Freitag, 21. Oktober 2022

Ausgelesen: Bücher im September 2022

Ich habe fast immer Mitleser.
Krimis, die in der NS-Zeit spielen, haben ja Konjunktur, aber ich wünschte mir wirklich, sie würden sauber lektoriert und korrigiert, am besten von jemandem, der zeitgeschichtliche Grundkenntnisse hat ... So zuckte ich denn bei "Letzter Tanz auf Sankt Pauli*" von Claus Crönert* genervt, als behauptet wurde, homosexuelle KZ-Häftlinge würden mit einem rosa Stern gekennzeichnet. Nein, es war ein rosa Winkel. Mit Sternen wurden jüdische Häftlinge gekennzeichnet, und selbst schwule Juden hätten keinen rosa Stern getragen, sondern je einen gelben und rosa Winkel, sternenförmig aufeinander genäht. 

Während unsere zweiwöchigen Mallorca-Urlaubs las ich hauptsächlich Mallorca-Krimis - und ich hatte viel Zeit zum Lesen. 

In "Der Teufel von Mallorca*" von Christina Gruber* geht ein Duo aus Oma und Enkelin auf Verbrecherjagd. Ein skrupelloser Mörder verschleppt und tötet ahnungslose Touristinnen. Inspector Héctor Ballester verfolgt die Spur des Täters – unterstützt von Johanna Miebach und ihrer Enkelin Gemma. Doch während das ungleiche Trio verzweifelt weitere Morde zu verhindern sucht, erlebt die Baleareninsel ihre dunkelste Stunde: Eine harmlose Demonstration gegen den Massentourismus endet in einem Blutbad. Das Buch ist der dritte Band einer Reihe und machte mir großen Spaß. Dass wir keinen Souvenir-Gecko für die Terrasse des alt-neuen Hauses mitnahmen, war pure Vernunft. Die beiden ersten Bände der Reihe stehen auf meiner Leseliste. Momentan versuche ich aber, möglichst keine Bücher zu kaufen - es müssen schon genug umziehen. 

"Der Tote von Santanyí*" ist ein Schuhfabrikant. Sein Tod kommt gleich mehreren Menschen gelegen: Dem unerwünschten Schwiegersohn, der psychisch labilen Tochter und einem Nachbarn, der eine alte Rechnung begleichen will – vor allem aber Verònica, der Stiefschwester des Toten, die darüber hinaus Chefinspektor Gabriel Ferrer den Kopf verdreht. Dann gibt es eine zweite Leiche, und das Blatt wendet sich dramatisch. Das Buch ist das bislang einzige von Claudia Wenk.

"Mallorca bis in alle Ewigkeit*" von Klaus Späne* beschreibt, wie die Insel in der Franco-Zeit für den Tourismus erschlossen wurde - mit Hilfe der Nationalsozialisten. Das Buch zeigt, wie die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs die Insel bis heute prägt, eben weil die Aufarbeitung gerade erst beginnt. 

"Mallorquinische Träume*" ist der sechste Band um den Journalisten Helmut Bahn, geschrieben von Kurt Lehmkuhl*. Die Handlung spielt mehr in Düren als auf Mallorca. Der einjährige Sohn des Fabrikantenehepaars Franken wird entführt, seine Babysitterin ermordet. Tatverdächtig ist ein kürzlich aus der Haft entlassener Gewaltverbrecher, der vor zehn Jahren aufgrund der Zeugenaussage von Frankens Bruder verurteilt worden war. Redakteur Helmut Bahn vom Dürener Tageblatt wird mit der Übergabe des Lösegeldes beauftragt, die auf Mallorca stattfinden soll. Dort versucht Bahn zugleich, mithilfe seiner Freunde das Verbrechen aufzuklären. 

"Nach Mallorca in den Tod*" von Vielschreiberin Mara Laue* spielt eher auf einem Kreuzfahrtschiff als auf der Balearen-Insel. Protagonistin ist die Privatdetektivin Leonie Speer. Ihr neuer Klient spendiert ihr eine Kreuzfahrt nach Mallorca, auf der sie seine alleinreisende Frau beschatten soll, die er der Untreue verdächtigt. Kaum an Bord, klärt Speer neben ihrem Auftrag noch Juwelendiebstehle und Sabotage bei der Aufzeichnung einer Kochshow auf. Außerdem verliebt sie sich in ihren Kabinennachbar Juri, genau so ein Tausendsassa wie sie. Das ist einfach zu viel. Manchmal ist weniger mehr.

Mit den ausgeliehenen Mallorca-Krimis war ich jetzt durch. "Haarmann*" von Dirk Kurbjuweit* spielt naheliegenderweise im Hannover der 1920er Jahre, als Jungen und junge Männer spurlos verschwinden. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann. Das Buch ist spannend und fesselnd - klare Leseempfehlung!

"Um Mitternacht ab Buckingham Palace*" von JB Lawless* ist der zweite Fall für den irischen Detective Strafford.  Als London 1941 bombardiert wird, drohen Kronprinzessin Elizabeth und ihrer Schwester Margaret Gefahr: Eine Entführung soll geplant sein, und so werden sie inkognito nach Irland gebracht, in die Obhut des jungen Detective Strafford. Er soll gemeinsam mit der englische Geheimagentin Celia Nashe in Clonmillis Hall über "Ellen" und "Mary" wachen, und keiner darf wissen, dass es sich dabei eigentlich um die Königskinder handelt. Aber die irische Dienerschaft und alle, die in der Nähe wohnen, gehen in dem großen Haus ein und aus, nicht wenige von ihnen haben seit dem Unabhängigkeitskrieg kein gutes Bild von England. Bald sickert durch, um wen es sich bei den beiden Mädchen wirklich handelt. Die Handlung plätschert so dahin. Nur selten kommt Spannung auf, und am Schluss geht alles ganz schnell. Ich weiß noch nicht, ob ich den ersten Band "Tod in der Bibliothek*" lesen möchte.

Frank Goldammer* lese ich gerne, und so war auch "Im Schatten der Wende*" ein Selbstgänger. Im Mittelpunkt steht der Polizist Tobias Falck, der während seiner Ausbildung bei den Demonstrationen gegen das DDR-Regime in Leipzig eingesetzt wird, und nach der Wende zum Kriminaldauerdienst in Dresden wechselt. Dort ist ein sehr heterogenes Team zusammengewürfelt, das sich zusammenraufen muss. Gleichzeitig gibt es große Herausforderungen: Drogenhandel, Prostitution, Mord auf offener Straße – die Kriminalität im Osten verändert sich drastisch, und es ist völlig unklar, welche Rechtsgrundlage für ostdeutsche Polizeiarbeit kurz nach der Wende gilt. Das KDD-Team gerät zusehends unter Druck, vor allem als plötzlich eine westdeutsche Kollegin auftaucht und um Amtshilfe bei der Suche nach einem Auftragskiller ersucht. 

Ich freue mich auf den zweiten Band*, der im Dezember erscheint. 

