Sonntag, 19. Juli 2026

Samstagsplausch KW 29/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXXXI

Als ich diese Woche abends mit dem Karlchen aus Hamburg nach Hause fuhr, war es noch hell genug, um am Blumenfeld am Autobahn-Kreisel zu halten und Sonnenblumen mitzunehmen. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn in vielen Blüten schliefen Hummeln! Das war wirklich ultraniedlich! Die Hummeln ließen sich auch gar nicht stören. Ich fand schließlich fünf Sonnenblumen ohne Schläfer. Ich hätte auch Gladiolen nehmen können, denn die standen anders als vor drei Wochen auch schon in voller Blüte, aber mir war noch nicht nach Herbst.  

Generell war die Woche ziemlich nervenaufreibend für mich Sensibelchen. Ich kaufte anscheinend ein E-Bike, das in der Reha auf mich wartet. Ich wollte eigentlich nur eins für die Dauer der Reha ausleihen und erst im kommenden Jahr beim hiesigen Händler ein kleines Lastenrad mit Platz für einen Wasserkasten und einen kleinen Hund kaufen. Jetzt hat es sich so ergeben, dass in der Reha ein imolarotes Kompaktrad mit genau diesen Anforderungen auf mich wartet. Es wird spannend, das Rad nach der Reha nach Hause zu bekommen. Der Händler ist sich sicher, dass es samt Gepäck in mein Karlchen passt. Ich bin mir sicher, dass es nicht in mein Karlchen passt, schon gar nicht samt Gepäck.

Sollte ich recht behalten, bringt es mir der Händler vorbei, wenn er einen hier in der Nähe wohnenden Kumpel besucht. Die Übergabe erfolgt dann autobahnnah in einer Dorfkneipe ... Ich vermute, ich lasse das Rad lieber per Spedition liefern. 

Jedenfalls freue ich mich wahnsinnig auf das Rad. Der Gatte hatte ohnehin den Plan, nach dem Umzug E-Räder zu kaufen, weil sie für die Distanzen in der lindgrüne Hölle einfach ideal sind, er weniger Autofahrten machen wollte. In der Reha gibt es einige Touren, die ich schon beim letzten Mal lieber mit dem Rad gemacht hätte als mit dem Karlchen, aber im Winter wollte ich kein Rad leihen. 

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 331. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Kommende Woche wird das Auto des Gatten verkauft. Der Termin steht. Das wird ein sehr schwerer Tag. Ich wollte den Verkauf unbedingt noch vor Reha-Beginn hinter mich bringen. Je länger ich zögere, um so schwerer wird es. Dabei weiß ich, dass der Gatte viel sachlicher, weniger emotional an das Thema herangegangen wäre. Ich versuche mir das immer wieder in Erinnerung zu rufen, auch, wenn es schwer fällt. Der Gatte wollte nach dem Umzug einen Wagen verkaufen, aber ich bin mir sehr sicher, dass er lieber das Karlchen verkauft hätte als seinen Wagen, denn der bietet mehr Stauraum. Für mich alleine brauche ich aber nicht so viel Stauraum. Was nicht ins Karlchen passt, wird geliefert. 

Schwiegermutter und Tante geht es den Umständen entsprechend gut. Tante hat inzwischen den Wohnungsschlüssel von ihrer "Hilfe" zurückbekommen und an den Pflegedienst übergeben. Das ist in jeder Hinsicht sinnvoll. Seitdem die "Hilfe" weiß, dass sie nicht erben wird, kommt sie nicht mehr, will auch nicht mehr Tantes Wohnung auflösen und das Geld davon haben. Aber klar, um's Geld ist es ihr nie gegangen ... Ein Nachbar bot Tante an, ihr Getränke mitzubringen. Er fährt ohnehin einmal in der Woche zum Getränkehändler und muss mit seinen Kisten an Tantes Wohnung vorbei. Ansonsten gibt es direkt in Tantes Straße einen Getränkehandel, der auch liefert. Schwiegermutter ist inzwischen nahezu blind. Das ging dann jetzt doch rasend schnell. Sie wird zudem immer verwirrter. Mal gucken, was das wird. Vorerst trägt sie mit Fassung, dass ich am Geburtstag des Gatten nicht mit ihr ans Grab fahren werden, weil ich in der Reha bin. 

