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Montag, 16. Mai 2022

Das ehemalige Ernst-Drucker-Theater

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Im Winter traf sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Das heutige St. Pauli Theater hieß bis 1941 Ernst Drucker Theater.

Seit 2011 steht unter dem Schriftzug "St. Pauli Theater" wieder der ursprüngliche Name des Hauses am Spielbudenplatz: "Ernst Drucker Theater". Ich finde ja, man hätte das Theater gleich ganz umbenennen können, aber nun ja. 

Das Theater wird 1841 als "Urania-Theater" eröffnet. Es ist das älteste Privattheater Hamburgs und eines der ältesten Theater Deutschlands. Nach wechselvoller Geschichte kauft der erst 29jährige Ernst Drucker das Haus 1884 und baut es sehr erfolgreich zu einem Volkstheater aus. Auf dem Spielplan stehen überwiegend niederdeutsche Lustspiele mit Lokalkolorit und Sittenstücke, moralisierende Dramen. Die Zuschauer kennen die Orte, an denen die Stücke spielen, und können sich mit den Protagonisten identifizieren. Gleichzeitig setzt Drucker auch auf zeitgenössische Autoren wie Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen. Seine Mischung hat Erfolg, wenngleich "das Drucker" mehr für Amüsemang als für Anspruch steht. 

Über Ernst Drucker ist wenig bekannt. Er wird am 23. Oktober 1855 als Nathan Drucker in eine jüdische Hamburger Kaufmannsfamilie geboren. Er heiratet die Opernsängerin Anna Dombrowska, eine Protestantin. Die Ehe ist kurz; Anna Drucker stirbt 1882 im Alter von 27 Jahren. Drucker heiratet erneut.

Kurz vor seinem 27. Geburtstag im Oktober 1882 konvertiert Nathan Drucker zum Protestantismus und gibt sich den Vornamen Ernst. 1908 gibt Drucker die Theaterleitung ab, übernimmt sie dann aber im Ersten Weltkrieg wieder. Jetzt stehen Sonderaufführungen für verletzte Soldaten auf dem Spielplan. Ernst Drucker stirbt am 19. Mai 1918 in Hamburg. Seine Frau Else führt das Theater weiter, verkauft es drei Jahre später an Siegfried Simon, der u.a. das Flora-Theater am Schulterblatt betreibt. Nach dessen Tod übernimmt es seine Frau Anna. Sie bleibt bis zu ihrem Tode 1964 die Intendantin.

Anlässlich des 100. Jubiläums des Ernst Drucker Theaters am 24. Mai 1914 wird eine Festschrift erstellt - samt Grußwort von Emmy Göring. Die Festschrift wird schnell wieder eingestampft, denn es stellt sich heraus, dass Ernst Drucker als Jude geboren wurde. Auch sein Nachfolger Siegfried Simon ist Jude. Seine Kinder Kurt und Edith, die ihre Mutter bei der Theaterleitung unterstützen, gelten nach den NS-Gesetzen als Juden. Kurt Simon erhält Berufsverbot als Regisseur. Das Theater wird in St. Pauli Theater umbenannt und trägt diesen Namen bis heute. Nach der Befreiung ist das St. Pauli Theater eines der ersten, dass am 29. August 1945 den Spielbetrieb wieder aufnimmt.

Ernst Drucker und seine Frau haben drei Töchter, Wally, Gerda und Helga, die ebenfalls den NS-Rassengesetzen unterliegen. Wally Drucker, verheiratete Boothby, später Valerie Boothby-Colonna, kann nach Frankreich emigrieren, kam über New York und Ägypten schließlich 1970 nach Hamburg zurück. Die Schauspielerin und Autorin verstarb hier 1982. Generell ist die Geschichte der Familie Ernst Drucker noch zu wenig erforscht.  

Montag, 21. Februar 2022

Stolperstein für Paul Seeger in der Luruper Chaussee 119

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Im ersten Block der Siedlung an der Luruper Chaussee in Bahrenfeld wohnt Paul Seeger mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter.

Heute vor 83 Jahren, am Abend des 21. Februar 1939, stirbt Paul Seeger. Der 28jährige setzt seinem Leben selbst ein Ende, in dem er in der Küche seiner Wohnung in der Luruper Chaussee 119 den Gashahn aufdreht. Seiner Frau gelingt es nicht, die gemeinsame Wohnung zu betreten. Als sie den Gasgeruch bemerkt, ruft sie die Polizei, die die Öffnung der Wohnung veranlasst. Seeger verstirbt auf dem Weg ins Altonaer Krankenhaus.

Der junge Mann, der in einfachen Verhältnissen im Hamburger Karoviertel aufwächst und eine Ausbildung zum Autoschlosser macht, ist bereits 1929 NSDAP-Mitglied und wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz verurteilt. 

Stolperstein für Paul Seeger vor dem Haus Luruper Chaussee 119.

