Samstag, 15. Dezember 2018

#12von12 im Dezember 2018

... und schwupps ist das Jahr vorbei: Heute gibt's für dieses Jahr zum letzten Mal 12 Impressionen, die dankenswerterweise Caro sammelt.

#1: Wazifubo. Aufgrund von Überfüllung wurde das Wartezimmer kurzerhand ins Einkaufszentrum verlagert.
Mein Tag beginnt beim Arzt im Einkaufszentrum, in dem ich bis vor einem Jahr arbeitete. Das Wartezimmer ist übervoll, so dass ich noch ein Stündchen ins Einkaufszentrum geschickt werde.

#2: Einkaufszentrums-Bling-Bling und ein Blick hoch ins ehemalige Büro.
Die Läden sind noch zu, und eigentlich soll ich auch frühstücken, aber ich ahne das Ergebnis der anstehenden Untersuchung. Mir ist schlecht, ich mag nicht frühstücken. Nach der Untersuchung und Erhalt zweier OP-Termine muss ich erst mal an die frische Luft.

#3: Ein tolles Projekt, das sich nach zwei Mädchen, die zu den Kindern vom Bullenhuser Damm gehören, benennt.
#4: Innehalten.
#5: Den ausgelesenen Krimi* freilassen.
Im Büro will mich gleich die Schrei-Kollegin einfangen - wir haben eigentlich erst in anderthalb Stunden einen Termin. Ich atme tief durch und koche mir erst mal einen Kaffee, bevor ich zu ihr gehe.

#6: Entspannung.
#7: Mal wieder Kartonagen entsorgen.
Nach der Arbeit fahre ich mit der U-Bahn zurück ins Einkaufszentrum, wo mein Auto steht - das zu nehmen, ging heute Morgen schneller.

#8: Ab in die U-Bahn.
Bei der Rolltreppe muss ich immer schmunzeln: Als ich mein Geld noch auf der Straße verdiente, wollte ich mit einer Segeberger Berufsschulklasse mit der U-Bahn vom Gänsemarkt zu den Messehallen fahren. Während ich schon unten am Bahnsteig war, stand die Klasse noch oben - ratlos und ein bisschen panisch: Sie hatten Angst vor der Rolltreppe! Ich dachte erst, die wollten mich uzen, aber die Jugendlichen kannten überwiegend wirklich keine Rolltreppen. Ich lernte: In Bad Segeberg gibt es keine Rolltreppen (übrigens bis heute nicht).

#9: Vorbereitungen für's Abendessen.
Im Einkaufszentrum schaue ich noch beim Schlachter vorbei. Für's Abendessen brauche ich Hack, und wo ich schon mal da bin, kann ich Aufschnitt mitnehmen. Leider ist das leckere Rindermett gerade aus, aber es gibt viele Alternativen.

#10: Das Abendessen. Zumindest ein Teil davon.
Nach dem Abendessen stricke ich weiter an einem Weihnachtsgeschenk für den Gatten: Socken mit Hasenmuster. Die Wolle ist ein Traum. Ich freue mich, dass noch ein Knäuel für Stulpen für mich übrig bleiben wird.

Übrigens: Vor einem Monat hatte ich erst ein von fünf Strick-Geschenken fertig. Inzwischen sind es fünf von fünf, reicht die Zeit noch für drei weitere, sofern ich die Abende bis zur Bescherung strickend auf dem Sofa verbringe.

#11: Stricken.
Ich gehe zurzeit recht früh schlafen. Vor dem Einschlafen fange ich noch einen neuen Krimi* an.

#12: Lesen*.
Das war's vom 12. Dezember. Die Rezepte zum Tag gibt's wie üblich in der Kombüse. Morgen gibt's einen weiteren Einblick in meinen Alltag, denn der 13. Dezember 2018 ist Picture-My-Day-Day, kurz: #pmdd29.

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Dienstag, 11. Dezember 2018

Handschuhe für den Gatten aus Schachenmayr Regia jeans meliert

Als ich dem Gatten diese Handschuhe strickte, wollte er noch keinen Umschlag, der die Finger warm hält, haben, aber nach einem Winter fragte er, ob ich ihm nicht doch welche mit Kappe stricken könne.

Handschuhe mit Kappe für ganz warme Finger.
Klar.

