Mittwoch, 14. Februar 2018

Sei Sand im Getriebe

Diesen Beitrag schiebe ich schon lange vor mir her, immer in der Hoffnung, sein Thema erledige sich in der Zwischenzeit. Leider tut es das nicht. Seit einem Jahr ist der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert.

Im April 2017 erfuhr ich, dass es Menschen gibt, die ihm regelmäßig Postkarten schreiben. Ich bewundere die Kraft, die das Fräulein Read On dabei an den Tag legt: Seit 334 Tagen schreibt sie jeden Tag eine Karte. Ich bin froh, wenn meine Kraft morgens zum Aufstehen reicht, deswegen schreibe ich seltener, viel seltener.

Postkarte vom 8. Februar über Hamburg an der Nordsee.
Aber warum überhaupt Postkarten an Deniz Yücel oder an andere politische Gefangene schreiben, wenn völlig unklar ist, ob sie die jemals bekommen? Ganz einfach: Die Bürokratie, die damit beschäftigt ist, Postkarten zu verwalten, kommt in der Zeit, in der sie sich mit Postkarten beschäftigt, nicht dazu, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Im Idealfall geht der Bürokratie dadurch ein Mensch durch die Lappen, den sie lieber hinter Gittern sähe, oder kommt ein Verwaltungsbeamter ins Grübeln, welchem Staat er da eigentlich dient. Zumindest ist die Verwaltung erst mal beschäftigt, Postkarten zu verwalten.

Ich weiß nicht, wie es in türkischen Amtsstuben aussieht. Ich kenne nur deutsche Amtsstuben, aber die kenne ich vergleichsweise gut. Der Beamtentriathlon ist immer noch Knicken, Lochen, Abheften. Und glaubt mir, aus eigener Erfahrung weiß ich: Das gilt auch für Postkarten.

Es macht jeder Verwaltung unwahrscheinlich viel Freude, Postkartenaktionen zu bearbeiten. Jede Postkarte löst einen Verwaltungsakt aus, um so mehr, wenn sie nicht in der jeweiligen Amtssprache, im Falle Yücel also Türkisch, geschrieben ist, denn bevor die Postkarte den Beamtentriathlon absolvieren kann, muss sie übersetzt werden. Man muss ja wissen, worum's geht, ob man evtl. tätig werden, antworten muss, ob Ungemach dräut. Selbst wenn keine Postkarte jemals Deniz Yücel erreichen sollte, beschäftigt jede Postkarte doch erstmal viele Menschen, vom Briefträger über die Poststellen in den Behörden bis zum Gefängnisdirektor.

Eine Postkarte kann man noch ignorieren, aber die 334 Postkarten vom Fräulein Read On plus die der anderen, die mehr oder weniger regelmäßig an Deniz Yücel und andere politische Gefangene schreiben, die ergeben schon einen ordentlichen Berg, der sich nicht so einfach ignorieren lässt. Jede einzelne Karte signalisiert: Der Mensch, den ihr da inhaftiert habt, der ist nicht vergessen.

Wie leicht es sein kann, einen gut geölten Verwaltungsapparat ins Stocken zu bringen, lernte ich von meinem lieben Freund und Weggefährten Wolf. Eigentlich heißt er Kurt, aber so nannten ihn eigentlich nur die Behörden. Wolf war sein Kampfname, Wolf riefen ihn Freunde und Weggefährten. Wölfchen nannten ihn seine beiden Frauen.

Wolf war Hamburger und Jude, Mitglied einer deutsch-jüdischen Jugendbewegung. Er ging 1933 in den Widerstand. So stand er beispielsweise Schmiere, als Freunde die Parole "Hitler bedeutet Krieg" an einem Weg zwischen Eppendorfer Landstraße und Martinistraße malten. Das mag erst mal als keine große Aktion erscheinen, aber Schmiere stehen war eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn hätte Wolf nicht aufgepasst, wären alle verhaftet worden.

