Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!
Diese Tage sind unendlich schwer. Vor einem Jahr lieferte ich den Gatten als Notfall ins Krankenhaus ein. Er kam direkt ins OP. Damals wütete schon Candida glabrata in seinem Körper, unerkannt, unbehandelt. Das letzte Vierteljahr seines Lebens sollte beginnen. Vor einem Jahr war der Gatte noch hoffnungsfroh, dass man ihn im Krankenhaus aufpäppeln würde, er eine weitere schwere OP überstehen müsste und dann wieder gehen könnte. Die Hoffnung trog.
Der Gatte fehlt mir, jeden Tag, auch heute, mit jedem Atemzug.
Die Nächte sind aktuell unruhig. Ich schlafe schlecht, habe Albträume, der stille Reflux macht mir zu schaffen. So wache ich zerschlagen auf, schlappe runter in die Küche und setze Kaffee auf. Währen der Kaffee durchläuft, räume ich die Spülmaschine aus und starte das monatliche Reinigungsprogramm. Wieder nach oben, anziehen, denn noch bin ich hoffnungsfroh, heute etwas in Haus und Garten zu schaffen. Gestern schaffte ich nichts außer Häkeln. Nun, so ist die Depression zumindest produktiv.
Frühstücken, dabei streamen und häkeln. Ich stelle ein kleines "Überlebenspaket" für die Kollegen zusammen, die mich während der Reha vertreten, und um Gutscheine für's Café und für's Eiscafé zu verpacken, häkelte ich eine Kaffeetasse und eine Eistüte. Damit sie daran denken, meine Blumen zu gießen, habe ich einen Blumenstrauß gehäkelt. Der muss noch mit einer Heißklebepistole zusammengeklebt werden, aber dazu fehlt mir heute die Konzentration.
Nachdem die Kaffeetasse fertiggestellt ist, verräume ich alles an Strick- und Häkelgedöns, das sich auf dem Sofa ansammelte. Das Sofa nutze ich seit dem Tode des Gatten kaum noch. Sofasitzen war nur mit dem Gatten schön. Stattdessen sitze ich die meiste Zeit in seinem Relax-Sessel. Der ist beheizt und so groß, dass sich das Sitzen darin wie eine tröstende Umarmung des Gatten anfühlt.
Nach oben ins Arbeitszimmer an den Schreibtisch, den Fragebogen für die Reha ausfüllen, den Nachsendeservice für die Reha-Dauer bestellen, den aktuellen Samstagsplausch fertigstellen und einiges andere erledigen. Es ist ein schreckliches Gefühl, bei den Reha-Unterlagen keinen Angehörigen, keinen Ansprechpartner für den Notfall anzugeben, aber da ist ja niemand mehr, der sich im Notfall um mich kümmern würde.
Das Mittagessen lasse ich ausfallen. Ich habe heute einfach keinen Appetit. Ich mag noch nicht mal Schokolade. Das ist ungewöhnlich.
Im Keller versuche ich vergeblich, die Werkstatt des Gatten so weit zu entchaotisieren, dass die Handwerker an das Kellerfenster können. Das soll nämlich einen neuen Lichtschacht bekommen, und wenn ich das Prinzip richtig verstehe, hat das Gitter auf dem Lichtschacht eine Diebstahlsicherung, die nur von innen entriegelt werden kann. Würde ja Sinn machen. Der Gatte hat in der Werkstatt allerdings das Kellerfenster so zugebaut, dass ich keine Ahnung habe, wie ich seine Einbauten zurück bauen kann. Die Handwerker werden wohl eine Räuberleiter machen müssen ... Wir werden sehen.
Im Garten schaffe ich es, das Ultraschallgerät zur Rattenvergrämung samt Solarpanel anzubringen und bin total stolz auf mich, schließlich schaffte ich es, die Akkus richtig ins Gerät einzusetzen und das Panel zu befestigen. Alle Kontrollleuchten leuchten hübsch vor sich hin, das Gerät sendet regelmäßig Blitze aus - so soll das wohl sein. Wie weit es mit meiner Konzentration ist, zeigt sich daran, dass ich es buchstäblich im Handumdrehen schaffte, den Karabiner, der die Häuschentür sichert, zu verlegen. Ich finde Ersatz. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob das Solarpanel genug Licht bekommt oder ob ich eine USB-Verlängerung basteln muss. Ich bin gespannt, ob das Gerät wirklich etwas bringt. Der kleine Cousin jedenfalls meint, es hilft zumindest gegen Marder im Auto ...