Im Büro ist Ferienruhe, was ganz gut tut. So kann meine Kollegin nach längerer Krankheit langsam anfangen, muss nicht sofort in die Vollen gehen, kann viele Pausen machen. Alle schwierigen Themen haben wir vor meiner Reha soweit erledigt, dass Entscheidungen erst nach meiner Rückkehr getroffen werden müssen. Zwei Kollegen stehen zudem zur Unterstützung meiner Kollegin bereit. 

Ansonsten steht meine Urlaubsplanung für's kommende Jahr weitgehend. Ich habe da wohl einen gewissen Nachholbedarf ... 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse

Montag, 13. Juli 2026

#12von12 im Juli 2026

Caro von "Draußen nur Kännchen" sammelt wie jeden Monat am 12. des Monats 12 Impressionen des Tages - vielen Dank dafür! Hier kommen meine Juli-Bilder. 

#1: Heute weckt mich der Kirmeshase.

#2: Dem Gatten guten Morgen sagen. Draußen ist es sonnig, weswegen der Rollladen bis mittags unten bleibt.

#3: Der tolino beschloss gestern auf Seite 108, dass die Leihfrist von "Tod an den Landungsbrücken*" abgelaufen ist. Die Leihfrist geht zwar noch 15 Tage, aber auch nach einem Neustart ist der tolino nicht davon zu überzeugen. 

#4: Auch bei diesem Buch* zickt der tolino. Wie gut, dass ich bald wieder Kindle Unlimited* haben werde und beide Bücher darüber lesen kann. Ich mag einfach nicht auf dem Taschentelefon lesen.

#5: Der Wochenplan muss umgestellt werden, denn die dicken Bohnen aus dem Glas, die es heute geben sollte, entpuppten sich als ein Glas Pflaumen.

Vor einem Jahr war der Gatte im Krankenhaus, und es war ungewiss, ob er wieder nach Hause kommt. Fast acht Wochen später durfte er wieder nach Hause kommen - zum Sterben. Ich denke in diesen Tagen und Wochen oft an die letzte Zeit, die ich mit dem Gatten erleben durfte. Auch wenn wir seit Beginn seiner Erkrankung im November 2020 wussten, dass unsere gemeinsame Zeit schnell zu Ende sein kann, hofften wir doch bis zuletzt auf ein Wunder. Weiterleben ohne den Gatten fällt mir unendlich schwer. 

#6: Mal gucken, ob die Konzentration heute reicht, um den vor vier Wochen angefangenen Häkel-Blumenstrauß fertigzustellen.

#7: Ich denke, das sieht so aus, wie es aussehen soll.

#8: Schnell noch die Socken für eine Kollegin fotografieren, damit ich sie verpacken kann zum Verschenken.

#9: Die Hitze ist ideal zum Wäschetrocknen.

#10: Gestrickt wird heute natürlich auch. Der Lulu Slipover wächst rasend schnell.

#11: Blick in den Abendhimmel.

#12: Wenn der tolino zickt, lesen ich halt analog. Der aktuelle Sörensen-Band* ist der erste, den ich nicht vom Gatten zum Hochzeitstag geschenkt bekam.

Der Blick in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 12. Juli 2020 waren wir mit Schwiegermutters Umzug beschäftigt, war der Gatte noch gesund. Am 12. Juli 2021 war der Gatte schon krank, der Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente gestellt, lebte er sich gerade im neuen Status Quo ein. Drei Jahre später stellten wir einen Antrag auf Pflegestufe. Am 12. Juli 2022 lebte meine Mutter seit einer Woche im Pflegeheim und war guter Dinge, während wir uns darauf einrichteten, ihr Haus zu unserem zu machen. Am 12. Juli 2023 pendelten wir seit einem Jahr, stolperten von einer Handwerkerpleite in die nächste und hofften auf ein baldiges Baustellen-Ende. Am 12. Juli 2024 wollten wir eigentlich nur ruhig auf der Baustelle vor uns hin leben, aber das Schicksal sah anderes mit uns vor und stellte unser Leben vier Monate später auf den Kopf. Am 12. Juli 2025 war der Gatte zum sechsten Mal in diesem Jahr im Krankenhaus, ahnten wir nicht, dass unsere gemeinsame Zeit bald zu Ende sein sollte. / *Affiliate links

Sonntag, 12. Juli 2026

Samstagsplausch KW 28/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXXX

Im Vorgarten wachsen Erdbeeren.
Nach nur acht Monaten kam tatsächlich der Bescheid über die Witwenrente an! Damit kann ich diesen Punkt abhaken und zumindest in dieser Hinsicht zur Ruhe kommen. 

