Montag, 19. März 2018

Denkmal für die Frauen vom Dessauer Ufer (FrauenFreiluftGalerie)

Montags gegen Nazis
Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Es trifft sich montags am Dammtor, hinterm Bahnhof, eingepfercht in Gattern, umringt von Polizei und der Gott sei Dank immer noch demokratischen Mehrheit dieser Stadt. Es ist eine krude, gefährliche Mischung aus Türstehern, Hooligans, Faschisten, Reichsbürgern und AfDlern, garniert mit ein paar spießbürgerlichen Sahnehäubchen aus dem Hamburger Umland.

Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Ich kann zurzeit nicht an den montäglichen Demonstrationen der demokratischen Mehrheit unserer Stadt teilnehmen, aber ich kann daran erinnern, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Die montägliche Demonstration des "Hamburger Bündnis gegen Rechts" trifft sich übrigens ab 17.30 Uhr an der Mönckebergstraße vor "Saturn".

Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

Das Portrait der jungen Lucille Eichengreen mit ihrem Gedicht "Haare" (Entwurf: Cecilia Herrero. Ausführung: Cecilia Herrero und Hildegund Schuster, 1995)
Im Februar hatte ich beruflich im Fischereihafen zu tun und stieß auf dieses Werk der FrauenFreiluftGalerie an der Ecke des Gebäudes Neumühlen 16 - 20, das an die Frauen, die im im KZ Dessauer Ufer, einem Außenlager des KZ Neuengamme im Hamburger Hafen, Zwangsarbeit leisten mussten, erinnert.

Eine von ihnen war Lucille Eichengreen, am 1. Februar 1925 als Cecilie Landau in Hamburg geboren. Ihre Eltern wanderten aus Polen ein, erwarben aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, so dass ihr Vater im Rahmen der sogenannten Polenaktion im Oktober 1938 nach Polen deportiert wurde, die ganze Familie die polnische Staatsbürgerschaft hatte.

Der Weingroßhändler konnte nach Hamburg zurückkehren, wurde am 1. September 1939, der Tag des deutschen Überfalls auf Polen, als feindlicher Ausländer verhaftet und am 31. Dezember 1940 im KZ Dachau ermordet. Seine Asche wurde der Familie in einer mit einem Gummiband zusammengehalten Zigarrenkiste überbracht.

Am 25. Oktober 1941, dem Tag der ersten Juden-Deportation aus Hamburg, wurden auch die damals 16jährige Cecile, ihre 11jährige Schwester Karin und ihre Mutter ins Ghetto Łódź deportiert. Dort verhungerte die Mutter, starb am 13. Juli 1942. Es gelang den beiden Schwestern, sie an der Ghetto-Mauer begraben zu lassen, in der Hoffnung, der Ort eines Tages wiederfinden und ihre Mutter würdig beisetzen lassen zu können.

Blick auf das gesamte Denkmal.
Im September 1942 wurde die inzwischen 12jährige Karin gewaltsam von ihrer großen Schwester getrennt, ins Vernichtungslager Chełmno deportiert und ermordet. Cecile wurde im August 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, überlebte mehrer Selektionen und fand sich schließlich im KZ Dessauer Ufer, einem Außenlager des KZ Neuengamme im Hamburger Hafen wieder. "Es war nicht das Wiedersehen mit meiner Heimatstadt, das ich mir vorgestellt habe", sagte sie mir später in einem Interview für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Cecile überlebte das Lager, überlebte auch den Todesmarsch ins KZ  Bergen-Belsen, Hunger und Seuchen dort. Nach der Befreiung arbeitete sie als Übersetzerin für die Briten. In Zusammenarbeit mit der Britischen Militärregierung konnte sie in Hamburg 40 SS-Täter und Täterinnen aus dem KZ Neuengamme identifizieren, verhaften und vor Gericht stellen lassen.

Nach Morddrohungen verließ Cecile Deutschland und wanderte in die USA aus, wo sie 1946 den ebenfalls aus Hamburg stammenden jüdischen Emigranten Dan Eichengreen heiratete.

Unter dem Titel "Von Asche zum Leben*" veröffentlichte Eichengreen 1992 ihre Memoiren. Die 93jährige lebt heute im kalifornischen Oakland.

* Affiliate link / weitere Eichengreen-Bücher zum Thema:

Kommentare:

  1. Was für eine absolut grandiose Idee - ich glaube, die muss ich mir mal leihen. Auch wenn Wiesbaden nicht wöchentlich gegen Rechts demonstriert.

    Könntest du evt. am Ende dieses Posts eine Liste machen mit weiteren Artikeln aus der Reihe?

    Liebe Grüße aus Wiesbaden
    Alex

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    1. Ich freue mich, wenn die Idee aufgegriffen und weitergetragen wird!

      Eine Liste der Beiträge werde ich nicht schaffen, denn ich habe es mal ausgerechnet: Wenn ich nur montags und nur über Hamburger Orte schreibe, wäre ich gut und gerne etwa 50 Jahre beschäftigt, und ich glaube nicht, dass ich mit über 100 Jahren noch bloggen möchte ...

      Ich werde aber bei jedem Artikel einen Link zum Schlagwort setzten, dann listen sich alle Beträge nach einem Klick auf.

      Sonnige Grüße
      Sabine

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