Jedenfalls bin ich von mir so begeistert, dass ich das gleiche Gerät samt Solarpanel für die Terrasse bestelle. Da steckt nämlich seit Wochen ein Gerät in der Außensteckdose, das nur für den Innengebrauch zugelassen ist. Die Ecke mit der Steckdose ist zwar normalerweise trocken, aber wohl ist mir dennoch nicht dabei (und mir fehlt die Außensteckdose). Zu spät fällt mir ein, dass ich die gleiche Konstruktion auch für den Vorgarten bestellen könnte, aber dann beschließe ich, erstmal abzuwarten, bis die Arbeiten dort abgeschlossen sind.
Ich gucke schon mal nach Wolle, denn wenn der Vorgarten fertig ist, will ich das hässliche Entlüftungsrohr für den Öltank mit einem grünen Mäntelchen versehen. Darauf kommen dann gehäkelte Sonnenblumen - fröhlich, bunt und verspielt, das passt zu mir.
Teezeit mit gekauften Karamell-Käsekuchen. Ich merke einmal mehr, dass mir der poshe lose Schwarztee, den ich mir kaufte, weil ich dachte, ich müsse ja nicht immer den Lieblingstee des Gatten trinken, sondern könne gucken, was mir schmeckt, einfach nicht schmeckt. Der Lieblingstee des Gatten schmeckt mir besser. Der ist kräftiger. Also bleibe ich dabei und trage die Peinlichkeit mit Fassung, auf die Frage nach der Teesorte "Beuteltee von Aldi!" zu antworten.
Jetzt ist es hohe Zeit, Tante anzurufen und zu fragen, wie das Gespräch mit ihrer "Hilfe" war. Der wollte sie heute sagen, dass es kein neues Testament zu ihren Gunsten geben wird. Tante ist wie erwartet aufgewühlt. Das Gespräch war aufregend, die "Hilfe" war wütend und aufgebracht, will nie wieder einen Handschlag für Tante machen, aber Tante überstand alles gut. Die "Hilfe" hat auch erstmal weiterhin einen Schlüssel, denn den hatte sie angeblich nicht dabei, als sie zu Tante kam. Nun denn. Aktuell hat Tante keine Hilfebedarfe, will erstmal abwarten, wie es sich entwickelt, was sie an Hilfe braucht und was sie alleine schafft. Ich habe sicherheitshalber schon Adressen für Getränke-Heimdienst und Hausmeister-Dienstleistungen herausgesucht. Die Kontaktdaten ihres Pflegedienstes liegen eh schon hier.
Nachdem ich ewig hin und her überlegte, ob ich für die Kaffeetasse im Überlebenspaket für die Kollegen noch eine Untertasse häkle oder nicht, hole ich den Lulu-Slipover aus der Projekttasche und stricke den weiter. Am Donnerstag ist wieder Stricktreffen, da sollen die Mädels mal drüber gucken, ob ich alles richtig machte. Ich bezweifle, dass ich die Anleitung richtig verstehe und dass das Rückenteil so aussehen soll, wie es aussieht. Ich bin aber fest entschlossen, das Teil zu stricken, egal, wie oft ich anfangen muss!
Nach mehreren Anläufen erreiche ich Schwiegermutter. Sie beschwert sich, weil ich zuerst mit Tante telefonierte anstatt mit ihr, und ich hätte ihre Anrufe weggedrückt. Ich habe keine Ahnung, bei wem sie anrief, jedenfalls nicht bei mir, aber das ist ihr nicht beizupulen. Jedenfalls hatte sie ein ellenlange Telefonat mit Tantes "Hilfe", in dem die "Hilfe" versuchte, Schwiegermutter und Tante gegeneinander auszuspielen. Die "Hilfe" kennt Schwiegermutter schlecht! Ausgerechnet die Meisterin der Manipulation manipulieren zu wollen, ist ein gewagtes Vorhaben, an dem schon ganz andere scheiterten. Ich muss mich bemühen, nicht schallend zu lachen.
