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Montag, 31. Januar 2022

Stolpersteine vor der Staatsoper

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Aktuell trifft sich das braune Pack sonnabends in der Innenstadt und unter der Woche in vielen Stadtteilen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Letztlich wollen die Demonstranten aber nichts anderes als einen faschistischen Staat, marschieren inzwischen nicht mehr nur von der AfD begleitet, sondern offen der NDP und anderen rechtsradikalen Parteien und Organisationen hinterher. 

Ein Teil der Stolpersteine vor der Hamburgischen Staatsoper. Der, der an Gustav Brecher erinnert, ist links oben in der zweiten Reihe.

Vor der Hamburgischen Staatsoper liegen zwölf Stolpersteine für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Einer von ihnen, der Dirigent und Komponist Gustav Brecher, wird am 5. Februar 1879 als jüngstes von drei Kindern in Nordböhmen geboren. Seine Mutter Johanna ist eine Tochter des orthodoxen Hamburger Oberrabbiners Isaac Bernays, sein Vater der Arzt Alois Brecher.

Als Gustav zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Leipzig, wo das Kind das Gymnasium besucht. Nebenbei erhält der Junge Unterricht bei dem Komponisten, Pianisten und Musiktheoretiker Salomon Jadassohn. Im Alter von 17 Jahren wird sein erstes Werk uraufgeführt; Dirigent ist niemand anderes als Richard Strauss. Ein Jahr später beginnt Brecher sein Musikstudium am Leipziger Konservatorium und debütiert im gleichen Jahr als Dirigent. Im gleichen Jahr wird seine Sinfonische Phantasie "Aus unserer Zeit" von Richard Strauss in München und Berlin uraufgeführt.

Blick auf die Hamburgische Staatsoper.

In den folgenden Jahrzehnten lebt und arbeitet Brecher u.a. in Wien und Hamburg. In beiden Städten wird er von Gustav Mahler gefördert. Dirigiert Strauss die Erstlingswerke des jungen Brecher, dirigiert nun Brecher die Hamburger Erstaufführungen von Strauss' "Salome" und "Elektra". Während eines Engagements in Berlin lernt der 41jährige Brecher Gertrud "Gerti" Deutsch kennen und heiratet die 26jährige 1920. Nach Engagements, die Brecher durch halb Europa führen, lässt sich das Paar in Leipzig nieder.

Dort gerät Brecher schon früh mit den Nationalsozialisten in Konflikt. So sorgen schon im März 1930 bei der Uraufführung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (Bert Brecht/Kurt Weill)  im Zuschauerraum uniformierte SA-Männer für Störungen. Die Aufführung kann nur mit Mühe beendet werden. Die Absetzung der Oper wird gefordert, aber schließlich kann die zweite Vorstellung stattfinden. 

Im Februar 1933 wird Brecher entlassen und erhält ein Berufsverbot. Am 4. März 1933 darf er noch ein letztes Mal in der Leipziger Oper dirigieren. Brecher und seine Frau werden gesellschaftlich isoliert. Es gibt Schilderungen, nach denen sogar die zu ihrem Haus führende Straßenbahnlinie auf potentielle Besucher überwacht wird. 

Vier weitere Stolpersteine vor der Staatsoper.

Das Paar verkauft sein Haus in Leipzig. Brecher übernimmt Engagements in Leningrad, Wien und Prag. Schließlich zieht das Paar zu Brechers Schwiegermutter Lili Deutsch nach Berlin, beantragt erfolgreich die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft und zieht nach Brünn. Mit der deutschen Annexion der Tschechoslowakei sitzt das Paar in der Falle und steht unter Druck, ein sicheres Zufluchtsland zu finden. Sie entschließen sich, nach Belgien zu gehen. Damit werden beide zu Staatenlosen, da die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft außerhalb des Protektorats Böhmen und Mähren nicht mehr gilt, ihnen als Juden der Rückerwerb der deutschen Staatsbürgerschaft als Juden verwehr ist. 