Und Schmierestehen in Kombination mit einem kritischen Geist, insbesondere, wenn der Besitzer dieses kritischen Geistes zusätzlich auch noch Jude ist, reicht für eine Verhaftung. Im Mai 1936 wurde der 21jährige Wolf verhaftet und wegen "Vorbereitung des Hochverrats" angeklagt. Im Januar 1937 wurde er verurteilt, verbüßte seine Haftstrafe in Fuhlsbüttel und konnte nach England emigrieren, wo er seine erste Frau, ebenfalls eine gebürtige Hamburgerin, kennenlernte. 1946 kehrten sie nach Hamburg zurück.

Verhört wurde Wolf im berüchtigten Stadthaus, dem Gestapo-Hauptquartier am Neuen Wall. Zu den vielen Folterungen und Mißhandlungen dort gehörte auch das stundenlange Stehen in den langen weiß getünchten Behördenfluren, vor der so genannten Spiegelwand. Nein, sie wurde nicht so genannt, weil dort Spiegel hingen, sondern weil die Inhaftierten so lange bewegungslos mit dem Gesicht zur Wand stehen mussten, dass sie das Gefühl hatten, dort ihr eigenes Gesicht wie im Spiegel zu sehen.

Eines Tages, als Wolf wieder mal zu einem Verhör geführt wurde, stand eine Gruppe Frauen rechts und links an den Flurwänden. Eine der Frauen drehte sich um und bat den Beamten, der Wolf zum Verhör bringen sollte, um Zettel und Stift: "Ich stehe hier schon so lange, mein Mann macht sich Sorgen. Ich möchte ihm ein paar Zeilen schreiben, damit er weiß, wo ich bin."

Während der Beamte noch damit beschäftigt war, das Ungeheuerliche - eine Gefangene spricht ohne Aufforderung, äußert eine Bitte, gibt's dafür überhaupt eine Vorschrift, ich muss doch meinen Gefangenen zum Verhör führen, was mache ich jetzt bloß - zu verarbeiten, drehten sich auch andere Frauen um und baten um Zettel und Stift, um eine Nachricht an ihre Angehörigen zu schicken.

Der Beamte schwitzte inzwischen sicher schon Blut und Wasser, und als wäre das noch nicht genug, öffneten sich nun auch die Bürotüren, eine nach der anderen, guckten die anderen Beamten auf den Flur, wollten wissen, was da los ist, warum Wolf nicht pünktlich zum Verhör erscheint.

An dieser Stelle schien es immer ein wenig so, als hätte Wolf Mitleid mit den Beamten, die von einer einfachen Frage aus dem Konzept gebracht wurden. Einzige Möglichkeit, die Lage wieder in den Griff zu kriegen, war in diesem Moment, den Frauen Zettel und Stift zu geben, damit sie ihren Angehörigen schreiben konnten.

"Den Mut dieser Frauen habe ich unendlich bewundert", sagte Wolf jedes Mal, wenn ich ihn ins ehemalige Stadthaus begleitete, wo er Schulklassen und Jugendlichen seine Geschichte erzählte. "Die Frage nach so etwas Harmlosem wie Zettel und Stift hat in diesem Moment die gute geölte Verwaltungsmaschinerie ins Stocken gebracht und denen, die in den Kellern und Büros verhört und gefoltert wurden, eine kurze Atempause beschert. Was diese Frauen geleistet haben, kann ich nicht vergessen!" 

Auch wenn Wolf nie die Namen dieser Frauen in Erfahrung bringen konnte oder ob ihre Nachrichten jemals aus dem Stadthaus herauskamen, sorgte er doch dafür, dass sie nicht vergessen wurden.

Bei jeder Postkarte, die sich auf den Weg nach Silivri macht, denke ich an diese Frauen, an Wolf und an ein Getriebe, das knirschend einen kurzen Moment zum Erliegen kommt. Eines Tages, da bin ich mir sicher, wird so viel Sand im Getriebe sein, dass die Maschine durchbrennt. Möge dieser Tag bald kommen!

