Montag, 29. April 2019

Gedenktafel für die Deportationen jüdischer Hamburgerinnen und Hamburger am Hauptbahnhof

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren. Es bleibt also spannend. 


Gedenktafel für die Deportationen jüdischer Hamburgerinnen und Hamburger am Hauptbahnhof, Nebenausgang Mönckebergstraße. 
Tafeln, die an die NS-Zeit erinnern, werden gerne so gestaltet, dass sie sich farblich harmonisch an ihre Umgebung anpassen. Die 1993 am Hamburger Hauptbahnhof angebrachte Gedenktafel für die Deportationen jüdischer Hamburgerinnen und Hamburger ist also unter normalen Umständen schon kaum zu finden. Aktuell ist sie aber in einer Sackgasse hinter einem Bauzaum versteckt, in einer Ecke, die, den Hinterlassenschaften nach zu urteilen, hauptsächlich als Toiletten genutzt wird. Immerhin: Die Gedenktafel ist trotz Baustellen zugänglich. 

Die Deutsch-Jüdische Gesellschaft um den Politologen Wilhelm "Willy" Mosel initiiert die Gedenktafel, die 1993 am Nebenausgang zur Mönckebergstraße am Hauptbahnhof angebracht wird. Die Tafel am Hauptbahnhof ist ein Kompromiss: Am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, heute ein Gedenkort, kann zu dieser Zeit noch nicht an die Deportationen erinnert werden. 


Blick auf den Standort der Gedenktafel (rechts am Treppengeländer).
Willy Mosel wird 1937 als uneheliches Kind einer nicht-jüdischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren. Die Eltern werden verhaftet, deportiert und ermordet. Mosel und die von ihm in Leben gerufene Deutsch-Jüdische Gesellschaft leisten seit Ende der 1970er Jahre Pionierarbeit in der Erforschung und Sichtbarmachung. Der Verein veröffentlicht mehrere "Wegweiser zu ehemaligen jüdischen Stätten", veranstaltet Stadtführungen, initiiert Gedenktafeln und Gedenksteine, auch weit über die Grenzen Hamburgs hinaus. Mosel stirbt 1999 im Alter von 62 Jahren. 

Samstag, 27. April 2019

Samstagsplausch KW 17/19: Zwischen Entspannung und Spannung

Die Ostertage waren sehr erholsam und eine willkommene Pause.

Den letzten Sonnabend begannen wir mit einem entspannten Frühstück für zwei im Café Melange. Das machten wir Weihnachten schon mal, und es gefiel uns so gut, dass ich für Ostern wieder vorschlug - der Gatte und ich haben ja sonst einfach zu wenig Wir-Zeit.

Blick vom Balkon des Café Melange auf den Rathausmarkt.
Das Café war trotz der frühen Stunde übervoll - unglaublich, wie viele Touristen in der Stadt unterwegs waren! Wir genossen das Frühstück, guckten einer Möwe zu, die verbissen einen Ponton gegen Tauben verteidigte, fragten uns, ob Möwen Tauben fressen, verteilten Brotkrumen an neugierige Spatzen und schlenderten anschließend durch die Geschäfte - im Gegensatz zu mir liebt der Gatte Einkaufsbummel.

Ostersonntag beginnt wie alle Feiertage mit einem Brunch mit Mudderns im Lim's. Mudderns war wieder so fit, dass sie alleine dort hin kam und schon auf uns wartete. Abends ging's zu Schwiegermutter, wo wir lange auf der Terrasse saßen und den lauen Abend genossen.

Ostermontag nahm ich allen Mut zusammen und zerschnitt die Ferse von Filzpuschen, die zu groß waren. Keine Ahnung, was da schief lief, denn aus dem Garn hatte ich schon ein Paar für Mudderns gemacht, und da schrumpfte die Wolle wunschgemäß. Bei meinem Paar verfilzte sie zwar, schrumpfte aber nicht, auch nicht drei drei Runden in der Waschmaschine (die letzte sogar bei 60°C!).

Nach vielem Grübeln überlegte ich mir, dass der Filz kaum aufribbeln würde, also schnitt ich einige Zentimeter an der Ferse ab und nähte die Puschen passend zusammen. Es klappte!