In Belgien treffen die Brechers auf Lili Deutsch. Zu dritt wollen sie nach Portugal auswandern. Die Schiffpassage ist für den 12. April 1939 gebucht. Sie kann trotz gültiger Papier und Empfehlungsschreiben des Portugiesischen Botschafters in Berlin nicht angetreten werden, da sich der Kapitän weigert. Das Ehepaar Brecher und Lili Deutsch suchen weiterhin nach einem sicheren Zufluchtsland, aber vergeblich. Sie sitzen im Seebad Ostende in Belgien fest. Am 10. Mai 1940 beginnt der deutsche Überfall auf Belgien. 

Das Schicksal des 61jährigen Gustav Brechers, seiner 44jährigen Frau Gerti sowie der 70jährigen Lili Deutsch nach der deutschen Besetzung ist unklar. Angeblich hat ein Fischer sie über den Ärmelkanal nach England übergesetzt. Das legen Schilderungen von Weggefährten und Einträge in belgische Immigrationsakten aus dem April 1941 nahe. In England kommen die drei aber nicht an. Gustav und Gerti Brecher sowie Lili Deutsch gelten als verschollen. 


Mehr zum Projekt "Verstummt Stimmen", in dessen Rahmen die ersten Stolpersteine verlegt wurden. 

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Montag, 28. Oktober 2019

Der Gotenhof (Steckelhörn 12)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

In der enge Straße Steckelhörn kommt das Kontorhaus "Gotenhof" gar nicht so richtig zur Geltung. Der gerundete massige Bau mit der kunstvoll expressionistisch gestalteten Klinkerfassade verdiente eine breitere Straße.

Das zwischen 1929 und 1930 erbaute Kontorhaus "Gotenhof".
Ursprünglich standen hier Fachwerkauten, Wohnhäuser und Speicher, teils noch aus dem Mittelalter, die abgerissen werden, damit der "Gotenhof" zwischen 1929 und 1930 nach Plänen des Architekten Karl Stuhlmanns erbaut werden kann. Angesichts der Wirtschaftskrise kann nur ein kleiner Teil des Kontorhauses vermietet werden. Die Erbauergesellschaft gerät in finanzielle Schwierigkeiten, das Gebäude wird zwangsversteigert und von der Stadt gekauft. 1931 ziehen das Statistische Landesamt und die Jugendbehörde ein - ersteres hat dort bis heute seinen Sitz.

Ab 1933 kommt dem Jugendamt eine maßgebliche Rolle bei der Vorbereitung und Umsetzung der NS-Euthanasie bzw. der rassenhygienischen Fürsorge in Hamburg zu. Es ist beispielsweise für die Entscheidung  über Einweisung von sogenannten "unerziehbaren" Jugendlichen in ein Jugend-KZ zuständig, entscheidet aber mit Stellungnahmen auch die die Sterilisation von Kindern und Jugendlichen. Verweigern sich die Angehörigen einer Sterilisation, werden sie umgangen, indem das Jugendamt den Antrag stellt und das Gesundheitsamt alles weitere veranlasst.

Mit Regierungsrat Paul Ellerhusen verfügt die Behörde ab 1934 über einen leitenden Angestellter, der als ehemaliger Kommandant des KZ Fuhlsbüttel durch Folter bekannt wird - so bekannt, dass die Staatsanwaltschaft einschaltet und Ellerhusen ins Jugendamt versetzt. 1950 wird der 63jährige zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, muss die Strafe aber nicht vollständig verbüßen, sondern wird vorzeitig entlassen.

Im Oktober 1936 entwirft mit dem 36jährigen Heinrich Lottig ein Leitender Oberarzt der Behörde eine "Wertungstabelle" mit sechs Kategorien als Grundlage für die Entscheidungsfindung zur Sterilisierung. Diese "Wertungstabelle" wird von anderen Kommunen übernommen. Lottig meldet sich 1940 an die Front und fällt ein Jahr später.