Falls Du mehr über Wolf erfahren möchtest, empfehle ich Dir das Buch "Eine verschwundene Welt: Jüdisches Leben am Grindel*", das nur noch antiquarisch erhältlich ist.

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Samstag, 10. Februar 2018

Samstagsplausch KWE 06/18: Der Sängerkrieg der Heidehasen

Das Entrée des Allee-Theaters wird gerade
umgestaltet, wobei diese alte Werbung
zu Tage kam.
Es ist Wochenende, und Andrea sammelt wieder unsere Wochenimpressionen.

Am Sonnabend waren der Gatte und ich im Theater für Kinder zur Premiere von "Der Sängerkrieg der Heidehasen".

Wir waren beide total aufgeregt: Der Gatte, weil es eines seiner Lieblingsstücke ist, er das Hörspiel von James Krüss liebt und mir jedes Mal Auszüge vorsingt, wenn's um Wagner geht, und ich, weil ich seit der Grundschule nicht mehr in dem Theater war.

Damals hatte das Theater für Kinder noch einen Doppeldeckerbus, mit dem die Schüler in der Schule abgeholt und bis vor's Theater gefahren wurden. Das war eine Schau!

Der Bus hatte im Heck eine riesige Fläze-Ecke und war von außen mit buntem Konfetti bemalt. Bis vor einigen Jahren sah ich ihn immer noch durch Hamburg fahren, aber inzwischen gibt es ihn leider nicht mehr. Und während ich mich noch lebhaft in den Bus erinnere, habe ich keine Erinnerung mehr an das Theater oder das Stück, das wir sahen ...

Das privat geführte Theater für Kinder wurde 1968 gegründet. Die Idee: Kinder brauchen mehr Theater als Weihnachtsmärchen. Seit 1996 ist es vormittags und nachmittags Kindertheater und abends Kammeroper. In letztere gehe ich Anfang März, darauf freue ich mich schon.

"Der Sängerkrieg der Heidehasen" ist eine Adaption von Wagners "Tannhäuser" und den "Meistersängern von Nürnberg". Bei den Heidehasen soll, wie jedes Jahr, der beste Sänger im Rahmen eines Wettstreits gekürt werden. Doch dieses Mal winkt ein besonderer Preis: Die Prinzessin, Tochter von König Lamprecht VII., heiratet den Sieger. Ein aussichtsreicher Kandidat ist der junge Hase Lodengrün.

Aber Direktor Wackelohr und der Minister für Hasengesang versuchen, dessen Sieg mit allen Mitteln zu verhindern. Sie verstellen die Sonnenuhr von Lodengrün, damit dieser aufgrund seiner Verspätung vom Wettbewerb ausgeschlossen wird. Otto Lampe, der Neffe der Nachbarin, hört das Verschwörungsgespräch mit und informiert Lodengrün. Dieser schafft es gerade noch rechtzeitig zum Sängerkrieg und siegt mit seinem Lied über das Komplott. Wackelohr und der Minister fliehen außer Landes.

Das Ensemble ist voller Spiel- und Sangesfreude, die Figuren sind wunderbar besetzt, die Bühne mit Sellerie, Radieschen und Salat einfach zauberhaft, ebenso wie Kostüme und die hinreißende Maske. Eine rundum gelungene Inszenierung, die großen und kleinen Menschen Spaß macht. Hin da!

Ansonsten war's eine normale, ziemlich anstrengende Woche. Viel unter Menschen zu sein, jeden Tag, sogar sonntags, strengt mich einfach an. Montag sprang ich für eine kranke Kollegin ein, was einen zusätzlichen Der Gatte hatte Urlaub und Dienstag einen wichtigen Termin. Während er völlig gelassen blieb, war ich einem Nervenzusammenbruch nahe. in KW 8 erfahren wir, wie der Termin lief - lief er gut, wäre das Ergebnis ein wunderbares Hochzeitstagsgeschenk.