1938 heiratet Paul Seeger die 34jährige Sophie Sonntag. Das Paar bekommt ein Kind. Trotz vordergründiger Heterosexualität scheint sich Seeger zu Männern hingezogen zu fühlen. Vermutlich gerät er wegen homosexueller Beziehungen ins Visier der Kriminalpolizei. Auch eine Erpressung ist möglich, aber es gibt nur wenig konkrete Hinweise. 

Rückseite des Wohnblocks, in dem Paul Seeger mit seiner Familie wohnt. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Eine Woche vor seiner Selbsttötung unternimmt Seeger bereits einen Versuch, den seine Frau rechtzeitig bemerkt und verhindern kann. Seeger verschwindet daraufhin, taucht erst am 21. Februar wieder in der gemeinsamen Wohnung auf. 

Sophie Seeger macht zu den möglichen Suizidgründen nur wage Angaben, sicher auch, um ihren schwulen Bruder zu schützen. Sie begründet aber der Polizei gegenüber das Verschwinden ihres Mannes u.a. mit möglichen homosexuellen Kontakten. Was den jungen Mann, der ursprünglich überzeugten Nationalsozialist war, also in den Tod trieb, kann nur vermutet werden.

Eingang zum Wohnblock der Familie Seeger mit Stolperstein.

Mehr zur Biographie Paul Seegers findest du hier. Die Siedlung Luruper Chaussee 1 - 123 plante übrigens Gustav Oelsner. Aber das ist eine andere Geschichte.

Montag, 14. Februar 2022

Das Wolfgang-Borchert-Denkmal am Schwanenwik

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell trifft sich das braune Pack täglich in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher.  

Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. 

Gestern vor 75 Jahre hatte ein Hörspiel Radiopremiere, das eine ganze Generation prägte: "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert wurde erstmals vom NWDR ausgestrahlt. Neun Monate später hatte das Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen Premiere. 

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Der kaum 26jährige Borchert schrieb das Drama in nur acht Tagen zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 nieder. Es geht um den Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort. Borchert gab mit seinem Protagonisten vielen jungen, aber auch älteren Männern eine Stimme und wurde quasi über Nacht bekannt.

Das Denkmal enthält neben Borcherts Lebensdaten zwei Zitate aus dem Prosastück "Generation ohne Abschied": "Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund." und "Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, daß alle Ankunft uns gehört." 

Anlässlich des 75. Jahrestages der Radio-Uraufführung gibt es hier Hörerbriefe zu lesen. In der NDR-Mediathek ist die Erstfassung zum Nachhören archiviert.

Am 21. Mai 1921 als Sohn eines Lehrers und der plattdeutschen Schriftstellerin Hertha Borchert in Eppendorf geboren, kam Borchert früh in Kontakt mit Kunst und Literatur und entwickelt ein Gespür, wenn seitens jedweder Obrigkeit die Freiheit der Kunst eingeschränkt werden sollte. Nachbarn denunzieren Hertha Borchert 1934 wegen abfälliger Äußerungen über die SA; die Familie gerät ins Visier der Gestapo. 

Ihr Sohn schreibt als 15jähriger erste Gedichte - oft mehrere am Tag. Er schreibt wie im Rausch, als wüsste er, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Aber eigentlich möchte er Schauspieler werden, verfasst 17jährig sein erstes Drama. Kurz darauf verlässt Wolfang Borchert die Schule ohne Abschluss - er ist ein schlechter Schule. Auf Betreiben seiner Eltern beginnt er eine Buchhändlerlehre; außerdem nimmt er Schauspielunterricht. Später bricht er die Buchhändlerlehre zugunsten der Schauspielausbildung ab.

An den beiden Schmalseiten sind zwei negative Handabrücke zu sehen: Im Inneren der Plastik ist die Hohlform eines lebensgroßen Menschen mit ausgestreckten Armen. Die Füße lassen sich unten zwischen den beiden Steinblöcken, auf denen die Plastik steht, ertasten. 

Im April 1940 gerät Borchert zum ersten Mal in Konflikt mit der Gestapo: Ihm werden Verherrlichung der Homosexualität in seinen Gedichten sowie eine homosexuelle Beziehung vorgeworfen. Vermutlich wird die Familie seit Denunziation der Mutter überwacht. Dennoch pflegt der junge Mann weiterhin Umgang mit regimekritischen Künstlerkreisen und schränkt sich in seinen Äußerungen gegen die Nazis nicht ein. 

Der Handabdruck im Detail.

Als 20jähriger wird Borchert zum Kriegsdienst eingezogen und kommt an die Ostfront mit erbarmungslosen Wintern mit bis zu 40 Grad unter Null. Unter ungeklärten Umständen erleidet er eine Schussverletzung, die ihm einen Finger an der linken Hand kostet. An Diphterie erkrankt, wird er ins Lazarett nach Deutschland verlegt und gleichzeitig wegen der Schussverletzung wegen Verdachts der Selbstverstümmelung verfolgt. Ein Prozess findet statt. Die Anklage fordert die Todesstrafe, aber Borchert wird freigesprochen. Er bleibt dennoch in Haft, wird wegen seiner kritischen Äußerungen gegen die Nazis aufgrund des Heimtückegesetzes angeklagt und zu verschärftem Arrest mit anschließender "Frontbewährung" verurteilt. 