1938 wird der 52jährige Paul Prellwitz Direktor des Jugendamtes. Der Antisemit tritt bereits 1925 in die NSDAP ein und macht nach der Machtübernahme schnell Karriere. Prellwitz führt das Amt hierarchisch, wird schnell zum Senatsdirektor befordert und schließlich ständiger Vertreter des Präsidenten der Fürsorgebehörde. 1945 wird Prellwitz im Alter von 59 Jahren aus dem Staatsdienst entlassen. Juristisch wird er nicht belangt. 

Im "Gotenhof" erinnert heute nichts mehr an die Zeit, als hier darüber entschieden wurde, welche Menschen ein Recht auf Leben haben und welche nicht.

Montag, 7. Oktober 2019

Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter vor der Finanzbehörde (Gänsemarkt 36)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter vor der Finanzbehörde.
Vor der Finanzbehörde am Gänsemarkt liegen seit 2007 zwei Stolpersteine für Leo Lippmann und Berthold Walter.

Walter wird am 19. März 1877 in München als sechstes von sieben Kindern geboren. Er macht eine Ausbildung zum Kaufmann und führt ab 1905 sehr erfolgreich einen Getreide- und Futtermittelgroßhandel. 1922 heiratet der 45jährige die 29jährige Herta. Ein Jahr später kommt Tochter Nora zur Welt und 1926 Tochter Lisa.

1929 muss Walter sein Geschäft aufgeben. In Bayern hat der Antisemitismus zugenommen, es wird propagiert, Futtermittel und Getreide nicht bei Geschäften mit jüdischen Inhabern zu kaufen. Schon gelieferte Ware wird nicht bezahlt.

Um seine Familie durchzubringen, versucht Walter, sich erst in Berlin, dann in Hamm und schließlich in Paris eine Existenz aufzubauen - vergeblich. 1935 kommt er nach Hamburg, alleine, in der Hoffnung, sich im Schutze der Anonymität der Großstadt als Hausierer durchschlagen zu können. Frau und Töchter bleiben in Paris.

Walter wird von der Finanzbehörde eine Handelserlaubnis verweigert. Ihm bleibt nur, sich als Hausierer durchzuschlagen. Immer wieder wird er als Jude gedemütigt, geschlagen, von Hunden gehetzt, erniedrigt. Am 7. August 1935 stürzt sich der 58jährige aus der siebten Etage in den Lichthof der Finanzbehörde in den Tod.

Die Finanzbehörde am Gänsemarkt.
Herta Walter und ihre Töchter Nora und Lisa überleben unter schwierigen Bedingungen im Exil und kehren nach der Befreiung nach Deutschland zurück. Hier leben die Nachfahren von Herta und Berthold Walter bis heute.

Der 1881 in eine wohlhabende liberal-jüdische Hamburger Familie hineingeborene Leo Lippmann ist Jurist und Staatsrat in der Finanzbehörde. Im Alter von 25 Jahren heiratet er die gleichaltrige Anna Josephine von der Porten. Das Paar bleibt kinderlos.

Lippmanns Karriere wird 1933 durch das "Gesetz zur Widerherstellung des Berufsbeamtentums" jäh beendet: Alle Juden werden aus dem Staatsdienst entlassen. Der 52jährige hofft vergeblich auf eine Rückkehr in den Staatsdienst - vergeblich. Zwei Jahre später wird Lippmann in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde gewählt, ist dort für die Finanzen zuständig, wird schließlich stellvertretender Vorsitzender.

Im Frühsommer 1939 hätten die Lippmanns die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen, entscheiden sich aber dagegen. Wenige Monate später ist Juden die Auswanderung verwehrt. Durch die rassistischen NS-Gesetze müssen sich die Lippmanns immer mehr einschränken, verlieren durch Auswanderung oder Freitod lieb gewonnene Menschen, müssen nichtjüdische Angestellte entlassen, Hab und Gut weit unter Wert verkaufen, da Juden beispielsweise der Besitz von Münzsammlungen untersagt ist, und schließlich umziehen, um in Reichweite der Gestapo zu sein, denn die Deportationen in die Vernichtungslager stehen bevor.

