Ich fahre demnächst mal eben für ein Abendessen nach Berlin. So wie früher. Als ich noch jung war. Und gesund. Da hatte ich einige Freunde in Berlin und fuhr "mal eben" für eine Nacht rüber, oder die Freunde riefen an, dass sie Lust auf einen Reeperbahnbummel haben, sich gleich ins Auto setzen und mich gegen Mitternacht einsammeln. Berlin ist ja quasi auch nur ein Vorort von Hamburg. Am nächsten Vormittag waren wir dann alle wieder im Büro, im Laden, an der Uni.
Irgendwann gingen diese Leichtigkeit und Spontaneität verloren.
Jetzt hatte ich plötzlich ein Hotelzimmer in Berlin, das ich nicht kostenfrei stornieren konnte, als sich der Reise-Anlass verschob. In über 40 Jahren ist mir so was noch nicht passiert. Ich war Touristikerin. Ich buche immer mit Hintertür. Vielleicht dachte ich mir, egal, die neue Kreditkarte hat ja eine Reiseversicherung?! Die würde in diesem Falle aber nicht greifen.
Ich habe ein paar Stunden hin und her überlegt, was mich mehr ärgert: Das viele Geld für ein Hotelzimmer, das ich nicht nutze, oder noch mehr Geld ausgeben für die Bahnfahrt? Und was hält mich davon ab, auch ohne den eigentlichen Anlass zu fahren? Ich erinnerte mich an die frühere Leichtigkeit und Spontaneität, entschied mich, dass ich nicht ein Wochenende zu Hause sitzen und mich über die Stornokosten ärgern will, buchte die Bahnfahrt, gab zwei Berliner Freundinnen Bescheid, dass ich anrolle, und bin nun zum Abendessen und zum Brunch verabredet, sehe eine der "Strickliesels" aus der Reha-Strickgruppe wieder. Zwischendrin bin ich in einem Hotel mit Pool. Mein Gepäck für eine Nacht wird also etwas umfangreicher, weil Bademantel und Schwimm-Hase mit müssen. Vermutlich werde ich für diesen Leichtsinn büßen, weil sensory overload, aber dafür bin ich fest einschlossen, eine gute Zeit zu haben. So wie früher. Als ich noch jung war. Und gesund.
Hier galt 294 Wochen: Der Gatte und ich waren coronabedingt weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten steckte er sich bei einem neunwöchigen Krankenhausaufenthalt mit Candidozyma auris an. An der Pilz-Infektion starb er im Oktober 2025 im Alter von 64 Jahren. Seit Woche 294 versuche ich, mich im Alleinleben zurechtzufinden. Jetzt ist Woche 346. Die Trauer bleibt meine Weggefährtin. Sie ist nur erträglich, wenn ich konsequent verdränge, dass der Gatte niemals wiederkommt. Das Leben ohne den Gatten ist unendlich schwer. Er fehlt in jeder Sekunde, bei jedem Atemzug.
Das Pendeln machte diese Woche sehr anstrengend. Ich habe zwar das Okay der Chefin, in den vier Wochen, in denen keine Regionalzüge zwischen Harburg und Hauptbahnhof fahren, komplett im Heimbüro zu bleiben, aber das möchte ich nur im Notfall. Ich mag mich nicht nur zu Hause einigeln. So fahre ich aktuell vier Stunden, um sechs Stunden zu arbeiten. Zum Glück muss ich das nur zwei Mal in der Woche machen. Putzigerweise protestiert mein entzündeter Fuß vehement gegen das Autofahren. Das hatte ich so auch noch nicht. Ich dachte, das strengt ihn weniger an als Gehen.
Der Tod von Patrick Stewart diese Woche traf mich sehr. Ich bin dankbar, dass ich ihn Dank des Gatten auf der Bühner erleben durfte. Möge ihm die Erde leicht sein! Auch Tim Curry war ein Schauspieler, den der Gatte sehr mochte, und so freute ich mich, dass es gestern Abend die Rocky Horror Picture Show mit anschließender Doku im Fernsehen gab. Den Film mochten wir beide sehr. Ich könnte ihn mir jederzeit auf Super 8 anschauen, was mich dann zu der Frage führt, was ich mit der Super 8-Sammlung des Gatten anfange ... Ich werde Jahre beschäftigt sein, die Sammlungen des Gatten aufzulösen. Andererseits hetzt mich niemand, ist das Haus groß genug.
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| Aktueller Blick ins Wollsparglas. |
Ich habe diese Woche mal einen Blick ins Wollsparglas geworfen. Das tat ich zuletzt im Juli. Seitdem kamen zahlreiche Etiketten und 70 Euro dazu! Da ich aktuell seit Wochen mit dem Lulu Slipover kämpfe, wird sich wohl bis Jahresende nicht mehr so viel tun.
Die der Reha-"Strickliesels", die Anfang August noch überhaupt nicht stricken konnte, hat sich unwahrscheinlich entwickelt! Sie strickt jetzt tatsächlich einen RVO-Pulli. Als ich meinte, das traute ich mich nicht, kam prompt: "Ist ganz einfach! Kann ich dir beibringen!" Ich bin ein kleines bisschen stolz - auf die "Strickliesels" und auf das, was ich angerichtet habe.
Ansonsten brachte die Woche die Feier von zwei sechzigsten Geburtstagen und einer Silberhochzeit. Das war ein schwerer Tag. Die Freunde, die feierten, heirateten ein halbes Jahr vorm Gatten und mir. Sie kenne ich schon seit meiner Kindheit, ihn kannte der Gatte sehr lange über ein gemeinsames Hobby. Vor zehn Jahren feierten wir noch zusammen ihre fünfzigsten Geburtstage. Der Gatte fehlte mir sehr. Feier und Lokalität hätten ihm sehr gefallen.
Ich war nach drei Wochen Ferien-Pause wieder mit der überrechten Nachbarin schwimmen. Das hat uns beiden gefehlt! Ich fühlte merklich, wie meine Gelenke geschmeidiger wurden, sobald sie im Wasser waren. Beim Abschied meinte die Nachbarin wieder, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt und ich klönen möchte, könne ich einfach klingeln. Das ist lieb, und ich schätze es sehr, wie sehr sich die Nachbarn kümmern. Aber so doof es sich anhört: Es ist nicht der Kontakt, der mir fehlt. Es ist der Gatte.
Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

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