Samstag, 27. Januar 2024

Samstagsplausch KW 04/24: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCII

Aktuell bin ich in einer Reha-Klinik mitten im schleswig-holsteinischen Nirgendwo, um, wie eine der netten Reinigungskräfte meinte, mich zu erholen. Sie war erstaunt, wie sauber und aufgeräumt mein Zimmer war, selbst, nachdem ich einige Male auf die tägliche Reinigung verzichtete. Dabei bin ich im Alltag weder sauber noch ordentlich, aber nach dem Chaos der letzten Jahre bin ich froh, wenn mal alles an seinem Platz ist, und den Reinigungskräften möchte ich es so einfach wie möglich machen. 

Sonnabend geriet ich mit einer der Physiotherapeutinnen aneinander, weil ich Maske trage. Sie wollte sich deswegen nicht mir mir in einem Raum aufhalten, weil ich ja Corona haben muss, wenn ich Maske trage. Ja, nee, is klaa. Ich denke hier selten an die Maske, versuche aber, sie immer dann zu tragen, wenn's eng wird. Außerdem habe ich meinen Luftfilter dabei. Besser is das, so, wie hier geröchelt, gehustet und geschnupft wird, sowohl unter Rehabilitanden als auch unter dem Personal. Es gibt auch Quarantänezimmer. Wie gut, dass Corona vorbei ist.

Sonnabend war ich waldbaden. Ich dachte, wir gehen ein paar Schritte in den Wald, der die Klinik umgibt, und umarmen einen Baum, aber es war wesentlich komplexer. Wir waren zwei Stunden unterwegs - ein Teil der Gruppe auch länger, meditierten, erfuhren viel über den Wald (ich kenne jetzt einen Zunderpilz nicht nur aus der Literatur), warfen symbolisch seelischen Ballast ab, sahen ein Elfenauge - kurz: Es war eine Mischung aus Botanik und Esoterik.

Sonntag hatte ich Glück und bekam einen Platz in der Bogensportgruppe - für alle Aktivitäten, die nicht im persönlichen Therapieplan stehen, muss man sich in Listen eintragen, und die sind schnell voll. Vor 25 Jahren baute ich mir die Replik eines mittelalterlichen Langbogens, aber es klappte nicht, damit auch das Schießen zu lernen. In der alt-neuen Heimat gibt es zwei Bogensportvereine, und ich hoffe, ich kann dort auch Unterricht nehmen. Meinen Langbogen werde ich auch dort nicht schießen können, aber vielleicht kann ich eine gebrauchte Ausrüstung kaufen. Durch die Bogensportgruppe lernte ich eine nette Mit-Patientin kennen - ich sprang ihr zur Seite, als ein "Selbstdenker" sie als Linke anging, weil ihr Besuch ein "FCK AFD"-Shirt trug - und stehe nun auf ihrer Liste für die Bogensportgruppe, muss mich nicht mehr selbst um meinen Platz kümmern, solange sie hier Patientin ist. 

Sonntag war ich auch schwimmen. Allerdings ist das kleine Becken so voll, dass es eher Wassertreten ist ... Als ich mich zum Schwimmen umzog, merkte ich, dass ich zum Wechseln nur einen halben Tankini mitnahm und den Badeanzug für die Aquafitness vergaß. Also nochmal Kladage bestellen ... Die zweite Schwimmzeit ist mittwochs abends, und da wird es ab viertel vor acht leer, konnte ich mich ausschwimmen. Alternativ zum Schwimmen könnte ich mittwochs ein Kuscheltier basteln, aber der Kurs dauert mindestens drei Stunden. So lange kann ich mich noch nicht konzentrieren. Er ist auch erst nach 22 Uhr zu Ende - da liege ich schon eine Stunde im Bett. Ich werde trotzdem mal vorbeischauen, denn einen Reha-Hasen würde ich schon gerne als Souvenir mitnehmen.

Hier gilt seit mittlerweile 202 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall. Er ist schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. Es geht uns dennoch  vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus, wenngleich die Erkrankungen und der Schlaganfall des Gatten zu Wesensveränderungen führten, die ein Zusammenleben manchmal sehr schwer machen. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Schwiegermutter und Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona bislang Gatten, Schwiegermutter und Tante verschonte und hoffe sehr, das bleibt so.  

Der Wald und die Bäume ...

Donnerstag war Tu BiSchwat, das Neujahr der Bäume. In Israel wurden Bäume gepflanzt im Andenken an die Ermordeten des Simchat-Tora-Massakers. "They tried to bury us, but they didn't know we were seeds." war einer der Slogans, der zu lesen war, ein Vers des griechischen Dichters Dinos Christianopoulos. Meine Gedanken sind weiterhin jeden Tag in der Herzensheimat, und Bring them home now gilt weiterhin, auch, wenn es gerade keine Hoffnung gibt, das weitere Geiseln freikommen könnten. 

Ich bin sehr froh, dass ich schon anderthalb Wochen in der Reha sein kann, denn das heißt, dass es dem Gatten einigermaßen gut geht (von der Vermissung mal abgesehen). Er schafft seinen Alltag alleine, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Er hat sogar wieder angefangen, für sich zu kochen! Lediglich freitags, wenn die Putzfrau kommt, wecke ich ihn, damit er nicht verschläft. Er denkt an seine Tabletten und war auch wieder bei der Ernährungsberatung, bekam einen neuen Spritzplan, um die nächtlichen Unterzuckerungen weiter zu minimieren. Dass sein neuer Hausarzt einige Medikamente absetzte, wirkte sich auch positiv aus. So scheint sich der Verdacht auf diabetische Gastroparese nicht zu bestätigen. 

Bei mir gleiten die Reha-Tage so dahin, sind meistens sehr voll mit Sport (Schwimmen, Nordic Walking, Ergometer, Krafttraining, Gymnastik, Wassergymnastik), Einzel- und Gruppentherapien, Ergotherapie, Entspannungsübungen, Ultraschall, Elektrotherapie ... Es gibt Momente, in denen bin ich schmerzfrei, und einmal schlief ich tatsächlich fünf Stunden am Stück. Ich genieße die Ruhe und dass ich nicht auf Abruf bin, den Panik-Modus verlassen kann, bin viel in meinem Zimmer, lese und stricke. Ich probiere gerade Bananensocken aus. Ich würde gerne mehr Krafttraining machen, aber die Geräte sind hier so komisch, dass ich mit ihnen nicht zurecht komme, trotz Einweisung. Ich mache seit 40 Jahren Krafttraining, aber diese Geräte überfordern mich total. Ich bin froh, wenn die wöchentliche Stunde vorbei ist. Wüsste ich nicht, dass es auch anders geht, wäre ich abgeschreckt, so, wie manche, die ärztlich empfohlen nach der Reha mit Krafttraining weitermachen sollen. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! In der Kombüse ist gerade Blog-Pause.

4 Kommentare:

  1. Ach ,das freut mich, dass sich deine Sorgen hinsichtlich deines Mannes nicht bewahrheitet haben, und drücke fest die Daumen, dass es dabei bleibt. Weiterhin eine schöne Reha, wünscht dir Silke

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  2. Auch von mir alles Gute, erholen Sie sich!

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