Ein Blick auf die Details des Bauschmucks lohnt innen wie außen. Hier ein Türgriff.
Lippmann erlebt die Deportationen der jüdischen Hamburger, die, nach einer ersten Deportation 1938, ab dem 25. Oktober 1941 systematisch durchgeführt werden. Spätestsens im Frühjahr 1943 scheinen sich Anna und Leo Lippmann für den Freitod entschieden zu haben, sollten sie deportiert werden, denn im März 1943 legt der 62jährige detailliert fest, wie er beigesetzt werden möchte.

Am 10. Juni 1943 besetzt die Gestapo die Räume der Jüdischen Gemeinde und Lippmann seine für den nächsten Tag geplante Deportation nach Theresienstadt mit. In der Nacht zum 11. Juni 1943 scheiden Anna und Leo Lippmann aus dem Leben.

Die ehemalige Kassenhalle der Finanzbehörde, heute ein Ausstellungssaal, ist seit 1993 nach Leo Lippmann benannt. Seit 2007 erinnert ein Stolperstein auf dem Gänsemarkt an ihn und an Berthold Walter. An Anna Lippmann erinnert ein Stolperstein vor dem letzten Wohnhaus des Paares in der Böttgerstraße.

Affiliate links mit Büchern zu Leo Lippmann:

Montag, 6. Mai 2019

Lesung von Juna Grossmann ("Schonzeit vorbei") in der Buchhandlung Felix Jud

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren, schaffte es aber schon nicht, zu den letzten angemeldeten Kundgebungen überhaupt zu erscheinen. Angesichts der NS-Aufmärsche in der letzten Woche in Plauen und anderen sächsischen Orten bin ich sehr dankbar, in einer Stadt zu leben, die stabil ist, aber ich weiß, der Lack der Zivilisation ist dünn. 


Blick auf die Buchhandlung Felix Jud im Neuen Wall.
Seit fast 100 Jahren gibt es in Hamburg die Buchhandlung Felix Jud & Co.. Das Geschäft in der Mellin-Passage (übrigens die älteste erhaltene Einkaufspassage der Stadt) ist eine Institution und für manche die schönste Buchhandlung Hamburgs.

1923 gründet der 24jährige Felix Jud die "Hamburger Bücherstube" in den nahegelegenen Colonnaden - "allen Verhältnissen zum Trotz", denn es sind wirtschaftlich schlechte Zeiten. Zehn Jahre später werden es es auch politisch schlechte Zeiten, vor allem für wache, kritische Geister, und wenn sie dann auch noch den Nachnamen "Jud" tragen, wird's nochmal schwieriger.

Felix Jud trotzt erneut den Verhältnissen und weigert sich, seinen Nachnamen zu ändern - nicht im Stillen, sondern öffentlich: Ein Schaufenster wird mit einer Stürmerkarikatur mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" dekoriert. Dazu kommen Photographien des Säuglings Felix Jud auf einem Eisbärenfell, als Konfirmant und als erwachsener Mann, ebenfalls kommentiert mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" - und quer dazu ein Waschbrett mit dem Werbeslogan "Persil bleibt Persil". 

Im Mai 1933 verbrennen die Nazis Bücher ihnen unliebsamer Autorinnen und Autoren. Jud, der neben den klassischen Werken vor allem die neue deutsche Literatur schätzt, muss das Herz geblutet haben. 

Wieder kommentiert die Schaufenster-Dekoration das Geschehen: Jud stellt diverse Bände des Buches "Heitere Tage mit braunen Menschen*" von Richard Katz aus. Katz' Bücher werden übrigens ebenfalls verbrannt; er selbst überlebt im Exil (hier geht's zur Übersicht zu den Terminen, an denen rund um den 10. Mai an den 86. Jahrestag der Bücherverbrennung erinnert wird).

Jud belässt es aber nicht bei Schaufenster-Dekorationen: Er verkauft unter der Hand verbotene Literatur, macht die Leser miteinander bekannt, veranstaltet Lesungen und hält engen Kontakt zu verschiedenen Widerstandsgruppen, darunter die Hamburger Weiße Rose mit ihrem Musenkabinett.

