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Montag, 21. Februar 2022

Stolperstein für Paul Seeger in der Luruper Chaussee 119

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Im ersten Block der Siedlung an der Luruper Chaussee in Bahrenfeld wohnt Paul Seeger mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter.

Heute vor 83 Jahren, am Abend des 21. Februar 1939, stirbt Paul Seeger. Der 28jährige setzt seinem Leben selbst ein Ende, in dem er in der Küche seiner Wohnung in der Luruper Chaussee 119 den Gashahn aufdreht. Seiner Frau gelingt es nicht, die gemeinsame Wohnung zu betreten. Als sie den Gasgeruch bemerkt, ruft sie die Polizei, die die Öffnung der Wohnung veranlasst. Seeger verstirbt auf dem Weg ins Altonaer Krankenhaus.

Der junge Mann, der in einfachen Verhältnissen im Hamburger Karoviertel aufwächst und eine Ausbildung zum Autoschlosser macht, ist bereits 1929 NSDAP-Mitglied und wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz verurteilt. 

Stolperstein für Paul Seeger vor dem Haus Luruper Chaussee 119.

1938 heiratet Paul Seeger die 34jährige Sophie Sonntag. Das Paar bekommt ein Kind. Trotz vordergründiger Heterosexualität scheint sich Seeger zu Männern hingezogen zu fühlen. Vermutlich gerät er wegen homosexueller Beziehungen ins Visier der Kriminalpolizei. Auch eine Erpressung ist möglich, aber es gibt nur wenig konkrete Hinweise. 

Rückseite des Wohnblocks, in dem Paul Seeger mit seiner Familie wohnt. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Eine Woche vor seiner Selbsttötung unternimmt Seeger bereits einen Versuch, den seine Frau rechtzeitig bemerkt und verhindern kann. Seeger verschwindet daraufhin, taucht erst am 21. Februar wieder in der gemeinsamen Wohnung auf. 

Sophie Seeger macht zu den möglichen Suizidgründen nur wage Angaben, sicher auch, um ihren schwulen Bruder zu schützen. Sie begründet aber der Polizei gegenüber das Verschwinden ihres Mannes u.a. mit möglichen homosexuellen Kontakten. Was den jungen Mann, der ursprünglich überzeugten Nationalsozialist war, also in den Tod trieb, kann nur vermutet werden.

Eingang zum Wohnblock der Familie Seeger mit Stolperstein.

Mehr zur Biographie Paul Seegers findest du hier. Die Siedlung Luruper Chaussee 1 - 123 plante übrigens Gustav Oelsner. Aber das ist eine andere Geschichte.

Montag, 7. Februar 2022

Gustav Oelsner, Altonas vergessener Stadtplaner

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Das von Gustav Oelsner erbaute Haus der Jugend in der Altonaer Museumstraße, heute Sitz des Altonaer Theaters und einer Berufsschule.

Hamburg hat viele charakteristische Klinkerbauten, die oft nur Fritz Schumacher zugeschrieben werden. Altona, das erst seit 1939 zu Hamburg gehört, ist hingegen maßgeblich von Gustav Oelsner geprägt. Mit Schumacher verbindet ihn eine enge Freundschaft.

Der letzte der Häuserblöcke der Luruper Chaussee 1 - 123. Die Aufstockung erfolgte 1934 und nahm die kubistische Strenge. In dem Block auf dem Foto wohnt übrigens Paul Seeger. Aber das ist eine andere Geschichte-

Der am 23. Februar 1879 in Posen geborene Oelsner kommt als 44jähriger nach Altona, um einen Generalbebauungsplan für die preußischen Städte Altona, Wandsbek und Harburg zu erstellen. Von März 1924 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme ist Oelsner parteiloser Bausenator und Bürgermeister Max Brauer. Ihm ist es zu verdanken, dass Altona zahlreiche Grundstücke an der Elbe kauft, somit eine Parzellierung und Privatisierung verhindert, stattdessen öffentliche Parks gestaltet.