Sind diese Knöpfe nicht entzückend? Leider sind sie zurzeit nicht erhältlich, aber ich habe zum Glück einen großen Vorrat.
Ich verstrickte jeansfarbene Sockenwolle*, doppelt genommen.

Handschuhe.
An die Kappen häkelte ich eine kleine Schlaufe, damit die Kappen an den Knöpfen halten. Mal schauen, ob die Hasenknöpfe alltagstauglich sind - ich fürchte, nicht, und vermute, ich werde sie bald durch Magnetknöpfe ersetzen.

Detail der Handschuhe.
Der Beitrag geht rüber zu den Linkparties Creadienstag, Dings vom Dienstag und Handmade on Tuesday.

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Montag, 10. Dezember 2018

Stolperstein für Leopold Simonsohn in der Ebertallee 201

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Aktuell pausiert das blau-braune Pack.

Der Stolperstein für Leopold Simonsohn in der Ebertallee 201.
Meine Buslinie fährt zurzeit Slalom um die Bahrenfelder Trabrennbahn, und so fand ich beim Umsteigen diesen Stolperstein für Leopold Simonsohn. Er starb heute vor 79 Jahren an den Folgen der KZ-Haft.

Der 1883 geborene Simonsohn stammt aus einer jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie, ist aber christlich getauft. Mit 15 Jahren bricht Simonsohn aus der Familie aus, um zur See zu fahren. Er arbeitet sich hoch zum Nautiker und Dritten Offizier.

1911 heiratet Simonsohn die nichtjüdische Altonaerin Bertha Brammann. Das Paar bleibt kinderlos und adoptiert 1922 den nichtjüdischen dreijährigen Wilhelm. Die Familie lebt erst in Groß Flottbek, um dann in einen Neubau in der Steenkampsiedlung umzuziehen, eine Gartenstadt, die für Kriegsheimkehrer und Familie mit geringem Einkommen erbaut wurde.

Simonsohn kämpft in verschiedenen Kriegen auf vielen Erdteilen und erhält noch 1935 das "Frontkämpferkreuz" für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg. Seine politische Einstellung ist deutschnational und konservativ, im Gegensatz zur roten Gesinnung der meisten Steenkamper. Dafür kassierte Sohn Wilhelm Prügel, hängt doch aus er Dachluke  des Hauses schon mal die Reichskriegsflagge.

Die Häuserzeile, in der einst Familie Simonsohn lebte.
Nach dem Ersten Weltkrieg gründet Simonsohn an der Ecke Notkestraße (früher Möllner Straße) und Luruper Chaussee eine Kohlenhandlung, die nicht nur die Bewohner der Steenkampsiedlung, die sogenannten Steenkamper, beliefert, sondern auch die Firmen in der Nachbarschaft wie die Zigarettenhersteller Reemtsma. Die Familie bringt es zu bescheidenem Wohlstand mit Dienstmädchen und Nähfrau. Sohn Wilhelm besucht das Realgymnasium in der Altonaer Königstraße und lernt in der Yachtschule Blankenese Segeln.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert sich das Leben der Simonsohns. Der Boykott von Geschäften mit jüdischen Inhabern trifft auch die Kohlenhandlung. Selbst die Bahrenfelder Kirchengemeinde, bislang Stammkunde, nimmt an dem Boykott teil und lässt sich nicht mehr von ihrem Mitglied beliefern. Kurze Zeit später werden alle Christen mit jüdischen Wurzeln aus der Kirche ausgeschlossen.

Die wirtschaftliche Situation der Familie verschlechtert sich zusehends. Die Familie muss in eine kleine Zweizimmerwohnung umziehen, die Kohlehandlung wird geschlossen, das Schulgeld für den Sohn kann nicht mehr aufgebracht werden. Als 15jähriger wird Sohn Wilhelm als "Judenlümmel" beschimpft und erfährt in der Folge von seinen Eltern, dass er adoptiert ist. Es gelingt dem Vater, ihn nach der Mittleren Reife bei einem ehemaligen Kunden als Lehrling unterzubringen. Der inzwischen 17jährige übernimmt im Ausbildungsbetrieb Nachtschichten, um die Familie ernähren zu können.

Leopold Simonsohn gelingt es, als einfacher Matrose bei der Fairplay-Reederei anzuheuern, deren Inhaberin Lucy Borchardt Jüdin ist. Aber 1938 ist auch dort kein Arbeiten mehr für ihn möglich. Gelegentlich kann der 55jährige als Nachtwächter auf Baustellen arbeiten. Die Familie leidet Hunger. Eine Emigration kommt für Simonsohn nicht in Frage, er fühlt sich durch seine nationalkonservative Einstellung geschützt, selbst dann noch, als er im Novemberpogrom 1938 verhaftet wird.