Aufgrund seines Widerstands gegen das NS-Regime wird Jud im Dezember 1943 verhaftet, kommt über das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in das KZ Neuengamme, wird im Rahmen der Prozesse gegen die Hamburger Weiße Rose angeklagt und am 19. April 1945 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Anfang Mai, als die Briten Hamburg erreichen, wird Felix Jud befreit. Der couragierte Buchhändler stirbt 1985 im Alter von 86 Jahren. Seine Buchhandlung und eine Straße in Neuallermöhe erinnern bis heute an ihn.

Am kommenden Montag, 13. Mai 2019, um 19 Uhr stellt Juna Grossmann ihr Buch "Schonzeit vorbei*" in der Buchhandlung Felix Jud vor. Details zur Veranstaltung gibt es hier. Eine Anmeldung ist erforderlich (und dabei kannst Du dann auch gleich Dein signiertes Buch bestellen, falls Du meiner Lese-Empfehlung noch nicht gefolgt bist). Also: Anmelden und hin da, zack, zack!

* Affiliate links

Montag, 1. April 2019

Vor 86 Jahren: Boykott des Warenhauses Tietz (Alsterhaus)

Hamburger Bündnis
gegen Rechts
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell plant das blau-braune Pack neben regelmäßigen Veranstaltungen im Hamburger Rathaus eine "Großdemo" am 14. April. Es bleibt also spannend. Das demokratische Hamburg trifft sich übrigens am 14. April um 11 Uhr auf dem Hachmannplatz.

Am 1. April 1933, kurz nach der Machtübernahme, rufen die Nationalsozialisten dazu auf, Geschäfte mit jüdischen Inhabern zu boykottieren. Davon ist auch das beliebte "Warenhaus Hermann Tietz", kurz "Hertie", betroffen, das an prominenter Stelle am Jungfernstieg steht. Die jüdische Familie Tietz betreibt in ganz Deutschland Kaufhäuser. Das 1912 am Hamburger Jungfernstieg ist mit seiner palastartigen Anmutung, Marmorböden und Kristalllüstern das Aushängeschild.

Das Alsterhaus am Jungfernstieg.
Ende der 1920er Jahre kommt es zu einer weltweiten Wirtschaftskrise, die auch Tietz' trifft. Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten weigern sich zudem die Banken, den jüdischen Geschäftsleuten notwendige Kredite zu geben. Die jüdischen Besitzer und Geschäftsführer werden sukzessive aus dem Geschäft gedrängt - lange vor den 1938 beginnenden, "Arisierung" genannten, Zwangsenteignungen.

Schon 1933 bekommt das Kaufhaus mit Georg Karg einen nichtjüdischen Geschäftsführer, der 1940 das Kaufhaus ganz übernimmt und bis in die 1970er Jahre als Deutschlands "Warenhauskönig" gilt. 1936 wird "Hertie" in "Alsterhaus" umbenannt. Weiterhin zu sagen, man gehe bei Tietz einkaufen, ist fast schon ein kleiner Widerstandsakt. Auch nach der Befreiung wird die Umbenennung nicht rückgängig gemacht.

Der Name Tietz sollte ausgelöscht werden, ebenso wie die Namensträger. Allerdings bleibt der von Hermann Tietz abgeleitete Name "Hertie" für eine Kaufhauskette erhalte, aber nur wenige wissen um den Ursprung des Namens.

"Kaufhauskönig" Karg geht gemeinsam mit "Versandhauskönig" Josef Neckermann, dessen Imperium ebenfalls ein Resultat der "Arisierung" ist, noch einen Schritt weiter: Mit Gründung der „Zentrallagergemeinschaft für Bekleidung GmbH“ wird 1943 und 1944 Kleidung in den Ghettos im besetzten Polen produziert und unter anderem im "Alsterhaus" verkauft.

Familie Tietz bemüht sich 1949 um die Rückgabe ihres Vermögens. Sie stimmt schließlich in einem Vergleich mit der Firma Hertie einer Entschädigung durch Übereignung der Filialen in München, Stuttgart und Karlsruhe zu.