Die S-Bahn ist leer, dann kann ich
lesen.
"Der Mann, der nicht vergessen konnte*" ist der vierte Band der Kajsa-Coren-Reihe von Trude Teige*. Die Journalistin Kajsa Coren möchte eigentlich beruflich etwas kürzertreten, doch auf einem stillgelegten Bauernhof bei Oslo wird ein Mann tot aufgefunden, der vor einigen Jahren ins Ausland ausgewandert war. Nun scheint er schwerkrank zurückgekehrt zu sein, um auf dem elterlichen Hof seinem Leben ein Ende zu setzen. In unmittelbarer Umgebung des Hofs finden sich jedoch rätselhafte Spuren – steckt hinter diesem Fall mehr, als es scheint? Coren beginnt zu recherchieren. 

Das Buch ist solide, allerdings war ziemlich früh klar, wer hinter den Verbrechen steckt (wenn auch nicht das Motiv), und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, eine ähnliche Handlung schon mal als Film gesehen oder als Buch gelesen zu haben. 

Dass "Operation Werwolf" von Uwe Klausner* eine sechsbändige Reihe ist, erwischte mich ja im August kalt, denn der erste Band "Blutweihe*" endet ja mit einem fiesen Cliffhanger. Die Handlung zieht und zieht sich schon im ersten Band - alle sechs Bände wollte ich nicht lesen, zumal die Chance, sie per Onleihe chronologisch zu bekommen, sehr gering ist. In den Oktober ging ich mit "Fememord*", dem dritten Band, in dem der Fall schon gelöst ist - die drei Folgebände sparte ich mir. 

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Samstag, 15. Oktober 2022

Samstagsplausch KW 41/22: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CXXXV

Eigentlich hatte ich mich auf das Yarncamp am Sonnabend gefreut, aber aufgrund der A7-Sperrung ließ ich es ausfallen, damit ich rechtzeitig in der lindgrünen Hölle bin, denn für den Nachmittag hatte sich eine Apfelpflückerin angesagt, und ich wusste nicht, wie lang der Stau werden würde. Die Apfelpflückerin füllte zwei 50 Kilo-Kisten! Im Garten der linken Nachbarin, die, die die Äpfel bislang als Müll betrachtete, standen zudem drei Wäschekörbe voller Äpfel, und ich sammelte einen halben Wäschekorb für Hamburg ein.

Sonntag kamen die Entrümpler zur Vorbesichtigung. Sie machen einen guten Eindruck, und der Preis stimmt auch. Donnerstag begann die Räumung des Hauses. Der Gatte fuhr schon Mittwoch raus - wir sind aktuell oft getrennt, was uns ganz gut tut. Seit Dezember 2020 waren wir ja nur getrennt, wenn der Gatte im Krankenhaus war. Ich bin immer noch unruhig, weil der Gatte immer mal wieder schlechte Nächte hat und dann Hilfe braucht, aber toi toi toi, bislang ging es gut. Das heißt aber nicht, dass ich besser schlafe. Ich habe heftige Schlafstörungen und bin tagsüber total erschöpft.

Sonntag kam auch A., die ich am Wochenende davor übers Foodsharing kennenlernte. Sie ist in einer der Kleiderkammern im Kreis aktiv, holte sich Besteck, Geschirr, Töpfe und die letzten beiden Winterjacken von Mudderns ab. Während ich bei den Kleiderkammern in Hamburg über jedes Kleidungsstück, jeden Kochtopf diskutieren muss, wird im Kreis alles genommen und geht sofort weg. Die Abholerin nahm sogar Sachen mit, die ich aussortiert hätte, und bei manchen Sachen musste ich sie überzeugen, dass die nun wirklich nicht mehr gehen. Schade, dass wir uns nicht eher kennenlernten, denn mit Mudderns Kleidung wäre die Kammer gut gefüllt gewesen.

Sonntag traf ich mich wie jede Woche mit Mudderns und war erschrocken, wie sehr sie seit letzter Woche körperlich abbaute. Inzwischen ist sie nicht mehr in der Lage, ihren Rollator alleine über den Gehweg zu schieben, braucht bei jedem noch so kleinen Hindernis wie abgesenkten Bürgersteigen Hilfe. Sie sagt, ihre Gesellschafterin helfe ihr schon lange beim Schieben. Sie kann auch kaum noch die Füße heben und braucht alle 50 bis 100 m eine Pause. Wir schafften es gerade so zu Fuß ins Wahllokal bei der Kirche und zurück. Man sieht Mudderns an, wie sehr das Gehen sie anstrengt, aber einen Rollstuhl lehnt sie vehement ab. Bislang konnten wir sie auch nicht zu einem Rollator-Rollstuhl* bewegen, und inzwischen lehnt sie es auch ab, sich auf dem Rollator schieben zu lassen. Es ist illusorisch, dass sie den Weg zur Kirche alleine schafft, und selbst, wenn sie es nicht mehr ablehnt, dass ich sie begleite, müssten wir die 500 m mit dem Auto fahren. 

Mudderns beklagte sich darüber, dass sie im Pflegeheim keinen Anschluss an die anderen Bewohnerinnen findet. Als wir uns dann aber mit einem Pfleger unterhielten und eine Mitbewohnerin dazu kam, fuhr Mudderns sie mit "Was guckst du so blöd?!" an. Ihre Aggressionen nehmen immer mehr zu, und sie nimmt es nicht wahr, wie sehr man sich um sie kümmert. Ihr Verhalten ist oft unangemessen. Sie ist mit der Situation schlichtweg überfordert und beharrt immer wieder darauf, alleine leben zu wollen. Nur weigere ich mich weiterhin, ihr eine Wohnung zu mieten, weil ich weiß, dass sie nicht mehr alleine leben kann. Im Pflegeheim wird ihr Verhalten aufgefangen, im Betreuten Wohnen nicht. Die Anlage ist nur auf selbstständige Bewohner ohne Unterstützungsbedarfe ausgerichtet. Die Damen, die ich dort bislang kennenlernte, sind alle noch sehr fit. Das ist Mudderns nicht. Das versteht Mudderns nicht. Immerhin nimmt sie vormittags an den Angeboten des Pflegeheims wie Sitzgymnastik oder Gedächtnistraining teil - wenn es denn stimmt, was sie erzählt. Das weiß man bei ihr ja nicht. 

Montag kam der Gatte aus der lindgrünen Hölle zum Wäschewechseln und Duschen, denn wir haben dort ja aktuell kein Bad (einen Tag später sollten wir auch kein Wasser, keine Toilette mehr haben). Er berichtete, die linke Nachbarin klingelte, um Apfelkuchen vorbeizubringen. Eine nette Geste, die uns gleichwohl irritierte, denn bislang waren die Äpfel ja nur Müll für sie, und zu Mudderns war sie nicht unbedingt nett. Der Kuchen war übrigens sehr lecker, mit Schmand und Streuseln.

Dienstag passierte dann ganz viel auf einmal. Der Tiefbauer rief endlich an, um den Termin für das Schießen des Glasfaserkabels abzusprechen. Ich hatte schon überlegt, zur Telekom zu wechseln. Der Service des örtlichen Versorgers ist zwar gut, nur die Absprache mit der Tiefbaufirma war nicht möglich. Sie rief exakt einmal an, als ich das Telefon nicht dabei hatte, machten keinen zweiten Versuch, und eine Rückrufmöglichkeit gab's nicht. Als ich aus dem Büro nach Hause kam, war ein dicker Umschlag vom Notar in der Post: Die Übertragungsurkunde für Haus und Grundstück! Die ist inzwischen schon bei der Bank. Das ist allerdings leider noch nicht der geänderte Grundbucheintrag, mit dem der Baukredit bewilligt wird. Auf den allein besteht die Bank. So bleibt es weiterhin eine Zitterpartie, ob er rechtzeitig bewilligt wird. Das schlägt inzwischen nicht nur dem Gatten auf den Magen, sondern auch mir, bereitet schlaflose Nächte. 