Zwischen den Häuserblöcken gibt es Grünflächen mit Spielplätzen. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Oelsner ist ein Vertreter des Neuen Bauens in seiner strengen kubischen Form. Er verzichtet meist auf keramischen Bauschmuck und nutzt die Möglichkeiten, mit der Anordnung der Klinker gestalterische Akzente zu setzen. Ein Beispiel ist das zwischen 1928 und 1930 erbaute ehemalige "Haus der Jugend" am Platz der Republik gegenüber dem Altonaer Rathaus. Der gelbgeklinkerte Stahlbetonbau, ursprünglich eine Gewerbeschule, beherbergt heute das Altonaer Theater und eine Berufsschule. Er steht im bewussten Kontrast zum Rathaus mit Renaissance-Anklängen und zum rotgeklinkerten Altonaer Museum. Durch geschickte Terrassenbildung wirkt das Gebäude eher filigran als massig. 

Die Siedlung an der Luruper Chaussee wird durch Stichstraßen erschlossen, die für die heutige Autoflut natürlich zu klein sind.

Neben Kommunalbauten prägen aber auch Oelsners Sozialbauprojekte das Altonaer Stadtbild, zum Beispiel das an der Luruper Chaussee oder die Steenkampsiedlung. Großen Wert legt er darauf, dass in der Nähe seiner Wohnbauten auch Schulen entstehen, die inzwischen leider oft abgerissen wurden. Spielplätze und Grünflachen sind ebenfalls fester Bestandteil seiner Planungen. 

Neben einem fächerförmigen Pavillon mit fünf Läden für die Grundversorgung der Bewohner an der Ecke zur Theodorstaße, der inzwischen leider leer steht, gibt es auch ein zentrale Heiz- und Waschhaus (heute Sitz einer Firma).

Zwar ist Gustav Oelsner parteilos, aber er gehört dem sozialdemokratischen Magistrat an und wird daher von den Nationalsozialisten abgesetzt. Oelsner geht in den Ruhestand Ein Prozess wegen vermeintlichen Amtsmissbrauchs und Verschwendung öffentlicher Gelder gegen ihn endet 1934 mit einem Freispruch. Zu diesem Zeitpunkt spielt seine jüdische Herkunft noch keine Rolle, aber 1937 wird der 58jährige Oelsner gezwungen, den Vornamen "Israel" zu führen. Zwar konvertiert er schon als Jugendlicher zum Christentum, aber seine Eltern sind Juden.

Zwar wird Oelsner jetzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt, aber er hat noch die Möglichkeit, zu einem Städtebaukongress in die USA zu fahren. Hier begegnet ihm Max Brauer, der ihm von einer Rückkehr nach Deutschland abrät. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen gelingt es Oelsner durch Vermittlung Schumachers, nach Ankara zu emigrieren. Dort lebt er bis 1949, ist in Ankara verantwortlich für den Städtebau der sich modernisierenden Türkei und baut den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität Istanbul auf. 

Nach der Befreiung holt der inzwischen nach Hamburg zurückgekehrte und zum Bürgermeister gewählte Max Brauer Oelsner als Referent für Aufbauplanung nach Hamburg zurück. Diesmal kümmert sich der inzwischen 70jährige um die Neugestaltung der Innenstadt und ist Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste. Mit 73 Jahren geht Gustav Oelsner 1953 in den Ruhestand. Er stirbt 1956 und ist neben Fritz Schumacher auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf beigesetzt. Neben seinen Bauten erinnert der Oelnerring in Osdorf / Groß Flottbek an den Architekten, Stadtplaner und Hochschullehrer. Im Altonaer Theater steht eine Oelsner-Büste, und die nach ihm benannte Gesellschaft kümmert sich um sein Andenken.

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Samstag, 5. Oktober 2019

Samstagsplausch KW 40/19: Herzlich willkommen

Das Altonaer Theater.
Mit Beginn der Theaterspielzeit könnte ich mich klonen, denn viele Produktionen muss ich beruflich sehen, manche möchte ich privat sehen, und das führt dazu, dass ich aktuell jeden Abend ins Theater gehen könnte.

Aber natürlich wähle ich aus, kann mir die Theaterbesuche mit einer Kollegin teilen (wen wir nicht gemeinsam gehen) und denke manchmal, das Stück läuft hoffentlich noch länger, das gucke ich später.

