Montag, 16. April 2018

Allende-Platz 1: Gedenktafeln für die Bornplatz-Synagoge und die Neue Dammthor-Synagoge

Montags gegen Nazis
Update 13.04.2018: Aktuell scheint sich das braune Pack zweiwöchentlich zu treffen. Heute müsste also demofrei sein. Ich bleibe beim wöchentlichen Beitrag, denn zu erzählen gibt es genug. Würde ich jeden Montag nur über Hamburger Orte schreiben, hätte ich genug Beiträge für 25 Jahre.

Alle zwei Wochen montags um 17.30 Uhr trifft sich das demokratische Hamburg vor Saturn am Beginn der Mönckebergstraße, um vereint gen Dammtor zu laufen, denn: Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Es trifft sich montags am Dammtor, hinterm Bahnhof, eingepfercht in Gattern, umringt von Polizei und der Gott sei Dank immer noch demokratischen Mehrheit dieser Stadt. Es ist eine krude, gefährliche Mischung aus Türstehern, Hooligans, Faschisten, Reichsbürgern und AfDlern, garniert mit ein paar spießbürgerlichen Sahnehäubchen aus dem Hamburger Umland.

Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Im Eingangsbereich des Gebäudes am Allende-Platz 1 erinnern Fotos und Baupläne an zwei Synagogen.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

An die Neue Dammthor-Synagoge, die für mich schönste ehemalige Hamburger Synagoge, erinnern heute nur noch eine unscheinbare Stele am Rande des Von-Melle-Parks und eine Aufrisszeichnung im "Alten Pferdestall" am Allende-Platz 1. Sie wurde 1895 im orientalisierenden, maurischen Stil nach Plänen der Architekten Georg Schlepps und Rudolf Rzekonski errichtet - durchaus ungewöhnlich für die Zeit, in der sich Synagogen immer öfter an der gefälligeren neoromanischen Kirchenarchitektur orientierten.

Aufrisszeichnung der Neuen Dammthor-Synagoge.
Die Synagoge lag hinter den Vorderhäusern Beneckestraße 2 und 6 (die Straße verschwand in den 1960er Jahren für den Bau der Universität) und war durch einen schmalen Zugang zu erreichen. Die Fassade wurde mit farbigen Ziegelmustern ausgestaltet. Die Synagoge bot Platz für 300 Männer und 200 Frauen, erhielt 1927 im Rahmen einer Erweiterung 150 weitere Plätze. Gleichzeitig wurde das Innere farbig gestaltet, bekam das Gotteshaus Buntglasfenster.

Im Novemberpogrom 1938 wurde das Innere der Synagoge verwüstet, konnte aber durch private Spenden wieder so hergestellt werden, dass Gottesdienste und Nutzung der Mikwe möglich waren. Bis zur Beschlagnahmung des Gebäudes durch die Gestapo 1943 war es das einzige größere Gotteshaus in Hamburg, in dem die verbliebenen Jüdinnen und Juden ihrem Glauben nachgehen konnten, gab es hier die einzige noch funktionierende Mikwe. Ein Bombenangriff zerstörte das Gebäude am 27. Juli 1943, im Hamburger Feuersturm.

Blick in den Eingangsbereich mit Aufrisszeichnung der Neuen Dammthor-Synagoge.
Das zweite Gotteshaus, an das am Allende-Platz 1 erinnert wird, ist die einstige Bornplatz-Synagoge. Die erste freistehende Synagoge Hamburgs war einst weithin sichtbares stolzes Symbol für die (vermeintliche) Gleichberechtigung der jüdischen Hamburgerinnen und Hamburger. Gleichzeitig war es mit 700 Plätzen für Männer und 500 für Frauen die damals größte Synagoge Nordeuropas, erbaut nach Plänen von Semmy Engel und Ernst Friedheim.

1906 geweiht, wurde das Gotteshaus im Novemberpogrom 1938 geschändet und in Brand gesetzt. Die Reste der einst so stolzen Synagoge mussten im Juli 1940 auf Kosten der Gemeinde abgerissen werden. Die Stadt baute am Rande des einstigen Synagogen-Areals einen Hochbunker, der bis heute dort steht und von der Universität genutzt wird. Dort, wo einst die Synagoge stand, befand sich jahrzehntelang ein Universitäts-Parkplatz.

Stolz ragte einst die Bornplatz-Synagoge im Grindel empor.
Zum 50. Jahrestags des Novemberpogroms wurde der Bornplatz ungestaltet: Die Künstlerin Margrit Kahl bildete Umriss und Deckengewölbe der Synagoge als Bodendenkmal nach. Im Allende-Platz 1 erinnern zudem Bilder in den Treppenhäuser an die Synagoge und ihre Geschichte. Der einstige Bornplatz ist heute nach Rabbiner Josef Carlebach benannt.

Blick in den Eingangsbereich des "Alten Pferdestalls" am Allende-Platz 1.
Affiliate links zu den beiden Synagogen und ihrer Geschichte:

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