Wolfgang Borchert kommt erneut an die Ostfront, erleidet erneut Verletzungen, wird erneut krank und in mehrere Lazarette überstellt, zuletzt in den Harz, von wo aus er u.a. im August 1943 auf Heimaturlaub nach Hamburg darf - kurz nach den Zerstörungen der "Operation Gomorrha", dem "Hamburger Feuersturm". Die Zerstörungen, die "Ruinenstadt", beeinflussen ihn sehr, führen zu Gedichten und Geschichten. Ende des Jahres soll er zur Truppenbetreuung ins Fronttheater wechseln, wird aber aufgrund einer Goebbels-Parodie denunziert, erneut verhaftet, wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt, aber zur "Feindbewährung" entlassen. Borchert wird im Kampf um Frankfurt / Main eingesetzt, von Franzosen gefangenen genommen und flieht schwerkrank zu Fuß ins 600 km entfernte Hamburg, als er in ein Kriegsgefangenenlager überstellt werden soll. 

Blick vom Borchert-Denkmal auf die Alster.

Kurz nach der Befreiung Hamburgs trifft Borchert bei seinen Eltern ein. Trotz seines Gesundheitszustands stürzt er sich ins Kulturleben, wird Regia-Assistent am Schauspielhaus, muss aber erneut ins Krankenhaus, wird schließlich als medizinisch hoffnungsloser Fall eingestuft und nach Hause entlassen. Borchert schreibt in den Fieberpausen weiter.

Durch die Radio-Uraufführung von "Draußen vor der Tür" am 13. Februar 1947 wird Wolfgang Borchert innerhalb weniger Monate zum meistdiskutierten Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands. Es gelingt, ihn in ein Krankenhaus nach Basel zu verlegen. Dort erhofft er sich bessere Behandlungsmöglichkeiten. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich jedoch zusehends. Wolfgang Borchert verstirbt am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung des Theaterstücks "Draußen vor der Tür."


Anlässlich Borcherts 100. Geburtstag im letzten Jahr wurde in der Stabi die "Borchert-Box" mit der Dauerausstellung "Dissonanzen" eröffnet, die sich auch virtuell erleben lässt. Hertha Borchert kümmerte sich um den Nachlass ihres Sohnes und übergibt das Wolfgang-Borchert-Archiv 1976 an die Stabi. In der Tarpenbekstraße 82, dem Geburtshaus Borcherts, erinnerte eine Tafel an den Schriftsteller, und die Geschichtswerkstatt Eppendorf führt regelmäßig literarische Spaziergänge durch. Seit 1996 erinnert am Schwanenwik Timm Ulrichs "Denkmal für den 'unbehausten Dichter' Wolfgang Borchert" an den Literaten. Es wurde anlässlich seines 75. Geburtstags aufgestellt.

Affiliate links zu Büchern von Wolfgang Borchert:

Montag, 7. Februar 2022

Gustav Oelsner, Altonas vergessener Stadtplaner

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Das von Gustav Oelsner erbaute Haus der Jugend in der Altonaer Museumstraße, heute Sitz des Altonaer Theaters und einer Berufsschule.

Hamburg hat viele charakteristische Klinkerbauten, die oft nur Fritz Schumacher zugeschrieben werden. Altona, das erst seit 1939 zu Hamburg gehört, ist hingegen maßgeblich von Gustav Oelsner geprägt. Mit Schumacher verbindet ihn eine enge Freundschaft.

Der letzte der Häuserblöcke der Luruper Chaussee 1 - 123. Die Aufstockung erfolgte 1934 und nahm die kubistische Strenge. In dem Block auf dem Foto wohnt übrigens Paul Seeger. Aber das ist eine andere Geschichte-

Der am 23. Februar 1879 in Posen geborene Oelsner kommt als 44jähriger nach Altona, um einen Generalbebauungsplan für die preußischen Städte Altona, Wandsbek und Harburg zu erstellen. Von März 1924 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme ist Oelsner parteiloser Bausenator und Bürgermeister Max Brauer. Ihm ist es zu verdanken, dass Altona zahlreiche Grundstücke an der Elbe kauft, somit eine Parzellierung und Privatisierung verhindert, stattdessen öffentliche Parks gestaltet.

Zwischen den Häuserblöcken gibt es Grünflächen mit Spielplätzen. Die Balkone wurden in den 1990er Jahren angebaut.