Zu den Produktionen, auf die ich mich wirklich freute, gehört "Herzlich willkommen", der vierte Teil der Kempowski-Saga im Altonaer Theater. Da war ich am Mittwoch, und wie beim dritten Teil, den ich im April sah, lautet mein Fazit: Hin da!

Das Stück setzt da ein, wo "Ein Kapitel für sich" endet. Walter Kempowski wurden nach acht Jahren Haft aus dem Gefängnis in Bautzen entlassen und geht zu seiner Mutter Grethe nach Hamburg. In Rückblenden wird der Gefängnisalltag in Bautzen beschrieben, wo Bruder Robert noch immer einsitzt.

Während Grethe Kempowski sich schnell einlebt, tut sich Walter schwerer. Ohne Ausbildung, ohne Ziel und Geld fühlt er sich von den Menschen, mit denen er es zu tun hat, nicht anerkannt und als Bürger zweiter Klasse. Er beginnt sein Studium, doch die Jahre in Bautzen haben ihre Spuren hinterlassen. Immer wieder erliegt er Anfällen von Melancholie. Doch in Göttingen, seiner Studienstadt, findet er die Frau fürs Leben und eine berufliche Perspektive: Er wird Dorfschullehrer und ist damit in jener Gesellschaft angekommen, die ihn als Ex-Häftling am Anfang keineswegs herzlich willkommen heißen wollte.

Axel Schneider ist eine unwahrscheinlich dichte und facettenreiche Darstellung der Nachkriegszeit gelungen, ohne Längen und mit viel Tempo. Das Ensemble um Johann Richter, der Walter Kempowski verkörpert, ist grandios. Schade nur, dass so wenig Besucher den Weg in diese ausgezeichnete Inszenierung finden. Ich wiederhole mich: Hin da! In zwei Wochen gibt es das Kempowski-Wochenende, eine gute Gelegenheit, alle vier Stücke nacheinander zu sehen.

Ansonsten habe ich mich über die Kollegin, die stets verneint, geärgert, denn sie fiel vor einem Vierteljahr wieder in ihr altes Verhaltensmuster zurück und ist entweder krank oder im Urlaub oder im Urlaub krank. Jetzt hatte ihre Laden-Kollegin elf Tage Urlaub, und prompt machte sie sich seit Wochen verrückt, weil sie im Laden vertreten müsse. Sie fühlt sich dadurch total gestresst und befürchtet, die Vertretung nicht zu schaffen.

Ich habe mal nachgerechnet: Von den 11 Urlaubstagen der Kollegin sind 5 Wochenende / Feiertag; 1 Tag hat die Kollegin frei wg. Teilzeit (Ladendienst: ich) und an 5 Tagen hat sie regulär ohnehin Ladendienst, egal, ob die andere Kollegin da ist oder nicht. Vertretungstage für sie: 0.

Die Kollegin zog es allerdings vor, krank zu werden, so dass das Team sie vertreten musste. Immerhin, gestern gesundete sie wieder, so dass Chef mich morgens ansmste, ich könne zu Hause bleiben.

Ich mag die Kollegin sehr gerne, aber das ist einfach unwahrscheinlich anstrengend. Ich habe absolutes Verständnis für Krankheit, falle zurzeit selbst viel aus, weil meine Migräne Party feiert, aber bei der Kollegin ist einfach ein Muster zu erkennen, das sie seit Jahren durchzieht. Hinzukommt, dass sie gegen die Beschwerden, die sie tatsächlich hat, nichts macht, weil sie jede Behandlungsform außer Bachblüten und Globuli ablehnt. Nun ja, ihre Verrentung in zwei Jahren ist einigermaßen absehbar.

In Planung unseres Februar-Urlaubs guckte ich gestern nach dem kleinen Häuschen in Bjerregård, in dem wir viele Jahre gerne urlaubten. Es hat nur wenig Komfort und ist winzig, aber für uns ist es einfach das schönste Ferienhaus. Wir fühlen uns dort zu Hause, und da der Gatte meinte, er könne sich ein Haus ohne Whirlpool vorstellen, suchte ich jetzt gezielt nach dem Haus - vergeblich: Im letzten Sommer ist das Haus abgebrannt, bis auf die Grundmauern.

