Die Woche begann im Jüdischen Salon mit einer Lesung aus "Diamanten*" von David Vajda, moderiert von Adriana Altaras, die auch "in echt" so großartig ist wie in Filmen, Büchern* oder auf der Bühne. Vajdas Buch ist auch zu empfehlen, klar.
Wir kamen zu spät zur Lesung, weil wir wie eine Handvoll anderer Leute den Veranstaltungsort nicht fanden. Normalerweise gibt es ja bei allem, was "irgendwie jüdisch" ist, Polizei- und Sicherheitsdienstpräsenz. Die fehlte hier völlig, was mich erst gar nicht irritierte, waren wir doch so beschäftigt damit, herauszufinden, ob die Lesung ausfiel und was passiert sein muss, dass niemand mehr in der Lage war, die angemeldeten Besucher irgendwie zu informieren oder ein Schild an der Tür anzubringen. Die Polizei kam erst nach Veranstaltungsbeginn, als die meisten Wartenden schon enttäuscht gegangen waren. Die Beamten waren genau so perplex wie wir ob des dunklen, leeren Gebäudes. Durch einen Anruf bei der Leitstelle stellte sich heraus, wir waren alle am falschen Veranstaltungsort. Minuten später bekamen wir quasi eine Polizei-Eskorte zum richtigen Veranstaltungsort, der zum Glück ganz in der Nähe war - genaugenommen auf der anderen Straßenseite, verborgen von Baugerüst und Bauplane. Jedenfalls: Polizeigeleit zu einer Veranstaltung hatte ich seit Jahrenden nicht mehr.
In dieser Woche jährte sich der Todestag des Gatten zum ersten Mal, und ich war froh, dass ich mir die ganze Woche Urlaub nahm. Ich war bis zum Besuchsende von Schwiegermutter komplett neben der Spur. Erst, als Schwiegermutter wieder abgeliefert war, ging's mir besser.
Schwiegermutter erklärte mir ja seit dem Rotgarnelen-Gate letztes Weihnachten mehrfach, das Grab des Gatten ginge sie nichts an, weswegen sie entgegen ihrer ursprünglichen Zusagen nicht die Kosten dafür trage. Da ich meine Schwiegermutter kenne, rechnete ich eh nicht mit der Kostenübernahme. Ich war milde überrascht, als sie zum Geburtstag des Gatten darauf bestand, zum Grab gefahren zu werden. Damals kam ich wegen meiner Reha noch drum herum. Jetzt zum ersten Todestag forderte Schwiegermutter vehement, sie wolle das Grab besuchen und dafür bei mir übernachten, was ich ablehnte. Eine Hotelübernachtung so wie früher lehnte sie ab. Sie will partout ins Haus. Dass es im Haus kein Gästezimmer für sie gibt, ist ihr schon ein Dorn im Auge, seitdem wir ihr im Sommer 2022 sagten, dass wir umziehen. Für unsere Wohnung hatte sie da schon lange keinen Schlüssel mehr, weil es selbst dem geduldigen Gatten irgendwann reichte, dass sie in unserer Abwesenheit die Wohnung nach ihren Vorstellungen ohne Absprache "umgestaltete", alle Schränke durchwühlte etc. Dass seine Mutter bei uns übernachtet, verbat sich der Gatte von Anfang an - nur bei seiner narzisstisch-egozentrischen Mutter kam das einfach nie an. Es gibt ein Gästebett im Eisenbahnzimmer, aber, so der Gatte mal in ungewohnter Klarheit zu seiner Mutter: "Das ist nur für nette Menschen, also nicht für dich."
Jedenfalls saß Schwiegermutter kaum am Tisch, als sie mir auch schon erklärte, sie habe sich überlegt, wie ich das Arbeitszimmer des Gatten umgestalte, damit sie dort jeden Monat ein paar Tage übernachten kann. Sie zahle auch die Umgestaltung, und wenn sie das Zimmer mal nicht nutze, könnte da auch mal jemand anderes übernachten. Ich dürfe auch einen Kleiderschrank dort hineinstellen (ich möchte das Zimmer perspektivisch als "Ankleidezimmer" nutzen und in meinem Arbeitszimmer nur noch Bücherregale haben). Ich bräuchte ihr in das Zimmer keine Küche einzubauen, sie würde meine nutzen (das Zimmer ist knapp 12 qm groß, ein wenig knäpplich für Bett, Kleiderschränke und Küche). Sie würde mich nicht stören, sondern würde für mich kochen, den Haushalt machen, im Garten arbeiten und am Grab sitzen.
