Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!
Heute ist Freitag. Ich weiß nicht, was mich ritt, aber als ich meine Geburtstagsreise nach Weißenhäuser Strand buchte, dachte ich, es wäre eine gute Idee, gleich nach Dienstschluss an die Ostsee zu fahren und abends schon die Füße in den Sand graben zu können. Als ich buchte, hatte es noch Temperaturen um die 30 Grad. Jetzt sind die Temperaturen kaum zweistellig ... Außerdem ist es im Büro gerade stressig, ist meine Kollegin krank, sind eher Überstunden als pünktlicher Feierabend angesagt. Es wäre jetzt entspannter, erst morgen zu fahren, auch wenn's normalerwiese nur zwei Stunden Fahrtzeit sind. Irgendwas ist ja immer.
Zum Glück wurde ein Donnerstagstermin verlegt, so dass ich gestern schon in Ruhe alles, was ich an Kladage brauche, in den Koffer packen konnte. Der Koffer wurde auch schon im Auto verstaut. Heute muss ich noch Kosmetikzeugs, Strickkrams, Klapprechner, CPAP-Gerät, das Reise-Rudel und sonstiges Gedöns packen. Zu Lebzeiten des Gatten war auch das Scrabble-Spiel wichtig, denn damit saßen wir gerne abends in der Bar. Aber durch den Tod des Gatten fällt das ja nun weg.
Freitags kommt immer unsere Putzfrau. Die leiste ich mir auch nach dem Tode des Gatten, obwohl ich ja nun aufgrund von Lifestyle-Teilzeit selbst putzen könnte. Aber ich bin eine faule Hausfrau, die ihre Depression pflegt. Es tut mir einfach gut, dass ich einmal in der Woche gezwungen bin, aufzuräumen, damit saubergemacht werden kann. Und unsere Putzfrau ist längst mehr als eine Reinigungskraft, arbeitete schon für meine Mutter, gehört irgendwie zur Familie.
Der Arbeitstag ist ruhig. Normalerweise mache ich ja freitags eine lange Mittagspause, weil die Kooperationspartner meines Projekts freitags gerne mal erst spätnachmittags ankommen, aber heute bestehe ich auf pünktlichen Feierabend.
Das Auto ist beladen, das Reise-Rudel ist auf dem Beifahrersitz verstaut. Ich bin gerade dabei, abzuschließen, als Schwiegermutter anruft, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Ich versuche ihr beizubringen, dass ich heute noch nicht Geburtstag habe, aber Schwiegermutter irrt sich bekanntlich nicht. Okay, ich heiße Paddington und bin ein Bär, denn Bären haben ja bekanntlich zwei Geburtstage.
Die Fahrt ist anstrengend, weil Regen, Wolkenbruch, Gewitter, Baustellen, Stau ... Nach zweieinhalb Stunden komme ich an, brauche wie üblich zwei Versuche, bevor ich die richtige Zufahrt zum Hotel finde (alle Zufahrten sind mit Schranken versperrt, es gibt nur eine, die zum Hotel führt), und dann bin ich erstmal entgeistert, weil sich vorm Hotel Busse und Auto stauen! Das kenne ich nicht. Später erfahre ich, dass das Hotel absolut ausgebucht ist, dass etwa 120 Fans einer rheinischen Stimmungskappelle ihr Fan-Wochenende im Strandhotel verbringen und drölfzich Kiddies einer Jugendmusikschule die Räumlichkeiten zum Proben nutzen. Dolle Wurst!
Ich habe Glück und bekomme einen der letzten Parkplätze einen halben Kilometer vom Hotel entfernt. Andernfalls hätte ich außerhalb parken und mein Gepäck sehr weit schleppen müssen. Das Einchecken dauert weil Fangruppe und Jugendmusikschule, und da ich ein Zimmer mit Meerblick wollte, ist der Weg zum Zimmer auch sehr weit. Nach drei Mal Laufen sind Koffer, zwei Ikea-Taschen, CPAP-Gerät, Klapprechner, Reise-Rudel, Handtasche und ich im Zimmer. Tschakka!
Erstmal die Balkonmöbel aufstellen, wobei mich gleich die Zimmernachbarinnen begrüßen, dann Kaffee und Muffin mit Ostseeblick genießen. Den Genuss will kurz eine Möwe stören, die versucht, sich auf den Muffin, von dem ich gerade abbeißen will, zu stürzen. Ich halte kurz inne, gucke der Möwe in die Augen und sage: "Glaub' mir, das ist keine gute Idee!" Die Möwe zieht beleidigt guckend ab. Ich weiß ja, dass Möwen frech sind, aber in den Zimmern zur Landseite, die wir bislang hatten, waren die Möwen wohl zurückhaltender. Meine Zimmernachbarinnen lachen und erzählen von ihren Erfahrungen mit den Möwen.
![]() |
| Nachmittagskaffee mit Ostesee-Blick. |
Nach Kaffee und Muffin wird erstmal in Ruhe ausgepackt. Dann ist auch schon Zeit für's Abendessen. Ich habe anders als sonst ohne Halbpension gebucht. Der Gatte schätzte das Büfett, aber ich esse nicht so viel, dass es sich für mich lohnt, und ich möchte die Freiheit haben, auch mal in einem der anderen Restaurants des Ressorts zu essen.
Beim Abendessen merke ich, dass ich aktuell keinen Alkohol vertrage, dass es nach nur einem Glas Wein keine gute Idee ist, den angedachten Strandspaziergang zu unternehmen. Stattdessen gehe ich auf's Zimmer, setze mich nach der Tagesschau mit Strickzeug auf den Balkon. Die Ostsee ist spannender als das Fernsehprogramm, obwohl ich, anders als zu Hause, zwischen unzähligen Kanälen wählen könnte. Später gucke ich noch das "heute journal", wäre sogar noch wach genug für die "heute show", was lange nicht mehr vorkam, merke aber, dass ich lieber lesen möchte*.
Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. Juni 2020 war der Gatte noch gesund, kämpfte ich im Heimbüro mit den Tücken der Ad hoc-Digitalisierung und später mit den neuen coronabedingten Verhaltensweisen. Am 5. Juni 2021 kämpfte sich der Gatte ganz langsam wieder ins Leben zurück, freuten wir uns, dass er mit Mühe die knapp 500 m von seinem Krankenhauszimmer zum Ententeich und zurück schaffte. Am 5. Juni 2022 freuten wir uns, dass der Gatte bei uns ist. Am 5. Juni 2023 waren wir schon fast ein Jahr mit Baustelle und Doppel-Haushalt beschäftigt. Am 5. Juni 2024 schwebte der Gatte mal wieder in Lebensgefahr, ohne es ernst zu nehmen. Zwei Tage später sollte mich sein Arzt fragen, ob mein Mann wüsste, wie krank er ist. Nein, er ignorierte es nach Kräften, auch noch auf dem Sterbebett. Am 5. Juni 2025 gab es bei den Erkrankungen des Gatten einen kurzen Hoffnungsschimmer. Uns sollten noch fünfeinhalb gemeinsame Monate bleiben.
*Affiliate links

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Kommentare von Corona-Leugner, Quer- und anderen Nicht-Denkern, Wahnwichteln, Das-ist-doch-nur-ne-Grippe-Schwurblern, Wir-haben-genug-freie-Intensivbetten-Rufern und ähnlichen Düffeldaffeln werden gelöscht.