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 330. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Diese Woche hatte ich eine Begegnung, die mir nicht gut tat. Alles wurde klein geredet: Meine neue Frisur passt nicht, weil Haare zu lang. Meine Trauer passt nicht, weil dauert zu lang. Haus passt nicht, weil führt zu noch mehr Trauer, und es ist ja noch imme rnicht fertig. Tröpfchenbewässerung passt nicht, weil zu wenig Wasser (mein Gegenüber hörte zum ersten Mal vom Prinzip der Tröpfchenbewässerng, die seit Jahrzehnten in wasserarmen Ländern bestens funktioniert, aber was der Bauer nicht kennt ...), und so weiter und so fort. Ich hätte einfach aufstehen und gehen sollen. Ich weiß, mein Gegenüber ist unzufrieden mit ihrem Leben, weil es sich anders entwickelt als geplant, aber so ist das Leben eben. Meine Lebensplanung sah auch anders aus. Deswegen sorge ich aber in der Regel nicht dafür, dass sich andere Menschen schlecht fühlen. 

Drei Tage später schaffte ich es tatsächlich, die Tröpfchenbewässerung zu installieren und zum Laufen zu bringen, obwohl die Bedienungsanleitung unvollständig und der Zusammenbau nicht gerade intuitiv ist. Seit gestern laufen hier zwei Bewässerungsanlagen, zwei weitere sind bestellt. So sind dann Vorgarten, Hochbeet, Kübel und später auch der Balkon versorgt. Ich habe jetzt noch zwei Wochen Zeit um zu gucken, wie das System funktioniert, ob es richtig eingestellt ist, und wie weit ich mit 10 Litern Wasser komme. 

Der Vorgarten ist fertig, und weil es sich mit der Tröpfchenbewässerung so gut anlässt, bin ich versucht, kommenden Sonntag zum Rosenmarkt zu fahren, um weitere Rosen zu kaufen. Der Gatte wünschte sich letztes Jahr so sehr, dort hin zu können und Rosen auszusuchen! Ich werde aber vernünftig sein und das mit den Rosen auf's kommende Jahr verschieben. Wenn ich es übernächste Woche schaffe, den Wagen des Gatten zu verkaufen, ist es kräftezehrend genug. Mit dem Wagen sind so viele Erinnerungen verbunden, nicht zuletzt, weil der Gatte es liebte, Auto zu fahren, aber es ist einfach unsinnig, zwei Autos zu besitzen. Mein Wagen ist neuer, kleiner und günstiger im Unterhalt, also ist es vernünftig, den zu behalten und den Wagen des Gatten zu verkaufen. 

Jedenfalls hoffe ich, dass der Vorgarten so geworden ist, wie der Gatte ihn sich vorstellte. Der Gärtner gestaltete die Zuwegung zu den Mülltonnen so, dass es kaum auffällt, dass die Platten unterschiedlich sind bzw. dass es so aussieht, als wären die Unterschiede gewollt. Die Palisaden als Sichtschutz für die Tonnen stammen noch aus unserem Hamburger Garten. Die Pflanztreppe, die im hiesigen Garten keinen Platz fand, über war, steht jetzt an der Palisade. Dort hängen auch die bunten Töpfe, für die ebenfalls kein Platz war. In ihnen wachsen aktuell Schnittlauch und Erdbeeren - untypisch für einen Vorgarten, aber gerade zur Hand. Über eine "ordentliche" Bepflanzung mache ich mir dann im kommenden Jahr Gedanken, obwohl ich Erdbeeren und Schnittlauch ganz witzig finde. Vielleicht pflanze ich einfach noch mehr Erdbeeren und Kräuter. 