Dienstag bis Freitag wurde gearbeitet. Mein Überstundenkonto wuchs. Aber bei meinem Mammutprojekt ist ein Ende in Sicht: Noch neun Werktage bis zur Abgabe an die Druckerei. Das Setting für die Pressekonferenz steht, die Pressemitteilung ist geschrieben - kann also beides abgehakt werden.

Es ist aber schon merkwürdig, plötzlich seine eigene Pressekonferenz zu organisieren, nachdem ich das viereinhalb Jahre für andere machte. Die Arbeitsabläufe sind die gleichen, Aufregung und Anspannung auch, nur kann ich mich nicht mehr mit dem Argument, ich wäre die Sekretärin vor Kamera und Mikrophon drücken. Ich hab' ja mehr so das Radiogesicht und muss gucken, dass ich Ende Mai wenigstens noch zum Friseur komme, wenn sich schon die Schönheits-OP nicht mehr ausgeht.

Donnerstag ging's ins Ernst-Deutsch-Theater in die Premiere von "Demokratie" von Michael Frayn. Das Stück thematisiert die Kanzlerschaft Willy Brandts bis zu seinem Rücktritt wegen der Guillaume-Affäre. Neben den zeitgeschichtlichen Ereignissen stehen vor allem die Motivationen der Politiker im Mittelpunkt. Auch wenn die Inszenierung Längen hat, ist es ein unwahrscheinlich intensives Stück. Unbedingt sehen!

Freitag endete die Woche, wie sie begann: Im Café Melange. Diesmal gab's allerdings kein Frühstück, sondern ein Arbeitsessen am Abend.

Dieser Beitrag wandert rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

Montag, 22. April 2019

Stolpersteine für Jacob und Theophile Blanari in der Weidenallee 10

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren. Die für vorgestern in Harburg geplante Demo ließen sie allerdings wegen Zeitverzugs ausfallen. Ihre Zeit ist ohnehin seit 1945 vorbei.

Stolpersteine für Jacob und Theophile Blanari in der Weidenallee 10.
In einer Durchfahrt in der Weidenallee 10 liegen Stolpersteine für Jacob und Theophile Blanari. Das Paar hat vier Kinder und zieht um 1908 aus Berlin nach Altona bzw. Hamburg. Blanari stellt Haushaltsgegenstände und Möbel her, aber der finanzielle Erfolg scheint auszubleiben. Die Familie lebt in prekären Verhältnissen, zieht oft um. 

Als die Deutsch-Israelitische Gemeinde 1934 im Hinterhof Weidenallee 10a eine Lehrwerkstatt für Tischler einrichtet, übernimmt der 55jährige Blanari kurz darauf die Leitung. Im gleichen Gebäude gibt es auch eine Lehrwerkstatt für Schlösser. Jüdische Jugendliche werden hier in den beiden Handwerksberufen ausgebildet, um nach Palästina auswandern zu können.  

Die Blanaris sorgen dafür, dass ihre vier Kinder auswandern können, emigrieren selbst aber nicht. Im Oktober 1941 beginnen die Deportationen jüdischer Hamburgerinnen und Hamburger. Theophile und Jacob Blanari erhalten ihren Deportationsbefehl für den Transport am 8. November 1941. 

Blick in die Weidenallee 10a.
Am Morgen macht sich das Paar mit je einem gepackten Koffer auf zum Logenhaus auf der Moorweide, nicht ohne zuerst seinen Wohnungsschlüssel beim nächsten Polizeirevier abgegeben zu haben - sein Eigentum ist beschlagnahmt, und wenn die Habseligkeiten direkt aus der Wohnung heraus verkauft werden, will man sich nicht erst lange mit dem Aufbrechen des Türschlosses aufhalten.

Vom Logenhaus geht's in Polizeiwagen zum Hannvoverschen Bahnhof - nicht etwas klammheimlich nachts, sondern tagsüber, vorbei an denen, die später von nichts gewusst haben wollen. Insgesamt 1.000 Menschen werden am 8. November 1941 aus Hamburg deportiert. Sie verbringen dreieinhalb Tage eingepfercht in überfüllten Waggons. In Minsk angekommen, müssen sie erstmal die Leichen kurz zuvor erschossener jüdischer Weißrussen wegräumen und verbrennen. Die Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet, um Platz zu machen für die Hamburger.  

