Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!
Heute ist Montag, normalerwiese ein entspannter Arbeitstag im Heimbüro. Heute aber nehme ich an einer Tagung in Hamburg teil. Heißt: Pünktlichst aufstehen und über eine Stunde eher los als sonst. Oder anders: Ich verlasse das Haus bei Sonnenaufgang und betrete es erst wieder bei Sonnenuntergang. So ein langer Tag ist ungewohnt und fordert mich Sensibelchen. Mich fordert auch, dass die Tage kürzer werden, dass es dunkel ist, wenn ich aufstehe, und dunkel ist, wenn ich nach Hause komme. Die schon lange verrentete Kollegin, die stets verneint, ließ sich ja weiland von Oktober bis März krankschreiben, weil sie befand, es sei ihr nicht zuzumuten, bei Dunkelheit zur Arbeit zu gehen bzw. bei Dunkelheit nach Hause zu kommen. Joa, kann man machen. Ich hingegen mag Arbeit und Kolleginnen zu sehr für so einen Move. Meine Ärztin würde so was auch nicht mitmachen.
Der morgendliche Blick auf's Taschentelefon sagt mir nicht nur, dass ausnahmsweise mal kein Zug ausfällt, sondern auch, dass der Gatte vor einem Jahr kaum noch etwas aß - ein klares Zeichen dafür, dass seine allerletzte Lebensphase begann. Zwei Wochen später sollte er sterben.
Ich bin rechtzeitig am Bahnhof. Der Zug ist erfreulich leer und pünktlich, so pünktlich, dass ich beim Umsteigen eine S-Bahn ausfallen lassen kann, weil sie mir zu voll ist. Der Umstieg von der S-Bahn in den Bus berietet mir kurz Probleme, denn ich stelle fest, dass ich an diesem S-Bahnhof noch nie umgestiegen bin. Außerdem bin ich so ein Land-Ei geworden, dass mich die Großstadt irritiert. Ich finde die Bushaltestelle, komme am Ziel an und finde den Tagungsort mithilfe der Hochbahnwache.
Die Tagung ist super inklusiv und achtsam usw. Dass ich dennoch unter 100 Menschen die einzige mit Maske bin, überrascht mich nicht. Corona ist ja längst vorbei, und dass es immer noch Menschen gibt, die sich und andere schützen, interessiert nicht, Achtsamkeit hin oder her.
Vormittags kommt meine Vertretungskollegin. Wir freuen uns, dass sie es geschafft hat, denn nach der letzten Infektion vor einem halben Jahr ist sie so schwach, dass kaum noch was geht. Aber klar, es ist nur eine Erkältung. Wir finden zwei Plätze am Rand mit einem Tischchen, auf den ich den Luftfilter stellen kann. Heißt für uns beide: Zwei Stunden ohne Maske. Danach geht meine Vertretungskollegin wieder. Der Tag darf nicht zu lang sein für sie. Für mich geht die Tagung noch bis halb fünf weiter - mit Maske, klar. Ich habe keinen Bock auf Erkältung, Grippe, Corona.
Kurze Masken-Pause auf dem Weg zur Bushaltestelle. Ich brauche etwas, bis ich den richtigen Bus finde. Dass ich hier mal 40 Jahre lebte, hier regelmäßig umstieg, scheint komplett vergessen. Wegen einer Baustelle ist die Haltestelle an der S-Bahn verlegt, verpasse ich fast den Ausstieg, werde zum Glück stutzig, als sich der Bus fast leert. Ich finde den S-Bahnhof und bin zügig am Hauptbahnhof, wo es chaotisch wird, weil Verspätungen. Immerhin fallen die Verstärkerzüge nicht aus, so dass ich die beiden verspäteten übervollen Züge fahren lasse und den ziemlich leeren Verstärkerzug nehme. Da aufgrund der Verspätungen jetzt drei Züge fast gleichzeitig fahren, bin ich zwar eine halbe Stunde später zu Hause als geplant, aber pünktlich.
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| Auf dem Hinweg ging die Sonne auf der anderen Seite auf. |
Mittlerweile bin ich nicht nur müde und erschöpft, sondern trotz des guten und reichlichen Mittagessens auch hungrig. Ich beschließe, beim Asia-Imbiss vorbeizugehen. Nach ziemlich genau zwölf Stunden bin ich wieder zu Hause, habe Wan Tan und Ente süß-sauer dabei. Zu Hause ist das Licht an - ich ertrage es immer noch nicht, in ein dunkles, leeres, stilles Haus zu kommen. Normalerweise würde der Gatte auf mich warten, hätte das Abendessen fertig (oder, wenn ich wie heute etwas mitbringe, den Tisch gedeckt) und den Kamin angefeuert. Seit dem Tode des Gatten sind zwei Lampen über Zeitschaltuhr gesteuert, damit ich nicht in ein dunkles Haus komme, läuft den ganzen Tag das Radio, damit ich nicht in ein stilles Haus komme. Energieverschwendung, ich weiß.
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| In der Nordheide kann der Himmel Drama. |
Die Straßenklamotten abwerfen, abschminken und zu Abend essen. Ich schaffe mit Müh und Not den Montagskrimi, unterbrochen von den Sandkastenfreundinnen, die uns für einen Wellness-Tag verabreden. Den Wellness-Tag haben wir gestern einer von uns dreien zum runden Geburtstag geschenkt, und die andere besteht nun auf zügige Einlösung des Gutscheins. Da die Beschenkte diese Woche Urlaub hat, wird der Gutschein schneller eingelöst, als mir lieb ist. Ich muss meine Impftermine umbuchen und den Rehasport absagen. Gnarf. Ja, nee, doch, ich freue mich auf den Freundinnen-Tag.
Ich verabrede mich mit einer Strick-Freundin und ertappe mich dabei, wie ich zum ersten Mal frage, ob sie zu mir kommen möchte. Bislang fragte ich immer noch, ob jemand zu uns kommen möchte. Vielleicht akzeptiere ich langsam, dass das alt-neue Haus nicht mehr unseres ist, sondern meins, egal, wie saehr ich mir wünschte, es wäre anders.
Auf dem Heimweg hatte ich mich bei der Chefin für den kommenden Tag im Echt-Büro abgemeldet, worüber ich angesichts meiner Erschöpfung mehr als froh bin. Ich falle ins Bett, lese* nur noch ein paar Zeilen und werde fast zehn Stunden schlafen.
Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 5. Oktober 2020 war der Gatte noch gesund und fuhr ins Büro, gab's eine Kundgebung für einen jüdischen Studenten, der am Vortag vor der Synagoge niedergeschlagen wurde, wo gerade Sukkot gefeiert wurde. Einzelfall, klar. Am 5. Oktober 2021 beschäftigte mich ein Krebsverdacht, der sich Gott sei Dank als unbegründet herausstellte. Am 5. Oktober 2022 war Yom Kippur. Am 5. Oktober 2023 ahnte niemand, dass die Hamas zwei Tage später eine Menschenjagd veranstalten sollte - das schlimmste Pogrom seit Ende der Shoah. Am 5. Oktober 2024 waren der Gatte und ich auf Mallorca, nicht ahnend, dass es unser letzter gemeinsamer Urlaub dort werden sollte. Ein Jahr später steht der Gatte am Ende seines kurzen Lebens. Zwei Wochen später sollten wir für immer getrennt sein. / *Affiliate link

