Als ich mich beim Gärtner dafür bedankte, dass er das verarbeitet, was da war, meinte er nur, das wäre doch selbstverständlich. Die Leute kauften viel zu schnell neu. 

Diese Woche gab's auch nette Begegnungen, zum Beispiel beim monatlichen Stricktreffen. Mit Mutmachen und Nachhilfe schaffte ich das italienische Abketten! Mein Lulu Slipover wächst rasend schnell. Wenn's in dem Tempo weitergeht, ist er noch vor der Reha fertig. Natürlich habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, welche Strick- und Häkelprojekte ich mit in die Reha nehmen möchte. Da ich mit dem Auto fahre, kann ich mich ja austoben.

Im Büro ist meine Kollegin wieder am Start, fängt ganz langsam wieder an. Ich bremse sie, wann immer es geht, denn ich möchte nicht, dass sie gleich wieder krank wird. Es tut gut, sie wieder an meiner Seite zu haben, vor allem, wo im Projekt Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden müssen. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse

Freitag, 10. Juli 2026

Friday-Flowerday #28/26: Sonnenblumen

Am Autobahn-Kreisel ist ein Feld mit Blumen zum Selberpflücken und Vertrauenskasse. Im letzten Jahr hielten wir dort öfter, wenn wir von Arztterminen des Gatten in Hamburg kamen. Seit dem Todes des Gatten war ich nicht mehr dort, denn ich bin nur noch selten mit dem Auto in Hamburg. 

Eine besonders große, schöne Sonnenblume kam zum Gatten.

In der letzten Woche kreiselte ich auf dem Rückweg von einem Termin aber wieder an dem Blumenfeld vorbei und sah kurz aus den Augenwinkeln eine Sonnenblume. Ich fuhr einmal komplett durch den Kreisel zum Feld zurück, parkte und suchte nach Bargeld. Nachdem die Vertrauenskasse gefüttert war, nahm ich mir eines der bereitliegenden Messer und machte mich auf den langen Weg durch die Sonnenblumen-Reihe. Da summte und brummte es - ein Traum! Auf dem Rückweg hatte ich einen blinden Passagier.

Ich mag diese changierende Achtziger-Jahre-Vase sehr, habe aber nur selten Blumen, die darin gut zur Geltung kommen.

Ich hatte ein wenig Sorge, ob die Sonnenblumen die Heimfahrt gut überstehen würden, denn es war heiß und ich musste noch durch drei Geschäfte, aber der Großfußhase passte gut auf die Blumen auf. Zu Hause entlud ich die wichtigsten Sachen - Sonnenblumen, Großfußhase und ein paar Lebensmittel. Der Rest konnte erstmal im Auto bleiben. 

Plötzlich hatte ich einen blinden Passagier im Auto.

Dusseligerweise habe ich keine passende Vase für sieben Sonnenblumen. Die beiden, die passen könnten, sind so verräumt, dass ich aktuell nicht rankomme. Also kamen sechs Stück in die Edelstahlvase, die gerade im pausenlosen Einsatz ist. Die siebte Blume kam in eine der beiden Vasen, die meine Eltern aus einem Italien-Urlaub mitbrachten (zu einer der beiden Vasen schrieb ich hier schon mal etwas). 

So viele und so große Sonnenblumen - ich fühlte mich an die Gemälde Alter Meister erinnert. 

Vorgestern entsorgte ich zwei verblühte Sonnenblumen, aber die restlichen fünf sehen noch aus wie frisch gepflückt. Ich habe sicherheitshalber schon geguckt, ob sie nicht aus Plastik sind ... 

Am Ende der zweiten Woche sehen die Blumen noch aus wie frisch gepflückt.

Dieser Beitrag geht rüber zum Friday-Flowerday. Vielen Dank für's Sammeln!

Montag, 6. Juli 2026

#WMDEDGT 07/26: Stille und Trauer III

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln! 

