sind. Sie sind dieses Jahr kleiner als im Vorjahr. Ich tippe auf zu wenig Wasser und zu wenig Licht. Beides werde ich für das kommende Jahr ändern.

#9: Das wird das Abendessen.

#10: Apfelstücke in Honig tunken zu Rosh haShana.

#11: Die abendliche TENS-Runde mit dem aktuellen Strickstück.

#12: Vor dem Einschlafen noch etwas lesen*.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 12. September 2020 war unser Dänemark-Urlaub zu Ende, war der Gatte noch gesund. Am 12. September 2021 machten wir den ersten Urlaub seit Erkrankung des Gatten und waren im gleichen Ferienhaus wie im Vorjahr. Am 12. September 2022 dachten wir, dass wir zum letzten Mal auf Mallorca waren, weil der Gatte das Klima nicht mehr verträgt. Zwei Jahre später flogen wir dann tatsächlich zum letzten Mal auf die Insel. Am 12. September 2023 pendelten wir immer noch zwischen Wohnung und Baustelle, obwohl uns die Baubrigade zusagte, wir könnten Ende September 2022 ins alt-neue Haus einziehen. Am 12. September 2024 war ich auf Fanø. Am 12. September 2025 war der Gatte eine Woche vorher zum Sterben aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen. Uns sollten noch knapp fünf gemeinsame Wochen bleiben. Dass der Gatte nicht mehr bei mir ist, bleibt unfassbar. / *Affiliate link

Samstag, 12. September 2026

Samstagsplausch KW 34/26 - 37/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXXXVI - CCCXXXIX

Hinter mir liegen sechs Wochen Reha, die ich nur als "schräg" bezeichnen kann und die mich immens viel Kraft kostete. Deswegen war es hier auch so still. Die "Strickliesels", die Mädels, mit denen ich abhing, witzelten irgendwann, ich wäre nur in der Reha, um zu stricken, zu streamen und zu schlafen. 

Am Ende der ersten Woche sprachen mich drei Frauen an, als ich so für mich entspannt im Café saß und strickte. Es kamen die üblichen Sätze, dass man gerne stricken möchte, es aber nicht könne. Meine Standard-Antwort "Kein Problem, ich kann es euch zeigen", bleibt normalerweise folgenlos. Es gab die Nachfrage "Auch Sockenstricken?" - "Klar, auch Sockenstricken."

Zwei Tage später standen drei Frauen vor mir, die mir stolz frisch erstandene Wolle samt passenden Stricknadeln präsentierten (sie hatten sich wirklich vorbereitet!) und fragten, wann ich Zeit hätte, ihnen Stricken beizubringen. Ich dachte nur "Oh, scheiße!", denn bislang wollte niemand wirklich von mir Stricken lernen. Die, die Stricken komplett neu lernen wollte, war zudem Linkshänderin. Ich hatte mir vor der ersten "Strick-Sprechstunde" mit einer erfahrenen Strick-Freundin Strategien überlegt, wie ich als Rechtshänderin einer Linkshänderin Stricken beibringen könne, aber das war gar nicht notwendig. Diese "Strickliesel" guckte sich in Windeseile von mir ab, wie man mit rechts strickt und strickt jetzt rechtshändisch. Da sie mit dem klassischen Kreuzanschlag Probleme hatte, lernte sie Aufhäkeln, und zwar so erfolgreich, dass sie es schnell anderen zeigte.

Die therapeutische Wirkung des Strickens verblüffte die Psychotherapeuten der "Strickliesels". Das Gedankenkarussell wurde gestoppt, die Konzentration nahm zu, ebenso wie Durchhaltevermögen, Geduld und  Frustrationstoleranz, wenn ein Strickstück wieder aufgeribbelt werden musste. Hibbeligkeit wich Tiefenentspannung - wirksamer und vor allem produktiver als jedes Autogene Training. Nach drei Wochen waren zwei der "Strickliesels" so weit, dass sie abends bei einem Konzert ganz entspannt eine Ferse strickten - drei Wochen vorher undenkbar. Eine sehr schöne Veränderung! Das Kompliment, mein Geduldsfaden wäre dicker als die dickste Wolle, kann ich nur zurückgeben

"Oha, sie nimmt die Brille ab! Jetzt wird's ernst!", war ein beliebter Satz, denn Fehleranalyse kann ich am Besten ohne Brille. Wenn ich dann auch noch "Interessant!" oder "Spannend!" murmelte, war klar, es muss geribbelt werden. Ich habe kreative Fehler gesehen, von denen ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass sie möglich sind. .