Weiterführende Links

Sonntag, 16. Dezember 2018

#pmdd29: Das war der 13. Dezember 2018

#pmdd steht für "Picture my Day Day", und der fand am 13. Dezember 2018 zum 29. Mal statt, diesmal veranstaltet von Frau Schnipselich - vielen Dank dafür!

In 31 Bildern nehme ich Dich mit in einen Arbeitstag - bislang war ich den den #pmdd's entweder krank oder es war Wochenende.

Meine Arbeitstage beginnen oft spät, so auch heute. Ich stehe allerdings meistens mit dem Gatten auf, damit wir noch zusammen Kaffee trinken können, bevor er los muss. Sein Arbeitstag beginnt zwei Stunden vor meinem. 
Wenn er sich auf den Weg gemacht hat, kann ich ein bisschen kruschteln und mich um den Haushalt oder das Abendessen kümmern. Ab Januar wird sich das ändern, dann muss ich früher im Büro sein. Also genieße ich die letzten Tage, an denen ich vor der Arbeit noch 'n büschen trödeln kann.




Gucken, wie die Nacht war.
Frühstück.

Auf den ersten Termin des Tages vorbereiten.

Die 52-Wochen-Challenge für diese Woche abhaken.
Die schon für letzte Woche angekündigte Straßensperrung ist da.

Bushaltstellenwarteblick Nummer eins.

Bushaltestellenwarteblick Nummer zwei.

Umsteigen in die U-Bahn.

Zeit überbrücken.

Verwilderte Kunst am Wegesrand.

Notiz an mich: Den Gatten fragen, ob er weiß, dass es hier ein Modellbahngeschäft gibt. 

Der erste Arbeitsort für heute ist erreicht.

Alte Bekannte treffen.

Kaffee trinken.

Endlich mal das Yarncamp-Gadget nutzen und in verblüffte Kollegen-Gesichter gucken können.

Ich könnte nicht widerstehen.

Das Karussell hat Pause.

Lesen* in der U-Bahn.

Fast schon im Büro.

Über die blühende Orchidee freuen.

Ordnung ins Chaos bringen.

Das kommende Jahr planen. Die unterschiedlichen Tapes brauche ich für die verschiedenen Projekte, für die ich verantwortlich bin.

Beim Staatsopern-Adventskalender Arbeit und Vergnügen kombinieren. 

Heimweg.

Endlich zu Hause.

Mit der Socke um einen Zentimeter ringen.

Beilage zum Abendessen.

Weihnachtsstimmung.

Wird dieses Jahr auch schon 90.

Der Chanukka-Kranz wurde inzwischen zum Adventskranz.

Die Socke bezwingen.

Noch etwas lesen*, bevor die Augen zufallen.
Die Rezepte zum Tag gibt's in der Kombüse.

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Montag, 3. Dezember 2018

Die Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall

Hamburger Bündnis
gegen Rechts
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Infos zu den Demonstrationen der demokratischen Mehrheit findest Du u.a. beim Hamburger Bündnis gegen RechtsAktuell ist die Nazi-Demo für Dezember abgesagt, wollen die Blau-Braunen bis Februar 2019 pausieren. Meinswegen könnte die Pause auch gerne länger dauern.


Detail der Weihnachtsbeleuchtung bei Tage.
Viele Hamburgerinnen und Hamburger erwarten jedes Jahr fast schon sehnsüchtig das Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall. Die charakteristischen, mit Tannengrün geschmückten Bögen mit dem Namenszug "Neuer Wall" sind ein beliebtes Foto-Motiv und sorgen dafür, dass viele Einkaufsbummler schon an der Stadthausbrücke aussteigen, um gen Jungfernstieg zu schlendern.


Neuer Wall, vom Jungfernstieg aus gesehen.
Die Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall wird zum ersten Mal 1926 eingeschaltet. Es ist die erste in Hamburg. Vielleicht ist es sogar die erste in Deutschland. Die Ladeninhaber plagen damals ähnliche Sorgen wie die Ladeninhaber heute: In der dunklen Jahreszeit, wenn's womöglich auch noch regnet, stürmt oder schneit, kommen zu wenig Menschen in die Stadt, um einzukaufen.