Ja, nee, is klaa.
Das Grab fand nur bedingt Schwiegermutters Zustimmung. Es ist zu abgelegen, der Stein sieht aus wie Holz (ja, deswegen wählte ich ihn), er sieht je nach Witterung anders aus (ja, deswegen - du weißt schon), der Sitzstein wäre ja ganz nett, aber an ihm fehlt ein Geländer (was die Friedhofsverwaltung wohl zu der Idee sagt?!), die Blumenvase ist ja ganz hübsch, aber zu klein (ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand mit einem Arm voller roter Rosen erscheint), und überhaupt müssen in der Vase das ganze Jahr über rote Plastik-Rosen stehen, denn auf dem Grab fehlt Rot (Kunstblumen sind auf dem Friedhof verboten).
Ich wiederhole mich: Ja, nee, is klaa.
Nach dem Grabbesuch fuhr ich Schwiegermutter in die katholische Kirche, wo immerhin die Madonna Gnade vor ihren Augen fand. Die Kirche selbst hingegen fand sie hässlich, aber die hiesigen Bauern wissen es halt nicht besser.
Nach dem Entzünden eines Lichtermeeres in der Kirche befand Schwiegermutter, jetzt wolle sie nach Hamburg gefahren werden zu Kaffee und Kuchen. Sie zeigte mir die sechs Fotoalben mit Fotos des Gatten und von ihr, die sie gestaltete, und erklärte stolz, in einem wären auch Fotos von mir auf unserer Hochzeit. Ich weiß nicht, wer die Frau auf den drei Fotos ist. Ich bin es nicht. Es sind auch keine Fotos von unserer Hochzeit. Aber es hätte mich ohnehin gewundert, wenn es Fotos von mir gäbe. Der Gatte schenkte seiner Mutter gerne Fotos von uns beiden. Die wurden nie aufgestellt, sondern zeitnah entsorgt. War in einem der Foto-Kalender, die Schwiegermutter und Tante gerne zu Weihnachten bekamen, mal ein Foto, auf dem ich war, wurde das Bild überklebt. Ich bin nun mal nicht die Frau, die Schwiegermutter für ihren Sohn wollte, also werde ich tunlichst ignoriert.
Schwiegermutter redete seht viel davon, dass ich jetzt ja sofort ihr Gästezimmer in Auftrag gebe könne. Ich müsse sie auch erst wieder anrufen, wenn ich ihr sage, dass ihr Zimmer fertig sei.
Also nie.
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 345. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.
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| Herr Könnig bereitet das Grammophone vor. |
Da der Gatte und ich uns nie wirklich an Jahrestage banden, fand die eigentliche Jahrzeit einen Tag später statt und war sicher mehr im Sinne des Gatten als der Auftritt seiner Mutter: Mit G., die auch der Gatte sehr schätzte, die zudem unser letzter gemeinsamer Besuch war, war ich zum High Tea im Eaton Place. Dort sang Herr Könnig zum Grammophon. Der Gatte redete im letzten Jahr oft davon, wie sehr ihm der Besuch im Museumsbauerhof Wennerstorf gefallen hat und wie gerne er Herrn Könnig nochmal singen hören möchte, aber nicht nur daraus wurde ja nichts mehr.
