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Freitag, 5. April 2024

#WMDEDGT 04/24: Oktober in Deutschland

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Die Nacht war wie gewohnt von Unterbrechungen geprägt. Nun, ich schlief in der Nacht davor fabelhafte vier Stunden am Stück, das muss wieder für ein paar Wochen reichen. Ich hoffe, dass ich mit dem Wechsel des Lungenarztes mein CPAP-Gerät gegen eine Protrusionsschiene ersetzen kann, aber das wird noch dauern, denn vorher stehen noch einige Untersuchungen an. In den letzten Monaten komme ich immer schlechter mit dem CPAP-Gerät zurecht, ist es mit ein Grund für meine Schlafstörungen. Es macht so viel Lärm, dass ich davon aufwache, dass es auch immer öfter den Gatten in die Flucht schlägt.

Heute ist Freitag, was bedeutet, dass ich vor dem ersten Kaffee das Haus aufklare, denn die Putzfrau kommt. Normalerweise räume ich schon donnerstagsnachmittags auf, aber gestern war ich so erschöpft, dass ich während der Teezeit auf dem Sofa einschlief. Das passiert momentan öfter. Die vergangenen zehn Monate fordern ihren Tribut. 

Bei der Müll-Entsorgung stelle ich erfreut fest, dass die Altpapiertonne endlich mal nicht überläuft. Bis zur Leerung kommende Woche kann ich also noch ein paar Kartonage entsorgen. Beim Aufräumen finde ich Post, die der Gatte hilfsbereit aus dem Briefkasten nahm, dann aber irgendwo hinlegte und vergaß. Okay, nun ist zumindest geklärt, warum Rechnungen nicht ankamen, Mahnungen kamen. Ich bin kurz verärgert, weiß aber, der Gatte kann nichts dafür, da Auswirkungen seiner Erkrankungen. Letzten Donnerstag bastelte ich einen Post-Sammelkorb und hoffe, der löst das Problem.

Um halb acht ist das Haus soweit aufgeklart, dass die Putzfrau einigermaßen arbeiten kann. Der Gatte ist auch wach, und ich habe Zeit für einen Schluck Kaffee. Unsere Putzfrau ist da, verbreitet wie immer Optimismus und gute Laune, lässt sich auch vom grummeligen Gatten nicht beeindrucken, und geht gewohnt gründlich ans Werk. Ich bin heilfroh, dass ich sie habe, vor allem angesichts unseres Umzugschaos'. 

Ich beginne mit der Arbeit im Heimbüro, sorge zwischendurch dafür, dass der Gatte frühstückt und pünktlich zum Diabetologen kommt. Im Büro ist einiges zu tun, das sich aber zum Glück schnell erledigen lässt, so dass es insgesamt ein ruhiger Arbeitstag ist. Gemessen am Verhalten einiger Leute muss gerade wieder Vollmond sein, zumindest in einigen Hirnen. 

Der Gatte nutzt die regenfreie Zeit nach seinem Arzttermin, um etwas zu bummeln, und kommt mit guten Nachrichten nach Hause: Vier Monate nach Arztwechsel ist sein Langzeitzuckerwert im Diabetiker-Normbereich! Der Wert hat sich halbiert! Das gelang dem bisherigen Diabetologen in 20 Jahren nicht. Der Gatte nahm zudem ab - kein Wunder, muss er doch nicht mehr ständig Kohlenhydrate und Flüssig-Dextrose in sich hinein stopfen, um den entgleisenden Zucker aufzufangen. Der Gatte merkt gelegentlich, dass es ihm besser geht, zum Beispiel daran, dass er zumindest in der linken Hand schon wieder mehr Kraft und Gefühl hat. Hoffen wir, dass es weiter ein bisschen bergauf geht. 

Zum Feierabend erreicht mich die Nachricht, dass auf die Synagoge in Oldenburg ein Anschlag verübt wurde. Gott sei Dank bewies ein Nachbar Courage, wurden die Flammen schnell gelöscht, gab es nur Sachschaden. Aber die Botschaft ist eindeutig. 


Nachmittags zum Optiker, in den Betrieb, in dem eine Mitschülerin vor 40 Jahren ihre Ausbildung machte, als eine der ersten Azubis. Später zog sie nach Hamburg, machte lange Zeit meine Brillen, bis wir den Kontakt verloren. Dass wir unsere Brillen bei diesem Optiker machen lassen, wenn wir umgezogen sind, war schnell klar. Der Gatte zog vor, ließ sich dort schon eine Arbeitsplatzbrille machen. Nun bekomme ich eine Alltagsbrille. Ich bin überrascht von der Sorgfältigkeit der Optikerin. Noch nie machte eine Optikerin eine Anamnese oder einen Netzhautscan! Es ist wie beim Augenarzt, nur gründlicher. Der Termin dauerte über zwei Stunden, und ich war auch verblüfft, mit wie viel Spaß das Team zusammenarbeitet. Jetzt bin ich gespannt auf die neue Brille. In zwei Wochen ist sie fertig. Der Netzhautscan zeigte leider, was ich schon ahnte: Der Graue Star schreitet langsam fort. Erstmal sehe ich ihn. Der Augenarzt zeigte mir bislang keine Aufnahmen. 

Als ich mit Kuchen nach Hause komme, ist der Tee fertig. Wieder schlafen wir auf dem Sofa ein ...

Als wir aufwachen, ist es Zeit, das Abendessen zuzubereiten. Der Gatte kümmert sich derweil um den Kamin. Abendessen, dann Sofa, fernsehen, Kamin gucken und stricken. Zu spät ins Bett und vor dem Einschlafen noch etwas lesen*. Morgen beginnt nach 20 Monaten das erste Wochenende, an dem wir nicht pendeln müssen.

Der Blick zurück in die ersten vier Corona-Jahre: Am 5. April 2020 beschäftigten uns die unterschiedlichen Corona-Regeln, eröffneten wir die Balkon-Saison. Dieses Jahr wird der Balkon nicht bepflanzt, denn wir sind ja kaum in Hamburg. Am 5. April 2021 war der Gatte schon krank und versuchte, wieder gesund zu werden. Am 5. April 2022 bastelte ich eine Osterkarte. Am 5. April 2023 war ich von der Gesamtsituation erschöpft, hofften wir auf einen Umzug spätestens im Herbst. 

Donnerstag, 6. Oktober 2022

#WMDEDGT 10/22: Glücksmomente

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Ich habe endlich wieder acht Stunden schmerzfrei durchgeschlafen, nachdem ich am Vorabend Novalgin nahm. Während des langen Wochenendes in der lindgrünen Hölle konnte ich vor Schmerzen nicht schlafen, hatte aber keine Tabletten dabei. Jetzt sind sie in der Waschtasche, für das nächste Mal. Ich brauche die Tabletten zum Glück selten, aber wenn sie fehlen, ist es doof.

Zur Kaffeemaschine schlappen, dabei möglichst nicht den Gatten nicht wecken, denn der soll ausschlafen. Während der Kaffee durchläuft, Wassermelone schneiden und eintuppern, denn das wird mein Büro-Mittagessen, dann den Apfelkuchen aufschneiden. Ein Stück kommt mit ins Büro, sechs Stück nimmt der Gatte mit zur Teezeit bei Schwiegermutter. Den Thermobecher für's Büro mit Kaffee füllen, alles einpacken, zwischendurch frühstücken, dann den Klapprechner einpacken. Mittlerweile ist der Gatte wach.

Pünktlich im Bus und froh, dass ich reichlich Puffer einplante, denn durch Baustellen gibt es viele Staus. Froh bin ich auch über die FFP3-Maske, denn im Bus wird gerotzt, geschnieft, gehustet - und wenig Maske getragen. Während ich im Bus bin, verpasse ich einen Anruf der Horror-Hormon-Tante und bin genervt. Zum einen wollte sie ab 13 Uhr anrufen, nicht um 9 Uhr, zum anderen rief sie vor vier Wochen spontan an und weiß, dass es seitdem nichts Neues gibt, weil der Termin im Krankenhaus erst in zwei Wochen ist. 