Herzbögen und Diskokugeln prägen seit etwa zehn Jahren die Weihnachtsbeleuchtung am Neuen Wall
Die Inhaber zweier Modehäuser am Neuen Wall haben die rettende Idee: Eine einheitliche, festliche Beleuchtung der gesamten Straße und stimmungsvoll dekorierte Schaufenster sollen Kauflustige anlocken! Fast alle Ladeninhaber schließen sich der Idee an. Die Erfinder der Weihnachtsbeleuchtung sind die Brüder Benno und Isidor Hirschfeld sowie die Brüder Max und Leo Robinsohn.


Blick Richtung Jungfernstieg.
Das Modehaus der Hirschfelds gibt es seit 1893 am Neuen Wall, das der Robinsohns öffnete direkt gegenüber ein Jahr früher seine Türen. Beide Häuser haben deutschlandweit viele Filialen, einige hundert Mitarbeiter und einen ausgezeichneten Ruf.

Sowohl die Hirschfelds als auch die Robinsohns sind Juden. Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten unterliegen sie und ihre Familien den NS-Rassegesetzen. Während des Novemberpogroms 1938 werden die Geschäfte zerstört und geplündert, werden der 75jährige Max und der 70jährige Leo Robinsohn unter dem Vorwurf der sogenannten "Rassenschande" verhaftet. Beide werden nach einigen Monaten aus der Haft entlassen. Ein halbes Jahr später, am 30. März 1939, werden die Robinsohns enteignet, ihr Betrieb "arisiert", wie es im NS-Amtsdeutsch heißt.


Stolpersteine für Benno Hirschfeld und seinen Sohn Hans. 
Mit den Hirschfelds wird ähnlich verfahren: Auch ihre Geschäfte werden im Novemberpogrom zerstört und geplündert. Der 59jährige Benno Hirschfeld wird verhaftet, erleidet zwei Herzinfarkte, bevor es seinem Sohn Hans mit Hilfe von Anwälten gelingt, ihn freizubekommen. Der gesamte Besitz der Hirschfelds wird enteignet. Das Hamburger Modehaus übernimmt Franz Fahning, der es unter seinem Namen weiterführte und 1989 stolz 50jähriges Bestehen feiert. An die jüdischen Vorbesitzer soll nichts erinnern. 


Das Relief am ehemaligen Modehaus Hirschfeld erinnert noch an die Übernahme durch Franz Fahning im Jahre 1939.
Im Mai 1943 wird Benno Hirschfeld nach Auschwitz deportiert, von dort im Januar 1945 nach Buchenwald, wo sich seine Spur verliert. Er wird für tot erklärt, als Todesdatum gilt der 10. April 1945. Sein zweiter Sohn Kurt wird als 22jähriger im Oktober 1944 ins KZ Neuengamme deportiert, wo er am 22. Januar 1945 stirbt.


Die Initiatoren der Weihnachtsbeleuchtung sind ab 1933 nicht mehr erwünscht, werden verfolgt und ermordet. Die Weihnachtsbeleuchtung allerdings bleibt. Erst 1939, im Zweiten Weltkrieg, gehen die Lichter am Neuen Wall aus. Aber schon zehn Jahre später, im Advent 1949, gehen sie wieder an, probeweise. Ein Jahr später wird die Weihnachtsbeleuchtung auch wieder offiziell eingeschaltet, aufgrund der Kohleknappheit vorerst nur während der Geschäftszeiten.


Gedenktafel für die Gebrüder Hirschfeld und ihr Modehaus.
An die Hirschfelds und ihr Modehaus erinnern heute zwei Stolpersteine und eine Gedenktafel. Eine Gedenktafel für das Modehaus Robinsohn ist zurzeit aufgrund von Bauarbeiten entfernt. Ich hoffe, sie wird nach Abschluss wieder angebracht - man weiß ja nie.