Oelsner ist ein Vertreter des Neuen Bauens in seiner strengen kubischen Form. Er verzichtet meist auf keramischen Bauschmuck und nutzt die Möglichkeiten, mit der Anordnung der Klinker gestalterische Akzente zu setzen. Ein Beispiel ist das zwischen 1928 und 1930 erbaute ehemalige "Haus der Jugend" am Platz der Republik gegenüber dem Altonaer Rathaus. Der gelbgeklinkerte Stahlbetonbau, ursprünglich eine Gewerbeschule, beherbergt heute das Altonaer Theater und eine Berufsschule. Er steht im bewussten Kontrast zum Rathaus mit Renaissance-Anklängen und zum rotgeklinkerten Altonaer Museum. Durch geschickte Terrassenbildung wirkt das Gebäude eher filigran als massig. 

Die Siedlung an der Luruper Chaussee wird durch Stichstraßen erschlossen, die für die heutige Autoflut natürlich zu klein sind.

Neben Kommunalbauten prägen aber auch Oelsners Sozialbauprojekte das Altonaer Stadtbild, zum Beispiel das an der Luruper Chaussee oder die Steenkampsiedlung. Großen Wert legt er darauf, dass in der Nähe seiner Wohnbauten auch Schulen entstehen, die inzwischen leider oft abgerissen wurden. Spielplätze und Grünflachen sind ebenfalls fester Bestandteil seiner Planungen. 

Neben einem fächerförmigen Pavillon mit fünf Läden für die Grundversorgung der Bewohner an der Ecke zur Theodorstaße, der inzwischen leider leer steht, gibt es auch ein zentrale Heiz- und Waschhaus (heute Sitz einer Firma).

Zwar ist Gustav Oelsner parteilos, aber er gehört dem sozialdemokratischen Magistrat an und wird daher von den Nationalsozialisten abgesetzt. Oelsner geht in den Ruhestand Ein Prozess wegen vermeintlichen Amtsmissbrauchs und Verschwendung öffentlicher Gelder gegen ihn endet 1934 mit einem Freispruch. Zu diesem Zeitpunkt spielt seine jüdische Herkunft noch keine Rolle, aber 1937 wird der 58jährige Oelsner gezwungen, den Vornamen "Israel" zu führen. Zwar konvertiert er schon als Jugendlicher zum Christentum, aber seine Eltern sind Juden.

Zwar wird Oelsner jetzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt, aber er hat noch die Möglichkeit, zu einem Städtebaukongress in die USA zu fahren. Hier begegnet ihm Max Brauer, der ihm von einer Rückkehr nach Deutschland abrät. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen gelingt es Oelsner durch Vermittlung Schumachers, nach Ankara zu emigrieren. Dort lebt er bis 1949, ist in Ankara verantwortlich für den Städtebau der sich modernisierenden Türkei und baut den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität Istanbul auf. 

Nach der Befreiung holt der inzwischen nach Hamburg zurückgekehrte und zum Bürgermeister gewählte Max Brauer Oelsner als Referent für Aufbauplanung nach Hamburg zurück. Diesmal kümmert sich der inzwischen 70jährige um die Neugestaltung der Innenstadt und ist Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste. Mit 73 Jahren geht Gustav Oelsner 1953 in den Ruhestand. Er stirbt 1956 und ist neben Fritz Schumacher auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf beigesetzt. Neben seinen Bauten erinnert der Oelnerring in Osdorf / Groß Flottbek an den Architekten, Stadtplaner und Hochschullehrer. Im Altonaer Theater steht eine Oelsner-Büste, und die nach ihm benannte Gesellschaft kümmert sich um sein Andenken.

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Montag, 31. Januar 2022

Stolpersteine vor der Staatsoper

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Ein Teil der Stolpersteine vor der Hamburgischen Staatsoper. Der, der an Gustav Brecher erinnert, ist links oben in der zweiten Reihe.

Vor der Hamburgischen Staatsoper liegen zwölf Stolpersteine für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Einer von ihnen, der Dirigent und Komponist Gustav Brecher, wird am 5. Februar 1879 als jüngstes von drei Kindern in Nordböhmen geboren. Seine Mutter Johanna ist eine Tochter des orthodoxen Hamburger Oberrabbiners Isaac Bernays, sein Vater der Arzt Alois Brecher.

Als Gustav zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Leipzig, wo das Kind das Gymnasium besucht. Nebenbei erhält der Junge Unterricht bei dem Komponisten, Pianisten und Musiktheoretiker Salomon Jadassohn. Im Alter von 17 Jahren wird sein erstes Werk uraufgeführt; Dirigent ist niemand anderes als Richard Strauss. Ein Jahr später beginnt Brecher sein Musikstudium am Leipziger Konservatorium und debütiert im gleichen Jahr als Dirigent. Im gleichen Jahr wird seine Sinfonische Phantasie "Aus unserer Zeit" von Richard Strauss in München und Berlin uraufgeführt.

Blick auf die Hamburgische Staatsoper.