Diese Tage sind unendlich schwer. Vor einem Jahr lieferte ich den Gatten als Notfall ins Krankenhaus ein. Er kam direkt ins OP. Damals wütete schon Candida glabrata in seinem Körper, unerkannt, unbehandelt. Das letzte Vierteljahr seines Lebens sollte beginnen. Vor einem Jahr war der Gatte noch hoffnungsfroh, dass man ihn im Krankenhaus aufpäppeln würde, er eine weitere schwere OP überstehen müsste und dann wieder gehen könnte. Die Hoffnung trog.

Der Gatte fehlt mir, jeden Tag, auch heute, mit jedem Atemzug.

Die Nächte sind aktuell unruhig. Ich schlafe schlecht, habe Albträume, der stille Reflux macht mir zu schaffen. So wache ich zerschlagen auf, schlappe runter in die Küche und setze Kaffee auf. Währen der Kaffee durchläuft, räume ich die Spülmaschine aus und starte das monatliche Reinigungsprogramm. Wieder nach oben, anziehen, denn noch bin ich hoffnungsfroh, heute etwas in Haus und Garten zu schaffen. Gestern schaffte ich nichts außer Häkeln. Nun, so ist die Depression zumindest produktiv.

Frühstücken, dabei streamen und häkeln. Ich stelle ein kleines "Überlebenspaket" für die Kollegen zusammen, die mich während der Reha vertreten, und um Gutscheine für's Café und für's Eiscafé zu verpacken, häkelte ich eine Kaffeetasse und eine Eistüte. Damit sie daran denken, meine Blumen zu gießen, habe ich einen Blumenstrauß gehäkelt. Der muss noch mit einer Heißklebepistole zusammengeklebt werden, aber dazu fehlt mir heute die Konzentration. 

Nachdem die Kaffeetasse fertiggestellt ist, verräume ich alles an Strick- und Häkelgedöns, das sich auf dem Sofa ansammelte. Das Sofa nutze ich seit dem Tode des Gatten kaum noch. Sofasitzen war nur mit dem Gatten schön. Stattdessen sitze ich die meiste Zeit in seinem Relax-Sessel. Der ist beheizt und so groß, dass sich das Sitzen darin wie eine tröstende Umarmung des Gatten anfühlt. 

Nach oben ins Arbeitszimmer an den Schreibtisch, den Fragebogen für die Reha ausfüllen, den Nachsendeservice für die Reha-Dauer bestellen, den aktuellen Samstagsplausch fertigstellen und einiges andere erledigen. Es ist ein schreckliches Gefühl, bei den Reha-Unterlagen keinen Angehörigen, keinen Ansprechpartner für den Notfall anzugeben, aber da ist ja niemand mehr, der sich im Notfall um mich kümmern würde.

Das Mittagessen lasse ich ausfallen. Ich habe heute einfach keinen Appetit. Ich mag noch nicht mal Schokolade. Das ist ungewöhnlich. 

Im Keller versuche ich vergeblich, die Werkstatt des Gatten so weit zu entchaotisieren, dass die Handwerker an das Kellerfenster können. Das soll nämlich einen neuen Lichtschacht bekommen, und wenn ich das Prinzip richtig verstehe, hat das Gitter auf dem Lichtschacht eine Diebstahlsicherung, die nur von innen entriegelt werden kann. Würde ja Sinn machen. Der Gatte hat in der Werkstatt allerdings das Kellerfenster so zugebaut, dass ich keine Ahnung habe, wie ich seine Einbauten zurück bauen kann. Die Handwerker werden wohl eine Räuberleiter machen müssen ... Wir werden sehen.

Im Garten schaffe ich es, das Ultraschallgerät zur Rattenvergrämung samt Solarpanel anzubringen und bin total stolz auf mich, schließlich schaffte ich es, die Akkus richtig ins Gerät einzusetzen und das Panel zu befestigen. Alle Kontrollleuchten leuchten hübsch vor sich hin, das Gerät sendet regelmäßig Blitze aus - so soll das wohl sein. Wie weit es mit meiner Konzentration ist, zeigt sich daran, dass ich es buchstäblich im Handumdrehen schaffte, den Karabiner, der die Häuschentür sichert, zu verlegen. Ich finde Ersatz. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob das Solarpanel genug Licht bekommt oder ob ich eine USB-Verlängerung basteln muss. Ich bin gespannt, ob das Gerät wirklich etwas bringt. Der kleine Cousin jedenfalls meint, es hilft zumindest gegen Marder im Auto ... 