Knapp pünktlich im Büro, nur schnell die Tasche abstellen, dann auf zur wöchentlichen Teamsitzung. Wir sind schnell durch, und ich hänge mich ans Telefon, um vielleicht doch eine andere Praxis mit gynäkologischer Endokrinologie zu finden. Ich versuche ja schon seit zwei Jahren, von der Horror-Hormon-Tante wegzukommen, leider vergeblich. Heute scheine ich Glück zu haben und bekomme in einer Praxis einen Termin im Januar! 

Die Chefin ist mit ihrem neuen Kind zu Besuch, klares Zeichen, dass der Erziehungsurlaub bald zu Ende, geht. So sehr ich mich freue, sie zu sehen, so sehr bedauere ich es, dass Chef II dann gehen wird, denn mit ihm arbeitet es sehr viel effektiver. Ich bin nicht die einzige, die ihn gerne behielte, aber leider ist er auf Dauer zu teuer ...

Das neue Kind ist niedlich, zeigt sich pflegeleicht und erwidert mein Lachen, obwohl ich eine Maske trage.

Intensiver Arbeitstag mit vielen Gesprächen und anderthalb Überstunden. 

Vormittags ruft das Krankenhaus an. Ah, denke ich, coronabedingte Verschiebung einer planbaren OP. Ja, Verschiebung, allerdings fragt man, ob ich eine Woche ehr kommen kann. Nein, das geht nicht, meine Termine sind so eng getaktet, dass kein Spielraum ist.  

Kurz nach 13 Uhr ruft die Horror-Hormon-Tante wieder an. Von dem Telefonat vor vier Wochen weiß sie nichts mehr, auch nicht von dem Krankenhaustermin. Es geht doch nichts über eine gute Gesprächsvorbereitung. Einmal mehr bin ich froh über den Termin in der anderen Praxis. Jetzt muss ich nur noch bis Januar an meine Medikamente kommen und hoffen, dass ich in dem Vorgespräch mit dem Krankenhaus die OP möglichst lange herauszögern kann. Die Total-OP will ich nach wie vor nicht.   

Ich bin kurz vorm Gatten zu Hause und telefoniere mit Mudderns, die wieder ziemlich wirr ist und mir u.a. erklärt, die Rechnungen für ihre Rezeptgebühren müsse ich beim Finanzamt einreichen, damit sie erstattet werden. Dass sie die Rechnungen bislang bei der Krankenkasse einreichte, bestreitet sie vehement. Außerdem stritt sie sich beim Abendessen wieder mit einer Mitbewohnerin um einen Sitzplatz. Die Dame sitzt im Gemeinschaftsraum gerne auf einem bestimmten Platz, was Mudderns nicht passt, denn schließlich gibt es dort keine festen Plätze. Mudderns könnte wie mittags auch abends im Speisesaal essen, wo es feste Sitzplätze gibt, aber das will sie nicht, denn dort gibt es das Essen 15 Minuten später. Außerdem geht es ums Prinzip. Mudderns will jetzt vom Leiter des Pflegeheims der Mitbewohnerin verbieten lassen, den Gemeinschaftsraum zu nutzen. Ja, nee, is klaa. 

Der Gatte kommt nach anstrengenden zwei Stunden bei seiner Mutter nach Hause, und wir setzen uns kurz auf den Balkon, um uns über unseren Tag auszutauschen. Schwiegermutter möchte, dass Tante Weihnachten zu Besuch kommt. Das wäre schön, nur ist fraglich, ob Tante das körperlich noch schafft. Ansonsten erledigte der Gatte Reparaturaufträge, beschwerte sich Schwiegermutter über den Mohn im Apfelkuchen. Wir überlegen, ob wir es wagen können, Weihnachten mit Mudderns zum Brunch zu gehen, so, wie wir es schon seit Jahren machen. Dieses Jahr waren wir Neujahr und Ostern mit ihr brunchen, und ich hatte das Gefühl, dass es sie völlig überfordert. Auch das Essengehen zu ihrem Geburtstag war schwierig. Ich werde sie am Wochenende mal fragen und hören, was sie sagt.

Während wir auf dem Balkon sitzen, geht mir auf, dass ich schon lange die vor zehn Tagen gekauften Chrysanthemen einpflanzen wollte ... Das muss ich vorm Wochenende unbedingt noch machen. 

Das Yarncamp-Goodie Bag kam an, aber es in Ruhe zu öffnen und zu durchstöbern ist genauso so vergeblich, wie der Versuch, den Vorabendkrimi zu sehen - der Gatte hat Redebedarf. Die Ungewissheit, wann der Grundbucheintrag durch ist, der Baukredit genehmigt und ausgezahlt werden kann, macht uns beiden arg zu schaffen, zumal der Bauunternehmer ankündigte, Ende des Monats mit allen Arbeiten fertig zu sein. Ich versuche, gelassen zu sein, denn bislang hielt er noch kein Fertigstellungsdatum. Wenn er diesmal aber tatsächlich seine Zusage einhält, haben wir ein Problem. Wir beschließen, die Gartenarbeiten zu verschieben, denn die haben nun wirklich keine Priorität, aber wie wir es auch drehen und wenden: Ohne Baukredit können wir den Umbau nicht zahlen. Mal gucken, was uns einfällt.

Umziehen, dabei auf die Waage gehen und erfreut feststellen, dass wieder ein Pfund weg ist. Somit habe ich inzwischen knapp 35 Kilo abgenommen. 65 Kilo müssen noch runter, denn nur ein BMI von 18 ist ein guter BMI ... 

"Hamburg Journal" gucken und mich freuen, dass eines unserer Projekt vorgestellt wird, dann Abendessen und endlich Füße hochlegen und stricken - ich schaffe fast den ganzen Lausitz-Krimi, ohne dass der Gatte Redebedarf hat. Jetzt bereitet ihm Probleme, dass Regalbretter nicht lieferbar sind - wir haben noch nicht mal Platz, um Regale aufzustellen, weil das Haus proppenvoll ist ... 

Während wir reden, erreicht mich die Nachricht, dass es einen Anschlag auf die Synagoge in Hannover gab. Heute ist Yom Kippur, Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Einzelfall, nich? Jüdisches Leben in Deutschland ist sicher ... 

Ich bin zu müde, um noch das "heute journal" zu sehen, also geht's früh ins Bett, um noch zu lesen*

Der Blick zurück in die ersten beiden Corona-Jahre: Am 5. Oktober 2020 war der Gatte noch gesund und fuhr ins Büro, gab's eine Kundgebung für einen jüdischen Studenten, der am Vortag vor der Synagoge niedergeschlagen wurde, wo gerade Sukkot gefeiert wurde. Einzelfall, klar. Am 5. Oktober 2021 beschäftigte mich ein Krebsverdacht, der sich Gott sei Dank als unbegründet herausstellte.

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Dienstag, 5. Oktober 2021

#WMDEDGT 10/21: Lavendelzeit II

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Ich bin seit gestern krankgeschrieben bis zur Einweisung ins Krankenhaus kommende Woche und ggf. auch länger, denn die Chance, dass die beiden zufällig festgestellten Tumore gutartig sind, ist sehr, sehr gering. Ich rufe mir seit der Diagnose vor zwei Wochen immer wieder in Erinnerung, wie viele Menschen in meinem Umfeld eine Krebserkrankung überlebten, dass ich mehr Menschen kenne, die Krebs überlebten als daran starben, aber da ich weiß, wie schlecht die Chancen bei Magen- und Speiseröhrenkrebs stehen, hilft das nicht. 

Eigentlich wollte ich heute zum Frühschwimmen, um psychisch wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen und weil ich immer denke, wer weiß, wie lange Sport noch geht, nein, inzwischen nicht mehr wegen Corona, sondern wegen Krebs, aber ich mag nicht, bleibe liegen und höre Radio. Ich habe wirr geträumt und versuche, das Geträumte zu sortieren.

