Montag, 8. September 2025

#WMDEDGT 09/25: Krankenhaus IV

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Der Gatte ist seit neun Wochen im Krankenhaus. Eigentlich sollte er am Vortage entlassen werden, bekam aber wieder Fieber und Schüttelfrost, war sehr schwach und blieb widerwillig eine weitere Nacht. Ich schlief schon zu Hause, da heute einige Hilfsmittel geliefert werden sollen, die Putzfrau kommt und eine meiner Sandkastenfreundinnen mir mit den letzten Umzugskartons im Wohnzimmer helfen will. 

Der Wecker klingelt um sechs Uhr, aber ich komme nicht aus dem Quark, schaffe es erst kurz vor acht Uhr, mit allem so weit fertig zu sein, dass unsere Putzfrau loslegen kann. Sie bringt Blumen für den Gatten mit - wie lieb! Nescafé und trocken Toast zum Frühstück, außerdem ein Telefonat mit dem Gatten, der fieberfrei ist und optimistisch, heute entlassen zu werden. Zu meiner großen Erleichterung hat er die Nacht alleine ohne Zwischenfälle überstanden. Ich schlief ja drei Wochen bei ihm, weil er im Delir war, und die Nächte waren meistens ein Albtraum.

K. kommt super pünktlich, verschafft sich einen Überblick und legt sofort los. Ratzfatz sind die ersten Kartons geleert, die ersten Bücher in Regale verstaut - unsortiert. Hauptsache, die Kartons sind leer. 

Um zehn Uhr ruft der Gatte an: Er ist vom aktuell behandelnden Arzt mündlich entlassen und will nach Hause. Kurze Zeit später meldet sich das Krankenhaus: Ich solle bitte den Rollstuhl des Gatten abholen. Der Krankentransport sei für 15 Uhr geplant. Warum wird der Gatte nicht ins Rolli-Taxi gesetzt? Antwort des Krankenhauses: Der Gatte hätte noch immer Keime im Urin, das Rolli-Taxi könne nach Transport nicht entsprechend desinfiziert werden, deswegen braucht man einen Krankenwagen. Der kann allerdings den Rollstuhl nicht mitnehmen, weil der verkeimt ist. Ähm, ja, nee, is klaa. Wir brauchten das Rolli-Taxi, weil der Rollstuhl nicht ins Karlchen passt. 

K. meint, ich solle ins Krankenhaus fahren, sie würde die Stellung halten.

Im Krankenhaus angekommen, sind die Sachen des Gatten gepackt, aber er hängt noch an diversen Infusionen und ist total genervt, dass er noch nicht nach Hause darf, bis 15 Uhr warten soll. Ich erschrecke, denn der Gatte sieht alles andere als fit aus, hat leichten Schüttelfrost. Davon will er aber nichts hören. Er will nach Hause, sofort.

Da ohnehin noch eine Infusion läuft, fahre ich erstmal den Rollstuhl ohne Gatten zum Karlchen, um zu gucken, ob's irgendwie passt. Auf dem Weg merke ich, dass ich einfach keine Kraft mehr habe. Am Auto angekommen, verlässt mich meine Kraft total. Ich wirke so verzweifelt, dass mich ein Mann, der gerade neben mir einparkte, anspricht, ob ich Hilfe brauche. Ja, unbedingt, bitte. Er zeigt mir, wie ich den Rollstuhl ins Karlchen bekomme. Gut, das Karlchen ist dann voll, aber egal. Und: Der Rollstuhl ist schwer. 

Zurück beim Gatten lässt sich sich leugnen, dass sein Zustand sich verschlechterte. Er hat definitiv Schüttelfrost und inzwischen auch heftiges Fieber. Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Wir bekommen ihn mit Mühe zu zweit vom Hocker ins Bett. Zusammen mit dem Arzt beschließe ich, der Gatte wird eine weitere Nacht bleiben. Die Entlassungspapiere sind fertig und wenn der Gatte am kommenden Tag fieberfrei ist, kann er nach Hause. Der Gatte ist inzwischen zu schwach zum Protestieren, bekommt eine weitere Infusion, diesmal gegen das Fieber.

K. hält die ganze Zeit über zu Hause die Stellung und mich per WhatsApp auf dem Laufenden. Sie nimmt das Sauerstoffgerät entgegen und lässt sich die Bedienung erklären, die ihr allerdings aus Gründen ohnehin vertraut ist. Sie nimmt den Toilettenstuhl entgegen, baut die Aufstehhilfe für's Bett zusammen und ein, hüllt die Matratze in einen wasserfesten Bezug usw. usf. Gegen 16 Uhr schreibt sie, sie gehe jetzt nach Hause. Da bin ich auch gerade auf dem Weg, muss aber vorher noch Wassermelone für den Gatten besorgen. 

Als ich nach Hause komme, trifft mich der Schlag: K. hat fast alle Umzugskartons ausgeräumt, ins Gartenhäuschen gebracht, aufgeräumt, durchgewischt ... Ich bin sprachlos! Es ist erstaunlich, wie groß die Stube ist, wenn dort nicht 18 Umzugskartons im Weg stehen!

Ich bin nur kurz zu Hause, um Wassermelone für den Gatten zu portionieren, und fahre dann sofort wieder ins Krankenhaus. Der Gatte sitzt gerade vor seinem Abendbrot - am Tisch. Die Infusion half rasch gegen das Fieber, er kann schon wieder aufstehen, ist aber noch wackelig. Zähneknirschend erklärt er sich damit einverstanden, noch eine Nacht zur Beobachtung zu bleiben. Gegen 19 Uhr mache ich mich schweren Herzens alleine auf den Heimweg - es fällt mir sehr schwer, den Gatten zurückzulassen, denn er hat große Angst, im Krankenhaus zu sterben. 

