Samstag, 10. September 2022

Samstagsplausch KW 36/22: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CXXX

Als ich mich im April für letzten Sonnabend in der lindgrünen Hölle verabredete, fragte die Sandkastenfreundin, warum ich nicht bei meiner Mutter übernachte, um nicht spätabends nach dem Konzert wieder nach Hause fahren zu müssen. Damals hätte ich nicht gedacht, dass wir jetzt schon das zweite Wochenende in Folge in der lindgrünen Hölle verbringen - nicht bei meiner Mutter, sondern im eigenen Haus, ihrem ehemaligen Zuhause, denn sie wohnt ja inzwischen im Pflegeheim. 

Open-Air-Konzert in der lindgrünen Hölle. Man könnte meinen, Corona wäre vorbei (keine Handvoll Menschen trug noch Maske).

Wir hatten einen sehr schönen Sommerabend, waren mit der Sandkastenfreundin und ihrem Mann essen, und danach waren die Sandkastenfreundin und ich im Konzert. Sie hofft, dass sich unsere Männer zukünftig öfter treffen, kennen sie sich doch ohnehin schon länger, also bevor sie unsere Ehemänner wurden, über ein gemeinsames Hobby, aber die beiden Herren sind Eigenbrötler und lieber für sich. Trotzdem ist es schön, sich jetzt spontan treffen zu können - wir wohnen fünf Rad- oder Autominuten entfernt (oder, wenn der Gatte gut zu Fuß ist, 20 Gehminuten). Wir Frauen haben beschlossen, öfter ins Veranstaltungszentrum zu gehen, und ich fand im neuen Programm auch gleich einiges, aber da ich nicht weiß, wann wir umziehen, warte ich noch ab, kaufe noch keine Karten.

Was ich im Moment sehr genieße, ist, dass alles fußläufig erreichbar ist. In 10 bis 15 Minuten bin ich in der Innenstadt mit Veranstaltungszentrum, das ein sehr gutes und abwechslungsreiches Programm hat, fast allen wichtigen Geschäften inkl. Wolle und Wein, Bücherhalle, Wochenmarkt, Restaurants und Cafés. Auch das Schwimmbad und ein Sportverein sind fußläufig in 10 Minuten erreichbar. Der Gatte erwägt schon, ein Auto abzuschaffen, was ohne Zweifel vernünftig wäre, aber ich hadere damit, weil mein eigenes Auto halt auch Freiheit bedeutet ... Und ich freue mich so über mein Auto, den ersten Neuwagen, den ich mir leisten konnte. Nun, wir werden sehen.

Auf dem Luftbett*, das wir für den Gatten kauften, schläft er so gut, dass er beschloss, wir behalten es als Gästebett. Ich bin gespannt, wie ich darauf schlafe, denn wir werden noch ein zweites kaufen, wenn das Schlafsofa, auf dem ich gerade nächtige, vom Entrümpler abgeholt wurde. Das geht später dann als Gästebett zu Schwiegermutter. 

Dieses Wochenende ist in der lindgrünen Hölle Stadtfest. Die Tradition will es, dass man zu diesem Anlass in den Ort zurückkehrt und sich mit den ehemaligen Klassenkameraden trifft. Ich habe in den letzten 38 Jahren darauf verzichtet, aber der Gatte freut sich darauf, genau wie auf das Schützenfest im kommenden Juni ... Ich vermute allerdings, nach einem kurzen Bummel reicht es auch ihm. Es ist immer noch ein merkwürdiges Gefühl, bald wieder in der Stadt zu leben, die ich aus guten Gründen verließ. Ohne den Gatten wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, würde mich nicht so wohl fühlen.

Hier gilt seit mittlerweile 130 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Es geht uns vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird. Er ist inzwischen schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Mütter und inzwischen Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona uns bislang verschonte. Wir sind natürlich geimpft, aber angesichts unserer Vorerkrankungen ist trotz Impfung eine Corona-Infektion wenig ratsam. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist sie aber unvermeidbar, und ich kann nur hoffen, dass es uns dann nicht zu hart trifft. 