Aufstehen, Kaffee kochen, den Gatten wecken, dann über eMails gucken und auf die guten Wünsche der Kolleginnen antworten. Es gibt sogar Grüße von der Ex-Chefin und Kollegin I. Ich bin dankbar für das verständnisvolle Team, in dem ich arbeite, und froh, dass ich vor drei Jahren den Arbeitsbereich wechselte, denn im früheren Bereich hätte ich nicht krank sein oder mich monatelang um den kranken Gatten kümmern können. 

Ich zerbreche mir den Kopf über die Vorsorgevollmacht, die ich am Sonntag erstellte. Will ich das alles wirklich so haben? Ich bin überfordert. Die Vorsorgevollmacht wird erstmal so abgelegt, wie sie ist - vielleicht bleibt mir ja noch Zeit zum Überarbeiten. Als nächstes werden die Unterlagen der vielen Untersuchungen des letzten halben Jahres abgelegt - ich brauche nur noch die für Gastroenterologie/Onkologie und Endokrinologie.

Eine Maschine Wäsche anwerfen und schon mal einen Koffer vorbereiten für einen eventuellen Krankenhausaufenthalt in der kommenden Woche. Momentan ist zwar nur eine ambulante Untersuchung geplant, aber nach Aussage meiner Hausärztin das kann sich nach dem Eingriff kurzfristig ändern, und wenn der Gatte angerufen wird, dass ich bleibe, soll er nicht suchen müssen. Meine Hausärztin ist neben dem Humangenetiker die, die die Tumormarker ernst nahm, mich nicht mit "Machen Sie sich keine Sorgen!" beruhigen wollte, und neben dem Humangenetiker ist sie diejenige, die mit dem Tumorverdacht recht behielt, also höre ich auf ihre Hinweise. 

Auf's Sofa wechseln, mit Mudderns telefonieren, dann serviert der Gatte ein spätes Frühstück. Auf dem Sofa sitzen, stricken und fernsehen - meine momentane Lieblingsbeschäftigung. Außer Sofasitzen und stricken passiert heute nicht viel.

Während der Gatte seine tägliche Packstationsrunde dreht (er kauft unvermindert das Internet leer), sortiere ich aus dem Vorratsschrank Lebensmittel für den neuen Foodsharing-Fairteiler aus - endlich gibt es einen in unserem Stadtteil! Dann will die Waschmaschine geleert, die Wäsche aufgehängt werden. Kurz ins Netz und mit Entsetzen, Wut vom antisemitischen Übergriff auf Gil Ofarim im Westin Hotel in Leipzig lesen. Antisemitismus ist allgegenwärtig (und in vier Tagen jährt sich der Anschlag in Halle zum zweiten Mal). Eine sichere Heimat sieht anders aus, denke ich, als ich die Umschläge für meine Krankschreibungen mit den Sondermarken "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" frankiere.

Der Gatte ist zurück und bereitet für uns Bickbeeren mit Banane und Vanille-Quark als Mittagsimbiss zu. Ich schaue eine fünf Jahre alte Reportage über Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen und freue mich, als ich ehemalige Kollegen sehe. Kurz vermisse ich diese Zeit. Der Gatte macht sich nochmal auf den Weg, diesmal in den Getränkeladen. Ich koche währenddessen Tee, friere einen Teil der Steckrübensuppe vom Vortag ein (den Rest gibt es am kommenden Tag) und hole Aprikosen aus dem Tiefkühler, denn morgen wird gebacken

Teezeit, als der Gatte wieder da ist. Er berichtet nochmal in Ruhe vom gestrigen Arztbesuch und ist genervt, dass sich kein Arzt für die Drittimpfung findet. Sein Hausarzt impft gar nicht, und die, die ich fragte, impfen nur Ü80, selbst, wenn sie laut Praxis-Aushang auch Ü60 und Risikogruppen impfen. Nun sind es bis zu einer möglichen Drittimpfung zwar noch drei Monate, aber er hätte gerne die Perspektive (ich auch, auch für mich, aber nun ja). Dann die Getränkekisten aus dem Auto holen und ein bisschen um den Haushalt kümmern, die Spülmaschine anwerfen. 

Irgendwann ist Zeit für's Abendessen. Heute ist Dienstag, also gehört der Abend dem Doctor. Der Gatte mag nicht mitgucken, sondern geht in die Werkstatt. Ich stricke währenddessen meinen Schal fertig - im Prinzip. Bevor ich abkette, lege ich ihn um und stelle fest, dass er mir zu kurz ist. Ich mag keine Schals, die ich nicht zwei Mal um den Hals wickeln kann. Also Wolle* nachbestellen und eine Woche warten, bis sie da ist, ich den Schal weiterstricken kann (Schachenmayr bekomme ich leider nicht im stationären Einzelhandel, sonst hätte ich gleich am nächsten Tag Nachschub).

Vor dem Einschlafen noch etwas lesen* und dabei wieder über den Tolino ärgern. Auch nach dem letzten Update kann ich nur in Zwei-Punkt-Schrift lesen, stellt sich das Gerät mitten im Lesen ab, speichert nicht ordentlich ... Kein Vergleich zum Kindle, nur kann ich auf dem leider keine Bücher aus der Onleihe lesen. 

Die Rezepte zum Tag gibt's kommende Woche in der Kombüse. / *Affiliate links

Samstag, 10. Oktober 2020

Samstagsplausch KW 41/20: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten XXVIII

Diese Woche begann mit einem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Synagoge, wo gerade Sukkot gefeiert wurde. Der Täter wurde gefasst, dem Studenten scheint es den Umständen entsprechend gut zu gehen, und die Tat löste Entsetzen aus. 

Am Tag danach gab's eine Kundgebung vor der Synagoge, an der etwa 500 Menschen zusammenkamen, und anders als beim Angriff auf den Landesrabbiner und seinen Begleiter im letzten Jahr war es diesmal nicht die Gemeinde, die die Kundgebung organisierte, weil es sonst niemand machte, sondern das Hamburger Bündnis gegen Rechts, das sofort reagierte.

Gestern schließlich war der Jahrestag des Halle-Attentats. Ich bin sehr, sehr müde und wütend, dass Antisemitismus und Rassismus Alltag sind, und ich wünsche mir mehr als Lippenbekenntnisse von Politik, Polizei und Zivilgesellschaft - ein entschiedenes Vorgehen bei antisemitischen Äußerungen auf den sogenannten Querdenker-Demos oder bei strukturellem Rassismus, beispielsweise. Ponyhof, ich weiß.

Sehr, sehr müde und wütend bin ich auch angesichts der Entwicklung der Corona-Infektionszahlen, u.a. durch rücksichtslose Egoisten und Maskenverweigerer. Es ist absehbar, dass es ab Montag schärfere Maßnahmen geben wird, denn in Hamburg liegt der Inzidenzwert seit zwei Tagen über 35. Ich bin gespannt, wann ich nicht mehr nur zwei Tage im Heimbüro bin, sondern fünf. Ich frage mich, wie lange wir die Mütter noch sehen können, ob wir Weihnachten zur Tante nach Bayern fahren bzw. dort im Hotel übernachten können, ob die beiden OPs, die bei Tante anstehen, durchgeführt werden können, wie es beruflich beim Gatten weitergeht ... Mich belastet dieses Corona-Gedöns gerade enorm. Nur: Nützt ja nichts. Sollte ich gehofft haben, dass wir mit diesem Corona-Gedöns in absehbarer Zeit durch sein könnten, war das vergeblich.

Hier gilt weiterhin: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause, inzwischen seit 30 Wochen. Kontakte sind auf das Notwendigste beschränkt. Der Gatte ist im siebten Monat Kurzarbeit, was ihm inzwischen ganz schön zu schaffen macht. Es gibt ja keine Perspektive, niemand weiß, wann es in der Veranstaltungsbranche wieder los geht - ob überhaupt. Diese Woche war er zwar wieder vier Tage im Büro, aber bald wird es wieder nur einer sein. Mein Arbeitsplatz an sich ist sicher, anders als beim Gatten. Das ist eine große Erleichterung, und wir wissen, dass wir in vielerlei Hinsicht privilegiert sind. Da wir die Situation nicht ändern können, hilft nur Gelassenheit.