In Minsk verliert sich die Spur des 61jährigen Ehepaares Theophile und Jacon Blanari.

Samstag, 20. April 2019

Samstagsplausch KW16/19: Ein Kessel Buntes

Mein Mammut-Projekt dominiert momentan alles. Mein Überstundenkonto wächst, Mittagspause ist ein Fremdwort, außer montags, wenn ich meine Lektorin beim Italiener treffe, wir die letzten Korrekturen durchsprechen, und wenn ich mal frei habe, kann ich nur noch kraftlos mindless stricken. Zum Bloggen, Lesen oder gar zum Kommentieren komme ich zurzeit kaum.

Mitte Mai kann ich ein bisschen durchatmen, dann ist das Manuskript in der Druckerei. Dann heißt es, bis zur Pressekonferenz Anfang Juni durchhalten, und Ende Juni, wenn die Sommerferien anfangen, kann ich endlich runterkommen.

Aktuell auf den Nadeln: Wassermelonensocken*.
So, wie es aussieht, kann ich dann auch endlich wieder die Terrasse und unseren kleinen Garten genießen, denn es scheint, als wäre der Vermieter beim Durchsetzen des Fußballverbots auf der Grünfläche zwischen unseren Häuserblöcken endlich erfolgreich. Seit einer Woche wird dort nicht mehr gebolzt, sondern gespielt, landen keine Bälle mehr auf der Terrasse, sind unsere Fenster kein Fußballtor mehr. Das ist richtig schön!

Beute: Hedgehog Fibres Skinny Singles*
Entspannung brachte Sonntag die Strickhafenrundfahrt vom Maschenwunder. Diesmal machte ich keine Fotos, aber hier gibt es Impressionen vom vorletzten Herbst. Stell' Dir vor, wir haben mitten im Hafen-Industriegebiet einen Fuchs gesehen! Er saß am Ufer und sah so aus, als wolle er auf die Enten los, die dort schwammen.

Eigentlich wollte ich ja keine Wolle kaufen, bis mein Stash abgearbeitet ist (bei einigen Knäulen weiß ich schon gar nicht mehr, wofür ich sie kaufte ...), aber an "Guppy" von Hedgehog* kam ich auf der Hafenrundfahrt nicht vorbei. Daraus wird ein Schal. Überhaupt kaufe ich momentan zu viele schöne Sachen - irgendwie muss ich mich für den Stress belohnen ...

In der Panik City.
Dienstlich ging's diese Woche mal nicht ins Theater, sondern in die Panik City, dem Udo-Lindenberg-Museum auf dem Spielbudenplatz. Für richtige Fans ist das sicher ein Muss. Ich hingegen bin mehr so die klassische Museumstante; mir fehlten die verschiedenen Ebenen und die Gelegenheit, einzelne Themen zu vertiefen, denn man hat genau 90 Minuten Zeit für den Besuch.

Diese Woche stand auch die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst bei Mudderns an. Den Termin gab's diesmal rasend schnell. Die Gutachterin war die gleiche wie vor zwei Jahren, und diesmal scheint es mit Pflegestufe 1 geklappt zu haben, denn Mudderns körperlicher und seelischer Verfall fiel ihr auch auf.

Der zweite Monat des Verspätungsschals. Damit das Dunkelrot besser auffällt, stricke ich Perlen ein.
Inzwischen habe ich den zweiten Monat des Verspätungsschals gestrickt. Zwischen dem 11. März und dem 5. April zählte ich 46 Fahrten mit 325 Minuten Verspätung, also 7,06 Minuten Verspätung pro Fahrt. Bei zwei Fahrten hatte ich über 20 Minuten Verspätung und bekam jeweils 1 Euro erstattet. Wie ich zum Verspätungsschal kam, kannst Du hier nachlesen.

Dieser Beitrag wandert rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Ich wünsche Euch chag pessach semeach, frohe Ostern und ein schönes Wochenende.

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Samstag, 13. April 2019

#12von12 im April 2019

Caro von "Draußen nur Kännchen" sammelt wie jeden Monat am 12. des Monats 12 Impressionen des Tages - vielen Dank dafür! Hier sind meine.