Nach viereinhalb Wochen Haft im KZ Sachsenhausen kommt Leopold Simonsohn als an Leib und Seele gebrochener Mann nach Hause. Ein Jahr später verstirbt der 56jährige in der Nacht zum 10. November an den Folgen der Haft.

Affiliate link zur sehr lesenswerten Biographie des Sohnes Wilhelm Simonsohn:

Mittwoch, 5. Dezember 2018

#WMDEDGT 12/18: Es gibt keinen Plan B

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Eigentlich wollte ich heute Vormittag für eine Woche nach Rom fliegen, um eine virtuelle Freundin aus der Blogosphäre mal real zu treffen, aber durch den anstehenden Aufgabenwechsel im Job habe ich die Reise abgesagt. Chef und die Kollegin, deren Aufgaben ich übernehme, meinten zwar, ich könne trotzdem verreisen, aber mein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Mein Bauchgefühl hatte recht.

Zurzeit überhöre ich gerne drei Wecker, auch heute. Zum Glück hört der Gatte seine Wecker. Ich trinke mit ihm Kaffee, wir tauschen kurz aus, wer heute was wann wo erledigen muss, dann macht er sich auf den Weg, ungewiss, wie er abends nach Hause kommt.

Bei uns sind seit Oktober Straßenbauarbeiten, was dazu führt, dass er jeden Tag einen Umweg von fünf Kilometern fahren muss. Ab heute Abend soll die Straße dann für drei Tage komplett gesperrt werden, und niemand hat daran gedacht, welche Konsequenzen das für die Anwohner hat: Drei Straßen sind nämlich ausschließlich von dieser Durchgangsstraße aus erreichbar. Das heißt, drei Tage keine Müllabfuhr, keine Post oder Pakete, kein ÖPNV, kein Pflegedienst, kein Behinderten-Fahrdienst, keine Schulbusse, kein Essen auf Rädern, keine Polizei, keine Feuerwehr, keine Krankenwagen, keine Autofahrten ...

Ziemlich viele Nachbarn sind sehr verärgert, aber das interessiert die verantwortlichen Planer am Grünen Tisch nicht. Aber: Hendrik Sternberg, ein SPD-Abgeordneter, kümmert sich, informiert, organisiert einen Shuttle zur nächsten Bushaltestelle außerhalb der Sperrzone, nur mehr kann er jetzt auch nicht mehr ändern.

Der Gatte ist beruflich auf das Auto angewiesen. Mal eben für drei Tage das Auto woanders abstellen und zu Fuß nach Hause laufen, geht nicht, da es keine öffentlichen Parkplätze gibt, und in die Tiefgarage kann der Gatte nicht wegen der Straßensperrung. Ich dachte, es wäre für ihn am Entspanntesten, er zieht einfach drei Tage zu seiner Mutter, aber das will er nicht.

Angeblich soll die Straßensperrung aufgrund der winterlichen Witterung auf nächste Woche verschoben worden sein, aber davon weiß vor Ort niemand etwas. Es bleibt also spannend. Nächste Woche soll es übrigens schneien. Wir vermuten, Umleitung und Bauarbeiten bleiben uns die nächsten Monate erhalten. Wenn im nächsten Jahr die Straße für die Busbeschleunigung verbreitert wird, geht das Spiel ohnehin von vorne los. Vielleicht sollten wir uns ein Flugtaxi zulegen.

Frühstücken, dabei eMails sichten, durch's Netz lesen, eine verbaselte Rechnung suchen, finden und bezahlen, dann die Küche aufräumen, die Spülmaschine anwerfen, Lächeln ins Gesicht malen, nicht ganz so leger anziehen, da dienstliche Abendtermine anstehen, Tasche packen, und schon stehe ich an der provisorischen Bushaltestelle und bin gespannt, ob ein Bus kommt oder ob ich zehn Minuten bis zur nächsten Haltestelle laufe. Der Bus kommt. Hinter mir unterhalten sich zwei Frauen über sozialschmarotzende Asylanten, die angeschoben gehören, und Wölfe, die Menschen anfallen. Oder war's umgekehrt? Mit der Kombi Bus-Bus-Bahn-Bus bin ich in kaum einer Stunde und einigermaßen entspannt im Büro.