Die drei Projekte, für die ich beruflich verantwortlich bin, sind alle auf unterschiedliche Weise von der Pandemie betroffen, auch, weil Chef in den betrieblichen Krisenstab abberufen ist, was notwendige Entscheidungen verzögert. Seine Abberufung wurde gerade bis Mitte nächsten Jahres verlängert. Immerhin wurde die Stelle der Chefin für diesen Zeitraum aufgestockt, so dass ich hoffe, die anstehenden Besprechungen können stattfinden, Entscheidungen getroffen werden.

Ich arbeite an zwei Tagen zu Hause, an dreien im Büro. Anders als manche Kollegin mit heimarbeitenden Gatten halte ich es nach einigen Anfangsreibereien meistens ganz gut mit dem Gatten aus. Aber es ist an den Tagen im echten Büro immer noch merkwürdig, morgens vor dem Gatten das Haus zu verlassen, selbst, wenn es diese Woche mal wieder anders war.

Ansonsten war es eine ruhige Woche. Den Müttern geht's gut. Schwiegermutter bekam endlich ihren Stressless-Sessel, auf den sie über ein Vierteljahr wartete. Da sie eine Vorauszahlung leisten musste, dachten wir schon, der Händler sei insolvent und könne deswegen nicht liefern. Sicher ist: Bei dem Händler kaufen wir nicht nochmal. Jetzt braucht sie noch passende Sessel oder ein passendes Sofa, dann ist die neue Wohnung komplett eingerichtet. Sie hat auch erste Kontakte in der Wohnanlage geknüpft und ist viel unterwegs, aber ihre Bridge- und Englisch-Freundinnen, die sie wegen Corona seit Jahresbeginn nicht mehr sah, fehlen ihr. 

Mudderns freute sich, dass sie mal wieder am Abendmahl teilnehmen konnte, denn um das coronakonform durchzuführen zu können, bekommt jeder Kirchenbesucher am Eingang ein Tütchen mit einer Oblate und einer Weintraube. So entfällt das Anstehen vorm Altar, das für Mudderns zu beschwerlich ist. Sie kann sich da ja auch nicht auf den Rollator setzen, denn der parkt an der Kirchentür, kommt erst wieder beim Verlassen der Kirche zu ihr. Ich hoffe, sie kann weiterhin am Gottesdienst teilnehmen, denn die Zeit, als Kirche nur virtuell stattfand, bekam ihr gar nicht gut. Aber auch in ihrem Wohnort steigen die Infektionszahlen.

Es macht mich extrem müde, mit Mudderns über coronakonformes Verhalten diskutieren zu müssen. Immerhin trägt sie ihre Maske, aber dass eine Einmalmaske nicht erst gewechselt werden muss, wenn sie auseinanderfällt, dass Stoffmasken auch mal gewaschen werden müssen, ist ihr nicht zu vermitteln. Gleiches gilt für's Händewaschen - nein, sich alle naslang die Hände einzucremen, ist kein Ersatz für's Händewaschen. Alles wird nur kommentiert mit "Ja, ja, du weißt ja, ich habe eine medizinische Ausbildung." Davon merkt man nur nichts.

Weil es Mudderns zu mühselig ist, beim Bäcker den Fragebogen mit ihren Daten auszufüllen, hat sie es sich jetzt zur Angewohnheit gemacht, zum Mitnehmen zu bestellen, dann mit Kaffee und Brötchen durch den Seiteneingang wieder ins Café zu gehen und sich zu setzen. Als sie dann auch noch sagte, sie verstehe gar nicht, warum die Infektionszahlen so steigen, wurde ich dann doch mal energisch, obwohl ich weiß, dass es verschwendete Energie ist. Sie lebt nun mal in ihrer eigenen Welt.

Seit diesem Montag nehme ich einen Hormonersatz. Gestern bemerkte ich überrascht, dass ich Schmerzen habe - ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie zwischendurch mal weg waren. In den letzten vielen, vielen Monaten war's umgekehrt. Da war ich überrascht, dass ich keine Schmerzen habe. So schnell wirkt der Hormonersatz sicher nicht; meine Beschwerden ließen schon letzte Woche langsam nach. Ich bin gespannt, welchen Befund die Hormon-Tante Ende des Monats stellt, welche Behandlung sie vorschlägt.

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Körper langsam erholt - und prompt tun sich neue Baustellen auf: Neben zwei Implantaten und einer Desensibilisierung, die eigentlich gemacht werden müssen, zickt aktuell auch mal wieder mein linkes Auge. Das muss warten, ich habe für so viele Baustellen einfach keine Kraft, möchte erst mal das Wechseljahrsgedöns erträglich bekommen - und außerdem steht in der kommenden Woche erstmal die Entscheidung an, ob dem Gatten eine OP helfen kann oder nicht. Einfach mal gesund sein wäre schon schön.

Langsam muss ich mal wieder Masken nähen. Irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, Corona erledigt sich über den Sommer. So ist der Gatte zwar gut mit Masken ausgestattet, ich aber nicht, und die Masken werden uns ja sicher noch ein paar Monate begleiten. Ich könnte Masken kaufen, aber zum einen bin ich geizig, zum anderen sitzen die gekauften selten so gut wie die selbstgemachten. 

Und ich möchte endlich mal wieder ein Blog-Runde drehen und kommentieren, aber irgendwie bekomme ich den Kopf nicht so wirklich frei ... 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Einkaufen und Kochen im Urlaub berichte ich in der Kombüse. Bleibt zu Hause, bleibt gesund, passt auf euch und eure Lieben auf.

Samstag, 12. Oktober 2019

Samstagsplausch KW 41/19: Weißer Raum

Montag freue ich mich, als ich einen Radfahrer mit Kippa sehe. Seit dem antisemitischen Angriff auf einen Rabbiner in Hamburg im Juni sehe ich gefühlt mehr Kippot im Straßenbild und freue mich über jede einzelne.

Mittwoch, Yom Kippur, höre ich auf dem Weg von einer Besprechung zur anderen kurz vom antisemitischen Anschlag mit zwei Toten in Halle. Mir fehlen die Worte. Und Gin. Ich brauche im Büro unbedingt Notfall-Gin.

Donnerstag stecken mir die Nachrichten aus Halle noch in den Knochen und ich überlege morgens tatsächlich kurz, ob ich wie jeden Tag das Armband mit dem Magen David tragen soll. Ich bin auf dem Weg zu meinem aus Palästina stammenden Augenarzt. In der Praxis sind Menschen, deren Vorfahren vor langer oder kurzer Zeit mal aus Russland, der Türkei, dem Mittleren Osten oder von sonst woher kamen, Menschen, die in Hamburg geboren wurden oder auch nicht, Frauen, die Kopftuch tragen oder auch nicht - und ich mit meinem Magen David. Ich möchte in keine andere Augenarzt-Praxis.

Gott sei Dank müssen meine Augen im Moment nicht gelasert werden. Meine aktuellen Sehstörungen kommen vom Stress. Ach was.

Um meine Nerven und mich zu beruhigen, treffe ich mich zu Karamell-Kaffee und Lütticher Waffel mit Kollegin I, denn der Augenarzt ist praktischerweise neben dem alten Büro. Kollegin I schüttet ihr Herz aus, und ich bin froh, dass ich mich vor zwei Jahren entschied, mir einen anderen Job zu suchen, denn Kollegin II mobbt weiterhin jeweils die Person, die meine alte Funktion innehat, ohne dass die Chefs dagegen vorgehen. Dabei befand meine Ex-Chefin doch, Ursache für die schwierige Situation im Büro sei ich, müsste doch alles gut sein, seit ich weg bin ....