Ich wachse weiter in meine Aufgaben hinein, nahm zum ersten Mal an einem vierteljährlichen ressortübergreifenden Jour fixe statt, wo ich auf eine liebe Kollegin aus einem früheren Leben traf, und war froh, dass ich gestern frei hatte. Eigentlich wollte ich an die Elbe, das schöne Winterwetter genießen, aber dazu war ich zu erschöpft.

So schlief ich viel und beschäftigte mich mit meinem aktuellen Strickstück, das im Prinzip fertig ist, aber noch nicht richtig sitzt, wie ich finde. Ich habe es auf meine Massen Maße umgerechnet, und jetzt ist der Ausschnitt halsfern, weil ich die Abnahmen für die Schulter nicht mit umrechnete. Vermutlich ribble ich die Schulterpartie noch mal auf und nehme mehr ab.

Der Gatte übernahm derweil den Wocheneinkauf und brachte mir einen Strauß roter Rosen mit. Eine wunderbare Überraschung!

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und eine gute Woche!

Montag, 5. Februar 2018

#WMDEDGT 2/18

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT?

Mir fällt morgens das Aufstehen schwer. Ich habe schlecht geschlafen, hatte Atemprobleme und Schmerzen. Gegen beides gäbe es Abhilfe, aber ich kann mich noch nicht zu einer OP durchringen, und ins Schlaflabor geht's erst im April. So verbringe ich anderthalb Stunden damit, einigermaßen wach und fit zu werden, während der Gatte, der eine Woche Urlaub hat, noch schläft.

Morgengruß: Die Nachbarskinder bauten einen kleinen Schneemann.
Nach reichlich Kaffee und einer heißen Dusche stehe ich dann ziemlich spät an der Bushaltestelle und bin später als geplant im Büro. An der S-Bahn besorge ich mir noch ein Brötchen, denn zu Hause klappte es nicht mit dem Broteschmieren.

Das Wechselgeld lege ich gleich zur Seite für die 52-Wochen-Challenge: Jede Woche legt man einen der Wochenzahl entsprechenden Betrag zurück: In KW 1 1 Euro, in KW 2 2 Euro, jetzt in KW 6 also 6 Euro. Am Ende des Jahres sollen so 1.378 Euro in meinem großen Einmachglas zusammenkommen. Ich bin gespannt, wie lange ich durchhalte. Der Gatte meint, nicht länger als bis KW 25. Mal gucken.

Eigentlich wollte ich früh im Büro sein, um am frühen Nachmittag Feierabend zu haben, aber meine Verspätung hat ein Gutes: Ich mache nicht so viele Überstunden, denn im Büro zeigt sich: Meine Kollegin ist krank. Ich muss für sie einspringen, weil die dritte Kollegin montags immer frei hat.

Die Kolleginnen sind ob der Krankheit der Kollegin und meiner Vertretung ziemlich aufgeregt. Ich bleibe gelassen, denn die Vertretung gehört ja zu meinen Aufgabengebieten (und so schlecht, wie die Kollegin am Freitag, nach zwei Tagen zu Hause, immer noch aussah, ging ich nicht davon aus, dass sie heute wieder fit ist, insofern bin ich wenig überrascht). Dass jemand keine Probleme mit dem Vertretungsdienst hat, ist für das Team ungewohnt. Nun, ich war die letzten viereinhalb Jahre Springerin ...