In den folgenden Jahrzehnten lebt und arbeitet Brecher u.a. in Wien und Hamburg. In beiden Städten wird er von Gustav Mahler gefördert. Dirigiert Strauss die Erstlingswerke des jungen Brecher, dirigiert nun Brecher die Hamburger Erstaufführungen von Strauss' "Salome" und "Elektra". Während eines Engagements in Berlin lernt der 41jährige Brecher Gertrud "Gerti" Deutsch kennen und heiratet die 26jährige 1920. Nach Engagements, die Brecher durch halb Europa führen, lässt sich das Paar in Leipzig nieder.

Dort gerät Brecher schon früh mit den Nationalsozialisten in Konflikt. So sorgen schon im März 1930 bei der Uraufführung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (Bert Brecht/Kurt Weill)  im Zuschauerraum uniformierte SA-Männer für Störungen. Die Aufführung kann nur mit Mühe beendet werden. Die Absetzung der Oper wird gefordert, aber schließlich kann die zweite Vorstellung stattfinden. 

Im Februar 1933 wird Brecher entlassen und erhält ein Berufsverbot. Am 4. März 1933 darf er noch ein letztes Mal in der Leipziger Oper dirigieren. Brecher und seine Frau werden gesellschaftlich isoliert. Es gibt Schilderungen, nach denen sogar die zu ihrem Haus führende Straßenbahnlinie auf potentielle Besucher überwacht wird. 

Vier weitere Stolpersteine vor der Staatsoper.

Das Paar verkauft sein Haus in Leipzig. Brecher übernimmt Engagements in Leningrad, Wien und Prag. Schließlich zieht das Paar zu Brechers Schwiegermutter Lili Deutsch nach Berlin, beantragt erfolgreich die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft und zieht nach Brünn. Mit der deutschen Annexion der Tschechoslowakei sitzt das Paar in der Falle und steht unter Druck, ein sicheres Zufluchtsland zu finden. Sie entschließen sich, nach Belgien zu gehen. Damit werden beide zu Staatenlosen, da die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft außerhalb des Protektorats Böhmen und Mähren nicht mehr gilt, ihnen als Juden der Rückerwerb der deutschen Staatsbürgerschaft als Juden verwehr ist. 

In Belgien treffen die Brechers auf Lili Deutsch. Zu dritt wollen sie nach Portugal auswandern. Die Schiffpassage ist für den 12. April 1939 gebucht. Sie kann trotz gültiger Papier und Empfehlungsschreiben des Portugiesischen Botschafters in Berlin nicht angetreten werden, da sich der Kapitän weigert. Das Ehepaar Brecher und Lili Deutsch suchen weiterhin nach einem sicheren Zufluchtsland, aber vergeblich. Sie sitzen im Seebad Ostende in Belgien fest. Am 10. Mai 1940 beginnt der deutsche Überfall auf Belgien. 

Das Schicksal des 61jährigen Gustav Brechers, seiner 44jährigen Frau Gerti sowie der 70jährigen Lili Deutsch nach der deutschen Besetzung ist unklar. Angeblich hat ein Fischer sie über den Ärmelkanal nach England übergesetzt. Das legen Schilderungen von Weggefährten und Einträge in belgische Immigrationsakten aus dem April 1941 nahe. In England kommen die drei aber nicht an. Gustav und Gerti Brecher sowie Lili Deutsch gelten als verschollen. 


Mehr zum Projekt "Verstummt Stimmen", in dessen Rahmen die ersten Stolpersteine verlegt wurden. 

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Montag, 24. Januar 2022

Meßberghof / Ballinhaus: Der Tod kam aus Hamburg

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Gedenktafel, die daran erinnert, dass vom Meßberghof aus das Zyklon B für die Ermordung von Millionen Menschen geliefert wurde. 

Letzten Sonntag gab's das Doku-Drama "Nazijäger - Reise in die Finsternis" im Fernsehen. Es spielt 1945/1946 in Norddeutschland, im Zeitraum kurz nach der Befreiung bis zu den Curiohaus-Prozessen und ist den "Kindern vom Bullenhuser Damm" gewidmet. Die 20 jüdischen Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren werden zu medizinischen Experimenten im KZ Neuengamme missbraucht und in der Nacht vom 20. auf den 21. April zusammen mit ihren ebenfalls inhaftierten Betreuern und sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ-Außenlager Bullenhuser Damm ermordet (Berichte über die Gedenkstätte gibt es hier, hier und hier). 

Blick auf die Fassade des Meßbergofes mit Bauplastik von Lothar Fischer.

Ein weiterer Schauplatz ist der Meßberghof. Das zehnstöckige Kontorhaus wird zwischen 1922 und 1924 nach Plänen der jüdischen Architekten Hans und Oskar Gerson erbaut. Bis 1938 heißt das Gebäude Ballinhaus, benannt nach dem jüdischen Reeder Albert Ballin. Es muss umbenannt werden, da die Nazi verfügten, dass keine Straßen oder Gebäude mehr nach Jüdinnen oder Juden benannt werden dürfen. Ein das Gebäude schmückendes Portrait-Medaillon Ballins wird zerstört. Eine Rückbenennung in Ballinhaus wäre mehr als überfällig. Immerhin erinnert seit dem 100. Geburtstag Ballins eine Gedenktafel an den ehemaligen Namen des Kontorhauses.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Ballin wird eine Gedenktafel angebracht, die an den ursprünglichen Namen des Meßberghofes erinnert.