In den fünf Wochen, die wir zusammen strickten, entstanden zwei Loops, ein Schal und drei Paar Socken. Eine ist so vom Sockenstrick-Virus infiziert, dass sie sich einen Socken-Adventskalender kaufen möchte. Aber erstmal strickt sie einen Schal im Patentmuster, das sie auch neu lernte - nachdem unzählige kleine Strickstücke entstanden, um das perfekte Muster für den Schal zu finden, inklusive Randmaschen.

Spannend war für mich das Thema "Strickenlernen mit KI", denn eine setzte sehr auf KI, wenn es um Maschenanzahl und Wollmenge ging. Irgendwann war aber die Grenze der KI erreicht, wurde auf klassische Anleitungen oder Videos zurückgegriffen. Und die schmerzhafte Erfahrung, dass man nicht gleich das erste Strickstück blind stricken kann, wurde auch gemacht. Der erste Loop musste drei oder vier Mal aufgemacht werden, bis das Maschenbild so war, dass ich damit leben konnte. KI merkt auch nicht, dass die Nadeln nicht zur Wolle passen (zu glatt, zu rauh), dass das Maschenbild unregelmäßig ist, die Nadeln kleiner oder größer sein müssen ... 

Ebenso schön war zu sehen, wie sich die "Strickliesels" gegenseitig halfen, denn ich hatte ja nicht immer Zeit oder wollte auch manchmal nicht. So lernten sie voneinander und wuchsen aneinander, waren stolz, wenn wieder eine Klippe gemeistert wurde, wurden selbstbewusster, trauten sich mehr zu. 

Hase Wolle ist ein Abschiedsgeschenk der "Strickliesels". Er trägt einen Freundschaftsschal: Jede strickte ein Stück aus der Wolle ihres ersten Strickprojekts, und eine, die lieber häkelt als strickt, häkelte den Rand. Da ich viel mit Maschenmarkieren arbeite, hängt am Schal ein Hasen-Maschenmarkierer.

Auf der Haben-Seite stehen also eine Frau, der ich Stricken ganz neu beibrachte, zwei, denen ich Sockenstricken beibrachte, drei, die ich wieder ans Stricken heranführte, eine, der ich half, eine zweite Socke, bei der sie irgendwie den Faden verlor, fertig zu stricken und ein paar andere, die mich einfach ansprachen und um Strickhilfe baten. Ich hatte irgendwann so etwas wie einen Fan-Club, konnte nicht ruhig im Café sitzen und lesen, ohne nach Strickhilfe gefragt zu werden. Es gab viele schöne Stunden im Kreise eines knappen Dutzends warmherziger, empathischer, strickender Frauen, mit viel Lachen und gelegentlichen Tränen. Das gab Kraft, zumal vom engeren Kreis auch mein Bedürfnis nach Rückzug respektiert wurde, es verstanden wurde, wenn ich gerade lieber alleine sein wollte.

Auf der Soll-Seite steht ein verfehltes Therapieziel. Ich war zur Trauerbewältigung in der Reha. Die Einzeltherapeutin erklärte mir im Erstgespräch, Trauer sei keine Erkrankung. Sie wisse daher nicht, was sie mit mir anfangen solle. Ich insistierte, die Reha biete Trauerbewältigung an, sie kannte meine Diagnose, als ich die Einladung bekam, sie müsse doch ein Konzept haben. Ja, im Prinzip schon, aber der Trauertherapeut sei seit vier Monaten erkrankt, es gäbe keinen Ersatz. Wenn Trauer aber tatsächlich ein Thema für mich sei, könne ich ja nach Itzehoe fahren, da träfe sich einmal im Monat eine Trauergruppe. Ähm, ja, nee, is klaa. 

Mit mir zusammen waren etwa ein Dutzend Rehabilitanden zur Trauerbewältigung da. Sie baten, wenigstens gemeinsam in eine Therapiegruppe zu kommen, um sich im geschützten Rahmen unter professioneller Anleitung austauschen zu können. Das wurde verwehrt. So suchten und fanden wir andere Gelegenheiten zum Austausch. Schön ist anders.

Ich freute mich auf lange Spaziergänge, denn die Klinik liegt ja mitten in einem Naturpark, aber ich reiste mit Plantarfasziitis an. Das sagte ich auch beim medizinischen Aufnahmegespräch. Trotzdem wurde mir zwei, drei Mal die Woche jeweils 45 Minuten Nordic Walking verordnet. Das ist bei einer Plantarfasziitis gelinde gesagt suboptimal, und die Ärztin hätte das wissen können, ist die Klinik doch auch für Orthopädie-Patienten zuständig. 

Am Ende der dritten Woche, als ich nur noch mit hohen Dosen Schmerzmitteln ein paar Schritte laufen konnte, sorgte eine beherzte "Strickliesel" mit Hilfe einer Physiotherapeutin dafür, dass ich vom Nordic Walking ins "Therapeutische Gehen" kam. Ich selbst war zu so viel Selbstfürsorge nicht mehr in der Lage. Eine andere "Strickliesel", die Plantarfasziitis kannte, zeigte mir Dehnübungen, nach denen ich vorher vergeblich bei den Physiotherapeuten gefragt hatte, und ich hatte dank vieler Therapie-Ausfälle ausreichend Zeit, drei, vier Mal am Tag jeweils eine halbe Stunde lang mein TENS-Gerät anzusetzen (seitens der Klinik gab es keine Verordnung für Reizstrom, denn ich war ja nicht in orthopädischer Behandlung). Am Ende der sechsten Woche konnte ich einigermaßen scherzfrei einen kleinen Spaziergang machen, und inzwischen kann ich einigermaßen schmerzfrei wieder bis zu zwei Kilometer laufen, brauche danach aber eine längere Pause. TENS, Dehnübungen und Schmerzmittel müssen weiterhin sein - und Geduld. 

Die Klinik ist seit einigen Jahren bei vollem Betrieb im Umbau. Das wusste ich, und das erfährt jeder Rehabilitand mit der Einladung. Ende August aber nahmen die Bauarbeiten Ausmaße an, dass sie weder den Rehabilitanden noch den Handwerkern zumutbar waren. Am Tag vor meiner Abfahrt erreichten die Bauarbeiten denn ein neues Niveau: Nachtschicht. Um 22:40 Uhr begannen Bohr- und Hammerarbeiten. Okay, Schlaf wird ja ohnehin überbewertet (dritter Schwerpunkt der Klinik ist übrigens die Behandlung von Schlafstörungen).

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 339. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Heute ist Rosh haShana. Wenn ich einen Apfel vom kleinen Apfelbaum des Gatten pflücke, aufschneide, in Honig tunke und den Segen spreche, denke ich daran, wie ich im letzten Jahr einen Apfel von seinem Baum für ihn rieb und mit Honig mischte, damit er zum letzten Mal diesen Wohlgeschmack zu Beginn eines neuen Jahren auf der Zunge spürt. Er hätte sich so über die vielen Äpfel gefreut, die sein kleiner und unser großer, alter Apfelbaum uns dieses Jahr schenken!

Schwiegermutter und Tante geht's gut. Schwiegermutter überstand auch den 65. Geburtstag des Gatten gut, zu meiner großen Erleichterung. Tante kommt über Weihnachten und Silvester nach Hamburg. Ich bin dann ja in Weißenhäuser Strand bzw. in Schleswig, werde es aber so einrichten, dass ich auf Hin- und Rückfahrten jeweils ein paar Stunden bei ihnen bin. Außerdem ist geplant, dass ich Tante über den ersten Advent besuche. Da bin ich beruflich in Augsburg, was sich mit einem Abstecher nach Dachau verbinden lässt.

Der beginnende Herbst mit den dunkler werdenden Tagen macht mir ebenso zu schaffen wie die politische Lage. Dass Sachsen-Anhalt an die AfD fällt, war zu erwarten. Die blau-schwarze Koalition ist nur noch eine Frage der Zeit, und falls die Schwarzen wider Erwarten Anstand haben, steht Lila bereit. Dass die Partei sich jetzt aber im Handumdrehen u.a. ungebremst daran macht, ihre Pläne für ethnische Säuberungen und Deportationen umzusetzen, war in der Schnelligkeit nicht zu erwarten. Es gibt für Menschen wie mich keine Zukunft mehr in Deutschland, aber ich habe mir vorgenommen, so lange wie möglich so gut wie möglich zu leben (und zu kämpfen, sofern die Kraft reicht).

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse geht's demnächst wieder los

Sonntag, 6. September 2026

#WMDEDGT 09/26: Aukruger Hafentage

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Ich bin in meiner letzten Reha-Woche. Heute ist Sonnabend. Die dusselige Plantarsehnen-Entzündung, die sich durch drei Wochen Nordic Walking ordentlich verschlimmerte, kostet mich so viel Kraft, dass ich schon länger keine Kraft mehr für Freizeitgestaltung habe, obwohl ich mir einiges für die Reha-Wochenenden vornahm. Aber heute mobilisiere ich meine Kräfte, denn ich möchte zu den Aukruger Hafentagen von den Störpiraten. Die finden seit 2012 zum Saisonende im Freibad Aukrug statt. 