Ich bin traurig, denn selbst, wenn dort wieder ein Haus gebaut wird, wird es sicher nicht mehr das alte hyggelige Häuschen sein, sondern zeitgemäßen Komfort bieten.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

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Montag, 1. Juli 2019

Ehemaliges Zwangsarbeitslager im Areal Norderstraße / Grotjahnstraße / Feldstraße

Montags gegen Nazis
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen.Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. 


Blick auf die Gedenktafel und die davor liegenden Stolpersteine in der Jessenstraße 1.
Am Technischen Rathaus in der Jessenstraße 1, unweit der Bushaltstelle, hängt gut sichtbar eine Erinnerungstafel für ein DAF-Zwangsarbeitslager. Der Gebäudekomplex war einst eine Kasernenanlage des dänischen Militärs, errichtet Anfang des 19. Jahrhunderts, als Altona zu Dänemark gehörte. Er stand einst im Areal Norderstraße / Grotjahnstraße / Feldstraße. Heute ist dort das Gewerbegebiet im Geviert Eschelsweg / Grotjahnstraße / Virchowstraße / Mörkenstraße. 

Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Räumung Mitte 1941 befinden sich in dem Gebäudekomplex ein Altenheim sowie eine Heil- und Pflegeanstalt. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden in verschiedene private oder staatliche Einrichtungen verteilt. Mindestens 22 werden im Rahmen der sogenannten Euthanasie ermordet. 


Blick auf die Gedenktafel (der Text lässt sich hier nachlesen).
Ab April 1942 werden Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich und Belgien in dem Gebäudekomplex untergebracht - bis zur Zerstörung im Feuersturm 1943 durchliefen etwa 3.000 überwiegend junge Männer das Lager. Die meisten bleiben nur kurz hier, werden auf andere Lager im Raume Altona oder auf Lager im von Deutschland besetzten Osteuropa gebracht. Die ersten Zwangsarbeiter sind 450 Männer aus der Ukraine. 

Am Abend des 1. Juli 1943 treffen 13 junge Männer, alle um die 20 Jahre alt, aus dem französischen Departement Vendée im Lager ein. Sie sind eigentlich Landwirt, Grundschullehrer, Bäcker, Forstwirt, Fischer oder Maurer. Nun leisten sie Zwangsarbeit im Hamburger Hafen oder bei Binnenschiffern.

Das Lager hat keinen Bunker, und schon in der ersten Nacht des Feuersturms  vom 24. auf den 25. Juli trifft es besonders den Kern Altonas, darunter auch das Gebiet um die Norderstraße. Zwölf der jungen Männer kommen in dieser Nacht ums Leben. Ein weiterer stirbt später an Typhus. 

Ebenfalls in der Norderstraße zur Zwangsarbeit eingesetzt ist der 21jährige Franzose Louis Deslandes. Mit einem Kameraden überlebt er knapp das Bombardement und kann fliehen. Die beiden schlagen sich in die Elbvororte durch, nach Othmarschen. In der Baron-Voght-Straße treffen sie zufällig auf den Unternehmen Hans L. Reineke, der in der nahegelegenen Parkstraße wohnt und auf dem Heimweg ist.

Reineke profitiert als Unternehmen zwar auch von der Zwangsarbeit, ist aber Mensch: Er nimmt die erschöpften und verwundeten Männer mit nach Hause. Im Einverständnis mit seiner Frau versteckt Reineke die beiden Männer, denn sie gelten als Deserteure, päppelt sie auf, kleidet sie ein und stattet sie schlussendlich mit falschen Papieren aus.

In einer Odyssee, bei der die beiden Franzosen auf weitere Menschen treffen, die ihnen helfen, gelangen Deslandes und sein Kamerad zurück nach Frankreich. Die Befreiung erleben sie im französischen Widerstand. Deslandes veröffentlicht 2004 ein Buch über sein Schicksal. Es ist leider noch nicht auf Deutsch erschienen. Deslandes, mittlerweile fast 90 Jahre alt, wendet sich 2011 an Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und bittet, die im Feuersturm verstorbenen Kameraden nicht zu vergessen.