Auffällig sind die Bauplastiken, die die beiden Eingänge des Kontorhauses schmücken: Schwellenheilige, Chimären, Fabelwesen mit dem Titel "Enigmavariationen", erschaffen von Lothar Fischer. Ursprünglich schmücken expressionistische Figuren aus Elbsandstein von Ludwig Kunstmann das Gebäude. 1968 werden sie aufgrund starker Zerstörung entfernt. Sie stehen heute in einem ziemlich unbekannten Ausstellungsraum im Untergeschoß des Meßberghofs. 

Die Fassade mit der Gedenktafel an die Zyklon-B-Lieferanten zum U-Bahn-Eingang Meßberghof hin.

Seit 1928 hat das Unternehmen Tesch und Stabenow, kurz Testa, seinen Firmensitz im Ballinhaus. Die Firma ist auf Schädlingsbekämpfung mit Blausäuregas spezialisiert, zum Beispiel auf Schiffen, in Kühlhäusern und Speichern, hat außerdem die Monopolstellung für die Verwendung von Zyklon B östlich der Elbe. Das Patent auf die Herstellung von Zyklon B hält die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, kurz Degesch. Das Unternehmen ist phasenweise auch an Testa beteiligt. 

Die ursprüngliche Bauplastik aus Elbsandstein, erschaffen von Ludwig Kunstmann. 

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beliefert Testa in steigendem Ausmaße auch die deutsch Wehrmacht - anfags tatsächlich zur Schädlingsbekämpfung. Nach 1941 übernimmt die Firma alle Lieferungen des Giftgases Zyklon B in die Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof, Groß Rosen, Dachau und Neuengamme. Ab September des Jahres wird Zyklon B gezielt zur Ermordung von Menschen eingesetzt. Dafür wird darauf verzichtet, dem Gas die üblichen Reiz- und Warnstoffe beizumischen. Den höchsten Erlös aus den Verkäufen von Zyklon B erzielt das Unternehmen im Jahre 1943. Firmeninhaber Bruno Tesch reist selbst in die Konzentrationslager, um Schulungen zur Verwendung des Giftgases zu geben. Am 30. März 1945 wird der Meßberghof bombardiert. Himmler selbst setzt sich dafür ein, dass Testa schnellstmöglich weiterarbeiten kann. 

Plastik aus der Enigma-Reihe von Lothar Fischer, im Hintergrund das Chile-Haus.

Am 3. September 1945 werden Tesch, sein Stellvertreter sowie ein Techniker von der War Crime Unit verhaftet und vor Gericht gestellt. Im März 1946 müssen sie sich als Kriegsverbrecher vor einem britischen Militärgericht im ersten der sogenannten Curiohaus-Prozesse verantworten. Tesch streitet jegliche Beteiligung am Massenord ab. Das Gericht glaubt ihm nicht. Am 8. März 1946 werden Tesch und sein Stellvertreter Karl Weinbacher zum Tode verurteilt und am 16. Mai 1946 in Hameln hingerichtet. Der Techniker wird freigesprochen. 

Eine weitere Skulptur von Lothar Fischer.

Seit 1992 gibt es Bestrebungen, am Meßberghof eine Gedenktafel anzubringen, die daran erinnert, dass die Firma Tesch und Stabenow hier ihren Sitz hatte, dass der Tod aus Hamburg kam. Es dauert fünf Jahre und braucht wie üblich viel zivilgeschaftlichen Druck, bis die Gedenktafel angebracht werden durfte. Wie meistens in Hamburg ist es eine schlichte Bronzetafel, die sich optisch gut der Umgebung anpasst. Zumindest im Sommer fällt sie aber durch zwei blühende Rosenstöcke, die rechts und links gepflanzt wurden, auf. Die Gedenktafel findet sich direkt gegenüber eines Eingangs in die U-Bahn-Station Meßberg. Der Text zitiert die Schlusszeile aus dem "Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" des jüdischen Dichters Yitzhak Katzenelson, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Montag, 10. Januar 2022

Das Heinrich-Heine-Denkmal auf dem Rathausmarkt

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Unter dem Deckmantel von Liebe, Frieden, Wahrheit und Demokratie werden antisemitische und rassistische Verschwörungstheorien verbreitet. Letztlich will man aber nichts anderes als einen faschistischen Staat.

Die demokratische Mehrheit der Stadt trifft sich am 15. Januar 2022 um 15:30 Uhr am Ferdinandstor - coronakonform mit Anstand, Abstand und Maske.

