Hinter mir liegen sechs Wochen Reha, die ich nur als "schräg" bezeichnen kann und die mich immens viel Kraft kostete. Deswegen war es hier auch so still. Die "Strickliesels", die Mädels, mit denen ich abhing, witzelten irgendwann, ich wäre nur in der Reha, um zu stricken, zu streamen und zu schlafen.
Am Ende der ersten Woche sprachen mich drei Frauen an, als ich so für mich entspannt im Café saß und strickte. Es kamen die üblichen Sätze, dass man gerne stricken möchte, es aber nicht könne. Meine Standard-Antwort "Kein Problem, ich kann es euch zeigen", bliebt normalerweise folgenlos. Es gab die Nachfrage "Auch Sockenstricken?" - "Klar, auch Sockenstricken."
Zwei Tage später standen drei Frauen vor mir, die mir stolz frisch erstandene Wolle samt passenden Stricknadeln präsentierten (sie hatten sich wirklich vorbereitet!) und fragten, wann ich Zeit hätte, ihnen Stricken beizubringen. Ich dachte nur "Oh, scheiße!", denn bislang wollte niemand wirklich von mir Stricken lernen. Die, die Stricken komplett neu lernen wollte, war zudem Linkshänderin. Ich hatte mir vor der ersten "Strick-Sprechstunde" mit einer erfahrenen Strick-Freundin Strategien überlegt, wie ich als Rechtshänderin einer Linkshänderin Stricken beibringen könne, aber das war gar nicht notwendig. Diese "Strickliesel" guckte sich in Windeseile von mir ab, wie man mit rechts strickt und strickt jetzt rechtshändisch. Da sie mit dem klassischen Kreuzanschlag Probleme hatte, lernte sie Aufhäkeln, und zwar so erfolgreich, dass sie es schnell anderen zeigte.
Die therapeutische Wirkung des Strickens verblüffte die Psychotherapeuten der "Strickliesels". Das Gedankenkarussell wurde gestoppt, die Konzentration nahm zu, ebenso wie Durchhaltevermögen, Geduld und Frustrationstoleranz, wenn ein Strickstück wieder aufgeribbelt werden musste. Hibbeligkeit wich Tiefenentspannung - wirksamer und vor allem produktiver als jedes Autogene Training. Nach drei Wochen waren zwei der "Strickliesels" so weit, dass sie abends bei einem Konzert ganz entspannt eine Ferse strickten - drei Wochen vorher undenkbar. Eine sehr schöne Veränderung! Das Kompliment, mein Geduldsfaden wäre dicker als die dickste Wolle, kann ich nur zurückgeben
"Oha, sie nimmt die Brille ab! Jetzt wird's ernst!", war ein beliebter Satz, denn Fehleranalyse kann ich am Besten ohne Brille. Wenn ich dann auch noch "Interessant!" oder "Spannend!" murmelte, war klar, es muss geribbelt werden. Ich habe kreative Fehler gesehen, von denen ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass sie möglich sind. .
In den fünf Wochen, die wir zusammen strickten, entstanden zwei Loops, ein Schal und drei Paar Socken. Eine ist so vom Sockenstrick-Virus infiziert, dass sie sich einen Socken-Adventskalender kaufen möchte. Aber erstmal strickt sie einen Schal im Patentmuster, das sie auch neu lernte - nachdem unzählige kleine Strickstücke entstanden, um das perfekte Muster für den Schal zu finden, inklusive Randmaschen.
Spannend war für mich das Thema "Strickenlernen mit KI", denn eine setzte sehr auf KI, wenn es um Maschenanzahl und Wollmenge ging. Irgendwann war aber die Grenze der KI erreicht, wurde auf klassische Anleitungen oder Videos zurückgegriffen. Und die schmerzhafte Erfahrung, dass man nicht gleich das erste Strickstück blind stricken kann, wurde auch gemacht. Der erste Loop musste drei oder vier Mal aufgemacht werden, bis das Maschenbild so war, dass ich damit leben konnte. KI merkt auch nicht, dass die Nadeln nicht zur Wolle passen (zu glatt, zu rauh), dass das Maschenbild unregelmäßig ist, die Nadeln kleiner oder größer sein müssen ...
Ebenso schön war zu sehen, wie sich die "Strickliesels" gegenseitig halfen, denn ich hatte ja nicht immer Zeit oder wollte auch manchmal nicht. So lernten sie voneinander und wuchsen aneinander, waren stolz, wenn wieder eine Klippe gemeistert wurde, wurden selbstbewusster, trauten sich mehr zu.
Auf der Haben-Seite stehen also eine Frau, der ich Stricken ganz neu beibrachte, zwei, denen ich Sockenstricken beibrachte, drei, die ich wieder ans Stricken heranführte, eine, der ich half, eine zweite Socke, bei der sie irgendwie den Faden verlor, fertig zu stricken und ein paar andere, die mich einfach ansprachen und um Strickhilfe baten. Ich hatte irgendwann so etwas wie einen Fan-Club, konnte nicht ruhig im Café sitzen und lesen, ohne nach Strickhilfe gefragt zu werden. Es gab viele schöne Stunden im Kreise eines knappen Dutzends warmherziger, empathischer, strickender Frauen, mit viel Lachen und gelegentlichen Tränen. Das gab Kraft, zumal vom engeren Kreis auch mein Bedürfnis nach Rückzug respektiert wurde, es verstanden wurde, wenn ich gerade lieber alleine sein wollte.