Ansonsten ist Schwiegermutter stocksauer, weil ich es wage, über den Geburtstag des Gatten auf Reha zu sein. Sie dachte, ich hole sie für ein paar Tage zu mir, damit sie zum Grab kann. Das täte ich unter normalen Umständen, aber ich kann ja die Reha nicht unterbrechen,. Außerdem erklärt Schwiegermutter mir seit Weihnachten bei jeder Gelegenheit, das Grab ihres Sohnes ginge sie nichts an. Ich weiß noch nicht, wie ich es Schwiegermutter ermögliche, am Gatten-Geburtstag zum Grab zu kommen, ohne meine Reha abzubrechen. Das möchte ich auf keinen Fall. Der Geburtstag ist leider an einem Wochentag - am Wochenende fiele es vermutlich nicht weiter auf, wenn ich mal über Nacht weg bin.
Außerdem litaneit Schwiegermutter über die Frechheit, dass der Gatte nicht zu seinem Vater, seiner Großmutter und ihr ins Grab kam, sondern dass ich darauf bestand, ihn bei mir zu begraben. Das war mitnichten meine Idee. Der Gatte sagte ihr schon vor unserer Hochzeit, also vor 24 Jahren, dass er nicht ins Familiengrab möchte, weil es dort keinen Platz für mich gibt, sondern dass er mit mir zusammen begraben werden möchte. Aber natürlich ist das meine Schuld.
Die beiden Telefonate mit Tante und Schwiegermutter dauerten sehr lange und raubten mir viel Kraft. Eigentlich wäre jetzt Zeit für's Abendessen, aber ich habe keinen Appetit. Ich versuche ein paar Bissen Nudeln mit Ricotta-Zitronen-Sauce, lasse es dann aber schnell sein. Später esse ich eine Handvoll Salzbrezeln, um wenigstens auf die Kalorien zu kommen, die meine Medikamente verlangen.
Dass ich keinen Hunger habe, ist angesichts meines Kampfgewichts nicht weiter tragisch, macht mir aber Sorgen, weil es bei der Blutuntersuchung in dieser Woche eine Auffälligkeit gab, die die ominöse Krebs-Diagnose, die ich vor fünf Jahren bekam, stützt. Ich versuche, gelassen zu bleiben. Für die Grabpflege nach meinem Ableben ist ja bereits ein Treuhandkonto eingerichtet. Für meine Beerdigung richte ich nach der Reha ein Treuhandkonto ein. Dann kommt auch die Patientenverfügung inklusive Festlegungen über das sozialverträgliche Ableben. Wenn das alles organisiert ist, darf der Krebs zuschlagen. Vor Oktober darf also nicht gestorben werden. Ich hoffe, der Krebs hält sich daran.
Stricken und fernsehen bis zum heute journal, dann ins Bett und vor dem Einschlafen noch etwas lesen*.
Der Blick in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. Juli 2020 war ich mit Steuern beschäftigt, verbrachten wir den letzten Sonntag in Schwiegermutters Haus und ihrem traumhaften Garten, nahm der noch gesunde Gatte Abschied von seinem Elternhaus. Am 5. Juli 2021 findet sich der inzwischen kranke Gatte in sein neues Leben ein, während Mudderns mit den Folgen eines Sturzes kämpfte. Sie behauptete immer wieder hartnäckig, sie stürze nicht, aber sie stürzte in den letzten Jahren so oft, dass ich ein Jahr später froh darüber war, ich sie im Pflegeheim zu wissen. Am 5. Juli 2022 dämmerte uns, dass wir ein Haus haben und auf's Land ziehen. Damals rechnete ich anderthalb Jahre bis zum Umzug und war sicher, dass meine Mutter unseren Umzug noch erleben würde, ließ sich die erste Zeit im Pflegeheim doch ausgesprochen gut an. Am 5. Juli 2023 pendelten wir seit einem Jahr. Ich wünschte, ich hätte am 5. Juli 2024 sagen können, wir seien angekommen, aber wir lebten immer noch zwischen Umzugskartons. Am 5. Juli 2025 kämpfte der Gatte im Krankenhaus. Dort sollte er neun Wochen lang bleiben. Wir sollten noch etwa 18 gemeinsame Wochen zusammenbleiben dürfen. / *Affiliate link