Blick auf die 13 Stolpersteine (und einen Erklärstein).
So wird ihr Schicksal erforscht, werden 2012 die 13 Stolpersteine verlegt, kommt es zur Begegnung zwischen Deslandes und Reinekes Sohn, der erst als 73jähriger von der Heldentat seines Vaters erfährt, weil seine Eltern nie darüber sprachen, er als kleines Kind nichts davon mitbekam.

Die Rettung der beiden jungen Franzosen ist übrigens nicht die einzige Heldentat Reinekes: Er hilft Juden bei der Flucht und versteckt eine jüdische Familie auf seinem Dachboden, bis er im Herbst 1944 denunziert und bis zur Befreiung im Frühjahr 1945 inhaftiert wird.

Mehr über Deslandes und seine Geschichte gibt es auf dieser französischen Seite zu lesen.

Samstag, 18. Mai 2019

Samstagsplausch KW 20/19: Street Art-Spaziergang mit Angry Koala durch St. Pauli

Auch wenn es jobbedingt drüben in der Kombüse etwas ruhiger geworden ist, bekomme ich doch noch immer mehr Einladung zu PR-Events, als ich annehmen kann. Das liegt zum einen an mangelnder Zeit und Gesundheit, zum anderen daran, dass ich nur zu Events gehe, wenn ich das Produkt auch selbst verwende oder (halbwegs) guten Gewissens empfehlen kann.

Auf Tour.
Der Blick für kleine Kunstwerke wird geschult.
Bunte Fassaden.
Diese Woche verbrachte ich einen lauen Frühlingsabend mit Dark Horse Wines. Zuerst ging's auf die Straßen von St. Pauli, wo uns Julian von Angry Koala Street Art zeigte, dann in die Street Art School in der Rindermarkthalle und schließlich zum Essen samt korrespondierender Weine (Impressionen davon gibt es in der Kombüse).

Mural von Angry Koala.
Am Wegrand.
Der Spaziergang war sehr unterhaltsam und lehrreich, machte wirklich Spaß und öffnete die Augen auch für kleinste Stückchen Street Art. Und als Highlight gab's auch noch eine personalisierte Messenger Bag für jeden!

Die Hamburger Wall of Love (Detail) oder #nohatefamily.
Wall of Love (Detail).
Wall of Love.
Ansonsten war's 'ne anstrengende Woche, weil ich noch arg erklältet war und eigentlich ins Bett gehört hätte, aber Montag die Endabnahme meines Mammutprojektes hatte. Ich schleppte mich von Hustenkrampf zu Hustenkrampf, schlief wegen des Hustens kaum, steckte den Chef an.

Dark Horse Wine trifft auf Angry Koala.
Grüße an den Gatten.
Als ich dann Donnerstag die Druckfreigabe erteilte, beschloss ich, bis zur Abnahme in der Druckerei in der kommenden Woche sei's dann jetzt auch mal gut, und blieb gestern zu Hause. Dass die Ruhe wirklich notwendig war, merkte ich, als ich mich nur kurz hinlegen wollte, aber prompt sechs Stunden tief und fest schlief. Das war das Gesundschlafen, auf das ich seit letzter Woche wartete.

Auch irgendwie Street Art: Historische Inschrift über dem Weinladen St. Pauli
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

Montag, 18. März 2019

Sol LeWitt: "Black Form - Dedicated to the Missing Jews" auf dem Platz der Republik

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell plant das blau-braune Pack neben regelmäßigen Veranstaltungen im Hamburger Rathaus eine "Großdemo" am 14. April. Es bleibt also spannend. Das demokratische Hamburg trifft sich übrigens am 14. April um 11 Uhr auf dem Hachmannplatz. 


"Black Form" vor dem Altonaer Rathaus, aufgenommen an einem trübtimpseligen Februartag.
In der Sichtachse vom Altonaer Bahnhof zum Altonaer Rathaus, auf dem Platz der Republik, steht die Skulptur "Black Form - Dedicated to the Missing Jews" von Sol LeWitt. Ursprünglich 1987 für die Ausstellung "Skulptur Projekte" in Münster geschaffen, schenkte LeWitt das Werk zwei Jahre später Hamburg, da Münster eine dauerhafte Übernahme ablehnte.