Meine ehemalige Stelle ist inzwischen zum zweiten Mal nachbesetzt, und ich bin gespannt, wie lange es bis zur nächsten Ausschreibung dauert. Wenn die Chefs klug sind, verhindern sie, dass meine aktuelle Nachfolgerin geht, denn aufgrund ihrer Erfahrung auf gleicher Stelle in einem anderen Bundesland ist sie ein Sechser im Lotto.

Abends sehe ich "Weißer Raum" im Ernst Deutsch Theater.



Kurz zum Inhalt: Ein Sicherheitsmann rettet eine Frau vor einem vermeintlichen Vergewaltiger. Der mutmaßliche Täter ist ein geflüchteter Marokkaner. Er stirbt. Die Gerettete ist Journalistin. Sie wittert eine Story und wirft dem Sicherheitsmann Rassismus vor, denn es ist nicht das erste Mal, dass er einen Zuwanderer schlägt. Für die Nachbarschaft wird er zum Helden, schützt doch endlich mal jemand deutsche Frauen. Sein Sohn, ein Rechtsextremer, sitzt wegen eines rassistischen Angriffs im Gefängnis und sorgt dafür, dass der Vater Kontakt zu Rechtsextremen bekommt. Schnell wird der Vater ihr Sprachrohr.

Das Stück von Lars Werner zeigt eindrücklich, wie weit Nazis und Rassisten schon wieder in die Mitte von Gesellschaft, Verwaltung, Kirche und Politik vorgedrungen sind, wie sehr sie unsere Gesellschaft vergiften. Angesichts des Terroranschlags in Halle am Vortag erhält die zurückhaltende, moderne Inszenierung noch mehr Aktualität. Leider war das Theater nur zu einem Drittel gefüllt. Ich kann nur sagen: Guckt euch diese Inszenierung an! Unbedingt!

Das Ensemble, allen voran Rune Jürgensen als Sohn, der seinen Vater zu den Rechtsextremisten bringt, ist ausgezeichnet. Viele Monologe der kargen, modernen Inszenierung gehen unter die Haut. Bei der subtil rechts-rassistisch vergifteten Grabrede, die der Sicherheitsmann am Grab des durch seine Hand gestorbenen Marokkaner halten darf, dachte ich noch, das sei Fiktion.

Gestern wird die Gedenkveranstaltung für die Toten des antisemitischen Anschlags in Halle unterbrochen, damit ein Vertreter des blaubraunen Packs, ein geistiger Brandstifter des Attentäters, dort reden darf. So schnell wird die Fiktion zur Realität.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Frau Karminrot. Vielen Dank für's Sammeln! Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

Samstag, 29. Juni 2019

Samstagsplausch KW 26/19: Wir sind Hamburg

Letzte Woche wurden der Landesrabbiner und sein Begleitung antisemitisch attackiert, als sie nach einem Empfang das Rathaus verließen.

Mich hat das sehr entsetzt. Ich kenne zwar antisemitische Übergriffe, seitdem ich 1988 anfing, eine Magen-David-Kette zu tragen, und erlebte sie vor allem im oft für seine Toleranz gelobtem Grindel, das auch das "jüdische Viertel" genannt wird, aber trotzdem war's für mich noch mal etwas anderes, zu lesen, dass ein Rabbiner vor dem Rathaus bespuckt wird.

Die Magen-David-Kette kann ich seit langer Zeit nicht mehr tragen, aus vielen Gründen (Antisemitismus ist keiner), die antisemitischen Attacken blieben auch ohne sichtbaren Magen David, vor allem bei Stadtführungen zur jüdischen Geschichte. In meinem Falle waren die Angreifer übrigens ausnahmslos Deutsche, falls die Nationalität solcher Morslöcker irgendwie wichtig sein sollte.

Mein aktuelles Pandora-Armband.
In der letzten Woche überlegte ich, wie ich wieder einen Magen David tragen könne, denn wie gesagt, Ketten gehen ja nicht. Ich fand einen für mein Pandora-Armband - nicht in Deutschland, nicht original (die hätte es anscheinend nur in Tschechien oder Jordanien gegeben), aber egal. Der Magen David baumelt jetzt am Armband und kam natürlich auch mit auf den Rathausmarkt, als vorgestern, eine Woche nach dem Übergriff, eine Kundgebung zum Start der Initiative "Wir sind Hamburg" gegen Antisemitismus und Diskriminierung abgehalten wurde.

Normalerweise wäre ich nicht hingegangen, weil Menschen nach einem langen Arbeitstag unter Menschen und überhaupt, Hamburg macht das schon, sieht man ja bei jeder Anti-Nazi-Demo, aber hier war mir schnell klar, dass Hamburg das nicht machen wird, denn Initiatoren sind die jüdischen Gemeinden und der Erste Bürgermeister, da bleiben viele Linke weg.

Kundgebung "Wir sind Hamburg" auf dem Rathausmarkt.
Leider blieben nicht nur viele Linke weg. Es waren kaum Menschen auf dem Rathausmarkt, und die wenigen, die da waren, kamen oft aus dem Gemeindeumfeld. Das traf mich sehr. Rührend war hingegen eine junge Polizistin, die wie einige Kollegen wohl zur Bewachung eingesetzt war, sich aber schnell der Kundgebung zuwandte, konzentriert zuhörte und oft zustimmend klatschte. Ich sag's ja immer wieder: Auf die Hamburger Polizei lasse ich so schnell nichts kommen!

Ansonsten war die Arbeitswoche anstrengend, aber erfolgreich. Ich schaffte es gut durch die Hitze und freute mich über das kühlende Bodyspray meines Lieblingssommerparfüms*, das mir Schwiegermutter zum Geburtstag schenkte. Erst heute schaffte mich die Hitze, weil ich einfach nicht genug trank. Dazu muss ich mich ohnehin immer zwingen.

Im Laden hatte mein letztjähriges Beharren, dass es bei Sommerhitze unzumutbar ist, dort zu arbeiten, Erfolg: Die Belüftung wurde repariert! Bei Sommerhitze ist es jetzt angenehm dort. Ich bin gespannt, wann die Kollegin, die stets verneint, das mitbekommt und fordert, dass die Belüftung abgeschaltet wird weil wegen Keime, Hygiene, Erkrankung - irgendwas fällt ihr schon ein. Momentan hat sie, genau wie die Montagskollegin, anhaltende Schönwettergrippe.

Für einen Lacher sorgte Mudderns. Sie erzählte hocherfreut, sie haben sich ein Bus-Tier bestellt. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte, dachte an einen Plüsch-Bus und wollte schon fragen, sie fahre doch gar nicht Bus, was sie dann mit einem Bus-Tier wolle? Als sie sagte, das Bus-Tier käme im Dreierpack und den Namen eines Klamottenversands nannte, dämmerte mir, was sie meint.

Mudderns tut ihre wöchentliche Begleitung sichtlich gut: Sie hat sich endlich passende Kleidung gekauft, isst wieder frisches Obst und Gemüse, was sie angeblich jahrelang nicht vertrug, und hat auch wieder saubere Kleidung, weil ihre Begleitung dafür sorgt. All das, worum ich jahrelang vergeblich mit ihr kämpfte, macht sie jetzt freiwillig mit. Sie blühte in den letzten Wochen wieder auf. Ihre große Angst ist jetzt, dass ihre Begleitung irgendwann wechselt, aber ihre anderen Ängste sind erst mal gebannt. Ich atme vorsichtig auf.

Beim Stricken habe ich gerade ein obskures Problem: Ich nehme anscheinend unbewusst Maschen auf! Der Verspätungsschal, den ich mit 80 M begann, hat inzwischen fast 200 und muss wenigstens bis zum Mai aufgemacht werden. Und ich wunderte mich schon, wieso die Stricknadel immer kürzer wird ...

Eine Jacke, die ich parallel stricke, fing ich mit 186 M an, nahm in den ersten 90 Reihen 12 M ab und habe jetzt unerklärlicherweise 184 M! Normalerweise kann ich einfach nur mindless geradeaus stricken, keine Ahnung, was hier gerade schief läuft.

Verspätungsschal, aus dem Ruder gelaufen.
Die Jacke ribble ich nicht auf, aber ich habe mir alle 20 M Maschenmarkierer gesetzt und zähle jetzt mit. Zum Glück strickte ich zwischendurch einen Schal für Mudderns, den ich mit 32 M anfing und mit 32 M abschloss, sonst zweifelte ich jetzt total. So was ist mir noch nie passiert!

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Ich wünsche Dir eine gute Woche!

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Montag, 6. Mai 2019

Lesung von Juna Grossmann ("Schonzeit vorbei") in der Buchhandlung Felix Jud

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell phantasiert das blaubraune Pack darüber, durch Hamburg zu marschieren, schaffte es aber schon nicht, zu den letzten angemeldeten Kundgebungen überhaupt zu erscheinen. Angesichts der NS-Aufmärsche in der letzten Woche in Plauen und anderen sächsischen Orten bin ich sehr dankbar, in einer Stadt zu leben, die stabil ist, aber ich weiß, der Lack der Zivilisation ist dünn. 


Blick auf die Buchhandlung Felix Jud im Neuen Wall.
Seit fast 100 Jahren gibt es in Hamburg die Buchhandlung Felix Jud & Co.. Das Geschäft in der Mellin-Passage (übrigens die älteste erhaltene Einkaufspassage der Stadt) ist eine Institution und für manche die schönste Buchhandlung Hamburgs.

1923 gründet der 24jährige Felix Jud die "Hamburger Bücherstube" in den nahegelegenen Colonnaden - "allen Verhältnissen zum Trotz", denn es sind wirtschaftlich schlechte Zeiten. Zehn Jahre später werden es es auch politisch schlechte Zeiten, vor allem für wache, kritische Geister, und wenn sie dann auch noch den Nachnamen "Jud" tragen, wird's nochmal schwieriger.

Felix Jud trotzt erneut den Verhältnissen und weigert sich, seinen Nachnamen zu ändern - nicht im Stillen, sondern öffentlich: Ein Schaufenster wird mit einer Stürmerkarikatur mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" dekoriert. Dazu kommen Photographien des Säuglings Felix Jud auf einem Eisbärenfell, als Konfirmant und als erwachsener Mann, ebenfalls kommentiert mit dem Schriftzug "Jud bleibt Jud" - und quer dazu ein Waschbrett mit dem Werbeslogan "Persil bleibt Persil". 

Im Mai 1933 verbrennen die Nazis Bücher ihnen unliebsamer Autorinnen und Autoren. Jud, der neben den klassischen Werken vor allem die neue deutsche Literatur schätzt, muss das Herz geblutet haben. 

Wieder kommentiert die Schaufenster-Dekoration das Geschehen: Jud stellt diverse Bände des Buches "Heitere Tage mit braunen Menschen*" von Richard Katz aus. Katz' Bücher werden übrigens ebenfalls verbrannt; er selbst überlebt im Exil (hier geht's zur Übersicht zu den Terminen, an denen rund um den 10. Mai an den 86. Jahrestag der Bücherverbrennung erinnert wird).

Jud belässt es aber nicht bei Schaufenster-Dekorationen: Er verkauft unter der Hand verbotene Literatur, macht die Leser miteinander bekannt, veranstaltet Lesungen und hält engen Kontakt zu verschiedenen Widerstandsgruppen, darunter die Hamburger Weiße Rose mit ihrem Musenkabinett.

Aufgrund seines Widerstands gegen das NS-Regime wird Jud im Dezember 1943 verhaftet, kommt über das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in das KZ Neuengamme, wird im Rahmen der Prozesse gegen die Hamburger Weiße Rose angeklagt und am 19. April 1945 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Anfang Mai, als die Briten Hamburg erreichen, wird Felix Jud befreit. Der couragierte Buchhändler stirbt 1985 im Alter von 86 Jahren. Seine Buchhandlung und eine Straße in Neuallermöhe erinnern bis heute an ihn.

Am kommenden Montag, 13. Mai 2019, um 19 Uhr stellt Juna Grossmann ihr Buch "Schonzeit vorbei*" in der Buchhandlung Felix Jud vor. Details zur Veranstaltung gibt es hier. Eine Anmeldung ist erforderlich (und dabei kannst Du dann auch gleich Dein signiertes Buch bestellen, falls Du meiner Lese-Empfehlung noch nicht gefolgt bist). Also: Anmelden und hin da, zack, zack!

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Mittwoch, 5. Dezember 2018

#WMDEDGT 12/18: Es gibt keinen Plan B

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Eigentlich wollte ich heute Vormittag für eine Woche nach Rom fliegen, um eine virtuelle Freundin aus der Blogosphäre mal real zu treffen, aber durch den anstehenden Aufgabenwechsel im Job habe ich die Reise abgesagt. Chef und die Kollegin, deren Aufgaben ich übernehme, meinten zwar, ich könne trotzdem verreisen, aber mein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Mein Bauchgefühl hatte recht.

Zurzeit überhöre ich gerne drei Wecker, auch heute. Zum Glück hört der Gatte seine Wecker. Ich trinke mit ihm Kaffee, wir tauschen kurz aus, wer heute was wann wo erledigen muss, dann macht er sich auf den Weg, ungewiss, wie er abends nach Hause kommt.

Bei uns sind seit Oktober Straßenbauarbeiten, was dazu führt, dass er jeden Tag einen Umweg von fünf Kilometern fahren muss. Ab heute Abend soll die Straße dann für drei Tage komplett gesperrt werden, und niemand hat daran gedacht, welche Konsequenzen das für die Anwohner hat: Drei Straßen sind nämlich ausschließlich von dieser Durchgangsstraße aus erreichbar. Das heißt, drei Tage keine Müllabfuhr, keine Post oder Pakete, kein ÖPNV, kein Pflegedienst, kein Behinderten-Fahrdienst, keine Schulbusse, kein Essen auf Rädern, keine Polizei, keine Feuerwehr, keine Krankenwagen, keine Autofahrten ...

Ziemlich viele Nachbarn sind sehr verärgert, aber das interessiert die verantwortlichen Planer am Grünen Tisch nicht. Aber: Hendrik Sternberg, ein SPD-Abgeordneter, kümmert sich, informiert, organisiert einen Shuttle zur nächsten Bushaltestelle außerhalb der Sperrzone, nur mehr kann er jetzt auch nicht mehr ändern.

Der Gatte ist beruflich auf das Auto angewiesen. Mal eben für drei Tage das Auto woanders abstellen und zu Fuß nach Hause laufen, geht nicht, da es keine öffentlichen Parkplätze gibt, und in die Tiefgarage kann der Gatte nicht wegen der Straßensperrung. Ich dachte, es wäre für ihn am Entspanntesten, er zieht einfach drei Tage zu seiner Mutter, aber das will er nicht.

Angeblich soll die Straßensperrung aufgrund der winterlichen Witterung auf nächste Woche verschoben worden sein, aber davon weiß vor Ort niemand etwas. Es bleibt also spannend. Nächste Woche soll es übrigens schneien. Wir vermuten, Umleitung und Bauarbeiten bleiben uns die nächsten Monate erhalten. Wenn im nächsten Jahr die Straße für die Busbeschleunigung verbreitert wird, geht das Spiel ohnehin von vorne los. Vielleicht sollten wir uns ein Flugtaxi zulegen.

Frühstücken, dabei eMails sichten, durch's Netz lesen, eine verbaselte Rechnung suchen, finden und bezahlen, dann die Küche aufräumen, die Spülmaschine anwerfen, Lächeln ins Gesicht malen, nicht ganz so leger anziehen, da dienstliche Abendtermine anstehen, Tasche packen, und schon stehe ich an der provisorischen Bushaltestelle und bin gespannt, ob ein Bus kommt oder ob ich zehn Minuten bis zur nächsten Haltestelle laufe. Der Bus kommt. Hinter mir unterhalten sich zwei Frauen über sozialschmarotzende Asylanten, die angeschoben gehören, und Wölfe, die Menschen anfallen. Oder war's umgekehrt? Mit der Kombi Bus-Bus-Bahn-Bus bin ich in kaum einer Stunde und einigermaßen entspannt im Büro.