Diese Woche war endlich mal wieder ruhiger - also, für unsere Verhältnisse. Nach dem schönen Sonnabend Abend traf ich mich Sonntag mit Mudderns. Sie war mal wieder schnell entschlossen, wollte erst nicht Eisessen gehen, dann wieder doch, dann wieder nicht ... Schlussendlich tranken wir Kaffee im Pflegeheim und setzten uns im Garten zusammen, um Schenkung, Vollmacht und Patientenverfügung zu besprechen. Das war für uns beide schwer, aber notwendig. Mudderns meinte, sie hätte sich schon viel früher zum Umzug entschließen sollen, und wir hätten auch schon früher eine Patientenverfügung machen sollen. Nach meinem Eindruck nach Sichten ihrer Unterlagen wäre allerspätestens nach ihrem Schlaganfall 2017 der Umzug ins Betreute Wohnen fällig gewesen, aber damals war sie dafür noch nicht bereit, als ich alles organisierte. 

Seit Sonntag äußert sie vehement den Wunsch, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Ich versuche, gelassen zu bleiben, und bestärke sie in dem, was sie im Heim gut findet. So nimmt sie neuerdings an der Sitzgymnastik teil. Sonnabend schenkte ihr zudem eine Mitbewohnerin Gladiolen als Dank für die Zeitungen, die sie von Mudderns bekommt - das ist mehr, als sie in den letzten Jahrenden von dem Nachbarn, dem sie ihre Zeitung gab, bekam. So sehr ich den Wunsch nach einer eigenen Wohnung verstehen kann, so sehr weiß ich auch, dass es Mudderns schnell wieder schlecht geht, wenn der strukturierte Tagesablauf fehlt. Sie wird die Wohnung nicht verlassen, tagelang im Bett liegen außer an den beiden Tagen, an denen ihre Gesellschafterin kommt, zu wenig und falsch essen ... Wir werden sehen. Da Mudderns Argumenten nicht zugänglich ist, kann ich den Dingen nur ihren Lauf lassen. Ich werde aber keinesfalls einen Vertrag für eine Seniorenwohnung unterschreiben usw. Wenn sie darauf beharrt, so selbstständig zu sein, dass sie alleine wohnen kann, kann sie das auch selbst machen. Aktuell bzw. schon seit dem Frühjahr, also lange, bevor sie ins Krankenhaus kam, erledige ich jeden Schriftwechsel für sie, weil sie das nicht mehr möchte, zu anstrengend findet. Dementsprechend unterschrieb ich den Mietvertrag für's Pflegeheim auch alleine.

Dienstag rief die Horror-Hormon-Tante an - vier Wochen früher als terminiert, und davon, dass sie mir einen Termin in der poshen Privatklinik machen wollte, wusste sie auch nichts mehr. Stattdessen sollte ich einen Termin in dem Krankenhaus machen, in dem ich vor zweieinhalb Jahren schon mal war. Und sie vermutet, dass ich Krebs habe. Ähm, hatten wir das nicht gerade letztes Jahr?! Jedenfalls habe ich jetzt einen Termin für einen ambulanten Eingriff. Ich denke nicht, dass das Ergebnis ein anderes sein wird als vor zweieinhalb Jahren (damals war der Erfolg gleich Null) oder dass die Ärzte dort mit etwas anderes sagen als fünf Gynäkologinnen. Es ist einfach zum Verzweifeln, dass es keine Alternative zur Horror-Hormon-Tante gibt. In der lindgrünen Hölle gibt es erst gar keine gynäkologischen Endokrinologen, und die Suchfunktion der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsens ist so desolat, dass ich auch im Umkreis keine angezeigt bekomme, jeden Ort einzeln abfragen müsste. Google verweist auf Hamburg, aber da habe ich bereits von allen Praxen Absagen bekommen. 