Auf dem Heimweg von Büro und Grippeimpfung sah ich die fast 90jährige Nachbarin an der Bushaltestelle sitzen und sprach sie an. Wir freuten uns beide, uns mal wieder aus der Nähe zu sehen. Vor Corona trafen wir uns fast täglich morgens an der Bushaltestelle, da wir beide um die gleiche Zeit aus dem Haus gingen. Seit Corona winken wir uns von Balkon zu Balkon zu - manchmal rufen wir auch einen Gruß, aber das ist über die Distanz mühselig. Als ich noch öfter mit dem Gatten spazierenging, trafen wir uns manchmal im Park. Dienstag klönten wir trotz Kälte fast eine halbe Stunde - der Gatte wunderte sich, wo ich bleibe. 

Dann rief der Bauunternehmer an und teilte mit, wir hätten warmes Wasser im Gäste-Klo. Das hörte sich so an, als wäre der neue Durchlauferhitzer schon angeschlossen, und entsprechend erfreut fuhr der Gatte am Mittwoch ins alt-neue Haus. Vor Ort zeigte sich, das zwar der Wasserhahn am Waschbecken erneuert wurde und warmes Wasser fließen könnte, wäre ein funktionierender Durchlauferhitzer da, aber tatsächlich kommt das weiterhin Wasser aus einem Schlauch in der Wand - und dieser Schlauch ist auch die Klospülung. Ansonsten gibt es kein Wasser. Der Gatte tobte.

Donnerstag gab's dann Wasser - kurzfristig sogar da, wo's sein sollte. Der Installateur schloss die Toilette an, weil wir darauf bestanden, dass wir mit insgesamt acht Personen, die drei Tage im Haus arbeiten, nicht ohne Toilette sein können, und so hatten wir Wasser im Handwaschbecken und im Spülkasten - und im gesamten Gäste-Klo und im Windfang, weil eine Zuleitung leckt und das WC verstopft ist. Verstopfung und Leckage wurden zwar am Donnerstag noch beseitigt, traten aber Freitag wieder auf. Wir sind ziemlich frustriert, denn bis die Baubrigade Hand anlegte, funktionierte das WC, und wenn die sogar schon an einem funktionierenden WC scheitern, wie soll es dann erst mit dem komplett neu zu bauenden Bad inkl. Erneuerung der Leitungen werden?!  

Donnerstag und Freitag wurde das Haus geräumt, was durch ein Missverständnis leider auch Schnuffi, meinem gerade erst wiedergefundenen Kindheitskuscheltier, das Leben kostete. Ich bin sehr traurig. Vermutlich kompensiere ich damit die Gesamtsituation. Ich realisiere erst langsam, dass jetzt endgültig und unwiderruflich die ganzen alten Leben von Eltern und Großeltern aus dem Haus ausziehen. Mudderns weiß nicht, dass das Haus geräumt wird. In klaren Momenten ahnt sie es.

Donnerstag hatte ich ein hilfreiches Gespräch mit der Nachbarin, die seit 50 Jahren gegenüber von Mudderns wohnt, nur wenige Jahre jünger ist als sie, verhältnismäßig viel Kontakt mit ihr hatte, und mit ihrer Tochter. Ich hadere ja noch immer mit der Entscheidung, Mudderns ins Pflegeheim gegeben zu haben, denn ich weiß, sie wollte nie in eines. Von den beiden Frauen zu hören, dass ich keine andere Wahl hatte, weil Mudderns alle Alternativen ablehnte, tat gut.

Freitag wurde dann zumindest schon mal das Kabel für Internet. Telefon und TV gelegt. Jetzt warten wir auf die Installation der Fritzbox durch die örtlichen Stadtwerke, und dann kann der Gatte die Verkabelung im Haus übernehmen.  

Eigentlich wollten wir bis Sonntag in der lindgrünen Hölle bleiben, heute gemütlich über den Wochenmarkt schlendern, uns später eine Dionsaurier-Ausstellung ansehen, aber die Toilettensituation ließ uns die Flucht ergreifen. So habe ich das erste Wochenende ohne Termine seit dem 25. Juni, dem Tag, als Mudderns ins Krankenhaus kam. Das tut dem Gatten und mir wirklich gut. Ich habe tatsächlich mal zehn Stunden geschlafen. 

Hier gilt seit mittlerweile 135 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Es geht uns vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird. Er ist inzwischen schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Mütter und seit der Sanierung des alt-neuen Hauses Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona uns bislang verschonte. Wir sind natürlich geimpft, aber angesichts unserer Vorerkrankungen ist trotz Impfung eine Corona-Infektion wenig ratsam. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist sie aber unvermeidbar, und ich kann nur hoffen, dass es uns dann nicht zu hart trifft. 

Aktuell ist Corona ganz nahe: Mudderns rief heute Mittag an und sagte, im Pflegeheim sei alles gesperrt, weil es Coronafälle gebe. Welche Maßnahmen konkret ergriffen wurden, konnte die mir nicht sagen, denn sie versteht das alles nicht. Zugegeben, in ihrem Haus wäre die Gefahr, sich an Corona anzustecken, geringer als im Heim, aber dafür war da die Gefahr, sich bei einem Sturz das Genick zu brechen, größer. Dennoch: Wieder mal habe ich ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig überlege ich, wie sie kommenden Sonntag an der Stichwahl teilnehmen kann. Mal schauen, ob sie kurzfristig Briefwahl möchte, sofern es überhaupt möglich ist, sie kurz zur Übergabe der Unterlagen vorm Heim zu sehen. Ob sie ihre Gesellschaften in der kommenden Woche sehen kann, ist ja auch fraglich. Das wird schwer für Mudderns. Ich hoffe, dass es wenigstens die täglichen Veranstaltungsangebote im Heim weiterhin gibt, Mudderns nicht in Zimmerquarantäne muss. 

Schwiegermutter und Tante geht's gut. Tante rief sogar Mittwoch an, um sich für einen Gruß zu bedanken. Schwiegermutter hatte gerade viel Schererei, weil ihr das Portemonnaie gestohlen wurde - mal wieder. Zum Glück war es diesmal kein zu hoher Betrag. Sie ist für Taschendiebe wirklich eine leichte Beute. Diesmal ließ sie ihr Portemonnaie in einem Regal liegen, um sich in einem anderen etwas anzusehen. 