Heute ist der erste Mittwoch im Monat, also ist Teamsitzung. Der neue Chef will eine strukturierte Kommunikationskultur etablieren, wogegen sich das Team noch sträubt. Bislang sahen Besprechungen hier so aus: Person 1 hat eine Idee und geht damit zu Person 2. Man bespricht sich und geht zu Person 3, bespricht sich und geht samt Person 2 und 3 weiter zu Person 4 - bis man alle Kollegen durch hat. Ich nenne es die Lindwurm-Kommunikation, finde es sehr anstrengend und bin froh über einen neuen Kommunikationsstil.

Vor der Teamsitzung hält mich ein Kollege auf: Die bestellten Handtücher sind endlich da - tschakka! Ich ziehe ja zurzeit vieles systematisch glatt, und dazu gehört neben Altpapierentsorgungsmanagement und Entrümpelung auch die Versorgung mit frischen Handtüchern. Die werden seit Jahren von einer Kollegin privat gewaschen, wozu sie aber eigentlich keine Lust hat, was aber nie ernst genommen wurde ... Nun gibt es einen Grund weniger zu jammern, aber ich ahne, es werden neue Gründe gefunden werden.

Anderthalb Stunden Teamsitzung, dann eMails lesen und schreiben, mit einer Kollegin den Sachstand zu einem Projekt abgleichen und ab in die Mittagspause, ein paar Besorgungen erledigen - Bank, Budni, neue Muskatmühle*. Anruf beim Gatten, dass ich alles bekam, er nach Feierabend nicht noch mal los muss, und Anruf bei Mudderns, ob alles okay ist. Ja, Gott sei Dank. Und ihr Nikolaus-Geschenk von mir kam auch schon an, sie freut sich sehr. Fein.

Dann bestelle ich endlich den großen Jahresplaner von Katz & Tinte für's Büro. Ich könnte zwar einen über unseren Bürobedarf bekommen, aber der ist nicht so schön bunt, und einen neuen Taschenkalender brauche ich eh. Eine Tasse und ein paar Postkarten wollen auch noch mit.

Absprache mit einer Kundin zwecks Übergabe von Unterlagen, Eintüten der Rückmeldung auf die Bestellung als Schöffin, ein bisschen am Konzept für's neue Projekt rumwerkeln, dann den Chef schnappen und unzählige Kisten vom Büro ins Lager schleppen, damit die Kollegin, die stets verneint, das nicht wieder alleine macht, weil sie nicht nach Hilfe fragt, weil: Wenn man Hilfe bekommt, kann man schlecht jammern. Doof, das. Allerdings: Sie ist nicht erfreut, das wir ihr das Schleppen abnahmen. Ich hätte mir denken können, dass das mit den Kisten falsch war, weil man jetzt nicht mehr jammern kann. Irgendwas ist ja immer.

Mit dem Chef austauschen über die aktuelle Auseinandersetzung über das ehemalige KZ Sasel (siehe hier), schnell einen Kaffee Botz trinken, damit ich den Abend überstehe, das Lächeln nachziehen und - vom Chef gestoppt werden, weil er kurz über ein Projekt zur Europa-Wahl reden will. Zum Glück baue ich immer Zeitpuffer ein. Ich verabschiede mich mit "Ich muss jetzt erst in die Oper, dann zum Antisemitismus", und der Chef ruft mir hinterher: "Na, hoffentlich gibt's dann in der Oper keinen Wagner!"

Ab in die Staatsoper, zum Adventskalender. Das Foyer ist schon voll, es empfiehlt sich, schon lange vor 17 Uhr da zu sein. Ich bekomme noch einen Hörplatz auf der Fensterbank, suche mir dann aber doch einen Stehplatz, als ich höre, das heute getanzt wird. Ballett ist so gar nicht meins, aber ich bewundere, wie Töne in Bewegung umgesetzt werden.

Das Foyer der Staatsoper ist wie üblich schon vor Beginn der Adventskalender-Aufführung gut gefüllt.
Während der Aufführung fällt mir ein, dass ich unsere Flyer, die ich für den kommenden Termin auslegen möchte, vergessen habe, also flitze ich noch mal über die Straße in den Laden und erschrecke die Kollegin, die eigentlich schon auf dem Heimweg sein sollte, aber noch bei der Abrechnung sitzt.

Eine halbe Stunde früher als notwendig bin ich bei der Türkischen Gemeinde, wo eine Diskussionsveranstaltung mit Juna Grossmann, die unter "Irgendwie jüdisch" bloggt und mit "Schonzeit vorbei*" ein Buch zum Thema vorlegte, und Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung zum Thema Antisemitismus stattfindet. Ich freue mich, Juna persönlich kennenlernen zu können. Nach der Veranstaltung laufen wir zusammen zum Bahnhof und trinken Tee, bis Junas Zug abfährt.

Dann warte ich auf meinen Bus nach Hause, versuche den Gatten zu erreichen, weil ich später komme, aber der geht nicht ans Telefon, was mich besorgt, und steige in den Bus ein. Im Bus unterhalten sich zwei Jungs hinter mir darüber, dass sie gerade zum ersten Mal realisierten, wie getroffen ein Mädchen über herablassende Bemerkungen über das Aussehen von Frauen war. "Alder, die war voll traurig. Die hat so voll traurig geguckt. Ich hätte nie gedacht, dass das ein Mädchen so verletzen kann. Das war voll krass!" Es gibt noch Hoffnung.


Als ich 45 Minuten später an der heimischen Haltestelle aussteige, klingelt mich der Gatte an und fragt seinerseits besorgt, wo ich bin, weil: "Du hast doch gesagt, du bis um halb zehn zu Hause, und jetzt ist es schon fast halb elf."

In meinem Kopf war die Chanukka-Adventskranz-Kombi eine gute Idee - bis ich merkte, dass ich für die Kerzengröße einen wagenradgroßen Kranz und einen neuen Couchtisch bräuchte ... Sonntag, am neunten Tag Chanukka, habe ich hoffentlich keinen veritablen Zimmerbrand.
Zu Hause den Gatten begrüßen, das Lächeln abschminken, die Chanukka-Kerzen entzünden, ein Stück Lasagne essen, mit dem Gatten über den Tag reden, etwas stricken und im Nachklang über die abendliche Veranstaltung darüber nachdenken, dass ich keinen Plan B habe, wenn das hier mit der Demokratie den Bach runter geht.

Zwar habe ich mir im April einen Reisepass geholt und zum ersten Mal in meinem Leben einen Neuwagen gekauft, um notfalls weg zu können, denn mehr als sonst gilt, dass sich ein Jude in Deutschland ein Auto kauft und kein Haus, aber ich bin inzwischen zu alt, um Mütter, Tante, Hunde im Stich zu lassen, den Gatten zu schnappen und irgendwo neu anzufangen. Ich wüsste auch gar nicht, wohin ich sollte.

Israel war für mich nie eine Alternative, mein Hebräisch ist ziemlich eingerostet. Dänemark wäre schon eher eine Alternative, aber die drehen gerade selbst durch. Über Großbritannien müssen wir gar nicht erst reden.

Dennoch: Ich bin dabei, zu entrümpeln, mich auf das Nötigste zu beschränken, damit im Zweifelsfall weniger Zeugs da ist, und es ist mir wieder wichtig zu wissen, wo meine Papiere sind, damit ich im Notfall nur schnell einen Ordner greifen und ins Auto springen kann.

Um Mitternachts geht's ins Bett. Vor dem Einschlafen lese ich noch etwas, aber mit Nessers Van-Veteren-Kosmos* werde ich nicht richtig warm.

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Samstag, 1. Dezember 2018

Ausgelesen: Bücher im November 2018

Nach den ganzen Mallorca-Büchern in den letzten Monaten las ich mich im November quer durch die Krimi-Szene, wahllos, wie üblich.