Heute ist der erste Mittwoch im Monat, also ist Teamsitzung. Der neue Chef will eine strukturierte Kommunikationskultur etablieren, wogegen sich das Team noch sträubt. Bislang sahen Besprechungen hier so aus: Person 1 hat eine Idee und geht damit zu Person 2. Man bespricht sich und geht zu Person 3, bespricht sich und geht samt Person 2 und 3 weiter zu Person 4 - bis man alle Kollegen durch hat. Ich nenne es die Lindwurm-Kommunikation, finde es sehr anstrengend und bin froh über einen neuen Kommunikationsstil.

Vor der Teamsitzung hält mich ein Kollege auf: Die bestellten Handtücher sind endlich da - tschakka! Ich ziehe ja zurzeit vieles systematisch glatt, und dazu gehört neben Altpapierentsorgungsmanagement und Entrümpelung auch die Versorgung mit frischen Handtüchern. Die werden seit Jahren von einer Kollegin privat gewaschen, wozu sie aber eigentlich keine Lust hat, was aber nie ernst genommen wurde ... Nun gibt es einen Grund weniger zu jammern, aber ich ahne, es werden neue Gründe gefunden werden.

Anderthalb Stunden Teamsitzung, dann eMails lesen und schreiben, mit einer Kollegin den Sachstand zu einem Projekt abgleichen und ab in die Mittagspause, ein paar Besorgungen erledigen - Bank, Budni, neue Muskatmühle*. Anruf beim Gatten, dass ich alles bekam, er nach Feierabend nicht noch mal los muss, und Anruf bei Mudderns, ob alles okay ist. Ja, Gott sei Dank. Und ihr Nikolaus-Geschenk von mir kam auch schon an, sie freut sich sehr. Fein.

Dann bestelle ich endlich den großen Jahresplaner von Katz & Tinte für's Büro. Ich könnte zwar einen über unseren Bürobedarf bekommen, aber der ist nicht so schön bunt, und einen neuen Taschenkalender brauche ich eh. Eine Tasse und ein paar Postkarten wollen auch noch mit.

Absprache mit einer Kundin zwecks Übergabe von Unterlagen, Eintüten der Rückmeldung auf die Bestellung als Schöffin, ein bisschen am Konzept für's neue Projekt rumwerkeln, dann den Chef schnappen und unzählige Kisten vom Büro ins Lager schleppen, damit die Kollegin, die stets verneint, das nicht wieder alleine macht, weil sie nicht nach Hilfe fragt, weil: Wenn man Hilfe bekommt, kann man schlecht jammern. Doof, das. Allerdings: Sie ist nicht erfreut, das wir ihr das Schleppen abnahmen. Ich hätte mir denken können, dass das mit den Kisten falsch war, weil man jetzt nicht mehr jammern kann. Irgendwas ist ja immer.

Mit dem Chef austauschen über die aktuelle Auseinandersetzung über das ehemalige KZ Sasel (siehe hier), schnell einen Kaffee Botz trinken, damit ich den Abend überstehe, das Lächeln nachziehen und - vom Chef gestoppt werden, weil er kurz über ein Projekt zur Europa-Wahl reden will. Zum Glück baue ich immer Zeitpuffer ein. Ich verabschiede mich mit "Ich muss jetzt erst in die Oper, dann zum Antisemitismus", und der Chef ruft mir hinterher: "Na, hoffentlich gibt's dann in der Oper keinen Wagner!"

Ab in die Staatsoper, zum Adventskalender. Das Foyer ist schon voll, es empfiehlt sich, schon lange vor 17 Uhr da zu sein. Ich bekomme noch einen Hörplatz auf der Fensterbank, suche mir dann aber doch einen Stehplatz, als ich höre, das heute getanzt wird. Ballett ist so gar nicht meins, aber ich bewundere, wie Töne in Bewegung umgesetzt werden.

Das Foyer der Staatsoper ist wie üblich schon vor Beginn der Adventskalender-Aufführung gut gefüllt.
Während der Aufführung fällt mir ein, dass ich unsere Flyer, die ich für den kommenden Termin auslegen möchte, vergessen habe, also flitze ich noch mal über die Straße in den Laden und erschrecke die Kollegin, die eigentlich schon auf dem Heimweg sein sollte, aber noch bei der Abrechnung sitzt.