Für mich wäre es völlig in Ordnung, die Hormone, die ich seit zwei Jahren nehme, weiterhin zu nehmen, bis ich mit den Wechseljahren durch bin, aber die Horror-Hormon-Tante verweigert jegliche Aussage, ob das möglich ist. Es gibt von ihr auch weder Arztberichte, Laborwerte oder eine klare Diagnose. Gleichzeitig will sie von jedem Arztbesuch einen Bericht haben, verlangt vehement danach. Kein Wunder, dass meine anderen Ärzte, vor allem die Hausärztinnen, zunehmend ungehalten werden, nur habe ich leider schlichtweg keine Alternative zu dieser Grusel-Guste.  

Mittwoch machten wir unseren Betriebsausflug nach Lübeck. Leider kam nur die Hälfte des Teams mit. Es war ein sehr schöner Tag, aber sehr anstrengend für mich. Ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, zehn Stunden unter Menschen zu sein. Ich war heilfroh, dass ich am nächsten Tag frei hatte.

Auf dem Heimweg begegnete ich in der S-Bahn einer Hardcore-Maskenverweigerin. Hätte sie einfach nur maskenlos in ihrem Buch gelesen, wäre alles okay gewesen, aber die Dame griff jeden verbal lautstark an, der in ihrer Nähe Maske trug. Wie üblich bei der Leerdenker-Sekte, pochte sie auf Meinungsfreiheit und konnte nicht damit umgehen, dass andere eine andere Meinung haben. Davon ab, haben Fakten nichts mit Meinung zu tun, aber das ist für diese Seuchenvögel zu hoch. Es ist beeindruckend, wie diese Leute die Argumente ihrer Gurus auswendig gelernt haben und bei Gegenwind nur noch schreien können. Selbst denken? Fehlanzeige. Wie war das? Wer schreit, hat Unrecht.  

Donnerstag hatte ich frei. Der Gatte und ich machten uns seit langem mal wieder eine gemütliche Teestunde zu Hause. Der Tod der Queen, die Donnerstag starb, macht mich traurig. Sie war eine Konstante. Mit ihr geht eine Ära zu Ende, gehen Anstand, Haltung und Pflichtbewusstsein. Farewell, Ma'am!

Die Erhöhung der Leitzinsen hätten mich normalerweise kaum interessiert, aber angesichts des beantragten Baukredits ist das anders. Ich bin gespannt, wie hoch die Zinsen sein werden, wenn (hoffentlich bis spätestens Ende Oktober) Haus und Grundstück auf mich übertragen sind, der Kredit dann tatsächlich bewilligt wird. Und dann kommen noch 10% Inflation dazu - das geliehene Geld schrumpft zusehends. Plötzlich verschuldet zu ein, verspannt mich nachhaltig. Das kenne ich nicht. Aber wir haben keine Wahl, das alt-neue Haus muss saniert werden, und rein aus den Ersparnissen schaffen wir es nicht. 

Da ich Mittwoch aufgrund des Betriebsausflugs zwei Stunden im Zug saß, trug ich zum ersten Mal eine FFP3-Maske - Himmel, die Dinger sind ja wie Knebel! Die FFP2-Masken merke ich schon nicht mehr, aber hier strengte lange jeder Atemzug an. Für den Gatten sind die nichts, der hat bei FFP2-Masken schon Probleme.    

Schwiegermutter und Tante kamen wohlbehalten in Bad Füssing an und wellnessen jetzt zwei Wochen lang.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse. 

2 Kommentare:

  1. So ging es mir auch, als ich zum ersten Mal im Leben für selbstgemachte Schulden einstehen musste. Da hilft meiner Erfahrung nach, sich bewusst zu machen, dass diesen Schulden auf dem Bankkonto ja ein echter Wert entgegensteht, nämlich das Haus. Als ich gelernt habe, das Haus als Gegenwert zu den Schulden anzuerkennen, ging es mir besser. Das wünsche ich Ihnen auch.

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    1. Ja, der Gedanke hat etwas, und ich versuche, es auch so zu sehen. Danke!

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