In den letzten beiden Monaten fand ich immer wieder spannende Krimis in den Bücherregalen meiner Buslinien. Die sind 'ne tolle Einrichtung und werden regelmäßig von Stilbruch, einem Zweite-Hand-Kaufhaus, gefüllt. Man kann auch Bücher in die Regale stellen, aber das mache ich nur selten, denn ich weiß vorab nie, ob ich einen Bücherbus erwische. Meine aussortierten Bücher landen daher meistens im Umsonst-Korb bei uns im Laden.

Ich wünschte, die Bücherregale hätten einen besseren Standort im Bus, denn sie sind zwischen einem Vierersitz angebracht, so dass man gar nicht in Ruhe stöbern kann, wenn der Bus voll oder der Vierer besetzt ist.

Der Lesemonat beginnt mit "Hasentod*" von Angelika Stucke. In einer lauschigen kleinen Ortschaft im Leinebergland, zwischen Harz und Heide, kommt es kurz vor Weihnachten zu einer 'schönen' Bescherung: Kaninchenzüchter Wilhelm Knackstedt stößt beim Bestatten seines Prachtrammlers 'Fritz' auf menschliche Überreste. Es handelt sich um das Skelett eines in den frühen siebziger Jahren aus dem Dorf verschwundenen Mädchens.

Der grausige Fund lässt das Leben der Dorfgemeinschaft nachhaltig aus den Fugen geraten, denn beim Herumschnüffeln findet die ambulant arbeitende Fußpflegerin Kornelia Lorenz heraus, dass viele Menschen ein Motiv gehabt hätten, das Mädchen aus dem Weg zu räumen.

Stucke zeichnet die Charaktere liebevoll und mit Humor. Das war bestimmt nicht mein letztes Buch, das ich von ihr lese.

Lesen am Bahnsteig am 12. November.
Durch "Stoner McTavish*" von Sarah Dreher kämpfte ich mich durch. Die Handlung nahm mich so gar nicht gefangen: Stoner McTavish findet ihr Leben anstrengend und öde. In Boston herrschen Hitze und Monotonie, auf ihrem Schreibtisch herrscht Chaos, und ihre Geschäftspartnerin will Cremespeisen-Automaten ins Büro stellen. Dann bekommt Stoner von ihrer Tante einen schrägen Auftrag – sie soll eine wildfremde Frau beschützen, deren Mann sie in den Rocky Mountains ermorden will. Stoner, die ewig besorgte, schüchterne Romantikerin, ist aber gar keine Heldin … oder?

Auch, wenn ich den Krimi eher langweilig fand, überleg eich, ob ich nicht dem zweiten Band eine Chance gebe, um herauszufinden, wie es mit Stoner und Gwen weitergeht.

Riesig gefreut habe ich mich über den Fund von Paul Hengges Roman "Der Rosengarten*". Es ist nur noch selten antiquarisch zu bekommen, und aus unerfindlichen Gründen habe ich zwar den Film zu Hause, aber nie das Buch gelesen. Es ist Hengges Umsetzung der Geschichte der Kindermorde vom Bullenhuser Damm in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 und der unterbliebenen juristischen Verfolgung der Täter in der Bundesrepublik. Das Buch wurde 1989 als prominent besetztes Gerichtsdrama mit Liv Ullmann, Maximilian Schell, Peter Fonda, Jan Niklas, Hanns Zischler, Gila Almagor und Kurt Hübner von Fons Rademaker verfilmt, fand aber leider kein großes Publikum. Wird Zeit, die alte Videocassette mit dem Film mal wieder hervorkramen.

Der Klappentext von "Das Geheimnis der Menora*" von Lionel Davidson versprach mehr, als das 1966 erschienene Buch hielt: Seit fast zweitausend Jahren gilt die legendäre Menora, der große, siebenarmige Leuchter und das Sinnbild des Judentums, als verschollen. Bis eines Tages ein uraltes Schriftfragment auftaucht, das neue Hinweise auf den möglichen Fundort liefert.

Von der israelischen Regierung beauftragt, macht sich der junge britische Archäologe Caspar Laing sofort auf die Suche nach dem Heiligtum. Aber er ist nicht der Einzige, denn eine Kopie der Schriftrolle ist in die Hände skrupelloser Jordanier gefallen, und auch sie wollen sich um jeden Preis in den Besitz des goldenen Leuchters bringen. Für Laing beginnt ein fieberhafter Wettlauf mit der Zeit.

Ich fand die Handlung ziemlich wirr, mochte weder den Altherrenwitz noch die Herablassung, mit denen Frauen begegnet wird, die, ob sie wollen oder nicht, zum Beschlafen da sind, sofern sie attraktiv genug sind. Sicher, das Buch entspricht dem Zeitgeist der frühen 1960er Jahre, aber das war einfach nicht mein Fall.

Vermutlich war's einfach nicht mein Krimi-Monat, denn mit "Das Gift des Sommers*" von Erin Kelly ging's mir ähnlich. Das Buch beginnt in London im Jahr 1997: Karen ist eine ernsthafte junge Studentin, als sie an der Uni in London der jungen Biba Capel begegnet. Biba ist das genaue Gegenteil von Karen: Glamourös und lebenslustig führt sie zusammen mit ihrem geheimnisvollen Bruder Rex das Leben eines Bohemiens. In ihrem Zuhause, einem alten Londoner Herrenhaus, ist Karen bald ständiger Gast.

Allmählich wird sie immer tiefer in die tragische Familiengeschichte der Geschwister hineingezogen, während sich die Idylle langsam in einen Albtraum verwandelt, der schließlich in einem Mord gipfelt. Erst zehn Jahre später enthüllt sich, was in jener Sommernacht wirklich geschah. Doch das Drama ist noch nicht zu Ende.

Kelly erzählt viel mit Rückblenden, entwickelt die Handlung sehr behäbig, führt viele für die Handlung Figuren überflüssige ein, schafft es am Ende dann aber doch, einzelne Stränge miteinander zu verknüpfen, so dass das letzte Kapitel den Prolog aufgreift und die Auflösung überraschend ist. Dennoch: Tempo hätte dem Buch gut getan. Selten las ich einen Thriller mit so wenig Thrill.

In den letzten Novemberstunden begann ich mit der Lektüre von "Schonzeit vorbei: Über das Leben mit dem alltäglichen Antisemitismus*" von Juna Grossmann, die unter dem Titel "Irgendwie jüdisch" bloggt.

Wie üblich, wenn ich in der Öffentlichkeit eine Publikation lese, die mit jüdischen Themen zu tun hat, ertappte ich mich beim ersten Aufklappen des Buches in der U-Bahn dabei, wie ich es automatisch gleich so klappe, dass der Titel nicht zu sehen ist - dreißigjährige Erfahrung zeigt, dass das Thema Menschen animiert, bei mir ungefragt ihre Erlebnisse mit Juden oder ihre Meinung zu Israel abzuladen oder, auch immer wieder gern genommen, mich christlich zu missionieren.

Schon auf den ersten Seiten, bei Grossmanns Schilderungen ihrer Erlebnisse während der Arbeit im Jüdischen Museum, überwiegt bei mir Sprachlosigkeit. Weiland vor 30 Jahren, als die jüdische Sammlung noch im damaligen Berliner Museum in Kreuzberg untergebracht war, war ein spiegelverkehrt aufgehängter Parochet der Grund, warum ich Hebräisch lernte: Ich begriff, dass ich ohne Sprachkenntnisse nicht wirklich jüdische Geschichte studieren kann, selbst, wenn mein Schwerpunkt auf der Geschichte der deutschen Juden und der Shoah liegt.  Damals dachte ich noch, dass der Parochet falsch hängt, wäre ein Versehen, aber inzwischen frage ich mich, ob es nicht eher Gleichgültigkeit war.

Jedenfalls: Absolute Lese-Empfehlung für "Schonzeit vorbei"!

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