Im Büro ist es ruhig, trotz der Herbstferien. Eine Kollegin ist weiterhin an Corona erkrankt, und ein Kollege war in freiwilliger Quarantäne, da es in der Familie einen Coronafall gibt. Ich hoffe, er infizierte sich nicht, denn das wäre seine dritte Infektion.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

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Samstag, 8. Oktober 2022

Samstagsplausch KW 40/22: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CXXXIV

Am langen Wochenende hatten wir ein privates Apfelfest: In Mudderns Garten, der jetzt unserer ist, wächst ein Apfelbaum. Er war eigentlich als Zierapfel gedacht, verwilderte aber total, trägt dieses Jahr wieder üppig. Aktuell komme ich nicht gegen die Zentner an, denn ich will neben dem ganzen Haus-Stress in diesem Jahr nicht auch noch Apfelmus oder Apfelsaft machen. Andererseits, wenn das Haus leer ist, könnten die Weck-Flaschen schon mal umziehen und mit dem Entsafter, der ohnehin schon im alt-neuen Haus steht, gefüllt werden ...

Die guten ins Töpfchen ... Fünf solcher Wäschekörbe (links) wurden geerntet. Einer ging zum Fairteiler. Und heute geht's munter weiter. Langsam kommen die richtig reifen Äpfel runter. Der Gatte kaufte einen Apfelpflücker und ist mucksch, dass er teilen muss. 

Ich hatte die Äpfel  bei Foodsharing und über Twitter angeboten, so dass drei Frauen zum Ernten kamen. Außerdem kam eine Kollegin, die sich für Mudderns Gläser und Geschirr interessierte, und nahm sich neben Gläsern auch noch Äpfel mit. Gut fünf Wäschekörbe voll wurden geerntet. 

Als die Jungs einer Abholerin gerade im Apfelbaum herumkletterten, um die richtig reifen Äpfel zu ernten, kam die linke Nachbarin vorbei - die, die den Apfelbaum weghaben will, die schon versuchte, ihn abzuholzen, weil die Äpfel auch in ihren Garten fallen und ja nur Müll sind, die mehrfach Mudderns Garten unerlaubt betrat, um Bäume und Sträucher zu kappen. Wir fragten, ob wir in ihren Garten dürften, um das Fallobst aufzuheben, und, oh Wunder: "Daraus wollte ich Apfelkuchen backen, wenn es Ihnen recht ist." Sieh an, kaum kommen Menschen zur Apfelernte, ist das Fallobst kein Müll mehr ... Natürlich kann sie sich die Äpfel nehmen. Den Apfelbaum werden wir dennoch schnellstmöglich beschneiden lassen, und dann werden die Äste zur linken Seite gekappt, denn wer weiß, wie lange dieser Stimmungswandel anhält.

Mudderns freute sich, dass rund um ihren ehemaligen Apfelbaum so viel los war, ließ sich Äpfel ins Pflegeheim mitbringen und verteilte sie dort stolz. Angeblich waren die Äpfel auch ganz schnell gegessen und alle begeistert. Morgen werde ich einen Apfelkuchen für den Gemeinschaftsraum auf ihrer Etage mitbringen und hoffe, Bewohner und Pflegekräfte freuen sich.

Hier gilt seit mittlerweile 134 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Es geht uns vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird. Er ist inzwischen schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Mütter und durch die Sanierung des alt-neuen Hauses Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona uns bislang verschonte. Wir sind natürlich geimpft, aber angesichts unserer Vorerkrankungen ist trotz Impfung eine Corona-Infektion wenig ratsam. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist sie aber unvermeidbar, und ich kann nur hoffen, dass es uns dann nicht zu hart trifft. 

Während des langen Wochenendes schaffte ich trotz des vielen Besuchs einiges im alt-neuen Haus. So habe ich jetzt wieder einen Überblick, was zum Entrümpler soll und was nicht und fand die ominöse Briefmarkensammlung in einem wahrlich riesigen alten Schrank, der an The Luggage erinnert. Wenn etwas Ruhe einkehrte, muss ich mal zusammentragen, woraus die Sammlung besteht, und sie Händlern anbieten. Der Großteil der Sammlung sind allerdings Marken, die unbesehen gespendet werden können, aber auch da brauche ich Zeit und Muße, die entsprechenden Pakete zusammenzustellen.

Von dem, was ich neben den Briefmarken in dem riesigen Schrank fand, war ich im Wechsel entgeistert und berührt. Berührt war ich von Mudderns Kreativität, die sich in Scherenschnitten, Zeichnungen, Modezeichnungen zeigte. Entgeistert war ich davon, was alles aufgehoben wurde: Mudderns Zeichnungen seit 1953, Kalender seit 1959, meine Kinderzeichnungen ... Das Haus wurde 1961 gebaut, d.h. Mudderns Zeichnungen und die Kalender aus 1959 / 1960 zogen mit um. Manchmal fürchte ich, das Haus hebt ab, wenn es erstmal leer ist. Zum Glück ist es ein Mittelreihenhaus und wird von zwei Seiten gehalten.

An diesem Wochenende werde ich nochmal eine Müll-Runde durch's Haus drehen, denn für jeden Müllsacke, den wir entsorgen, müssen wir nichts an den Entrümpler zahlen. Außerdem kommt eine Frau, die ich über's Foodsharing kennenlernte, um Mudderns Alltagsgeschirr, Besteck und die letzten Kleidungsstücke für die örtliche Kleiderkammer abzuholen. Wieder etwas, das der Entrümpler nicht berechnet. Der wird ohnehin einen hohen vierstelligen Betrag berechnen, und ich hoffe, meine letzten Rücklagen reichen dafür aus. Wer weiß, wann der Baukredit bewilligt wird, denn das geänderte Grundbuch liegt mir noch nicht vor, und so lange das fehlt, bekomme ich keinen Baukredit. Wenn jetzt noch irgendeine Nachzahlung kommt, zum Beispiel für die Steuer, wird's extrem problematisch. Zum Glück sind Wasser-, Nebenkosten- und Heizkostenabrechnung sowie Stromrechnung schon durch, kommt die nächste Wasserabrechnung erst im Frühjahr.

Dienstag früh trafen wir uns kurz mit dem Bauunternehmer, der das alt-neue Haus saniert. Er erschreckte uns mit der Nachricht, bis zum Monatsende wollen sie mit allen Arbeiten fertig sein. Sollte das wirklich eintreffen, haben wir ein Problem. Ich versuche, die blankliegenden Nerven zu behalten. Bislang hielt die Baubrigade noch keinen Fertigungstermin ein, und auch diese Woche tat sich auf unserer Baustelle nichts, weil man das gute Wetter nutzte, um woanders die Außenarbeiten abzuschließen. 

Mittwoch war mein einziger Bürotag in dieser Woche.

Donnerstag und Freitag konnte ich zu Hause arbeiten, was nach wie vor eine extreme Erleichterung ist, denn ich spare die Fahrzeit. Freitag fuhr der Gatte schon mal vor ins alt-neue Haus, so dass wir nach langer Zeit getrennt voneinander waren, ohne dass der Gatte im Krankenhaus war. Das war ungewohnt, ist aber eine gute Übung, denn ich möchte eine Dienstreise inkl. Übernachtung machen und muss mich ja auch auf eine Nacht im Krankenhaus einrichten. Weil der Diabetes des Gatten immer wieder entgleist, vor allem nachts, der Gatte immer sturzgefährdet ist, habe ich auch nachts immer ein Ohr auf ihn, und im alt-neuen Haus haben wir auf jeder Etage Walkie-Talkies, damit er um Hilfe rufen kann. Das geht aber nicht, wenn er alleine ist. Allerdings ist es auch keine Lösung, wenn wir ständig aufeinander hängen. Der Abstand tat uns beiden gut. 