Das Denkmal für Heinrich Heine am Rande des Hamburger Rathausmarktes. 

Auf dem Hamburger Rathausmarkt gibt es ein relativ unscheinbares Denkmal für den am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geborenen Dichter, Schriftsteller und Journalisten Heinrich Heine. Das Denkmal ist für mich mit Wolf verbunden, denn bei jeder antifaschistischen Stadtrundfahrt stiegen wir hier aus. Wolf berichtete über das Leben Heines, über Hamburgs Umgang mit seinen Denkmäler und rezitierte "Weltlauf". Das Heine-Gedicht ist bis heute das einzige Gedicht, das ich auswendig kann. 

Weltlauf / Heinrich Heine

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazubekommen.
Wer nur wenig hat, dem wird
Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,
Ach, so lasse dich begraben -
Denn ein Recht zum Leben, Lump,
Haben nur, die etwas haben.

Zwischen 1816 und 1819 lebt Heinrich Heine in Hamburg, so ihn sein Onkel, der Bankier Salomon Heine, unter seine Fittiche nimmt, in der Hoffnung, aus dem jungen Mann werde ein ehrbarer Kaufmann. Aber Henrich Heine hat weder Talent für Geldgeschäfte noch für den Tuchhandel, interessiert sich ausschließlich für Literatur und veröffentlicht 1817 in Hamburg erste Gedichte. 

1819 kehrt Heinrich Heine Hamburg den Rücken, studiert in Bobb, Göttingen und Berlin, ist aber immer wieder in der Hansestadt. Sein Plan, sich hier als Anwalt niederzulassen, scheitert zwar, obwohl er dafür vom Judentum zum Christentum konvertiert, aber in Hamburg sitzt Heines Verleger Julius Campe. Seinetwegen, aber auch wegen seiner Hamburger Familie, bleibt der Dichter bis zu seinem Tode 1856 der Hansestadt eng verbunden.

Erinnerung an die Zerstörung des Heine-Denkmals im Stadtpark durch die Nationalsozialisten.

Anlässlich des 100. Geburtstags Heines 1887 soll dem Dichter auch im Hamburg ein Denkmal gesetzt werden. Kaiserin Sissi wollte der Stadt eine vom dänischen Bildhauer Louis Hasselriis gestaltete Plastik des sitzenden Heine schenken, aber die Stadt lehnt ab. Die Kaiserin lässt das Denkmal in ihrem Schloss auf Korfu aufstellen. Nach ihrem Tode geht der Beitz auf Korfu an Kaiser Wilhelm, der Heine verachtet. Er lässt die Marmorskulptur 1909 entfernen. Nach Intervention des Campe-Sohns wird das Denkmal nach Hamburg verschifft. Julius Campe bietet die Skulptur erneut dem Hamburger Senat an, der das Geschenk mit dem Hinweis auf Heines angeblich „vaterlandsfeindliche Haltung“ ablehnt.   

Das Hasselriis-Denkmal wird schließlich im Hof des Hoffmann und Campe Verlags, dem Barkhof an der Mönckebergstraße, errichtet und erst 1927 im Donners Park in Altona öffentlich aufgestellt. Um es vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten zu schützen, lässt die Tochter Campes es abbauen und 1939 zu ihrem Wohnort, der südfranzösischen Hafenstadt Toulon, verschiffen. Während der deutschen Besetzung Frankreichs versteckt, steht das Denkmal seit 1956 im botanischen Garten Toulons. Vor drei Jahren scheitert eine Initiative des Schauspielers Christian Quadflieg, die Skulptur nach Hamburg zurückzubringen.

Erinnerung an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten im Mai 1933. In seiner 1823 veröffentlichten Tragödie “Almansor“ schreibt Heine: “Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” 

1926 erhält Hamburg dann tatsächlich ein öffentliches Heine-Denkmal, gestaltet von Hugo Lederer, aufgestellt im Stadtpark. Die Nazis entfernen es 1933 und schmelzen es später ein. Zwar fallen Heines Werke nicht der Bücherverbrennung zum Opfer, aber sie werden 1940 verboten.

1977 gründet der Maler und Publizist Arie Goral die Heine-Gesellschaft. Es gelingt dem jüdischen Hamburger und seinen Mitstreitern, das Denkmal zu finanzieren und die Genehmigung zur Aufstellung am Rande des Rathausmarktes zu bekommen. So hat endlich ein Heine-Denkmal einen zentralen Platz mitten in der Stadt.

Noch ein Blick auf das Heine-Denkmal an der Mönckebergstraße.

Die Bronzeplastik mit dem nachdenklich blickenden Heinrich Heine gestaltet Waldemar Otto. Sie ist der Lederer-Skulptur nachempfinden und steht auf einem Granitsockel mit vier Bronzerelief, die an die Bücherverbrennung und die Zerstörung des früheren Heine-Denkmals erinnern. 

Montag, 3. Januar 2022

Die Schilleroper

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.  

