Montag, 30. April 2018

Das Rappolt-Haus in der Mönckebergstraße 11 - 13

Montags gegen Nazis
Update 13.04.2018: Aktuell scheint sich das braune Pack zweiwöchentlich zu treffen. Heute müsste also demofrei sein. Ich bleibe beim wöchentlichen Beitrag, denn zu erzählen gibt es genug. Würde ich jeden Montag nur über Hamburger Orte schreiben, hätte ich genug Beiträge für 25 Jahre. Alle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst.

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Es trifft sich montags am Dammtor, hinterm Bahnhof, eingepfercht in Gattern, umringt von Polizei und der Gott sei Dank immer noch demokratischen Mehrheit dieser Stadt. Es ist eine krude, gefährliche Mischung aus Türstehern, Hooligans, Faschisten, Reichsbürgern und AfDlern, garniert mit ein paar spießbürgerlichen Sahnehäubchen aus dem Hamburger Umland.

Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.

Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Der Eingang zum Rappolt-Haus I in der Mönckebergstraße 11.
In der Mönckebergstraße gibt es viele Kontorhäuser mit Geschichte. Eines davon ist das Rappolt-Haus in der Mönckebergstraße 11 -13. Es wird zwischen 1911 und 1912 als Sitz des Textilunternehmens Rappolt & Söhne gebaut. Architekt ist Fritz Höger, einer der führenden Vertreter des norddeutschen Backsteinexpressionismus, der vor dem Zweiten Weltkrieg Hamburgs Stadtbild maßgeblich prägte. 


Bauplastik über dem Eingangsportal, erschaffen von Georg Wrba.
Erbaut wurde das Kontorhaus als Firmensitz und Produktionsstandort der Firma Rappolt & Söhne. Das Unternehmen wird 1861 von aus dem hessischen Friedberg eingewanderten Joseph Rappolt unter dem Namen Oppenheim & Rappolt gegründet. Als Oppenheim aussteigt, steigen die Söhne Rappolts ein. Das Unternehmen produziert Herrenbekleidung, war besonders bekannt für Gummiröcke, sprich Regenmäntel.

Auf der anderen Seite des Portals blickt eine vermutlich ebenfalls von Wrba erschaffene Dame auf die Mönckebergstraße herab. Über ihr wirbt ein Plakat für Mammographie-Screenings - ihre Armhaltung passt irgendwie dazu ... 
Franz Max Rappolt, für den vor dem Gebäude ein Stolperstein liegt, kommt nach verschiedenen Stationen im In-und Ausland als 33jähriger zurück nach Hamburg an den Hauptsitz der Firma. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte hat er drei Söhne. Spätestens 1906 konvertiert die ganze Familie vom Judentum zum Christentum, denn für dieses Jahr ist die Taufe der drei kleinen Söhne in der Hauptkirche St. Katharinen belegt. Etwa 20 Jahre später allerdings tritt zumindest Franz Rappolt wieder in die jüdische Gemeinde ein.

Eine der wenigen Figuren am Rappolt-Haus, dem ehemaligen Firmensitz eines Bekleidungsherstellers, die zumindest ansatzweise bekleidet ist. Die Keramik wird Richard Kuöhl zugeschrieben.
Das Rappolt-Haus zeugt von der Expansion des Unternehmens. Außen eher zurückhaltend, ist das Gebäude im Inneren hochmodern und zeugt vom sozialen Verantwortungsbewusstsein des Bauherrn. Es gab Hausrohrpost, Haustelefon mit farbigen Licht- und Rufsignalen, elektronische Pausensignale, fünf Treppenhäuser, fünf Warenaufzüge plus Lastenaufzug, drei Paternoster plus Direktionsfahrstuhl, Ventilations-Einrichtungen mit Luftabsaugschächten für die Produktion, mehrere hundert elektrische Nähmaschinen und Mülltrennung, Mitarbeiterkantine und diverse Trinkwasserstellen, gespeist aus der hauseigenen. Auf den rund 3.500 m², die die Firma nutzt, arbeiten etwa 600 Menschen. Dazu kommen noch etwa 200 Heimarbeiter.

Der Brunnen im Eingang des Rappolt-Hauses wird Richard Kuöhl zugeschrieben.
Mit Machtantritt der Nationalsozialisten werden Leben und Arbeit für die Rappolts zunehmend unmöglich. Ihr Lebenswerk und ihre Familie zerbrechen Stück für Stück. Wer kann, versucht zu emigrieren, was in den kommenden Jahren zunehmend schwerer und schließlich unmöglich wird.

Brunnendetail: Der Wasserspeier, der ebenfalls Richard Kuöhl zugeschrieben wird.
Im Juni 1933 wird Franz Rappolt als Mitglied der Handelskammer entfernt. Drei Jahre später beginnen die Nazis Schritt für Schritt damit, Firmen mit jüdischen Inhabern de facto enteignen zu können. Die Rappolts können nicht mehr selbst über ihr Eigentum und ihr Vermögen bestimmen.

Hohe Zwangsabgaben, also staatliche Beraubung, führen dazu, dass Immobilien und Wertsachen weit unter Wert verkauft werden müssen. Zwischen 1937 und 1939 wird das Unternehmen "Rappolt & Söhne" schrittweise verkauft, zwangsenteignet, "arisiert". Am 31. März 1940 räumt Franz Rappolt seinen Schreibtisch. In den kommenden Jahren werden alle jüdischen Mitarbeiter entlassen. Deportation und Ermordung sind für die meisten unausweichlich.

1941 gibt es eine Ausreisezusage für Franz Rappolt, sein Frau Charlotte, ihren Sohn Paul sowie für zwei seiner Brüder. Die USA, Kuba, Uruguay, Kolumbien - egal, Hauptsache weg, eine Chance zum Leben haben. Die HAPAG zieht die Ausreisezusage wieder zurück. Die Deutschen überfallen die Sowjetunion. Juden wird die Ausreise nun gänzlich untersagt - für die Dauer des Krieges, wie es zynisch heißt. Die Rappolts sitzen fest.

Am 15. Juli 1942 wird Franz Rappolt nach Theresienstadt deportiert. Am 25. November 1943 stirbt er dort.

Stolperstein für Franz Rappolt in der Mönckebergstraße 11.
1965 wird in Lohbrügge eine Straße nach Franz Rappolt benannt. Im April 2007 wird vor seinem ehemaligen Firmensitz ein Stolperstein verlegt.

Die wunderbare Baukeramik am Rappolt-Haus stammt übrigens von Georg Wrba und Richard Kuöhl. Letzterer schuf auch das 76er Denkmal am Dammtor. In eben diesem Infanterie-Regiment diente 1892 auch Franz Rappolt. Als es 1936 aufgestellt wurde, waren die Ermordung Franz Rappolts, die aller europäischen Juden schon lange beschlossen.

Eine ausführliche Biographie von Franz Rappolt gibt es auf der Hamburger Stolperstein-Seite.

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