Mudderns will weiterhin ins Betreute Wohnen, und am Wochenende eskalierte die Situation. In der Anlage wäre nämlich tatsächlich eine Wohnung frei. Sie bestand darauf, dass ich alles für sie regle, den Mietvertrag unterschreibe etc., und ich beharrte darauf, dass sie das alleine machen kann, wenn sie darauf besteht, selbstständig genug zu sein für eine eigene Wohnung. Das war ziemlich hart. Inzwischen beruhigte sich Mudderns aber wieder. Sie will jetzt bis zum Ende des Winters im Pflegeheim bleiben und dann umziehen. Ja, nee, is klaa. Immerhin spricht sie immer öfter von ihrem Zuhause, wenn sie vom Pflegeheim spricht. ich fände es ja such schöner, wenn Mudderns eine eigene Wohnung hätte, aber so fit ist sie einfach nicht mehr, auch, wenn sie das hartnäckig ignoriert. Die Realität war noch nie so ihrs. 

Gestern ging Mudderns Puppe in die Puppenklinik. Es war ein merkwürdiges Gefühl, Püppi da so nackt zurück zu lassen. Ich weiß nicht, wann ich sie wiederbekomme. Eigentlich hat die Puppenklinik gerade Annahmestopp, machte aber für Mudderns eine Ausnahme. Wenn alles klappt, wird der Trümmerbruch am linken Bein behoben, bekommt Püppi auch neue Strümpfe und Schuhe. Die restliche Kleidung bekam ich mit, um sie zu waschen, und auch Püppi soll aufgehübscht zurückkommen. Gedanken machen wir uns darüber, wie Mudderns sie sicher aufbewahren und trotzdem sehen kann. Die Puppe ist bummelig 80 Jahre alt, aus Zelluloid und sehr zerbrechlich. Für den Trümmerbruch sorgte Mudderns Putzfrau, und ich vermute, im Pflegeheim wird's schwer, den Putzkräften beizupulen, dass die Puppe nicht angefasst werden darf. Ich überlegte schon, sie unter einen Glassturz zu setzen ... 

Ich bin die meiste Zeit nur erschöpft und froh über Bürotage, denn da weiß ich, welche Katastrophen mich erwarten. Da kann ich etwas Luft holen. Privat versuche ich, alle Bälle in der Luft zu halten, es allen recht zu machen, alle Erwartungen zu erfüllen, und scheitere dennoch täglich. Es ist einfach viel zu viel gewesen in den letzten drei Jahren. Die Atempausen waren viel zu kurz. Aber zumindest meinem Gewicht tut der Stress gut: Es geht wieder runter. Es fehlen noch 22 Kilo bis zum Ziel, über 30 Kilo sind schon weg. Okay, eigentlich fehlen noch immer fast 70 Kilo bis zum Ziel, weil nur ein BMI von 18 ein guter BMI ist, aber dieses Ziel werde ich nicht erreichen. Ich wäre mit einem BMI von 34 zufrieden, vor allem, wenn ich bedenke, dass ich bei einem BMI von über 53 startete. Als die Hormonstörung, die erst seit zwei Jahren behandelte wird, vor etwa 35 Jahren begann, hatte ich einen BMI von knapp 27.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

Donnerstag, 6. Oktober 2022

#WMDEDGT 10/22: Glücksmomente

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Ich habe endlich wieder acht Stunden schmerzfrei durchgeschlafen, nachdem ich am Vorabend Novalgin nahm. Während des langen Wochenendes in der lindgrünen Hölle konnte ich vor Schmerzen nicht schlafen, hatte aber keine Tabletten dabei. Jetzt sind sie in der Waschtasche, für das nächste Mal. Ich brauche die Tabletten zum Glück selten, aber wenn sie fehlen, ist es doof.

Zur Kaffeemaschine schlappen, dabei möglichst nicht den Gatten nicht wecken, denn der soll ausschlafen. Während der Kaffee durchläuft, Wassermelone schneiden und eintuppern, denn das wird mein Büro-Mittagessen, dann den Apfelkuchen aufschneiden. Ein Stück kommt mit ins Büro, sechs Stück nimmt der Gatte mit zur Teezeit bei Schwiegermutter. Den Thermobecher für's Büro mit Kaffee füllen, alles einpacken, zwischendurch frühstücken, dann den Klapprechner einpacken. Mittlerweile ist der Gatte wach.

Pünktlich im Bus und froh, dass ich reichlich Puffer einplante, denn durch Baustellen gibt es viele Staus. Froh bin ich auch über die FFP3-Maske, denn im Bus wird gerotzt, geschnieft, gehustet - und wenig Maske getragen. Während ich im Bus bin, verpasse ich einen Anruf der Horror-Hormon-Tante und bin genervt. Zum einen wollte sie ab 13 Uhr anrufen, nicht um 9 Uhr, zum anderen rief sie vor vier Wochen spontan an und weiß, dass es seitdem nichts Neues gibt, weil der Termin im Krankenhaus erst in zwei Wochen ist. 

Knapp pünktlich im Büro, nur schnell die Tasche abstellen, dann auf zur wöchentlichen Teamsitzung. Wir sind schnell durch, und ich hänge mich ans Telefon, um vielleicht doch eine andere Praxis mit gynäkologischer Endokrinologie zu finden. Ich versuche ja schon seit zwei Jahren, von der Horror-Hormon-Tante wegzukommen, leider vergeblich. Heute scheine ich Glück zu haben und bekomme in einer Praxis einen Termin im Januar! 

Die Chefin ist mit ihrem neuen Kind zu Besuch, klares Zeichen, dass der Erziehungsurlaub bald zu Ende, geht. So sehr ich mich freue, sie zu sehen, so sehr bedauere ich es, dass Chef II dann gehen wird, denn mit ihm arbeitet es sehr viel effektiver. Ich bin nicht die einzige, die ihn gerne behielte, aber leider ist er auf Dauer zu teuer ...

Das neue Kind ist niedlich, zeigt sich pflegeleicht und erwidert mein Lachen, obwohl ich eine Maske trage.

Intensiver Arbeitstag mit vielen Gesprächen und anderthalb Überstunden. 

Vormittags ruft das Krankenhaus an. Ah, denke ich, coronabedingte Verschiebung einer planbaren OP. Ja, Verschiebung, allerdings fragt man, ob ich eine Woche ehr kommen kann. Nein, das geht nicht, meine Termine sind so eng getaktet, dass kein Spielraum ist.  

Kurz nach 13 Uhr ruft die Horror-Hormon-Tante wieder an. Von dem Telefonat vor vier Wochen weiß sie nichts mehr, auch nicht von dem Krankenhaustermin. Es geht doch nichts über eine gute Gesprächsvorbereitung. Einmal mehr bin ich froh über den Termin in der anderen Praxis. Jetzt muss ich nur noch bis Januar an meine Medikamente kommen und hoffen, dass ich in dem Vorgespräch mit dem Krankenhaus die OP möglichst lange herauszögern kann. Die Total-OP will ich nach wie vor nicht.   