"Black Form".
"Black Form" ist Minimal Art, ein aus Gasbetonsteinen gemauerter schwarzer Quader, fünfeinhalb Meter lang, zwei Meter hoch und zwei Meter tief. Die Skulptur wurde bewusst in der Sichtachse aufgestellt, um den Blick zu stören. Sie erinnert an die zerstörten jüdischen Gemeinden, ist den Juden gewidmet, die emigrierten oder ermordet wurden, symbolisiert ihr Fehlen. 


"Black Form": Detail.
LeWitts Skulpturen tragen grundsätzlich keine Inschrift. Das Stadtteilarchiv Ottensen erstellte zwei Tafeln, von denen noch eine existiert, die über die Geschichte der Jüdischen Gemeinden in Altona informieren.


Info-Tafel des Stadtteilarchivs Ottensen (zum Lesen des Textes hier klicken).
Der Platz der Republik, ein Park, wird nach der Verlegung des Altonaer Bahnhofs zwischen 1895 und 1897 angelegt und "Kaiserplatz" genannt (das einstige Bahnhofsgebäude ist heute das Altonaer Rathaus). 1922 erfolgt die Umbenennung ist "Platz der Republik", elf Jahre später wird daraus der "Adolf-Hitler-Platz", und 1938, nach dem Zusammenschluss von Hamburg und Altona, der "Reichsplatz", um eine Verwechslung mit dem Hamburger "Adolf-Hitler-Platz" (Rathausmarkt) zu vermeiden. Nach der Befreiung erfolgt die Wiederbenennung in "Platz der Republik".


Blick vom Altona Rathaus zum Bahnhof. Bei trübem Wetter ist "Black Form" kaum zu sehen.
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Montag, 11. März 2019

Betty-Levi-Passage in Altona

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell plant das blau-braune Pack neben regelmäßigen Veranstaltungen im Hamburger Rathaus eine "Großdemo" am 14. April. Es bleibt also spannend.


Blick in die Betty-Levi-Passage an einem tristen Februarmorgen.
Wer vom Platz der Republik zur Elbe möchte, nutzt oft die Betty-Levi-Passage. Der schmale Weg ist benannt nach einer jüdischen jüdischen Frau, die gestern vor 137 Jahren im ostpreußischen Labiau als Berta "Betty" Lindenberger geboren wurde. 

Lindenbergers Eltern ziehen nach Berlin, wo die junge Betty eine Ausbildung als Pianistin beginnt, die die 22jährige mit der Heirat des Altonaer Rechtsanwalts Moses Levi abbricht. Eine Karriere als Konzerpianistin geziemt sich nicht als verheiratet, orthodox gläubige Frau. Betty Levi zieht zu ihrem Mann nach Altona. Hier ist die Familie Levi seit neun Generationen ansässig. Die zehnte kommt zwischen 1908 und 1916 zur Welt: Betty Levi schenkt drei Töchtern und einem Sohn das Leben.

1920 zieht die Familie in die Klopstockstraße 23, wo heute ein Stolperstein an sie erinnert. Betty Levi führt ein typisch großbürgerliches Leben, kümmert sich um Haushalt und Kinder.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, eine erste Auswanderungswelle einsetzt, bleiben die 51jährige und ihr ein Jahr jüngerer Mann hier. Moses Levi erhält im gleichen Jahr ein Berufsverbot und stirbt 1938. 


Erinnerungstafel des Stadtteilarchivs Ottensen ür die Familie Levi, die zehn Generationen lang in Altona lebte - bis zur Shoah. Zum Lesen des Textes bitte hier klicken.
Betty Levi wird enteignet, weil ihr Haus den geplanten Monumentalbauten der Führerstadt und Hauptstadt der deutschen Schifffahrt im Wege steht. Sie muss ins Jüdische Altersheim in der Sedanstraße umziehen, wo sie unter prekären Umständen lebt. Ihre Kinder, die emigrieren konnten, bemühen sich vergeblich um ein Visum für ihre Mutter.

Am 11. Juli 1942 wird die 60jährige Betty Levi zusammen mit 293 jüdischen Hamburgerinnen und Hamburgern vom Hannoverschen Bahnhof aus nach Auschwitz deportiert. Ihr Todesdatum ist unbekannt.

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Montag, 10. Dezember 2018

Stolperstein für Leopold Simonsohn in der Ebertallee 201

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell pausiert das blau-braune Pack.

Der Stolperstein für Leopold Simonsohn in der Ebertallee 201.
Meine Buslinie fährt zurzeit Slalom um die Bahrenfelder Trabrennbahn, und so fand ich beim Umsteigen diesen Stolperstein für Leopold Simonsohn. Er starb heute vor 79 Jahren an den Folgen der KZ-Haft.

Der 1883 geborene Simonsohn stammt aus einer jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie, ist aber christlich getauft. Mit 15 Jahren bricht Simonsohn aus der Familie aus, um zur See zu fahren. Er arbeitet sich hoch zum Nautiker und Dritten Offizier.

1911 heiratet Simonsohn die nichtjüdische Altonaerin Bertha Brammann. Das Paar bleibt kinderlos und adoptiert 1922 den nichtjüdischen dreijährigen Wilhelm. Die Familie lebt erst in Groß Flottbek, um dann in einen Neubau in der Steenkampsiedlung umzuziehen, eine Gartenstadt, die für Kriegsheimkehrer und Familie mit geringem Einkommen erbaut wurde.

Simonsohn kämpft in verschiedenen Kriegen auf vielen Erdteilen und erhält noch 1935 das "Frontkämpferkreuz" für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg. Seine politische Einstellung ist deutschnational und konservativ, im Gegensatz zur roten Gesinnung der meisten Steenkamper. Dafür kassierte Sohn Wilhelm Prügel, hängt doch aus er Dachluke  des Hauses schon mal die Reichskriegsflagge.

Die Häuserzeile, in der einst Familie Simonsohn lebte.
Nach dem Ersten Weltkrieg gründet Simonsohn an der Ecke Notkestraße (früher Möllner Straße) und Luruper Chaussee eine Kohlenhandlung, die nicht nur die Bewohner der Steenkampsiedlung, die sogenannten Steenkamper, beliefert, sondern auch die Firmen in der Nachbarschaft wie die Zigarettenhersteller Reemtsma. Die Familie bringt es zu bescheidenem Wohlstand mit Dienstmädchen und Nähfrau. Sohn Wilhelm besucht das Realgymnasium in der Altonaer Königstraße und lernt in der Yachtschule Blankenese Segeln.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich das Leben der Simonsohns. Der Boykott von Geschäften mit jüdischen Inhabern trifft auch die Kohlenhandlung. Selbst die Bahrenfelder Kirchengemeinde, bislang Stammkunde, nimmt an dem Boykott teil und lässt sich nicht mehr von ihrem Mitglied beliefern. Kurze Zeit später werden alle Christen mit jüdischen Wurzeln aus der Kirche ausgeschlossen.

Die wirtschaftliche Situation der Familie verschlechtert sich zusehends. Die Familie muss in eine kleine Zweizimmerwohnung umziehen, die Kohlehandlung wird geschlossen, das Schulgeld für den Sohn kann nicht mehr aufgebracht werden. Als 15jähriger wird Sohn Wilhelm als "Judenlümmel" beschimpft und erfährt in der Folge von seinen Eltern, dass er adoptiert ist. Es gelingt dem Vater, ihn nach der Mittleren Reife bei einem ehemaligen Kunden als Lehrling unterzubringen. Der inzwischen 17jährige übernimmt im Ausbildungsbetrieb Nachtschichten, um die Familie ernähren zu können.

Leopold Simonsohn gelingt es, als einfacher Matrose bei der Fairplay-Reederei anzuheuern, deren Inhaberin Lucy Borchardt Jüdin ist. Aber 1938 ist auch dort kein Arbeiten mehr für ihn möglich. Gelegentlich kann der 55jährige als Nachtwächter auf Baustellen arbeiten. Die Familie leidet Hunger. Eine Emigration kommt für Simonsohn nicht in Frage, er fühlt sich durch seine nationalkonservative Einstellung geschützt, selbst dann noch, als er im Novemberpogrom 1938 verhaftet wird.

Nach viereinhalb Wochen Haft im KZ Sachsenhausen kommt Leopold Simonsohn als an Leib und Seele gebrochener Mann nach Hause. Ein Jahr später verstirbt der 56jährige in der Nacht zum 10. November an den Folgen der Haft.

Affiliate link zur sehr lesenswerten Biographie des Sohnes Wilhelm Simonsohn:

Montag, 29. Oktober 2018

Vor 80 Jahren: Die Deportation polnisch-stämmiger Juden am 28. Oktober 1938

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Infos zu den Demonstrationen der demokratischen Mehrheit findest Du u.a. beim Hamburger Bündnis gegen Rechts.

Jedes Mal, wenn ich Aufnahmen von Menschen in den Flüchtlingslagern sehe, muss ich an die sogenannte Polenaktion im Oktober 1938 denken. Vor 80 Jahren kommen die Nazis auf die Idee, alle polnisch-stämmigen Juden, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, nach Polen abzuschieben. Schon drei Jahre vorher beginnt man, alle Juden in der sogenannten Judenkartei zu erfassen. 

Listen und Karteien führen können sie, die alten Nazis wie die neuen. 


Gedenkstein für die Deportation polnisch-stämmiger Juden am Bahnhof Altona (Ausgang Museumstraße).
Im März 1938 verfügt die polnische Regierung, dass allen Polen, die mehr als fünf Jahre im Ausland leben, die Staatsbürgschaft entzogen werden könne. Ab 30. Oktober sollte die Einreise nach Polen nur noch mit einem Prüfvermerk des polnischen Konsulats möglich sein. 

Im Deutschen Reich leben zu diesem Zeitpunkt etwa 72.000 polnisch-stämmige Jüdinnen und Juden, die schlagartig staatenlos werden. Etwa 18.000 von ihnen werden am 28. und 29. Oktober 1938 verhaftet, in Sammellager und Gefängnisse transportiert und von dort in bewachten Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn in das deutsch-polnische Niemandsland deportiert. Für die Reichsbahn ist es übrigens eine Art Probelauf für die folgenden Deportationen.


Blick auf die Gedenkanlage am Ausgang Museumstraße. 
Einer der Deportierten ist der Vater von Lucille Eichengreen, über die ich zu Beginn dieser Reihe schrieb. Unter den Deportierten sind auch die Eltern und Geschwister des 17jährigen Herschel Grynszpan. Als er im Pariser Exil erfährt, was mit seiner Familie passiert, verübt er ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath - Anlass für die Nazis, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 mit schon lange geplanten Pogromen zu beginnen. 

Etwa 10.000 der Deportierten können zu Verwandten und Bekannten in Polen weiterreisen und finden dort Zuflucht. Etwa 8.000 Menschen stranden im polnischen Ort Zbąszyń, wo sie den Winter 1938/1939 unter katastrophalen Bedingungen verbringen. Nach Protesten des polnischen Außenministeriums werden die Deportationen gestoppt. 


Der Text des Gedenksteins.
Diejenigen, die sich noch im Niemandsland aufhalten, werden zurück nach Deutschland gebracht. Im Januar 1939 dürfen im Rahmen der Familienzusammenführung 6.000 Frauen und Kinder nach Polen einreisen. Acht Monate später marschieren deutsche Soldaten in Polen ein. 

Seit 1987 gibt es einen Gedenkstein am Altonaer Bahnhof, initiiert von der Bezirksversammlung. Der Stein wurde mehrfach umgesetzt und steht aktuell am Ausgang Museumstraße. Die Gestaltung ist typisch für Hamburg: Stein, Gedenktafel und Text fügen sich harmonisch in die Umgebung ein. Anders gesagt: Leicht zu übersehen und schwer zu lesen.

Sehr lesenswert: Die Memoiren des Hamburger Kantors Joseph Cysner.