Eine halbe Stunde früher als notwendig bin ich bei der Türkischen Gemeinde, wo eine Diskussionsveranstaltung mit Juna Grossmann, die unter "Irgendwie jüdisch" bloggt und mit "Schonzeit vorbei*" ein Buch zum Thema vorlegte, und Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung zum Thema Antisemitismus stattfindet. Ich freue mich, Juna persönlich kennenlernen zu können. Nach der Veranstaltung laufen wir zusammen zum Bahnhof und trinken Tee, bis Junas Zug abfährt.

Dann warte ich auf meinen Bus nach Hause, versuche den Gatten zu erreichen, weil ich später komme, aber der geht nicht ans Telefon, was mich besorgt, und steige in den Bus ein. Im Bus unterhalten sich zwei Jungs hinter mir darüber, dass sie gerade zum ersten Mal realisierten, wie getroffen ein Mädchen über herablassende Bemerkungen über das Aussehen von Frauen war. "Alder, die war voll traurig. Die hat so voll traurig geguckt. Ich hätte nie gedacht, dass das ein Mädchen so verletzen kann. Das war voll krass!" Es gibt noch Hoffnung.


Als ich 45 Minuten später an der heimischen Haltestelle aussteige, klingelt mich der Gatte an und fragt seinerseits besorgt, wo ich bin, weil: "Du hast doch gesagt, du bis um halb zehn zu Hause, und jetzt ist es schon fast halb elf."

In meinem Kopf war die Chanukka-Adventskranz-Kombi eine gute Idee - bis ich merkte, dass ich für die Kerzengröße einen wagenradgroßen Kranz und einen neuen Couchtisch bräuchte ... Sonntag, am neunten Tag Chanukka, habe ich hoffentlich keinen veritablen Zimmerbrand.
Zu Hause den Gatten begrüßen, das Lächeln abschminken, die Chanukka-Kerzen entzünden, ein Stück Lasagne essen, mit dem Gatten über den Tag reden, etwas stricken und im Nachklang über die abendliche Veranstaltung darüber nachdenken, dass ich keinen Plan B habe, wenn das hier mit der Demokratie den Bach runter geht.

Zwar habe ich mir im April einen Reisepass geholt und zum ersten Mal in meinem Leben einen Neuwagen gekauft, um notfalls weg zu können, denn mehr als sonst gilt, dass sich ein Jude in Deutschland ein Auto kauft und kein Haus, aber ich bin inzwischen zu alt, um Mütter, Tante, Hunde im Stich zu lassen, den Gatten zu schnappen und irgendwo neu anzufangen. Ich wüsste auch gar nicht, wohin ich sollte.

Israel war für mich nie eine Alternative, mein Hebräisch ist ziemlich eingerostet. Dänemark wäre schon eher eine Alternative, aber die drehen gerade selbst durch. Über Großbritannien müssen wir gar nicht erst reden.

Dennoch: Ich bin dabei, zu entrümpeln, mich auf das Nötigste zu beschränken, damit im Zweifelsfall weniger Zeugs da ist, und es ist mir wieder wichtig zu wissen, wo meine Papiere sind, damit ich im Notfall nur schnell einen Ordner greifen und ins Auto springen kann.

Um Mitternachts geht's ins Bett. Vor dem Einschlafen lese ich noch etwas, aber mit Nessers Van-Veteren-Kosmos* werde ich nicht richtig warm.

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Montag, 3. Dezember 2018

Die Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall

Hamburger Bündnis
gegen Rechts
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Infos zu den Demonstrationen der demokratischen Mehrheit findest Du u.a. beim Hamburger Bündnis gegen RechtsAktuell ist die Nazi-Demo für Dezember abgesagt, wollen die Blau-Braunen bis Februar 2019 pausieren. Meinswegen könnte die Pause auch gerne länger dauern.


Detail der Weihnachtsbeleuchtung bei Tage.
Viele Hamburgerinnen und Hamburger erwarten jedes Jahr fast schon sehnsüchtig das Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall. Die charakteristischen, mit Tannengrün geschmückten Bögen mit dem Namenszug "Neuer Wall" sind ein beliebtes Foto-Motiv und sorgen dafür, dass viele Einkaufsbummler schon an der Stadthausbrücke aussteigen, um gen Jungfernstieg zu schlendern.