Generell beginnt der Bürotag damit, dass ich erst mal in alle Büros reinschaue und Guten Morgen sage. Damit ist dann oft schon die erste viertel bis halbe Stunde um. Eine Kollegin erzählt, dass die 15jährige Praktikantin, die uns die letzten drei Wochen begleitete, sehr begeistert von unserer Abteilung war. Das ist schön, denn manches Mal frage ich mich schon, ob wir nicht an unserer Zielgruppe vorbei arbeiten, und so durfte denn die Praktikantin auch die Jugend-Angebote aus meinem Arbeitsbereich sichten und mir sagen, was bei ihr ankommt und was nicht.

Ich sage kurz beim Gatten Bescheid, dass ich anderthalb Stunden später komme und gebe dann angesichts des häufig klingelnden Telefons den Versuch auf, mich um meine Internetseiten zu kümmern, bevor ich Ladendienst habe. Eigentlich wäre ich heute nur im Büro, wollte eine Seite neu gestalten, aber das CMS ist kompliziert, und die Ruhe, die ich dafür bräuchte, habe ich nicht, wenn Ladendienst ansteht, ich maximal eine Stunde im Büro bin.

Eine Viertelstunde vor Öffnung bin ich im Laden, gehe die Regale durch, gucke, ob Flyer abgelaufen sind und entsorgt werden müssen, fülle Broschüren auf, lege den neuen Statistikbogen für die kommenden beiden Wochen an, mache einen Rückruf bei einem Theater, spreche mich mit der Kollegin, die heute auf der anderen Ladenseite mit mir arbeitet, ab und ignoriere die erste Kundin, die schon vor Öffnung vor der Tür steht. Manchmal habe ich das Gefühl, nach dem Wochenende sind unsere Kunden wie auf Entzug.

Dann geht's Schlag auf Schlag: Ein Herr möchte die Broschüre, über die er gerade in seinem Buch schreibt, haben, weiß aber den Titel nicht, nur, dass er den Titel mittig auf der Seite in einem Textblock erwähnte und wir sie führen müssten. Ähm, ja, nee, is klaa. Eine Dame hätte gerne die Veröffentlichung, die aussieht wie ein Kalender, aber mit Informationen über das Rathaus. Okay, hier weiß ich wenigstens was sie meint und gebe ihr das Gewünschte mit. Eine andere Dame muss überzeugt werden, dass es sich bei einer App nicht um eine gedruckte Broschüre handelt (aber immerhin haben wir ein Faltblatt darüber, dass wir die App haben ...).

Zwischendrin liefert DHL an, holt eine Dame einen ganzen Stapel Broschüren ab, wofür ich schnell ins Lager laufe, möchte ein entzückender 86jähriger Herr über die aktuellen Inszenierungen von "Maria Stuart" und "Fidelio" plaudern, über den gerade verliehenen Bertini-Preis und das theater 53, das einst an der Landwehr war. So vergehen die ersten anderthalb Stunden Ladendienst wie im Fluge.

Die nächsten anderthalb Stunden gehen so weiter: Ein Kurier bringt Kulturpropaganda, wie er es nennt. Ich lege die Flyer aus, kontrolliere wieder, welche Broschüren und Infomaterialien nachgelegt werden müssen, freue mich, wenn ich im Lager tatsächlich was finde; esse ein bisschen Quark, wenn gerade niemand guckt; kämpfe mich durch die von der Chefin produzierte eMail-Flut und versuche, der Herr zu werden, indem ich sie in Ordner kategorisiere und markiere, was ich Mittwoch bearbeiten will; verpacke Broschüren zum Versand und wuchte den Karton nach oben in die Verwaltung, wo am nächsten Morgen die Post abgeholt wird.

Zwischendrin fixe ich eine Kollegin aus der Nachbarabteilung mit der Idee, einen zum Lager umfunktionierten Seminarraum endlich mal wieder für Veranstaltungen zu nutzen, an. Ich weiß schon, dass dieses Projekt höchstens mittelfristig umzusetzen ist, aber ich kann sehr hartnäckig sein, wenn ich mir mal etwas in den Kopf gesetzt habe (und ich habe so viele Ideen, die man in dem Raum umsetzen könnte).