#1: Bushaltestellen-Warteblick, ab April meist ohne Pferde.
Der Arbeitstag beginnt eine Stunde später als sonst, denn vorm ersten und einzigen Termin lohnt es sich nicht, erst ins Büro zu fahren. schon gar nicht, weil ich baustellenbedingt gerade mal wieder deutlich über eine Stunde in die Stadt brauche. Dafür blieb ich am Vortag zwei Stunden länger. Mein Überstundenkonto wächst gerade enorm.


#2: Arbeiten.
Nach dem Termin laufe ich im Sonnenschein an der Alster entlang ins Büro, hole unterwegs noch was bei Douglas ab und kaufe ein Brötchen als Mittagessen.


#3: Noch mehr arbeiten.
Freitags ist es im Büro immer sehr leer. Kurzer Austausch mit der einzigen Kollegin, die außer mir noch da ist, und dem Chef, dann ein Anruf an die Laden-Kollegin, damit sie weiß, dass in der Verwaltung noch jemand bis Ladenschluss erreichbar ist (und länger ...).


#4: Noch eine Liste für die kommende Woche machen, dann ist endlich Wochenende.
Auf dem Heimweg will ich nur noch kurz bei Mylys reinspringen, um Nadelspiele zu kaufen, aber wie jeden Tag, fallen S-Bahnen aus.


#5: Richtung Westen geht gerade mal wieder gar nichts. 


#6: Endlich am Bahnhof Sternschanze angekommen.
#7: Verbeugen und innehalten.
#8: #supportyourlys
Für den Heimweg nehme ich den Bus. Es ist wenig Verkehr. Viele scheinen schon in den Osterurlaub aufgebrochen zu sein. Kaum bin ich zur Tür durch, ruft Mudderns an. Zurzeit ist der Stresslevel im Büro so hoch, dass ich schon wieder vergaß, sie vor Feierabend anzurufen, und sie geht immer noch mitten am Tag ins Bett.

#9: Das Abendessen, weder saisonal noch regional, aber es geht gerade nicht anders.
Kochen, Abendessen, Füße hochlegen, Beute sichten, das Strickjournal aktualisieren, stricken.

#10: Fette Beute.
#11: Entspannen.
Rechtzeitig zum Mitternachtskrimi geht's ins Bett, und bevor das Hörspiel anfängt, wird noch etwas gelesen.

#12: Lesen*.
Das war der 12. April, und wie immer darf an dieser Stelle die Klage nicht fehlen, dass das Jahr viel zu schnell voranschreitet. Macht was draus!

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Samstag, 6. April 2019

Samstagsplausch KW14/19: Theater, Theater

Heidi Kabel vor dem Ohnsorg-Theater.
Beruflich gehe ich ins Theater und mache Ferien. Diese Woche begann mit Theater, genauer gesagt mit dem dritten Teil der Kempowski-Saga im Altonaer Theater, "Ein Kapitel für sich".

Das Stück spielt nach der Befreiung in Rostock. Walter Kempowski und seine Mutter schlagen sich durch, warten auf die Rückkehr von Bruder Robert und den Vater, der aber den Krieg nicht überlebt.

Robert baut die Familien-Reederei wieder auf und wird Zeuge, wie die sowjetischen Besatzer Güter als Reparationen außer Landes schaffen. Walter setzt sich 1947 mit den entsprechenden Frachtbriefen in den Westen ab und kooperiert mit einem amerikanischen Geheimdienst. im folgenden Jahr besucht er seine Familie in Rostock, wird verhaftet, wegen Spionage angeklagt un in Bautzen inhaftiert. Bruder und Mutter werden ebenfalls verhaftet und verurteilt.

Die Inszenierung ist trotz einiger Längen sehr intensiv und packend - unbedingt sehenswert! Ich will noch die beiden ersten Teile nachholen, fragt sich nur, wann.

Schwierig war's für mich, ins Theater zu kommen, denn wie üblich hatte ich meine Büro-Tasche dabei und dusseligerweise nicht daran gedacht, zusätzlich meine Abendtasche einzustecken. Die Büro-Tasche durfte ich nicht mit in den Saal nehmen, weil, so die Garderobiere: "Ihre Tasche ist ein Evakuierungshindernis!" Ich sah sie nur an: "Gucken Sie mich an, gucken Sie meine Tasche an. Wer von uns beiden ist da wohl das größere Evakuierungshindernis - meine Tasche oder ich?!"

