Sonntag, 16. August 2026

Samstagsplausch KW 33/26: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCCXXXV

Ich bin in der dritten Reha-Woche. Der Therapieplan ist meistens gut gefüllt, was den Tag strukturiert - nicht, dass ich Probleme damit hätte, meinem Tag Struktur zu geben. Ich habe eher das Problem, Ruhezeiten zu finden, und bin immer öfter auf Social Detox. So nett es ist, fester Bestandteil einer Gruppe zu sein, so anstrengend ist es, wenn die Gruppe darauf besteht, dass man alle Mahlzeiten zusammen einnimmt und immer zusammen sitzt. 

So ziehe ich mich denn immer öfter aus der Gruppe heraus, was die Anführerin zunehmend verwirrt. Grenzen zu setzen und zu akzeptieren, ist schließlich auch ein Reha-Ziel. Zum Glück ist meine Therapeutin so vernünftig, dass sie versteht, dass ich Auszeiten brauche. Da habe ich auch andere kennengelernt. 

Die Eisenbahnfahrt war schön, aber auch unwahrscheinlich anstrengend. Statt der geplanten fünf Stunden waren wir neun Stunden unterwegs. Ich war froh. dass ich nicht auch noch die Überführungsfahrt gebucht hatte, denn dann hätte ich es nicht bis zum Zapfenstreich in die Klinik geschafft. Ich teilte mir eine Viergruppe mit einem Vater und seiner Eisenbahnverrückten Tochter sowie einer alleinstehenden Frau in meinem Alter, deren Sohn zum Eisenbahnverein gehörte. Vor allem das Mädchen lenkte mich von der Trauer ab. Ich lerne alle Loks von "Thomas, die kleine Lokomotive" kennen sowie alle Staffeln der Zeichentrickserie - auf Englisch. Natürlich meldete sich die Trauer immer wieder, aber es war nicht so schlimm, wie befürchtet.

Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 335. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.

Natürlich habe ich mir auch die Sonnenfinsternis angeschaut - im Livestream aus Mallorca mit Harald Lesch. Zum ersten Mal seit dem Todes des Gatten sah bzw. hörte ich den Astrophysiker wieder. Der Gatte verschlang alle Beiträge, Sendungen, Bücher und Artikel von ihm, bis er mit dem Treppenlift auf sein Sterbebett fuhr. Fernsehsendungen sahen wir oft gemeinsam, meistens aber bekam ich die besonders interessanten Stellen vom Gatten zusammengefasst. Er kam dann rüber in mein Arbeitszimmer und guckte, ob er mich bei der Heimarbeit unterbrechen könne, was er in aller Regel machen konnte. 

An der Gruppen-Radtour nahm ich nicht teil. Das war mir zu gehetzt, da direkt nach dem Abendessen, und überhaupt war ich zu erschöpft. Ich halte es aktuell kaum bis zur Tagesschau aus, schlafe bis zu zwölf Stunden. Ich muss dringend ins Radfahren kommen, aber das fällt mir schwer.

Ich habe es endlich geschafft, Freunde in Schleswig zu besuchen. Das war schon lange geplant. Es war ein schöner Tag mit Gesprächen, gutem Essen, Spaziergang und Wolle kaufen. Silvester werden ich wieder dort sein. So muss ich Silvester nicht alleine überstehen. Letztes Jahr fühlte sich das noch gut an, dieses Jahr gerade nicht. Wir werden sehen.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse ist gerade Pause.

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