Die restlichen anderthalb Stunden beginnen ruhig. Die Kollegin, mit der ich bislang noch nicht zusammenarbeitete, und ich können ausgiebig klönen, dann nutzt sie die Gunst der ruhigen Stunde, um ihre Regale aufzufüllen und in der Verwaltung vorbeizuschauen. Ich lese mich online einmal quer durch die Presse und bin froh, nicht mehr in meinem alten Job zu sein, denn da ist gerade der Teufel los. Ich schicke mitfühlende Gedanken an Kollegin I: Meine Stelle ist immer noch nicht nachbesetzt, sie muss mich vertreten.

Wie üblich wird es in der letzten halben Stunde vor Ladenschluss noch mal turbolent, aber wie durch ein Wunder sind acht Minuten vor Schluss alle Kunden gegangen, kommen auch keine neuen, können wir pünktlich Feierabend machen. Die Kollegin und ich tauschen noch schnell unsere Telefonnummern aus, um uns mal für's Theater zu verabreden, denn seitdem ich dienstlich in Vorstellungen muss, suche ich oft nach einer Begleitung, und sie geht gerne ins Theater.

Als ich aus dem Laden komme, geht draußen gerade die Sonne unter - die Tage werden spürbar länger. Alle Anschlüssen klappen, in knapp einer Stunde bin ich zu Hause. Im Briefkasten ist die Fristsetzung des Finanzamtes für die 2016er Steuererklärung. Damit ist geklärt, was ich am freien Freitag mache ...

Der Gatte und ich tauschen uns kurz über unseren Tag aus. Er war einkaufen und beim Recyclinghof, die letzte Woche in Rauch aufgegangene Mikrowelle entsorgen. Eigentlich wollte ich nicht sofort eine neue kaufen, weil ich die Dinger überflüssig finde, aber der Gatte kann nicht ohne. Also trabt er morgen los, eine neue kaufen, aber erst mal geht er in die Küche, um das Abendessen zu machen.

Ich arbeite am aktuellen Strickstück, stelle die rechte Vorderseite einer Strickjacke fertig, kann mich dann aber nicht mehr auf die Anleitung konzentrieren - der Ladendienst fordert seinen Tribut. Das Schließen der Schulternähte und das Stricken des Kragens werden auf Morgen verschoben. Stattdessen gehe ich früh ins Bett und lese "Mycrofts Auftrag*" von Beate Baum zu Ende.

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Samstag, 27. Januar 2018

Samstagsplausch KW 04/18: Mach die Musik so laut du kannst

Diese Woche lernte ich einen weiteren Arbeitsbereich kennen, der, zumindest am Rande, zu meinen Aufgabengebieten gehört: Lesungen für Schüler und Jugendliche. Für deren Organisation und Durchführung ist eigentlich eine Kollegin verantwortlich, aber ich muss halt auch wissen, wie so eine Veranstaltung abläuft, weil eine von uns immer mit dabei ist.

So konnte ich eine entzückende Lesung mit Anja Tuckermann und vielen Grundschülern im Literaturhaus erleben. Das Haus ist voller Geschichte, liebevoll restauriert und bietet schon ohne Lesung viel zu gucken. Was für mich kaum vorstellbar, aber leider Realität ist: Ohne die diese Veranstaltungen und die engagierten Lehrer, die mit ihren Klassen dahin gehen, kämen viele Kinder nicht mit Büchern, egal, ob digital oder analog, in Kontakt. Oft sehen die Kinder auch zum ersten Mal die Alster und fragen, ob sie noch in Hamburg sind. Meine Güte, unternehmen Eltern denn heute mit ihren Kindern keine Ausflüge mehr?!

