Montag, 28. Mai 2018

Gräberfeld für Kleinkinder ukrainischer und polnischer Zwangsarbeiterinnen in Sülfeld (Schleswig-Holstein)

Montags gegen Nazis
Update 05.05.2018: Die Nazis pausieren anscheinend. Momentan sind die Montagsdemos abgesagt. Wohlwissend, dass der Schoss fruchtbar bleibt, mache ich mit meiner Montagsreihe weiter.

Wir haben uns da was eingetreten. Es ist braun. Es riecht nach Faschismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus. Es trifft sich montags hinterm Bahnhof, eingepfercht in Gattern, umringt von Polizei und der Gott sei Dank immer noch demokratischen Mehrheit dieser Stadt.

Es ist eine krude, gefährliche Mischung aus Türstehern, Hooligans, Faschisten, Reichsbürgern und AfDlern, garniert mit ein paar spießbürgerlichen Sahnehäubchen aus dem Hamburger Umland.

Eine Kerze für die ermordeten Kinder polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiterinnen auf dem Sülfelder Friedhof.
Wir hatten schon mal Faschismus in Deutschland. Mein Bedarf daran ist hinreichend gedeckt. Ich muss keinen faschistischen Staat erleben. Mir reichen die Erinnerungen an den, den es zwischen 1933 und 1945 gab.


Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.


Das Gräberfeld in Sülfeld.
In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.


Die Grabsteine für die Zwillinge Anna und Wladislawa Olankiewicz.
Anna und Wladislawa Olankiewicz wären heute 74 Jahre alt. Die beiden Mädchen, von denen wir nicht mehr wissen als ihren Namen und ihre Lebensdaten, wurden am 13. Mai 1944 in einem Zwangsarbeiterlager im schleswig-holsteinischen Nirgendwo geboren. Sie durften kaum zwei Wochen leben. Anna starb am 29. Mai 1944, ihre Schwester Wladislawa einen Tag später.

Die Eltern der Zwillinge sind unbekannt, aber es ist davon auszugehen, dass sie einen älteren Bruder hatten: Direkt neben den beiden Mädchen ist Walter Olankiewicz bestattet, geboren am 24. Januar 1943, gestorben am 24. März 1943.

Walter, Anna und Wladislawa sind drei von 16 Säuglingen und Kleinkindern auf einem Gräberfeld des Friedhofs in Sülfeld (Schleswig-Holstein). Ihre Mütter waren Frauen, die aus der Ukraine und aus Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Sie wurden in den Höfen und Firmen in der Umgebung eingesetzt. 


Der Grabstein für Anna Olankiewicz.
Schwangerschaften unter Zwangsarbeiterinnen waren unerwünscht, konnten die Frauen dann doch nur eingeschränkt arbeiten. Dennoch kam es immer wieder zu Schwangerschaften, sei es durch Liebesbeziehungen, sei es durch Vergewaltigungen. 

Anfangs wurden schwangere Zwangsarbeiterinnen zurück in ihr Herkunftsland geschickt - bis der Verdacht aufkam, Frauen würden vorsätzlich schwanger, um sich der Zwangsarbeit zu entziehen. In der Folge wurden die Nazis rigoroser: Ein Viertel der Schwangerschaften wurden durch Zwangsabtreibungen beendet. Für die anderen wurden Entbindungsheime eingerichtet. 

Unmittelbar nach der Geburt wurden die Säuglinge ihren Müttern weggenommen und begutachtet. Entsprachen sie den NS-Rassekriterien, galten sie als "gutrassig", blieben sie bis zum Ende der Stillzeit bei ihren Müttern und kamen dann in Pflegeheim, um als deutsche Kinder erzogen und zur Adoption freigegeben zu werden.


Die Friedhofskapelle von Sülfeld.
Kinder, die nicht den NS-Rassekriterien entsprachen, kamen in sogenannte "Ausländerkinder-Pflegestätten", wo sie vorsätzlich verhungerten. Es gibt Quellen, in denen von einer Ernährung mit einem halben Liter Milch und einem Zuckerwürfel pro Tag die Rede ist. Die Sterblichkeitsrate in diesen Heimen lag zwischen 25 und 90 Prozent. Zehntausende Kinder wurden so ermordet. Die Pflege- und Beerdigungskosten wurden den Müttern vom Lohn abgezogen.  

Das Gräberfeld in Sülfeld ist eines der wenigen, das noch erhalten ist, denn oft wurden sie schon in den 1950er Jahren aufgehoben. Das Gräberfeld in Sülfeld weist noch eine andere Besonderheit auf: NS-Opfer wurden meist am Rande des Friedhofs begraben. In Sülfeld liegen die Gräber aber geradezu prominent in der Nähe der Kapelle.

Mehr Informationen zu den Gedenkorten im Kreis Segeberg gibt es bei dem Journalisten Helge Buttkereit, dessen Buch "Verdrängen, Vergessen, Erinnern" ich Dir sehr empfehle. 

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