Jedenfalls bin ich von mir so begeistert, dass ich das gleiche Gerät samt Solarpanel für die Terrasse bestelle. Da steckt nämlich seit Wochen ein Gerät in der Außensteckdose, das nur für den Innengebrauch zugelassen ist. Die Ecke mit der Steckdose ist zwar normalerweise trocken, aber wohl ist mir dennoch nicht dabei (und mir fehlt die Außensteckdose). Zu spät fällt mir ein, dass ich die gleiche Konstruktion auch für den Vorgarten bestellen könnte, aber dann beschließe ich, erstmal abzuwarten, bis die Arbeiten dort abgeschlossen sind. 

Ich gucke schon mal nach Wolle, denn wenn der Vorgarten fertig ist, will ich das hässliche Entlüftungsrohr für den Öltank mit einem grünen Mäntelchen versehen. Darauf kommen dann gehäkelte Sonnenblumen - fröhlich, bunt und verspielt, das passt zu mir. 

Teezeit mit gekauften Karamell-Käsekuchen. Ich merke einmal mehr, dass mir der poshe lose Schwarztee, den ich mir kaufte, weil ich dachte, ich müsse ja nicht immer den Lieblingstee des Gatten trinken, sondern könne gucken, was mir schmeckt, einfach nicht schmeckt. Der Lieblingstee des Gatten schmeckt mir besser. Der ist kräftiger. Also bleibe ich dabei und trage die Peinlichkeit mit Fassung, auf die Frage nach der Teesorte "Beuteltee von Aldi!" zu antworten. 

Jetzt ist es hohe Zeit, Tante anzurufen und zu fragen, wie das Gespräch mit ihrer "Hilfe" war. Der wollte sie heute sagen, dass es kein neues Testament zu ihren Gunsten geben wird. Tante ist wie erwartet aufgewühlt. Das Gespräch war aufregend, die "Hilfe" war wütend und aufgebracht, will nie wieder einen Handschlag für Tante machen, aber Tante überstand alles gut. Die "Hilfe" hat auch erstmal weiterhin einen Schlüssel, denn den hatte sie angeblich nicht dabei, als sie zu Tante kam. Nun denn. Aktuell hat Tante keine Hilfebedarfe, will erstmal abwarten, wie es sich entwickelt, was sie an Hilfe braucht und was sie alleine schafft. Ich habe sicherheitshalber schon Adressen für Getränke-Heimdienst und Hausmeister-Dienstleistungen herausgesucht. Die Kontaktdaten ihres Pflegedienstes liegen eh schon hier.

Nachdem ich ewig hin und her überlegte, ob ich für die Kaffeetasse im Überlebenspaket für die Kollegen noch eine Untertasse häkle oder nicht, hole ich den Lulu-Slipover aus der Projekttasche und stricke den weiter. Am Donnerstag ist wieder Stricktreffen, da sollen die Mädels mal drüber gucken, ob ich alles richtig machte. Ich bezweifle, dass ich die Anleitung richtig verstehe und dass das Rückenteil so aussehen soll, wie es aussieht. Ich bin aber fest entschlossen, das Teil zu stricken, egal, wie oft ich anfangen muss!

Nach mehreren Anläufen erreiche ich Schwiegermutter. Sie beschwert sich, weil ich zuerst mit Tante telefonierte anstatt mit ihr, und ich hätte ihre Anrufe weggedrückt. Ich habe keine Ahnung, bei wem sie anrief, jedenfalls nicht bei mir, aber das ist ihr nicht beizupulen. Jedenfalls hatte sie ein ellenlange Telefonat mit Tantes "Hilfe", in dem die "Hilfe" versuchte, Schwiegermutter und Tante gegeneinander auszuspielen. Die "Hilfe" kennt Schwiegermutter schlecht! Ausgerechnet die Meisterin der Manipulation manipulieren zu wollen, ist ein gewagtes Vorhaben, an dem schon ganz andere scheiterten. Ich muss mich bemühen, nicht schallend zu lachen. 

