Dienstag, 7. April 2026

#WMDEDGT 04/26: Stille und Trauer

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Kurz nach Mitternacht ist die Nacht vorbei. Ich ging mal wieder zu spät ins Bett. Ich schlafe seit einiger Zeit nur durch, wenn ich vor 21 Uhr ins Bett gehe. Dann schlafe ich acht, neun Stunden. Da ich aufgrund meiner Depression maximal sechs Stunden schlafen darf, versuche ich immer wieder, später ins Bett zu gehen - und manchmal, so wie gestern, gehe ich auch später ins Bett, weil ich noch etwas vom Abend haben möchte. Aber dann schlafe ich halt nur maximal zwei Stunden am Stück ...

Gegen halb sieben gebe ich auf, stehe auf. Duschen, anziehen, anmalen, die Bialetti aufsetzen, ein paar Scheiben Knäckebrot samt Espresso-Milch frühstücken, dabei Radio hören und lesen*. Ich erschrecke, als ich sehe, dass mein Asthma-Inhalator fast leer ist - heißt, ich muss Dienstag nach der Arbeit gleich zum Arzt, da neues Quartal. Große Freude, als ich beim Herausnehmen der neue Tabletten-Wochenbox noch einen neuen Inhalator entdecke. Da ich nicht mehr in Hamburg wohne, bedeuten Arztbesuche Umwege, für die ich nach Feierabend zunehmend weniger Kraft habe. Ich bin froh, wenn ich einen Echtbüro-Arbeitstag halbwegs überstehe und nicht drei Stunden später als üblich zu Hause bin. 

Gegen neun Uhr arbeite ich meine Liste ab: Auf den Rüeblikuchen müssen noch Puderzucker und Marzipanmöhrchen, die Eierlikör-Muffins müssen in die Hasenförmchen, ich muss noch die Sterbeurkunde des Gatten suchen, die Schwiegermutter für ihr Familienbuch haben möchte ... Außerdem beschließe ich, dass ich für die heutige Autofahrt plüschige Unterstützung brauche: Der Großfuß-Hase muss mit!

Um zehn Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schwiegermutter, komme gut durch, finde überraschenderweise einen leeren Besucherparkplatz vor und habe noch eine gute Viertelstunde Zeit zum Lesen*.   

Schwiegermutter öffnet wieder mal nicht die Tür. Ich erinnere mich, wie wütend der Gatte darüber im letzten Jahr war. Er hatte ohnehin keine Lust auf den Osterbesuch bei seiner Mutter, konnte nicht so lange stehen, so dass ich ihn auf einen der Stühle, die zum Glück fast überall in den Fluren der Wohnanlage stehen, parkte, während ich Schwiegermutter überzeugte, die Tür zu öffnen. Auch heute reagiert sie nicht auf das Klingeln. Nächster Schritt: Anrufen. Einzige Reaktion: Der Fernseher wird lauter gestellt. Ich warte eine ruhige Stelle im Oster-Gottesdienst ab und hämmere kräftig gegen die Wohnungstür. Als ich schon überlege, zur Rezeption zu gehen und eine der Hausdamen zu bitten, mir aufzuschließen, reagiert Schwiegermutter endlich auf die zweite Hämmer-Attacke. Zum Glück sind die vier anderen Damen, die mit ihr auf der Etage wohnen, entweder aushäusig oder sehr harthörig, denn meine Aktion war alles andere als leise.

Eine dreiviertel Stunde gucken wir in ohrenbetäubender Lautstärke den Oster-Gottesdienst, dann erinnere ich Schwiegermutter daran, dass wir ins Foyer müssen, weil wir mit der Sandkastenfreundin des Gatten zum Essen verabredet sind. Die Freundin ist schon da. Allgemeine Wiedersehensfreude, wobei mir irgendwann auffällt, dass Schwiegermutter phasenweise nicht weiß, wer ihr da gegenüber sitzt, die Sandkastenfreundin nicht einordnen kann. 

Dank der Sandkastenfreundin wird der Nachmittag sehr angenehm. Wir verabreden stillschweigend, gemeinsam zu gehen. Dass wir noch über eine Stunde auf dem Parkplatz zusammenstehen und reden, muss Schwiegermutter ja nicht wissen. Es ist sehr wohltuend, wie mir der Rücken gestärkt wird für den Umgang mit Schwiegermutter. Die Sandkastenfreundin erzählt, dass sie phasenweise Albträume hatte, weil Schwiegermutter sie als Jugendliche so unter Druck setzte, den Gatten zu heiraten. Sie wusste sehr früh, dass sie das nicht wollte (und der Gatte wollte auch nicht), aber die Wünsche anderer interessierten Schwiegermutter noch nie. Sie versuchte noch während unserer Ehe, den Gatten und mich auseinanderzubringen, lud die Sandkastenfreundin immer wieder ein, versuchte, uns gegeneinander auszuspielen. 

Jedenfalls verstehe ich mich mit der Sandkastenfreundin gut, tat ich von Anfang an, weswegen es mir merkwürdig vorkam, dass der Gatte keinen Kontakt mehr zu ihr haben wollte, genau so wie zu seinen anderen Freunden. Je länger wir zusammen waren, um so weniger pflegte er seine Freundschaften, obwohl ich ihn immer wieder dazu ermunterte, an Geburtstage erinnerte usw.. "Du warst ihm genug", meint die Sandkastenfreundin dazu. Vielleicht war es das, und vielleicht ist das die schönste Liebeserklärung, die der Gatte mir machen konnte, zumal er mich nicht einschränkte, mich bei allem unterstützte. 

Die Rückfahrt verläuft genauso schnell und reibungslos wie die Hinfahrt. Auf dem Weg von der Garage nach Hause zieht der Großfuß-Hase irritierte Blicke Erwachsener auf sich. 

Umziehen, abschminken, mit einem Becher Tee und einem Stück Rüeblikuchen in den Sessel fallen und die Füße hochlegen. Lesen*, bis es Zeit ist, die Schwiegermutter anzurufen. Bevor wir uns vorhin verabschiedeten, erinnerte ich sie noch daran, dass sie mit Tante klären muss, was sie in vier Wochen über ihren Geburtstag macht. Ich will unter allen Umständen die kräftezehrenden Diskussionen verhindern, wenn ich mich weigere, mit Schwiegermutter zwei Wochen nach Travemünde zu fahren. Sie ist ja überzeugt, dass wir zusammen urlauben, wo wir doch jetzt beide verwitwet sind.  

Nach mehreren Versuchen geht Schwiegermutter tatsächlich ans Telefon und hat die erlösende Nachricht: Sie fährt im Mai über ihren und Tantes Geburtstag nach Bayern! Das ist großartig, denn so bin ich aus dem Schneider! Ich bringe ihr gleich bei, dass ich in Wien sein werde, wenn sie zurückkommt, so dass wir uns frühestens im Juni sehen. Dass ich meinen Geburtstag nicht mit ihr verbringen werde, bringe ich ihr dann Anfang Juni bei.

Ich lese in einem Artikel zu Siri Hustvedts* Buch über den Tod ihres Mannes Paul Auster, dass das erste Trauerjahr das härteste ist. Ich überlege, ob ich mir "Ghost Stories*" kaufe, aber ich denke, ich habe noch nicht die Kraft, es zu lesen. Jetzt über die Oster-Tage schlägt die Trauer mit voller Wucht zu, bin ich in Tränen aufgelöst. Ich habe es gerade mal geschafft, die Zeit mit Schwiegermutter ohne Weinen zu überstehen bzw. die Tränen nur dann zuzulassen, wenn ich einen kurzen Moment unbeobachtet war. Ich habe auch keine Kraft, zum Grab zu gehen, obwohl ich es doch so gerne bepflanzen möchte.

Zum Abendessen gibt's ein Butterbrot, danach gucke ich wie üblich den Tatort, habe aber keine Kraft zum Stricken. Ich vergaß, das Licht in Treppenhaus und Flur auszumachen. Die Bewegungsmelder spielen wie üblich verrückt, das Licht geht an und aus - so, als ginge der Gatte wir früher durch's Haus. Vor dem Einschlafen noch etwas lesen*. Die Hoffnung auf eine bessere Nacht wird vergeblich sein.

Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. April 2020 beschäftigten uns die unterschiedlichen Corona-Regeln, eröffneten wir die Balkon-Saison. Am 5. April 2021 war der Gatte schon krank und versuchte, wieder gesund zu werden. Am 5. April 2022 bastelte ich eine Osterkarte. Am 5. April 2023 war ich von der Gesamtsituation erschöpft, hofften wir auf einen Umzug spätestens im Herbst. Am 5. April 2024 waren wir endlich, endlich umgezogen. Am 5. April 2025 war der Gatte im Krankenhaus, hatte gerade die dritte OP überstanden. Wir wussten noch nicht, dass noch fünf weitere folgen sollten. Mir machte die Stille im gattenlosen Haus zu schaffen. Sechs Monate später sollte das Haus durch den Tod des Gatten für immer still werden. / *Affiliate links

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Kommentare von Corona-Leugner, Quer- und anderen Nicht-Denkern, Wahnwichteln, Das-ist-doch-nur-ne-Grippe-Schwurblern, Wir-haben-genug-freie-Intensivbetten-Rufern und ähnlichen Düffeldaffeln werden gelöscht.