Der Himmel kann Drama: Blick auf die große Hafenanlage der Aukruger Hafentage.

Normalerweise verschlafe ich sonnabends das Frühstück und frühstücke unterwegs bei einem Bäcker oder in einem Café, aber heute treffe ich mich mit den "Strickliesels". Es regnet in Strömen und sieht so aus, als fielen die Hafentage buchstäblich ins Wasser. Ich will also meinen Tagesplan überdenken, und das geht am Besten in der Gruppe (wobei ich problemlos allein sein kann, aber ich übe weiter tapfer, meine Soziophobie abzulegen).

Hier wird Schüttgut verladen.

Ein Teil schlägt vor, nach Friedrichsstadt zu fahren. Verlockend, aber ich weiß, ich kann nicht mithalten, denn sie werden länger unterwegs sein als ich Kraft habe. M. und ich entscheiden uns für das Designer-Outlet in Neumünster. Dahin wollte ich eigentlich ohnehin, um Chucks zu kaufen, aber da meine entzündete Plantarsehne immer schlimmer wurde, kann ich bis auf Weiteres keine Chucks tragen. Alleine wäre ich also nicht gefahren, aber ich habe nichts dagegen, in Gesellschaft durch die Geschäfte zu bummeln. Außerdem könnte ich eine neue, hochseetaugliche Winterjacke gebrauchen.

Ein Teil der Hafenanlage im Detail.

Wir starten am späten Vormittag. Durch die Sperrung der Bundesstraße ist der Weg ein wenig abenteuerlich, aber wir kommen an. Ich muss daran denken, wie ich mit dem Gatten hier war. Er liebte es ja, durch Geschäfte zu bummeln und einzukaufen, anders als ich. 

Containerbrücken mit Lkw-Zubringern.

Ich finde tatsächlich eine neue Winterjacke.

Ein Containerschiff hat angelegt.

Am frühen Nachmittag ist das Wetter einigermaßen stabil, so dass wir uns überlegen, zu den Hafentagen zu fahren und zu gucken, wie es dort aussieht. Wir bummeln über das Gelände. Ich bin beeindruckt von der Anlage, die im Wasser geschaffen wurde. Und natürlich fließt beim Gedanken an der Gatten auch die eine oder andere Träne. Er hatte darauf gehofft, seine Schiffe in der lindgrünen Hölle fahren zu können, befand den Rathausteich ideal dafür. Leider sollte es anders kommen.

Noch ein Blick auf die umfangreiche Hafenanlage.

Nach dem Besuch der Hafentage fahren wir noch in die Alte Kaffeewirtschaft, einem entzückenden Café mit riesigen Kuchenstücke. Zum Glück hatte ich nur ein Softeis als Mittagessen, und das ist auch schon länger her.

Eine der kleinen Stuben der "alten Kaffeewirtschaft". Die Tische bleiben nicht lange leer.

Zurück in der Klinik verabreden wir uns zum Abendessen, wobei ich nur meiner Begleitung Gesellschaft leiste, denn mein Abendessen wird ein mitgebrachtes Fischbrötchen sein. 

Waldi der Erste ist fertig. Fehlen noch zwei, denn ich brauche insgesamt drei Türstopper.

Ich stelle den ersten Türstopper-Dackel fertig - ironischerweise passend zum 50. Jahrestag des Münchner Olympia-Attentats. Der Türstopper-Dackel ist nämlich in den Farben des Olympia-Maskottchens Waldi, entworfen von Otl Aicher, gehalten. Der Gatte hatte das Maskottchen als Kuscheltier und sprach noch als Erwachsener davon. Als der Schornsteinfeger bei Abnahme des Kamins befand, wir müssten dafür sorgen, dass die Stubentür immer offen bleibt, meinte der Gatte, wir bräuchten einen Zugluft-Dackel für den Türgriff. So kam die Idee für den Türstopper-Dackel. Schnell war klar, dass die Farbgebung dem legendären Waldi nachempfunden wird.

Der Abend wird ruhig. Nach einem Tag in Gesellschaft brauche ich abends social detox.

Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. September 2020 urlaubten wir in Dänemark, waren auf der Suche nach Kreuzkümmel, war der Gatte noch gesund. Am 5. September 2021 waren der inzwischen kranke Gatte und ich zum ersten Mal seit seiner Erkrankung im Urlaub und ruhten uns am ersten Urlaubstag nach einer anstrengenden Anreise aus. Am 5. September 2022 bereiteten wir uns auf die juristische Übernahme des alt-neuen Hauses vor. Am 5. September 2023 waren wir noch immer nicht umgezogen, hatten mal wieder Probleme mit einem betrügerischen Handwerker und suchten vergeblich einen Dachdecker. Am 5. September 2024 war der Gatte noch fit genug, um selbst zu Fuß zum Arzt zu gehen. Am 5. September 2025 wusste der Gatte, dass er bald sterben würde. 