Ich bin kurz vorm Gatten zu Hause und telefoniere mit Mudderns, die wieder ziemlich wirr ist und mir u.a. erklärt, die Rechnungen für ihre Rezeptgebühren müsse ich beim Finanzamt einreichen, damit sie erstattet werden. Dass sie die Rechnungen bislang bei der Krankenkasse einreichte, bestreitet sie vehement. Außerdem stritt sie sich beim Abendessen wieder mit einer Mitbewohnerin um einen Sitzplatz. Die Dame sitzt im Gemeinschaftsraum gerne auf einem bestimmten Platz, was Mudderns nicht passt, denn schließlich gibt es dort keine festen Plätze. Mudderns könnte wie mittags auch abends im Speisesaal essen, wo es feste Sitzplätze gibt, aber das will sie nicht, denn dort gibt es das Essen 15 Minuten später. Außerdem geht es ums Prinzip. Mudderns will jetzt vom Leiter des Pflegeheims der Mitbewohnerin verbieten lassen, den Gemeinschaftsraum zu nutzen. Ja, nee, is klaa. 

Der Gatte kommt nach anstrengenden zwei Stunden bei seiner Mutter nach Hause, und wir setzen uns kurz auf den Balkon, um uns über unseren Tag auszutauschen. Schwiegermutter möchte, dass Tante Weihnachten zu Besuch kommt. Das wäre schön, nur ist fraglich, ob Tante das körperlich noch schafft. Ansonsten erledigte der Gatte Reparaturaufträge, beschwerte sich Schwiegermutter über den Mohn im Apfelkuchen. Wir überlegen, ob wir es wagen können, Weihnachten mit Mudderns zum Brunch zu gehen, so, wie wir es schon seit Jahren machen. Dieses Jahr waren wir Neujahr und Ostern mit ihr brunchen, und ich hatte das Gefühl, dass es sie völlig überfordert. Auch das Essengehen zu ihrem Geburtstag war schwierig. Ich werde sie am Wochenende mal fragen und hören, was sie sagt.

Während wir auf dem Balkon sitzen, geht mir auf, dass ich schon lange die vor zehn Tagen gekauften Chrysanthemen einpflanzen wollte ... Das muss ich vorm Wochenende unbedingt noch machen. 

Das Yarncamp-Goodie Bag kam an, aber es in Ruhe zu öffnen und zu durchstöbern ist genauso so vergeblich, wie der Versuch, den Vorabendkrimi zu sehen - der Gatte hat Redebedarf. Die Ungewissheit, wann der Grundbucheintrag durch ist, der Baukredit genehmigt und ausgezahlt werden kann, macht uns beiden arg zu schaffen, zumal der Bauunternehmer ankündigte, Ende des Monats mit allen Arbeiten fertig zu sein. Ich versuche, gelassen zu sein, denn bislang hielt er noch kein Fertigstellungsdatum. Wenn er diesmal aber tatsächlich seine Zusage einhält, haben wir ein Problem. Wir beschließen, die Gartenarbeiten zu verschieben, denn die haben nun wirklich keine Priorität, aber wie wir es auch drehen und wenden: Ohne Baukredit können wir den Umbau nicht zahlen. Mal gucken, was uns einfällt.

Umziehen, dabei auf die Waage gehen und erfreut feststellen, dass wieder ein Pfund weg ist. Somit habe ich inzwischen knapp 35 Kilo abgenommen. 65 Kilo müssen noch runter, denn nur ein BMI von 18 ist ein guter BMI ... 

"Hamburg Journal" gucken und mich freuen, dass eines unserer Projekt vorgestellt wird, dann Abendessen und endlich Füße hochlegen und stricken - ich schaffe fast den ganzen Lausitz-Krimi, ohne dass der Gatte Redebedarf hat. Jetzt bereitet ihm Probleme, dass Regalbretter nicht lieferbar sind - wir haben noch nicht mal Platz, um Regale aufzustellen, weil das Haus proppenvoll ist ... 

Während wir reden, erreicht mich die Nachricht, dass es einen Anschlag auf die Synagoge in Hannover gab. Heute ist Yom Kippur, Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Einzelfall, nich? Jüdisches Leben in Deutschland ist sicher ... 

Ich bin zu müde, um noch das "heute journal" zu sehen, also geht's früh ins Bett, um noch zu lesen*

Der Blick zurück in die ersten beiden Corona-Jahre: Am 5. Oktober 2020 war der Gatte noch gesund und fuhr ins Büro, gab's eine Kundgebung für einen jüdischen Studenten, der am Vortag vor der Synagoge niedergeschlagen wurde, wo gerade Sukkot gefeiert wurde. Einzelfall, klar. Am 5. Oktober 2021 beschäftigte mich ein Krebsverdacht, der sich Gott sei Dank als unbegründet herausstellte.

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Samstag, 1. Oktober 2022

Samstagsplausch KW 39/22: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CXXXIII

Zurück aus dem Urlaub, geht's im gewohnten Chaos weiter.

Sonntag waren wir mit Schwiegermutter essen. Sie war zwei Wochen bei Tante, beide wellnessurlaubten in Bad Füssing. Schwiegermutter fällt es schwer zu akzeptieren, dass nicht nur Tante, sondern auch sie körperlich nicht mehr so fit ist wie vor ein paar Jahren. Sie hadert damit, dass sie langsam, aber sicher erblindet und nicht mehr richtig hört, mit den Hörgeräten nicht zurecht kommt. Es ist schwer. Die beiden machten sich gegenseitig das Leben schwer und überlegen wieder einmal, ob sie sich überhaupt noch gegenseitig besuchen. Führe die Bahn problemlos zwischen Hamburg und München, wäre es eine Erleichterung. Diesmal strandete Schwiegermutter am Hauptbahnhof, das letzte Mal musste sie über eine Behelfsbrücke auf offener Strecke den Zug wechseln. Tante wäre körperlich dazu gar nicht in der Lage.

Montag waren wir nach drei Wochen Pause wieder in der lindgrünen Hölle und sehr angespannt, denn der Notartermin mit Übertragung des Hauses, Generalvollmacht und Patientenverfügung stand an. Was, wenn Mudderns in schlechter Tagesform ist und einen Rückzieher macht? Aber sie war gut in Form, sagte schon beim Telefonat am Sonntag, sie habe alle Unterlagen herausgesucht und einen Besprechungsraum reserviert. Der Notar war total goldig und geduldig, und dennoch brauchten wir für alles kaum eine Stunde. Der Termin war für Mudderns und mich schwer. Mudderns sagte aber zum Schluss, wir hätten das schon viel früher machen sollen und scheint gerade mit allem einigermaßen im Reinen zu sein - außer, dass sie weiterhin ins Betreute Wohnen umziehen möchte und mich bei jedem Telefonat darum bittet, ich solle ihr eine Wohnung besorgen. Gott sei Dank ist in der einzigen Anlage, die für sie in Frage kommt, nichts frei, denn Mudderns ist schlichtweg nicht mehr in der Lage, alleine zu leben, auch, wenn sie das nicht wahrhaben will, weil sie in ihrer eigenen Welt lebt.  

Jetzt bin ich Hausbesitzerin.