Aktuell tarnen sich die Demokratiefeinde als Kritiker jeglicher Corona-Maßnahmen und marschieren sonnabends durch die Innenstadt. Aber auch unter der Woche laufen Nazis gerne durch verschiedene Stadtteile. Dabei ignorieren sie ungeahndet jegliche Auflagen bezüglich Abstand und Maskenpflicht. An Intelligenz und Anstand mangelt es ihnen ohnehin, sonst wären sie keine Nazis. 

Die demokratische Mehrheit der Stadt hingegen trifft sich am 15. Januar 2022 um 15:30 Uhr am Ferdinandstor - coronakonform mit Anstand, Abstand und Maske.

Die Schilleroper ist auch eine große Freiluft-Galerie.

Der markante Rundbau, dessen Stahlkonstruktion unter Denkmalschutz steht, im Oktober 2018.

Der markante Rundbau der Schilleroper, der nicht zufällig an ein Zirkuszelt erinnert, wird Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Ernst Michaelis für Circus Busch errichtet und fasst über 1.000 Zuschauer. Nur wenige Jahre später zieht Circus Busch allerdings an den Zirkusweg auf St. Pauli um. Das Gebäude wird zum Theater umgebaut, eröffnet 1905 mit Schillers "Wilhelm Tell" und erhält anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters den Namen "Schiller-Theater". In den 1920er Jahren werden im Wesentlichen politische Stücke gespielt, treten Laiengruppen der Hamburger Arbeiterbewegung auf. Das Theater ist in finanziellen Schwierigkeiten.

Die Nebengebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind inzwischen abgerissen.

Ab 1933 passt sich das Theater den Nationalsozialisten an, nimmt zum Beispiel ein Drama von Joseph Goebbels auf den Spielplan. Aufgrund eines fehlenden Luftschutzkellers muss das Theater mit Beginn des Zweiten Weltkriegs den Betrieb einstellen. 

Erinnerung an die Zeit zwischen 2003 und 2006, als die Schilleroper zum letzten Mal als Club genutzt wurde. 

Spätestens ab 1943 befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Schilleroper in der damaligen Amselstraße ein Lager für etwa 500 italienische Kriegsgefangene, bewacht von Soldaten. Die Männer werden bei Aufräumarbeiten von Bombenschäden eingesetzt; körperliche Schwerstarbeit, die in der Regel u.a. aufgrund von Blindgängern und einstürzendem Mauerwerk viele Opfer fordert. Das Lager besteht bis Anfang 1945, dann werden die Männer verlegt.

Die denkmalsgeschützte Rotunde mit dem "Laterne" genannten Oberlicht, das an einen Leuchtturm erinnert.

Außerdem befindet sich auf dem Gelände die Großküche Hönisch, die zahlreiche Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mit Essen versorgt, aber auch das Mittagessen für die Wachmannschaften des KZ Neuengamme lieferte. Die Großküche liefert zumindest in einem Falle auf Wunsch eines Betriebes, bei dem Kriegsgefangene eingesetzt sind, auch schon mal doppelte Verpflegungssätze, was aufgrund einer Anzeige allerdings geahndet wird.  

Im dichtbebauten Areal Bei der Schilleroper / Lerchenstraße sollen Neubauten mit bis zu 10 Stockwerken entstehen.

Nach der Befreiung wird das einstige Theatergebäude, das nicht von Bomben zerstört wurde, als Unterkunft für Flüchtlinge und Ausgebombte genutzt, schließlich als Hotel, Unterkunft für Arbeitsmigranten bzw. Flüchtlinge und Obdachlose, aber auch immer wieder für kulturelle Zwecke. Uneinigkeit über die weitere Nutzung und Leerstand setzen dem Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, sehr zu. Im letzten Jahr kam es kurzfristig zu Abrissarbeiten einsturzgefährdeter Nebengebäude, sollte das Stahlgerüst der Rotunde endlich gestützt werden, aber kaum begannen die Arbeiten, wurden sie auch schon wieder wegen unsachgemäßer Durchführung gestoppt. 

Das freigelegte Stahlskelett der Rotunde im Oktober 2021. Die Abbrucharbeiten wurden im August gestoppt. Die Konstruktion ist einsturzgefährdet und soll einen Stützturm erhalten, der allerdings noch immer fehlt.

Heute ist die Schilleroper der letzte erhaltene Zirkusbau, der im 19. Jahrhundert in Stahlskelettbauweise errichtet wurde, ein Juwel der Architekturgeschichte. Was die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs nicht schafften, schaffte das Desinteresse der Nachkriegszeit: Seit fast 70 Jahren verfällt das Gebäude. Besitzer und Stadt schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu, so dass sich nichts tut, was den Verfall aufhält. Ein realistisches Konzept fehlt. Aktuell sieht alles nach der typischen Hamburger Lösung im Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden aus: Verfallen lassen, bis ein Abriss unvermeidbar ist, dann lukrativ neu bauen.

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