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| Herr Könnig singt zum Grammophon. |
Ansonsten erledigte ich diese Woche nicht wirklich viel. Ich bin für diese Saison gegen Grippe und Covid geimpft. Im Grippe-Arm randalierte es gleich nach der Impfung ordentlich, es gab dann aber nur einen blauen Fleck, während sich im Covid-Arm nach zwei Tagen eine hartnäckige Beule bildete. Mal gucken, wann die verschwindet. Jedenfalls bin ich froh, dass Erkältungssymptome ausblieben. Die Apothekerin berichtete, aktuell lassen viele ihre Impftermine verfallen, was doppelt ärgerlich ist, da welche, die sich impfen lassen wollen, dadurch keine Termine bekommen. Die erste Covidwelle ist auch schon durch. Die zweite erwartet sie in drei Wochen, nach den Herbstferien, und im Übrigen verstünde sie nicht, warum nicht wenigstens Menschen mit Erkältungssymptomen Maske trügen, um andere nicht anzustecken ...
Ich habe es geschafft, das mal wieder seit drei Monaten grundlos gesperrte Konto meiner verstorbenen Mutter wieder zu entsperren. Diese Bank ist wirklich an Kundenunfreundlichkeit nicht zu toppen. Es dauerte ja auch drei Jahre, bis das Konto auf mich übertragen wurde, obwohl alle erforderlichen Vollmachten schon vor dem Tode meiner Mutter vorlagen. Sollte ich irgendwann mal nicht mehr völlig neben der Spur sein, muss ich das Konto mal kündigen (wobei das auch so gut wie unmöglich ist, Kundenunfreundlichkeit galore halt). Ich fände es ganz praktisch, mein Geld auch ausgeben zu können, wenn ich es möchte.
Ich schaffte es nach einer Woche endlich, die Balkonkästen zu bepflanzen. Eigentlich wollte ich auch im Garten und im Haus arbeiten, aber entweder passte das Wetter nicht oder mir fehlte die Kraft. So schiebe ich weiter einen zu erledigenden Berg vor mich her. Ich kann natürlich auch das Gästezimmer für Schwiegermutter fertigmachen lassen und sie Haus und Garten nach ihren Vorstellungen gestalten lassen ...
Ansonsten gewöhne ich mich an den Gedanken, dass ich in den kommenden vier Wochen mit dem Auto ins Echt-Büro fahren muss, weil die Bahnstrecke zwischen Harburg und Hauptbahnhof kurzfristig gesperrt wird, wie Montag bekannt wurde. Angesichts von ca. 150.000 Leuten, die die Strecke täglich alleine aus Richtung Süden kommend pendeln, ist das, gelinde gesagt, fatal. Die S-Bahn, die als Ersatz genutzt werden soll, ist auch ohne zusätzliche Fahrgäste chronisch überlastet, und wenn sie wie so oft ausfällt, ist der Süden abgeschnitten. Schienen-Ersatz-Verkehr wird es nicht geben - welche Busse sollten auch diese Massen fassen?! Die Situation ist so kritisch, dass über Bahnsteigsperrungen nachgedacht wird. Die Informationslage ändert sich ständig. Heute heißt es, ein paar Züge fahren doch nach Hamburg durch, aber welche es sind, werde von Tag zu Tag entschieden. Die aktuell ersichtlichen Fahrten sind ein Witz. Ich könnte Dienstagmittag ins Büro fahren und Mittwochmorgen zurück. Okay, so komme ich auch auf zwei Mal sechs Stunden, aber meine Chefinnen fänden das nicht so toll. Also fahre ich sehr früh mit dem Auto nach Bahrenfeld und hoffe, dass ich dort noch einen Parkplatz bekomme, um dann möglichst so wieder zurückzufahren, bevor sich der Feierabendverkehr staut. So werde ich dann mindestens vier Stunden mit Auto und ÖPNV unterwegs sein, um sechs Stunden zu arbeiten. Ganz großes Kino.
Der Herbst macht mir weiterhin zu schaffen. Ich bin einfach nicht für dunkle Tage geschaffen. Aber meine entzündete Plantarsehne wird zunehmend besser. Ich bin immer öfter schmerzfrei und erwäge, zu einer anstehenden Festivität mal ordentliche Schuhe zu tragen anstatt der Wanderschuhe, die seit mehr als einem Vierteljahr die einzigen Schuhe sind, in denen ich einigermaßen laufen kann.
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.
