Montag erwartete uns auch eine Überraschung im alt-neuen Haus: Das Badezimmer ist weg! Die Handwerker haben einfach schon mal losgelegt, vier Wochen früher als abgesprochen ... Ich muss am Wochenende mal sehen, wie ich halbwegs Ordnung ins Chaos bekomme, denn ich habe überhaupt keinen Plan mehr, was zum Entrümpler soll und was nicht. Und anders als der Gatte komme ich aktuell noch nicht mal zu meinem Schlafplatz.

Dienstag war mein erster Bürotag, und ich habe es genossen, einen Arbeitsplatz zu haben, an dem ich sicher sein kann, dass mich keine Katastrophen erwarten. Das war lange nicht so. Geärgert hat mich nur die IT, denn mein PC bekam während meines Urlaubs ein elendiges Update des Betriebssystems. Heißt, alle Startseiten, gespeicherten Passwörter und Programme auf der Taskleiste sind weg. Normalerweise wäre das kein Drama, würde ich alles neu einrichten, aber dazu hat jetzt nur noch die IT die Berechtigung, und die untersagt so was. In das Zeiterfassungssystem gelange ich nur über eine alte eMail, denn das Programm ist auf dem PC nicht mehr zu finden. Also suche ich jeden Tag erstmal die eMail mit Link zum Zeiterfassungssystem, gebe alle drei URLs, die ich zum Arbeiten brauche, händisch ein, und bin froh, dass ich alle Passwörter aufgeschrieben habe. Eine Taschenrechner-Funktion gibt es auch nicht mehr, so dass ich die gute alte Rechenmaschine aus dem Lager holte. Einmal mit Profis ... 

Dienstag hatten der Gatte und ich auch Arzttermine. Während meiner beim Zahnarzt unerfreulich, aber undramatisch war, kam der Gatte mit der Hiobsbotschaft zurück, dass er wieder regelmäßig in die Augenklinik muss. Seit den letzten Behandlungen wechselte er ja den Augenarzt, und der sucht auf Bitten des Gatten netterweise nach einer Alternative zur Augenklinik am anderen Ende der Stadt, damit ich mir nicht jedes Mal einen Urlaubstag nehmen muss. Theoretisch kann die Behandlung auch in einer Praxis hier in der Nähe erfolgen. Der Augenarzt klärt jetzt ab, ob die Kollegen übernehmen können. Jetzt warten wir auf einen Anruf, in dem uns die Termine mitgeteilt werden.

Beim Zahnarzt ist übrigens nur noch Maskenpflicht. Auf die antivirale Mundspülung vor jeder Behandlung wird inzwischen verzichtet.

Den Blick auf die Weide mit Rehen, Pferden oder Kühen werde ich in der lindgrünen Hölle vermissen. Früher kam ich dort auf dem Weg zum Bahnhof an einer Weide mit Heidschnucken vorbei, freute mich jeden Tag darüber, aber die Heidschnucken fielen Tierschändern zum Opfer, und die Weide ist inzwischen bebaut.

Mittwoch fuhr der Gatte ganz tapfer alleine ins alt-neue Haus und traf den Schornsteinfeger, der einen Energieausweis erstellt. Gott sei Dank gab's keine wirklichen Hiobsbotschaften, aber es wurde mal wieder deutlich, dass Mudderns seit Jahrenden in einer anderen Welt lebt. Im angeblich regelmäßig gewarteten Schornstein nisten Vögel, aber ansonsten ist er intakt, nur ist er nicht so ausgebaut, dass wir problemlos einen Kamin anschließen könnten. Das ist zwar generell möglich, aber das dafür erforderliche Rohr, dass es laut Mudderns schon geben soll, existiert nicht. Es wird also etwas aufwändiger. Der ominöse Ofen, den Mudderns zum Verbrennen von Papier nutzte, darf seit 40 Jahren nicht mehr betrieben werden, ist stillgelegt - von wegen, sie hätte eine Ausnahmegenehmigung vom Schornsteinfeger, der den Ofen regelmäßig gewartet habe. Dieser Ofen ist auch der Grund, warum es im Keller mit dem Öltank so extrem war ist: Er wird nämlich durch das Wasser der Heizungsanlage erhitzt, keine Ahnung, wir das technisch möglich ist. Und wir wunderten uns schon, woher die extreme Wärme in diesem Kellerraum kommt. Da muss beizeiten ein Heizungsbauer her. 

Mit vereinten Kräften schafften Schornsteinfeger und Gatte es auch, die Heizung in Gang zu bringen, so dass das Haus hoffentlich durchgewärmt ist, wenn wir am Wochenende dort sind. Und durch die Heizung haben wir auch heißes Wasser, allerdings soll die Heißwasserversorgung perspektivisch über einen Durchlauferhitzer laufen. Den Zweck des Durchlauferhitzers, den wir im Keller fanden, konnte sich der Schornsteinfeger nicht erklären, denn er ist nirgendwo angeschlossen. Darauf hätte eigentlich auch der Installateur kommen können, der vor sechs Wochen da war, aber der war ja eher desinteressiert, weil ihm unser Auftragsvolumen zu gering ist. 

Donnerstag und Freitag arbeitete ich zu Hause, was wir nach wie vor gut tut und etwas Ruhe in den Alltag bringt. Noch ist nicht entschieden, ob wir aufgrund steigender Energiepreise wieder mehr zu Hause arbeiten sollen. Chef I hält das für unsinnig, denn die Büro müssen ja weiterhin zumindest etwas geheizt werden, damit die Räume nicht schimmeln. Einstweilen sind wir angehalten, die Temperatur auf 19°C zu halten, nicht mehr, und Energie zu sparen, wo es nur geht. Das treibt jetzt schon merkwürdige Blüten. Ich muss spaßeshalber mal ein Thermometer mit ins Büro nehmen, denn gefühlt war es in keinem Herbst oder Winter wärmer als 19°C, weil es zieht wie Hechtsuppe. Strickjacke und Wolldecke nutze ich schon seit Jahren. 

Hier gilt seit mittlerweile 133 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Es geht uns vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird. Er ist inzwischen schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Mütter und inzwischen Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona uns bislang verschonte. Wir sind natürlich geimpft, aber angesichts unserer Vorerkrankungen ist trotz Impfung eine Corona-Infektion wenig ratsam. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist sie aber unvermeidbar, und ich kann nur hoffen, dass es uns dann nicht zu hart trifft. 

Mittwoch fiel die nächste Kollegin mit Corona aus, und so bin ich jetzt die letzte im Team, die noch kein Corona hatte. Glücklicherweise fand ich eine Praxis, die mir die fünfte Impfung geben würde, und die dann auch noch im großen Einkaufszentrum ist, und ich überlege, sie mir im Oktober vorm Krankenhausaufenthalt abzuholen. Der Gatte zögert, verständlicherweise, denn jede Impfung setzt ihn eine Woche außer Gefecht - Corona ist neurotroph, und das zeigt sich auch beim Impfstoff. Aber gerade, weil er schon auf den Impfstoff so reagiert, ist Corona noch weniger ratsam. Ich kann sein Zögern verstehen und bin selbst impfmüde. Nur anders werden wir diese Moppelkotze ja nicht los, weswegen ich mich impfen lassen werde, damit Gatte und Mütter besser geschützt sind. 