Half nichts, ich musste Notizbuch, Portemonnaie, Taschentücher, Asthmaspray, Kamera, Telefon, die Unterlagen für die Begleitung, Programmheft, Eintrittskarten und Bonsche anderwärts verstauen. Dusseligereise trug ich eine Kladage ohne Taschen. Es geht doch nichts über große Körbchen ...

Ein bisschen unangenehm war's der Garderobiere, weil "Sie sind von der Presse, oder?" Ähm, ja, aber die Pressekarte spiele ich nicht aus, die Garderobiere setzt ihre Anweisungen um, und die machen ja im Notfall Sinn, Presse hin oder her. Bislang dachte ich, die Mitnahme der Abendtasche wäre überflüssig, aber seit Sonntag weiß ich, das macht schon Sinn, will ich mein Geraffel nicht im BH transportieren.

Da meine Büro-Tasche feuerrot ist, empfahl der Gatte, das nächste Mal einfach einen unserer Auto-Feuerlöscher einzupacken und zu behaupten, ich wäre Feuerwehrfrau im Undercover-Einsatz. Ob das zieht?

Dienstag und Freitag standen dann jeweils Spielzeit-Pressekonferenzen auf dem Plan. Da müsste ich zwar nicht unbedingt hingehen, meinen die Kollegen, aber ich lerne nebenbei viele meine Ansprechpartner endlich mal persönlich kennen und bekomme Informationen, die ich sonst mühselig zusammensuchen müsste. Chef ist zum Glück meiner Meinung.

So hatte ich nach zwei Stunden schon die Grundlage für das kommende Jahr, quasi nebenbei - plus Stoff für die Montags-Reihe. Meine ehemaligen Chefredakteure wären stolz auf mich, predigten sie doch immer, man solle mit mindestens zwei Geschichten vom Termin zurückkommen.

Diese Woche sollte eigentlich der Pflegedienst bei Mudderns anfangen, aber der rief Donnerstag an und sagte krankheitsbedingt ab. Mudderns ging trotzdem in die Stadt, mit Hilfe der Nachbarin. Ganz langsam geht's bei ihr also wieder ein bisschen bergauf. Ich hoffe, der Pflegedienst kommt nächsten Donnerstag. Der Termin für die Beurteilung durch den Medizinischen Dienst steht auch. Das ging diesmal richtig schnell.

Mudderns wollte prompt absagen, weil "Mir geht's doch wieder besser", aber ich wurde sehr deutlich. Ich habe nicht mehr die Kraft, sie immer wieder aus der Depression zu holen, zumal sie das nicht will. Momentan hat die Nachbarin einen guten Einfluss auf sie, kann vieles anschieben, was ich jahrelang vergeblich versuchte, zum Beispiel, dass ein Geländer an der Eingangstreppe angebracht wird, damit Mudderns Halt findet.

Freitag und heute habe ich den zweiten Monat des Verspätungsschals gestrickt. Den aktuellen Stand zeige ich Dir nächsten Sonnabend; ich kam noch nicht zum Fotografieren. Es ist wieder viel Orange-Rot. Letzten Freitag war S-Bahn-Chaos, ich weiß gar nicht mehr, warum. Zum Glück konnte mich der Gatte auflesen.

Diesen Dienstag gab's dann technische Probleme am Gleis, was immer das heißt, vermutlich bröckelnde Bahnsteige, weswegen zwischen Poppenbüttel und Berliner Tor nichts fuhr - blöd, wenn man zum Flughafen wollte. Am anderen Ende der Strecke gab's in Hochkamp einen Liegenbleiber und in Sülldorf eine defekte Weiche, weswegen der Zugverkehr dann auch in meine Richtung eingestellt wurde. Ich hatte Glück und kam noch bis Othmarschen, wo ich eh umsteigen muss. Der Bahnsteig war so voll, dass ich kaum aus der Bahn kam, und auf dem Bussteig sah's nicht besser aus, aber zumindest kam ich an.

Gestern kam ich glücklich bis Altona, bevor der S-Bahn-Verkehr ganz eingestellt wurde wegen eines Polizei-Einsatzes am Hauptbahnhof. Zum Glück kann ich von Altona aus mit dem Bus nach Hause fahren. Das dauert zwar, fütterte aber das Sparschwein mit einem Euro Entschädigung für eine Verspätung über 20 Minuten. Na ja, und von den beinahe täglichen Signalstörungen rede ich gar nicht erst.