Tuckermann fing die grundaufgregeten Kinder erstmal mit ihrem Buch "Alle da! Unser kunterbuntes Leben*" ein und las dann aus "Nusret und die Kuh". Beides sind ja eigentlich Bilderbücher, und ich fragte mich vorher, wie das Bildergucken mit bummelig 70 Kindern gehen soll. Ganz einfach: Die Zeichnungen wurden vergrößert auf eine Leinwand geworfen.

Nusret ist ein Junge aus Osteuropa, dessen Eltern zum Arbeiten nach Deutschland gingen. Bis zur Einschulung lebt Nusret, das jüngste der drei Kinder, bei den Großeltern, einer Kuh, ein paar Hühnern und Gänsen auf dem Berg. Die Kuh ist sein bester Freund und muss mit nach Deutschland, um lesen und schreiben zu lernen, damit jemand den Großeltern die Briefe, die hin und her wechseln, vorlesen kann.

Die Zeichnungen von "Nusret" sind übrigens was ganz Besonderes: Uli Krappen und Mehrdad Zaeri, die beiden Illustratoren, zeichnen gemeinsam. Jeder bekommt das Blatt für zwei Minuten, dann wird getauscht, und irgendwas ist das Bild fertig, Übermalungen inklusive. Hier auf der Verlagshomepage gibt es einen Blick ins Buch.

Vorgestern wollte ich eigentlich zur Burns Night ins trific, aber meine beiden Begleitungen wurden krank, und alleine hatte ich keine Lust. Also machte ich pünktlich Feierabend, kaufte mir auf dem Heimweg einen bunten Blumenstrauß und fiel mit dem Strickzeug aufs Sofa.

Gestern hatte ich frei - vorsorglich, wegen des in der Burns Night unvermeidlichen Whiskykonsums. Der unterblieb zwar, aber ich wollte auch zu Mudderns fahren, denn es ist der Todestags meines Vaters, und da ist es besser, sie ist nicht alleine. Außerdem musste ich mal wieder Tacheles mit ihr reden, denn ein Jahr nach ihrem Schlaganfall verweigert sie wieder die Tabletteneinnahme.

Also traf ich mich mit Mudderns bei ihrem Hausarzt, dessen Vater uns schon behandelte, und hatte das Gefühl, ich mache eine Zeitreise, denn die Praxis hat sich kaum verändert. Da hängt sogar noch die Garderobe mit den Kleiderbügeln, die Danilo Silverstrin weiland 1968 für Lambert entwarf! Die Garderobe ist übrigens top erhalten (und noch immer gefällt sie mir sehr gut).

Nach dem Arztbesuch chopperte Mudderns in die Apotheke - ich kann zwar nicht dafür sorgen, dass sie die Tabletten nimmt, aber zumindest dafür, dass sie da sind. Während Mudderns in der Apotheke war, schaute ich in dem Wollgeschäft vorbei, in dem ich schon als Schülerin kaufte. Ich würde da gerne öfter kaufen, bin aber so selten unter der Woche bei Mudderns. "Ariadne" bietet individuell gewickelte Bobbel / Whirls an, die sogar so gewickelt werden, dass die Farben an den Ärmeln richtig laufen - ich fürchte, da muss ich demnächst noch mal in Ruhe hin ...

Der Rest des Mutterbetreuungstages war mit diversen Versorgungsfahrten gefüllt, denn Mudderns hat ja kein Auto mehr, und ich ging ja auch in Teilzeit, um solche Erledigungen mit ihr machen zu können. Als ich am späten Nachmittag endlich wieder zu Hause war, war ich einfach nur noch platt. Da half dann ein bisschen Musik.



Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!

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Samstag, 20. Januar 2018

Samstagsplausch KW 03/18: "Maria Stuart" im Ernst-Deutsch-Theater

Inzwischen bin ich vier Wochen in der neuen Abteilung und durfte das erste Mal dienstlich ins Theater gehen, in das Drama "Maria Stuart" von Friedrich Schiller, das gerade im Ernst-Deutsch-Theater aufgeführt wird. Zu meinen Aufgaben gehört nämlich auch der Verkauf von Theaterkarten an Schulklassen und Jugendgruppen. Um beraten zu können, muss eine aus dem Team in neue Inszenierungen gehen (und anschließend den Rest des Teams über ihre Eindrücke informieren).