Mir fehlen einfach die Wochenenden, denn die verbringen wir ja seit Ende August im alt-neuen Haus - heißt, ein Leben aus der Reisetasche, und das, was ich brauche, ist immer gerade woanders. Da wir beide krank und auf Hilfsmittel angewiesen sind, heißt es auch, genau zu überlegen, was mitgenommen werden muss und bloß nichts vergessen, denn das bedeutet im günstigsten Fall nur 80 km Fahrt, im ungünstigsten (und leider normalen) Fall etwa vier Stunden Stau. ÖPNV ist keine Alternative, da ist die normale Fahrzeit ohnehin vier Stunden.

Uns beiden macht es weiterhin zu schaffen, dass wir eine Baustelle und Schulden haben. Wir haben Angst, das alles nicht zu schaffen, auch, wenn das irrational ist. Auch wenn wir beide das Gefühl haben, nach Hause zu kommen, wenn wir im alt-neuen Haus sind, verschwindet bei mir das Gefühl, sobald ich das Haus betrete. Dann fühle ich mich nur noch von den Massen an Möbeln und Gerümpel erdrückt. Es ist weder wohnlich noch gemütlich, sondern einfach nur rumpelig und dreckig. Leute, die das alles schon hinter sich haben, machen mir Mut, dass es besser wird, spätestens, wenn der Entrümpler da war. Ich hoffe. 

Der Entrümpler kommt kommendes Wochenende zur Vorbesichtigung, und dann ist das Haus hoffentlich bald leer. Vorher werden wir noch ein paar Müllsäcke rausschaffen, denn alles, was wir entsorgen, müssen wir nicht zahlen. Wenn das Haus leer ist, müssen wir auch mal darüber reden, ob der Gatte Malerarbeiten und Fußbodenverlegen tatsächlich selber machen will, denn momentan habe ich das Gefühl, das übersteigt seine Kräfte. Zumindest konnte ich ihn schon davon überzeugen, dass wir das Laminat liefern lassen. Außerdem werde ich die Entrümpler bitten, die Kisten, die bleiben sollen, gleich in die Waschküche zu schaffen. Dann ist uns das Geschleppe schon mal abgenommen. Mir machen aktuell die Wechseljahre nämlich wieder sehr zu schaffen: Ohne Novalgin kann ich nicht gerade stehen, bin quasi unbeweglich. Da bin ich froh über alles, was mir abgenommen wird.

Und wenn das Haus leer ist, kann ich nur hoffen, dass Mudderns nicht wirklich in eine Seniorenwohnung ziehen kann und ihre Möbel zurück haben will. Da ich mich aber weigere, eine Wohnung für sie zu mieten oder gar kaufen, wird das wohl nicht geschehen. Mudderns wiederum kann das nicht mehr selbst machen, obwohl sie doch ihrer Meinung nach so selbstständig ist, und weigert sich, es sich in ihrem Zimmer schön zu machen, will es partout "wie im Krankenhaus" haben, weil sie ja nur vorübergehend im Pflegeheim ist. Es ist ein Elend. 

Es fällt mir schwer, so hart zu sein, aber ich weiß, dass Mudderns nach ihrem Umzug wieder keinen geregelten Tagesablauf haben wird, dass ich diejenige sein werde, die dafür sorgen muss, dass sie aufsteht und isst, weil sie ansonsten komplett verwahrlost. Dazu habe ich keine Kraft. Ich weiß, dass sie mitnichten die knapp 20 Meter mittags zum Essen ins Pflegeheim gehen wird, sondern Gründe finden wird - Regen, Schmerzen, doofe Leute, zu weit. In dem Wohnblock wird sie sich nicht zurechtfinden, und dann fängt sie an zu schreien oder den Rollator zu werfen (!) - im Pflegeheim wird so was aufgefangen, im Betreuten Wohnen nicht. Sie kann nicht mehr für sich selbst einkaufen, säße den ganzen Tag in der Wohnung, bis auf die beiden Tage, in denen die Gesellschafterin da ist. Mudderns will noch nicht mal mehr sonntags mit mir ins Café, auch nicht mit dem Auto, weil ihr der Weg zu weit ist - aber sie kann alleine leben, klar. 

Der Gatte zimmert Mudderns am Wochenende ein Tischchen, das in die Fensternische über die Heizung passt. Darauf sollen Blumenvase, Kruzifix, Puppe und ein paar Fotos - ich hoffe, sie akzeptiert das. Wenn sie dann auch noch den riesigen Tisch und zwei Stühle, alles drei braucht sie nur zum Wäscheablegen, gegen einen Sessel und ein Tischchen eintauschte, wäre das Zimmer wirklich nett, aber Mudderns will es einfach nicht nett haben. Sie lebt nach der Devise, dass das Leben so schön beschissen sein kann, wenn man sich nur Mühe gibt - und sie gibt sich Mühe. Für mich ist das alles sehr belastend, aber ich bin seit über 50 Jahren die böse Tochter, die sich nicht um ihre Eltern kümmert, also sollte ich damit umgehen können.

Wir hätten diese Woche gerne schon Laminat und Fliesen eingekauft, denn da gab's gerade günstige Angebote, aber wir haben keinen Platz, das zu lagern, weil das Haus eben noch voll ist. Da können wir also nur abwarten und den steigenden Preisen zusehen. Was mich der Baukredit kostet, weiß ich immer noch nicht, denn für die endgültige Bewilligung muss der Grundbucheintrag durch sein. Ich hoffe, Notar und Grundbuchamt beeilen sich, denn die Zinsen steigen stetig wie die Inflation. Immerhin können wir die Grundsteuererklärung abhaken. Der Steuerberater ist damit fertig. Bei den Stadtwerken konnten wir Mudderns Tarif und Vertrag übernehmen. Ab heute läuft er auf uns. Leider wurden die Abschläge nicht unserem Verbrauch angepasst, aber wir müssen ohnehin Rücklagen bilden, wovon auch immer.  

Ich habe momentan so gar keine Lust, zu funktionieren und meine Aufgaben zu erfüllen, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Viel lieber kuschelte ich mich zu Hause ein, wäre diese Woche auf den Hamburger Garn Gang gegangen oder übermorgen in ein Kirchenkonzert, aber das geht nicht. Obwohl: Das mit dem Kirchenkonzert kann ich spontan entscheiden, wenn ich nach dem sonntäglichen Muddernsbesuch noch Kraft dazu habe. Sitze ich halt in Arbeitsklamotten in der Kirche. Aber generell gilt: Ich muss funktionieren. Mir macht auch der Herbst zu schaffen, der Temperatursturz nach den tropenheißen Mallorcawochen, das späte Hell- und frühe Dunkelwerden ... Nützt ja nichts. 

Diese Woche haben wir beim Sportverein gekündigt. Es ist absehbar, dass wir vorm Umzug nicht mehr dort hin kommen werden, und nach dem Umzug sind wir ja zu weit weg, gehen in einen anderen Sportverein. Der Gatte ist seit der Kindheit Vereinsmitglied, ich seit über 20 Jahren - da geht ein Lebensabschnitt zu Ende.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.