Ab Montag gibt es zu den S-Bahn-Störungen auch noch Umleitungen auf meiner Buslinie bis Ende des Monats. Das wird spaßig.

Heute Abend bescherte der Gatte uns unverhoffte "Wir-Zeit" und beschloss, dass wir zum Griechen essen gehen. Wir sahen uns unter der Woche kaum, und so war's schön, mal eine Stunde zusammenzusitzen und zu reden.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Ich wünsche Dir eine gute Woche!

#WMDEDGT 4/19: Bekenntnis zur Vielfalt

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Beim Holen des Morgenkaffees nehme ich das Huhn für das Abendessen aus dem Tiefkühler, dann geht's an den Schreibtisch, um Mails an Vermieter und Versicherung zu schreiben. Die Bolzblagen Nico und Luca üben inzwischen regelmäßig gezielte Torschüssen auf eines unserer Fenster, und es ist klar, dass das nicht lange gut gehen kann. Also, uns ist das klar, zumal Luca vor einem Jahr die Tür vom Block gegenüber zerschoss. Vermieter und Eltern der Blagen interessiert es nicht, und die Väter der Blagen spielen ja selbst mit.

Wir setzen dem Vermieter eine Frist zur Aufstellung eines Zaunes (er ist ja nicht in der Lage, das Fußballverbot durchzusetzen, also erscheint uns der Zaun als einzige Lösung, nachdem Gespräche in den letzten Jahren nichts brachten) und informieren prophylaktisch schon mal die Versicherung über erhöhte Einbruchsgefahr, wenn die Jungs erfolgreich waren.

Der Gatte macht sich auf den Weg ins Büro. Ich gucke, wie lange ich zum ersten Termin des Tages brauche, addiere dann 20 Minuten dazu für ausgefallene Busse und S-Bahnen. So oder so habe ich noch Zeit und frühstücke. Dann anziehen, Lächeln ins Gesicht malen und ab zum Bus.

Erstaunlicherweise klappen alle Anschlüsse, habe ich noch Zeit zum Rumbutschern in meiner alten Büro-Heimat. Natürlich halte ich kurz beim Feuersturm-Denkmal inne. Aber ich entdecke auch Neues: Den Schallplatten- und Filme-Laden Norma Jean. Das ist ein richtiges Stöberparadies! Hin da!

Mein einziger Termin des Tages ist die Spielzeit-Pressekonferenz des Ernst-Deutsch-Theaters. Die kommende Spielzeit verspricht spannend zu werden. Der Spielplan ist ein klares Bekenntnis für die Vielfalt, gegen Faschismus, Rechtspopulismus und AfD. Sehr sympathisch! Ich bin vor allem auf "Weißer Raum" von Lars Werner gespannt.

Nach der PK flitze ich direkt ins Büro. Am Gänsemarkt kommen mir Schülerinnen und Schüler der heutigen Fridays for Future-Demo entgegen. Ich gebe noch kurz die Mängelanzeige an den Vermieter als Einschreiben auf und hole mir zwei Börek.

Im Büro ist meine Sechs-Wochen-Assistenz schon fleißig und holt Druckfreigaben ein. Für mich ist es total ungewohnt, Unterstützung zu haben (in den letzten vierzehn Jahren war ich die Assistenz), und so sitze ich bei einer Tasse Tee fünf Minuten verwirrt da und überlege, was ich tun könnte. Dabei fällt mir auf, dass mein Schreibtisch gestern geputzt wurde. Meine Papierberge sind dank Assistenz so geschrumpft, dass sich der Putzmann das wieder traute. Normalerweise mache ich das freitags selbst, damit die Papierberge nicht durcheinander kommen, aber er ist damit nicht glücklich, weil es schließlich doch sein Job ist.

Die nächsten vier Stunden telefoniere ich mit der Beschaffungsabteilung, die optimistisch ist, dass ich noch vor Ostern eine Druckerei für mein Mammutprojekt haben werde, mache die Vorausplanung für 2020 für ein anderes meiner drei Projekte, erfasse Korrekturen bei meinem Mammutprojekt und fange mit dem Inhaltsverzeichnis für die Broschüre dazu an. Ich fluche. Die starre Arbeitsweise meiner Vorgängerin hat einen entscheidenden Vorteil: Das Inhaltsverzeichnis der Broschüre brauchte sie selten zu aktualisieren, weil fast immer alles gleich blieb.

Meine Lektorin meldet sich. Sie wird bis Montag mit dem zweiten Korrekturgang des Mammutprojekts durch sein und könnte mir dann den bezwungenen Papierberg übergeben. Wir verabreden uns zur Mittagspause beim Italiener. Der Layouter bestätigt den Termin zur Einarbeitung der Korrekturen. Läuft also.

Bevor meine Assistenz geht, besprechen wir kurz, wie viel sie schaffte, und beschließen, dass ich den größten Stapel an Druckfreigaben selbst übernehme, sie sich um die zahlreicheren kleinen Kapitel und um die Adressdateien kümmert. Ich habe Angst, dass mir die Zeit davon läuft, und meine Assistenz ist nur ein paar Stunden pro Woche da, weil sie eigentlich studiert.

Freitags bin ich nachmittags die einzige im Büro. Mir macht es nichts aus, später Feierabend zu machen, denn dafür kann ich mir meistens morgens länger Zeit lassen. Heute wird es sogar noch früher leer, weil Urlaube, Freizeitausgleich, Teilzeit und überhaupt. Zum Glück war eine Kollegin so nett, ihre Arbeitstage zu tauschen, denn sonst hätte ich vormittags nicht zur PK gehen können.

Ich telefoniere mit Mudderns. Das mache ich inzwischen am frühen Nachmittag, weil mich das weniger unter Druck setzt, als wenn ich nach Hause hetzen muss, um sie noch zu erreichen, bevor sie am späten Nachmittag ins Bett geht. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist immer noch gestört. Bei ihr ist sonst alles in Ordnung, sie ist gut drauf. In der  kommenden Woche kommt dann hoffentlich auch der Pflegedienst. Diese Woche fiel der Termin aus.

Kurz vor Ladenschluss frage ich die Ladenkollegin telefonisch, ob bei ihr alles okay ist oder ob sie Hilfe bei der Abrechnung braucht. Sie verneint, also kann ich ohne Umweg über den Laden nach Hause.

Der Heimweg gestaltet sich mal wieder schwierig. Die S-Bahn hat wie so oft technische Probleme, und als ich in Altona bin, wird der S-Bahn-Verkehr aufgrund eines Polizeieinsatzes ganz eingestellt. Ich steige in den Bus um und bin mit 21 Minuten Verspätung zu Hause. Das Sparschwein darf sich über 1 € Verspätungsentschädigung freuen.

Zu Hause sind erfreulicherweise noch alle Fenster heil. Ich suche trotzdem schon mal die Telefonnummer der zuständigen Polizeiwache raus und hänge sie an die Pinnwand, damit sie schnell zur Hand ist, wenn Luca und Nico in ihrer Zerstörungswut erfolgreich waren und wir eine Sachbeschädigung anzeigen müssen.

Der Gatte ist noch unterwegs. Ich schäle schon mal die Kartoffeln für's Abendessen, und als ich damit fertig bin, kommt der Gatte mit den noch fehlenden Wurzeln. Das Abendessen wandert in den Ofen. Ich beginne mit dem nächsten Abschnitt des Verspätungsschals.

Abendessen, stricken, Krimi und Heute Show gucken, dann mit dem Mitternachtskrimi im Radio ins Bett, und das war's dann auch schon wieder mit diesem Tag. Das erste Vierteljahr 2019 ist schon wieder vorbei - viel zu schnell.

Das Rezept zum Tag gibt's wie üblich in der Kombüse.

Dienstag, 2. April 2019

Schal im Guernsey-Muster (Schachenmayr S10341AB) aus den Vielgefachten

Als ich Anfang Februar erfuhr, dass eine langjährige Freundin, die ich leider zu selten sehen kann, sehr krank war, beschloss ich spontan, ihr einen Schal zu stricken, auch, damit sie mit einem Blickfänger von der erkrankten Region ablenken kann.

Schal im Guernsey-Muster.
Die Wahl fiel auf diesen Schal, der ohnehin auch für mich selbst auf der Liste steht, allerdings aus Wolle, für den Winter. Für dieses Modell wählte ich Harmonie Sorbet von den Vielgefachten aus dem Wollpalast aus.