"Maria Stuart" läuft noch bis 18.02.18 im Ernst-Deutsch-Theater.

Das Drama spielt 1587. Maria Stuart, einst Königin von Schottland, ist seit 19 Jahren wegen des Verdachtes auf Beihilfe bei der Ermordung ihres Gatten in England inhaftiert und versucht während dieser Zeit mehrfach, ihren Thron wieder zu erlangen, zum Teil mit Hilfe der englischen Königin Elisabeth I., ihrer Halbschwester. Die Handlung setzt kurz vor Marias Hinrichtung ein.

Regisseurin Mona Kraushaar reduzierte die auftretenden Personen auf neun, strich das Drama auf zweieinhalb Stunden zusammen und schuf eine sehr dichte, auf die Sprache Schillers konzentrierte Inszenierung. Das Bühnenbild ist sehr reduziert, besteht fast zwei Dutzend Neonröhren und einer ansonsten leeren, schwarzen Bühne (gestaltet von Katrin Kersten). Ebenso karg sind die Kostüme: Maria (Julia Richter) und Elisabeth (Jele Brückner) sind schwarz gekleidet, die Männer überwiegend tragen schwarze Anzüge.

Es ist unterm Strich ein unwahrscheinlich intensiver Theaterabend. Schillers Drama berührt Themen, die bis heute aktuell sind: Wie gehen wir mit Verantwortung, mit Macht um? Wem sollen wir glauben? Was ist Schein, was ist Sein?

Intensiv war der Abend auch, weil ich Kollegin I aus der alten Abteilung mitnahm. Vor und nach dem Stück und in der Pause schüttete sie mir ihr Herz aus über die Situation in meinem ehemaligen Team. Kollegin II, die ja einen großen Anteil daran hatte, dass ich mir eine neue Stelle suchte, kann sich nun ungebremst ausleben. So leid mir Kollegin I tut, weil sie gerade alles auffangen muss, so sehr musste ich doch auch lachen angesichts der Situation dort.

Bislang war es ja ein leichtes, mir die Schuld an der schlechten Stimmung, an den Konflikten im Team zu geben, aber nun bin ich weg, und die Stimmung, die Konflikte werden nicht besser. Richtig wohl fühlten sich alle nur, als Kollegin II drei Wochen im Urlaub war. Solange keiner der Vorgesetzten Kollegin II ihre Grenzen aufzeigt, wird sich das auch nicht ändern. Das Team wurde sogar von Abteilungsfremden darauf angesprochen, wie gut die Stimmung plötzlich sei, wenn Kollegin II nicht da ist.

Meine Stelle ist noch nicht nachbesetzt. Alle Bewerberinnen waren ungeeignet. Die Freundin, die Kollegin II unbedingt auf meiner Stelle haben wollte, bewarb sich noch nicht mal. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die vom Team angesprochen wurde, ob sie sich nicht bewerben wolle, sagte ab, nachdem sie eine Woche als Vertretung von Kollegin II zur Probe arbeitete.

So ist mein Chef nach wie vor ohne Sekretärin, überarbeitet und entsprechend missgestimmt (ich war erschrocken darüber, wie schlecht er trotz Urlaubs aussieht, als ich ihn gestern im Fernsehen sah).

Ich hingegen bereue meinen Weggang nicht. Zwar vermisse ich Kollegin I, meinen Chef und manchmal sogar den Stress, aber die neuen Kollegen und Chefinnen sind nett, die Arbeit ist interessant, macht Spaß und die Teilzeit tut mir sehr gut. Außerdem darf ich während der Arbeitszeit ins Theater. Was könnte ich mehr wollen?!

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea.