Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!
Heute ist Dienstag, eigentlich ein Echtbüro-Tag. Als der Wecker um sechs Uhr klingelt, wache ich auf nassen Kissen auf. Anscheinend habe ich in der Nacht viel geweint - Trauerbewältigung im Schlaf, sozusagen. Ich bin völlig zerschlagen und beschließe nach längerem Überlegen, das Angebot meiner Chefin anzunehmen, mich jederzeit abzumelden, wenn's einfach nicht geht. Heute geht's einfach nicht. Heute ginge noch nicht mal Heimbüro. Das wäre meine Wahl gewesen, wenn irgendetwas brennen würde, ich erreichbar sein müsste.
Ich schaffe es, einigermaßen wach zu bleiben, bis mein Rechner hochfuhr und die Mail ans Büro geschrieben ist, bevor ich wieder ins Bett falle und komatös noch etwas schlafe.
Irgendwann schaffe ich es, aufzustehen, Kaffee zu kochen und zu frühstücken. Dafür muss ich nur die Brotdose* aus dem Kühlschrank holen, die ich am Vortag für's Büro fertig machte. Gleiches gilt später für's Mittagessen: Im Kühlschrank wartet ein Lunch-Pot* mit Hafermilch-Milchreis und Erdbeeren.
Den größten Teil des Tages verbringe ich eingekuschelt im Relax-Sessel des Gatten, lese* und gucke fernsehen. Der Relax-Sessel ist beheizt. Die Wärme tut gut, denn seit der Beendigung der Hormonersatztherapie weiß ich vor Schmerzen nicht mehr wohin. Die Wärme hilft etwas. Zum Stricken habe ich schon lange keine Kraft mehr. Ich denke zu oft an die Zeit vor einem Jahr, als wir Schwiegermutters 90. Geburtstag an der Ostsee feierten, eine Reise mit einem fürchterlichen Streit, den Schwiegermutter vom Zaun brach. Die Vorwürfe, die sie ihrem Sohn machte, waren einfach unglaublich (und absolut ungerechtfertigt). Ich habe den Gatten noch nie so verletzt und wütend gesehen! Es sollte der letzte Geburtstag sein, den Schwiegermutter mit ihrem Sohn feiern konnte.
Ich gucke kurz in die Büro-Signal-Gruppe und lese, "meine" Website wäre down. Bevor ich meine Kollegin kontaktieren kann, meldet sie sich selbst in der Gruppe und schreibt, die Website wäre wieder online. Ich freue mich, dass es ohne mich läuft.
Irgendwann schaffe ich es zumindest, mich soweit aufzuraffen, an den Schreibtisch zu gehen. Ich schaffe es, bei der DRV nach dem Bearbeitungsstand meines Antrags auf Witwenrente zu fragen, den ich vor erst 25 Wochen stellte. Der Antrag ist noch immer nicht final entschieden. Ich wünschte, ich könnte den Antrag einfach ignorieren, aber ebenso wie bei den beiden Lebensversicherungen des Gatten muss ich das alles einmal zum Abschluss bringen, umso mehr, weil es bei der Witwenrente auch darum geht, wie viel Geld ich zukünftig jeden Monat zur Verfügung habe. Ohne Rücklagen wird es schwierig, sofern ich mir nicht abgewöhne, zu essen oder zu trinken (von Luxus wie neuer Kleidung, Hobbies oder Urlaub reden wir gar nicht erst). Natürlich kann ich den Luxus der Lifestyle-Teilzeit aufgeben, aber das möchte ich erst, wenn sicher ist, dass ich es muss. Ich bin faul, ich weiß.
Ich bekomme endlich den PMDD-Beitrag für April fertiggestellt. Ich schaffe es, die Spülmaschine auszuräumen, und da ausnahmsweise mal kaum Geschirr auf den nächsten Spülgang wartet, starte ich ein Reinigungsprogramm. Ich denke sogar daran, das in den Kalender einzutragen, damit ich mich nächsten Monat nicht wieder frage, wann die Spülmaschine zuletzt gereinigt wurde.
Zum Abendessen wärme ich Kichererbsen-Kabanossi-Eintopf auf. Ich denke daran, die Lasagne aus dem Tiefkühler nehmen. Sie wird es morgen und Freitag geben. Natürlich muss ich daran denken, wie ich sie Mitte Oktober zubereitete, als letztes Abendessen, das der Gatte in seinem Leben essen sollte. Er schaffte nur ein paar Bissen, konnte nicht mehr richtig schlucken, aber etwas Vanille-Eis mit Amarenasauce konnte er danach noch essen.
Ich gehe früh ins Bett in der Hoffnung, am kommenden Tag fitter zu sein, und lese* noch etwas länger.
Der Blick zurück in die ersten sechs Corona-Jahre: Am 5. Mai 2020 war der Gatte noch gesund und in Kurzarbeit, während ich durch die Spontan-Digitalisierung meines Mammutprojekts jede Menge Überstunden ansammelte. Am 5. Mai 2021 war der Gatte schon über ein halbes Jahr krank, stand der zweite Krankenhausaufenthalt unmittelbar bevor. Am 5. Mai 2022 konnte ich den Gatten aus dem Krankenhaus abholen, wo er nach einem Sturz im Urlaub zur Beobachtung war. Am 5. Mai 2023 schrieb ich Trauerbriefe. Ich ahne noch nicht, dass ich das anderthalb Jahre später wieder machen muss. Am 5. Mai 2024 sind wir mit der Küchenplanung beschäftigt. Am 5. Mai 2025 machen wir zum letzten Mal alle vier gemeinsam Urlaub. Wir ahnen nicht, dass der Gatte und ich kein halbes Jahr mehr zusammen sein dürfen.
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