Der Schal im Überblick.
Persönlich wäre mir der Farbverlauf zu dezent, mag ich den Apricot-Ton nicht so sehr, aber es ist die Lieblingsfarbe der Freundin. Das weiß ich, seitdem ich angesichts ihres neuen Autos spontan sagte, bei der Farbe habe sie hoffentlich einen Nachlass bekommen. Im Gegenteil - es war eine Speziallackierung gegen Aufpreis ...

Muster samt Fehlern im Detail.
Bei einem Rapport schaffte ich es erst im dritten Anlauf, die Strickschrift zu verstehen. Ich habe mich entschlossen, das nicht aufzuribbeln. Erstens gefällt mir die Abweichung, zweitens wird Perfektes erst durch Unperfektes perfekt.

Noch mehr Muster im Detail, diesmal fehlerlos.
Da wir uns wie gesagt zu selten sehen, verschicke ich den Schal per Post und hoffe, er kommt im doppelten Sinne gut an.

Hier geht's zur AnleitungDer Beitrag geht rüber zu den Linkparties CreadienstagDings vom DienstagHandmade on Tuesday und Maschenfein. Danke an alle für's Sammeln!

Montag, 1. April 2019

Vor 86 Jahren: Boykott des Warenhauses Tietz (Alsterhaus)

Hamburger Bündnis
gegen Rechts
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell plant das blau-braune Pack neben regelmäßigen Veranstaltungen im Hamburger Rathaus eine "Großdemo" am 14. April. Es bleibt also spannend. Das demokratische Hamburg trifft sich übrigens am 14. April um 11 Uhr auf dem Hachmannplatz.

Am 1. April 1933, kurz nach der Machtübernahme, rufen die Nationalsozialisten dazu auf, Geschäfte mit jüdischen Inhabern zu boykottieren. Davon ist auch das beliebte "Warenhaus Hermann Tietz", kurz "Hertie", betroffen, das an prominenter Stelle am Jungfernstieg steht. Die jüdische Familie Tietz betreibt in ganz Deutschland Kaufhäuser. Das 1912 am Hamburger Jungfernstieg ist mit seiner palastartigen Anmutung, Marmorböden und Kristalllüstern das Aushängeschild.

Das Alsterhaus am Jungfernstieg.
Ende der 1920er Jahre kommt es zu einer weltweiten Wirtschaftskrise, die auch Tietz' trifft. Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten weigern sich zudem die Banken, den jüdischen Geschäftsleuten notwendige Kredite zu geben. Die jüdischen Besitzer und Geschäftsführer werden sukzessive aus dem Geschäft gedrängt - lange vor den 1938 beginnenden, "Arisierung" genannten, Zwangsenteignungen.

Schon 1933 bekommt das Kaufhaus mit Georg Karg einen nichtjüdischen Geschäftsführer, der 1940 das Kaufhaus ganz übernimmt und bis in die 1970er Jahre als Deutschlands "Warenhauskönig" gilt. 1936 wird "Hertie" in "Alsterhaus" umbenannt. Weiterhin zu sagen, man gehe bei Tietz einkaufen, ist fast schon ein kleiner Widerstandsakt. Auch nach der Befreiung wird die Umbenennung nicht rückgängig gemacht.

Der Name Tietz sollte ausgelöscht werden, ebenso wie die Namensträger. Allerdings bleibt der von Hermann Tietz abgeleitete Name "Hertie" für eine Kaufhauskette erhalte, aber nur wenige wissen um den Ursprung des Namens.

"Kaufhauskönig" Karg geht gemeinsam mit "Versandhauskönig" Josef Neckermann, dessen Imperium ebenfalls ein Resultat der "Arisierung" ist, noch einen Schritt weiter: Mit Gründung der „Zentrallagergemeinschaft für Bekleidung GmbH“ wird 1943 und 1944 Kleidung in den Ghettos im besetzten Polen produziert und unter anderem im "Alsterhaus" verkauft.

Familie Tietz bemüht sich 1949 um die Rückgabe ihres Vermögens. Sie stimmt schließlich in einem Vergleich mit der Firma Hertie einer Entschädigung durch Übereignung der Filialen in München, Stuttgart und Karlsruhe zu.

Weiterführende Links