Auf der Soll-Seite steht ein verfehltes Therapieziel. Ich war zur Trauerbewältigung in der Reha. Die Einzeltherapeutin erklärte mir im Erstgespräch, Trauer sei keine Erkrankung. Sie wisse daher nicht, was sie mit mir anfangen solle. Ich insistierte, die Reha biete Trauerbewältigung an, sie kannte meine Diagnose, als ich die Einladung bekam, sie müsse doch ein Konzept haben. Ja, im Prinzip schon, aber der Trauertherapeut sei seit vier Monaten erkrankt, es gäbe keinen Ersatz. Wenn Trauer aber tatsächlich ein Thema für mich sei, könne ich ja nach Itzehoe fahren, da träfe sich einmal im Monat eine Trauergruppe. Ähm, ja, nee, is klaa.
Mit mir zusammen waren etwa ein Dutzend Rehabilitanden zur Trauerbewältigung da. Sie baten, wenigstens gemeinsam in eine Therapiegruppe zu kommen, um sich im geschützten Rahmen unter professioneller Anleitung austauschen zu können. Das wurde verwehrt. So suchten und fanden wir andere Gelegenheiten zum Austausch. Schön ist anders.
Ich freute mich auf lange Spaziergänge, denn die Klinik liegt ja mitten in einem Naturpark, aber ich reiste mit Plantarfasziitis an. Das sagte ich auch beim medizinischen Aufnahmegespräch. Trotzdem wurde mir zwei, drei Mal die Woche jeweils 45 Minuten Nordic Walking verordnet. Das ist bei einer Plantarfasziitis gelinde gesagt suboptimal, und die Ärztin hätte das wissen können, ist die Klinik doch auch für Orthopädie-Patienten zuständig.
Am Ende der dritten Woche, als ich nur noch mit hohen Dosen Schmerzmitteln ein paar Schritte laufen konnte, sorgte eine beherzte "Strickliesel" mit Hilfe einer Physiotherapeutin dafür, dass ich vom Nordic Walking ins "Therapeutische Gehen" kam. Ich selbst war zu so viel Selbstfürsorge nicht mehr in der Lage. Eine andere "Strickliesel", die Plantarfasziitis kannte, zeigte mir Dehnübungen, nach denen ich vorher vergeblich bei den Physiotherapeuten gefragt hatte, und ich hatte dank vieler Therapie-Ausfälle ausreichend Zeit, drei, vier Mal am Tag jeweils eine halbe Stunde lang mein TENS-Gerät anzusetzen (seitens der Klinik gab es keine Verordnung für Reizstrom, denn ich war ja nicht in orthopädischer Behandlung). Am Ende der sechsten Woche konnte ich einigermaßen scherzfrei einen kleinen Spaziergang machen, und inzwischen kann ich einigermaßen schmerzfrei wieder bis zu zwei Kilometer laufen, brauche danach aber eine längere Pause. TENS, Dehnübungen und Schmerzmittel müssen weiterhin sein - und Geduld.
Die Klinik ist seit einigen Jahren bei vollem Betrieb im Umbau. Das wusste ich, und das erfährt jeder Rehabilitand mit der Einladung. Ende August aber nahmen die Bauarbeiten Ausmaße an, dass sie weder den Rehabilitanden noch den Handwerkern zumutbar waren. Am Tag vor meiner Abfahrt erreichten die Bauarbeiten denn ein neues Niveau: Nachtschicht. Um 22:40 Uhr begannen Bohr- und Hammerarbeiten. Okay, Schlaf wird ja ohnehin überbewertet (dritter Schwerpunkt der Klinik ist übrigens die Behandlung von Schlafstörungen).
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 339. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.
Heute ist Rosh haShana. Wenn ich einen Apfel vom kleinen Apfelbaum des Gatten pflücke, aufschneide, in Honig tunke und den Segen spreche, denke ich daran, wie ich im letzten Jahr einen Apfel von seinem Baum für ihn rieb und mit Honig mischte, damit er zum letzten Mal diesen Wohlgeschmack zu Beginn eines neuen Jahren auf der Zunge spürt. Er hätte sich so über die vielen Äpfel gefreut, die sein kleiner und unser großer, alter Apfelbaum uns dieses Jahr schenken!
Schwiegermutter und Tante geht's gut. Schwiegermutter überstand auch den 65. Geburtstag des Gatten gut, zu meiner großen Erleichterung. Tante kommt über Weihnachten und Silvester nach Hamburg. Ich bin dann ja in Weißenhäuser Strand bzw. in Schleswig, werde es aber so einrichten, dass ich auf Hin- und Rückfahrten jeweils ein paar Stunden bei ihnen bin. Außerdem ist geplant, dass ich Tante über den ersten Advent besuche. Da bin ich beruflich in Augsburg, was sich mit einem Abstecher nach Dachau verbinden lässt.
Der beginnende Herbst mit den dunkler werdenden Tagen macht mir ebenso zu schaffen wie die politische Lage. Dass Sachsen-Anhalt an die AfD fällt, war zu erwarten. Die blau-schwarze Koalition ist nur noch eine Frage der Zeit, und falls die Schwarzen wider Erwarten Anstand haben, steht Lila bereit. Dass die Partei sich jetzt aber im Handumdrehen u.a. ungebremst daran macht, ihre Pläne für ethnische Säuberungen und Deportationen umzusetzen, war in der Schnelligkeit nicht zu erwarten. Es gibt für Menschen wie mich keine Zukunft mehr in Deutschland, aber ich habe mir vorgenommen, so lange wie möglich so gut wie möglich zu leben (und zu kämpfen, sofern die Kraft reicht).
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse geht's demnächst wieder los.