Montag, 31. August 2026

#pmdd2026: Der 28. August 2026

An jedem 28. eines Monats ist Picture my Day-Day, kurz pmdd. Ich finde, das ist ein schönes Tagebilderbuch. Mitmachen ist einfach: Fotos vom Tag machen, bloggen oder mit #pmdd2026 auf Bluesky oder Instagram einstellen. Gesammelt wird alles auf dieser Seite.

Schnuffi ließ mich etwas länger schlafen, weil ich auf's Frühstück verzichte. Jetzt ist es aber Zeit, aufzustehen.

Dem Gatten guten Morgen sagen.

Das Reise-Rudel ist bereit für den Tag. Die Maus guckt aus unerfindlichem Grunde sehr panisch.

Frisch geduscht für ein Fahrstuhl-Selfie.

Jetzt wird entspannt!

Entspannt wird übrigens im Rudel.

Auf dem Rückweg von der Entspannung hole ich mir kaltes und heißes Wasser - letzteres, weil ich gleich frühstücken möchte.

Da ist Strand in meinem Zimmer. Gestern war der letzte schöne Sommerabend, saßen wir lange draußen im Strandkorb, redeten, lachten und strickten. Ein bisschen Sand verfing sich in meiner Häkeltasche.

Karges Frühstück, aber es gibt gleich wieder Mittagessen.

Nach drei Wochen gelang es mir mit Hilfe einer Mit-Insassin endlich, aus dem Nordic Walking zu kommen. Stattdessen habe ich heute zum ersten Mal "Therapeutisches Gehen" und Zeit, in den Wald zu gucken - oder in das, was davon übrig bliebt.

Auch wenn der Spaziergang nur kurz war, meldet sich meine entzündete Plantarsehne und verlangt nach TENS. Dreißig Minuten Zeit zum Streamen und Stricken.

Vor einem Jahr bekam der Gatte sein Todesurteil. Das Krankenhaus teilte ihm mit, er habe eine Candida-Infektion mit tödlichem Verlauf und noch eine Lebenserwartung von etwa acht Wochen. Der Gatte bat darum, zum Sterben nach Hause entlassen zu werden. Wir durften noch sieben gemeinsame Wochen erleben. Heute bin ich in einer Reha zwecks Trauerbewältigung, um zu lernen, mit dem Tode des Gatten zu leben.

Heute gibt es wieder ein Mittagessen, bei dem klar ist, dass sich Ernährungsberatung und Küche nicht mögen: Burger und Fritten.

Es gibt Tutti-Frutti-Eis als Dessert.

Nachmittägliches Stricktreffen, diesmal nicht im Café, weil es dort zu laut ist.

Es regnet, also geht es unterirdisch zum Abendessen.

Überraschungen zum Abendessen. Der Restezauber ist in der Regel sehr kreativer Salat. Manchmal gibt es auch Reste vom Mittagessen. Außerdem gibt es mittags und abends ein Salatbüfett.

Übersichtliches Abendessen, weil ich keinen richtigen Appetit habe: Brötchen vom Frühstück mit Schinken und Käse sowie ein Restezauber-Salat. 

Mit der Schwiegermutter telefonieren.

Das aktuelle Strickstück ist ein Sophie Shawl.

Das Reise-Rudel möchte vor dem Einschlafen noch etwas lesen*.

Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 28. August 2020 lebte sich Schwiegermutter gerade in der Seniorenwohnanlage ein, war der Gatte noch gesund, fuhren wir am kommenden Tag nach Dänemark. Am 28. August 2021 war der Gatte schon krank, wartete auf die Entscheidung über seine Verrentung, musste ich arbeiten, holten wir abends Tante ab, um in der kommenden Woche einen runden Gatten-Geburtstag zu feiern. Am 28. August 2022 waren wir noch so optimistisch, spätestens im kommenden Frühjahr ins alt-neue Haus zu ziehen. Am 28. August 2023 bezweifelten wir, dass wir überhaupt noch dort einziehen werden. Am 28. August 2024 waren wir umgezogen und erlebten einen kurzen Moment der Normalität. Am 28. August 2025 erfuhren wir, dass unsere gemeinsame Zeit in Kürze enden würde, hofften aber bis zuletzt auf ein Wunder. / *Affiliate link