Neuer Wall, vom Jungfernstieg aus gesehen.
Die Weihnachtsbeleuchtung im Neuen Wall wird zum ersten Mal 1926 eingeschaltet. Es ist die erste in Hamburg. Vielleicht ist es sogar die erste in Deutschland. Die Ladeninhaber plagen damals ähnliche Sorgen wie die Ladeninhaber heute: In der dunklen Jahreszeit, wenn's womöglich auch noch regnet, stürmt oder schneit, kommen zu wenig Menschen in die Stadt, um einzukaufen.


Herzbögen und Diskokugeln prägen seit etwa zehn Jahren die Weihnachtsbeleuchtung am Neuen Wall
Die Inhaber zweier Modehäuser am Neuen Wall haben die rettende Idee: Eine einheitliche, festliche Beleuchtung der gesamten Straße und stimmungsvoll dekorierte Schaufenster sollen Kauflustige anlocken! Fast alle Ladeninhaber schließen sich der Idee an. Die Erfinder der Weihnachtsbeleuchtung sind die Brüder Benno und Isidor Hirschfeld sowie die Brüder Max und Leo Robinsohn.


Blick Richtung Jungfernstieg.
Das Modehaus der Hirschfelds gibt es seit 1893 am Neuen Wall, das der Robinsohns öffnete direkt gegenüber ein Jahr früher seine Türen. Beide Häuser haben deutschlandweit viele Filialen, einige hundert Mitarbeiter und einen ausgezeichneten Ruf.

Sowohl die Hirschfelds als auch die Robinsohns sind Juden. Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten unterliegen sie und ihre Familien den NS-Rassegesetzen. Während des Novemberpogroms 1938 werden die Geschäfte zerstört und geplündert, werden der 75jährige Max und der 70jährige Leo Robinsohn unter dem Vorwurf der sogenannten "Rassenschande" verhaftet. Beide werden nach einigen Monaten aus der Haft entlassen. Ein halbes Jahr später, am 30. März 1939, werden die Robinsohns enteignet, ihr Betrieb "arisiert", wie es im NS-Amtsdeutsch heißt.


Stolpersteine für Benno Hirschfeld und seinen Sohn Hans. 
Mit den Hirschfelds wird ähnlich verfahren: Auch ihre Geschäfte werden im Novemberpogrom zerstört und geplündert. Der 59jährige Benno Hirschfeld wird verhaftet, erleidet zwei Herzinfarkte, bevor es seinem Sohn Hans mit Hilfe von Anwälten gelingt, ihn freizubekommen. Der gesamte Besitz der Hirschfelds wird enteignet. Das Hamburger Modehaus übernimmt Franz Fahning, der es unter seinem Namen weiterführte und 1989 stolz 50jähriges Bestehen feiert. An die jüdischen Vorbesitzer soll nichts erinnern. 


Das Relief am ehemaligen Modehaus Hirschfeld erinnert noch an die Übernahme durch Franz Fahning im Jahre 1939.
Im Mai 1943 wird Benno Hirschfeld nach Auschwitz deportiert, von dort im Januar 1945 nach Buchenwald, wo sich seine Spur verliert. Er wird für tot erklärt, als Todesdatum gilt der 10. April 1945. Sein zweiter Sohn Kurt wird als 22jähriger im Oktober 1944 ins KZ Neuengamme deportiert, wo er am 22. Januar 1945 stirbt.


Die Initiatoren der Weihnachtsbeleuchtung sind ab 1933 nicht mehr erwünscht, werden verfolgt und ermordet. Die Weihnachtsbeleuchtung allerdings bleibt. Erst 1939, im Zweiten Weltkrieg, gehen die Lichter am Neuen Wall aus. Aber schon zehn Jahre später, im Advent 1949, gehen sie wieder an, probeweise. Ein Jahr später wird die Weihnachtsbeleuchtung auch wieder offiziell eingeschaltet, aufgrund der Kohleknappheit vorerst nur während der Geschäftszeiten.


Gedenktafel für die Gebrüder Hirschfeld und ihr Modehaus.
An die Hirschfelds und ihr Modehaus erinnern heute zwei Stolpersteine und eine Gedenktafel. Eine Gedenktafel für das Modehaus Robinsohn ist zurzeit aufgrund von Bauarbeiten entfernt. Ich hoffe, sie wird nach Abschluss wieder angebracht - man weiß ja nie.