Ansonsten ist Schwiegermutter stocksauer, weil ich es wage, über den Geburtstag des Gatten auf Reha zu sein. Sie dachte, ich hole sie für ein paar Tage zu mir, damit sie zum Grab kann. Das täte ich unter normalen Umständen, aber ich kann ja die Reha nicht unterbrechen,. Außerdem erklärt Schwiegermutter mir seit Weihnachten bei jeder Gelegenheit, das Grab ihres Sohnes ginge sie nichts an. Ich weiß noch nicht, wie ich es Schwiegermutter ermögliche, am Gatten-Geburtstag zum Grab zu kommen, ohne meine Reha abzubrechen. Das möchte ich auf keinen Fall. Der Geburtstag ist leider an einem Wochentag - am Wochenende fiele es vermutlich nicht weiter auf, wenn ich mal über Nacht weg bin.

Außerdem litaneit Schwiegermutter über die Frechheit, dass der Gatte nicht zu seinem Vater, seiner Großmutter und ihr ins Grab kam, sondern dass ich darauf bestand, ihn bei mir zu begraben. Das war mitnichten meine Idee. Der Gatte sagte ihr schon vor unserer Hochzeit, also vor 24 Jahren, dass er nicht ins Familiengrab möchte, weil es dort keinen Platz für mich gibt, sondern dass er mit mir zusammen begraben werden möchte. Aber natürlich ist das meine Schuld. 

Die beiden Telefonate mit Tante und Schwiegermutter dauerten sehr lange und raubten mir viel Kraft. Eigentlich wäre jetzt Zeit für's Abendessen, aber ich habe keinen Appetit. Ich versuche ein paar Bissen Nudeln mit Ricotta-Zitronen-Sauce, lasse es dann aber schnell sein. Später esse ich eine Handvoll Salzbrezeln, um wenigstens auf die Kalorien zu kommen, die meine Medikamente verlangen. 

Dass ich keinen Hunger habe, ist angesichts meines Kampfgewichts nicht weiter tragisch, macht mir aber Sorgen, weil es bei der Blutuntersuchung in dieser Woche eine Auffälligkeit gab, die die ominöse Krebs-Diagnose, die ich vor fünf Jahren bekam, stützt. Ich versuche, gelassen zu bleiben. Für die Grabpflege nach meinem Ableben ist ja bereits ein Treuhandkonto eingerichtet. Für meine Beerdigung richte ich nach der Reha ein Treuhandkonto ein. Dann kommt auch die Patientenverfügung inklusive Festlegungen über das sozialverträgliche Ableben. Wenn das alles organisiert ist, darf der Krebs zuschlagen. Vor Oktober darf also nicht gestorben werden. Ich hoffe, der Krebs hält sich daran. 

Stricken und fernsehen bis zum heute journal, dann ins Bett und vor dem Einschlafen noch etwas lesen*

Der Blick in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. Juli 2020 war ich mit Steuern beschäftigt, verbrachten wir den letzten Sonntag in Schwiegermutters Haus und ihrem traumhaften Garten, nahm der noch gesunde Gatte Abschied von seinem Elternhaus. Am 5. Juli 2021 findet sich der inzwischen kranke Gatte in sein neues Leben ein, während Mudderns mit den Folgen eines Sturzes kämpfte. Sie behauptete immer wieder hartnäckig, sie stürze nicht, aber sie stürzte in den letzten Jahren so oft, dass ich ein Jahr später froh darüber war, ich sie im Pflegeheim zu wissen. Am 5. Juli 2022 dämmerte uns, dass wir ein Haus haben und auf's Land ziehen. Damals rechnete ich anderthalb Jahre bis zum Umzug und war  sicher, dass meine Mutter unseren Umzug noch erleben würde, ließ sich die erste Zeit im Pflegeheim doch ausgesprochen gut an. Am 5. Juli 2023 pendelten wir seit einem Jahr. Ich wünschte, ich hätte am 5. Juli 2024 sagen können, wir seien angekommen, aber wir lebten immer noch zwischen Umzugskartons. Am 5. Juli 2025 kämpfte der Gatte im Krankenhaus. Dort sollte er neun Wochen lang bleiben. Wir sollten noch etwa 18 gemeinsame Wochen zusammenbleiben dürfen. / *Affiliate link