Auf dem Heimweg fahre ich noch beim Pflegedienst vorbei, um die Verordnung für die Wundversorgung abzugeben, damit das nahtlos nach der Entlassung aus dem Krankenhaus weitergehen kann.

Endlich zu Hause! Ich rufe Schwiegermutter an, möchte sie über die aktuelle Situation informieren, aber sie erzählt mir erstmal in epischer Breite von ihrem Tag, verschwendet keinen Gedanken an ihren Sohn. Narzissmus ist fein. Als ich endlich zu Wort komme, ist sie betroffen wegen der aktuellen Entwicklung.

Ich bin zu erschöpft, um zu essen, überlege hin und her, ob ich etwas bei der Schiebetür bestelle, habe aber nicht genug Appetit für den Mindestbestellwert. Im Kühlschrank sind noch zwei vorgebackene Camemberts, die in die Pfanne wandern. 

Auf's Sofa fallen, essen, etwas stricken und fernsehen. Das Taschentelefon erinnert mich daran, dass das Simchat-Tora-Massaker 700 Tage her ist - und das seit unglaublichen 700 Tagen noch immer 48 Männer und Frauen Geiseln der Hamas sind. Die Hamas veröffentlicht heute ein Propaganda-Video, aufgenommen vermutlich am letzten Donnerstag, das mit Guy Gilboa-Dalal und Alon Ohel zwei der noch etwa 20 lebenden Geiseln zeigt. Die jungen Männer sind schwach und ausgemergelt. Bring them home now gilt mehr denn je.

Früh und erschöpft ins Bett und darauf hoffen, dass es eine ruhige Nacht wird, dass ich den Gatten am kommenden Tag endlich nach Hause holen kann.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 5. September 2020 urlaubten wir in Dänemark, waren auf der Suche nach Kreuzkümmel, war der Gatte noch gesund. Am 5. September 2021 waren der inzwischen kranke Gatte und ich zum ersten Mal seit seiner Erkrankung im Urlaub und ruhten uns am ersten Urlaubstag nach einer anstrengenden Anreise aus. Am 5. September 2022 bereiteten wir uns auf die juristische Übernahme des alt-neuen Hauses vor. Am 5. September 2023 waren wir noch immer nicht umgezogen, hatten mal wieder Probleme mit einem betrügerischen Handwerker und suchten einen Dachdecker. Den suchen wir immer noch, denn die Ausbesserungsarbeiten, die bei uns gemacht werden müssen, sind zu unattraktiv. Am 5. September 2024 war der Gatte noch fit genug, um selbst zu Fuß zum Arzt zu gehen. Heute ist er schon froh, wenn er ein paar Meter gehen kann, nutzt meistens den Rollstuhl.

Sonntag, 7. September 2025

Samstagsplausch KW 33/25 bis 36/25: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCLXXXIII bis CCLXXXVI

"Ich fasse es nicht, dass mein Körper jetzt von Pilzen aufgefressen wird!", sagte der Gatte, nachdem wir vorletzten Donnerstag entschieden, dass er das Krankenhaus verlässt und palliativ zu Hause weiterbehandelt wird. Nachdem er mit Beinvenentransplantation und Amputation zwei schwere Operationen überstand, wird ihm nun eine Candidose, eine Pilzinfektion, das Leben kosten (zusammen mit diversen anderen multiresistenten Keimen und Bakterien, die er sich im Krankenhaus zuzog). 

Die Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause fiel, weil es im Krankenhaus keine Perspektive gab, wie lange eine Behandlung dauern und ob sie Erfolg hat. "Wir müssen von Tag zu Tag abwarten", hieß es, nachdem die ursprünglichen zwei Wochen der Antimykotikum-Gabe ohne Erfolg vorbei waren. Bis dahin hieß es, in dem Zeitraum sei der Gatte garantiert pilzfrei. War er nicht. Jedes Organ ist von Pilzen, Bakterien oder Keimen befallen. Daraufhin entschied der Gatte, lieber zu Hause zu sterben als im Krankenhaus, denn seitens der Ärzte gab es keine Prognose, dass er die Candidose angesichts seiner Vorerkrankungen überstehen könnte, dass Bakterien oder Keime bekämpft werden könnten. Die einen sagen so, die anderen sagen so ... Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gatte Pilze, Bakterien und Keime wieder los wird, ist realistisch betrachtet verschwindend gering, wäre geradezu ein Wunder. Nicht, dass wir etwas gegen ein Wunder hätten ... 

In den nächsten Tagen kümmern wir uns um Testament und Grabstelle. Alles andere wie die Auflösung der Sammlungen des Gatten haben wir schon im Krankenhaus besprochen. Der Gatte hielt sein Versprechen, älter zu werden als sein Vater, wenngleich wir uns gewünscht hätten, dass es mehr als ein Jahr sein würde. Den Geburtstag feierten wir im Krankenhaus. Seitens des Krankenhauses gab's Glückwünsche und eine Überraschung. Schwiegermutter kam zu Besuch. Es war ein schöner Tag, gemessen an den Umständen.

In gewisser Weise hielt der Gatte auch sein Versprechen, mich nicht mit 60 Jahren zur Witwe zu machen, wie es Mudderns, Schwiegermutter und Tante geschah. Nach aktueller Prognose werde ich jünger sein. Bis es soweit ist, machen wir uns eine möglichst gute Zeit, werden wir versuchen, so viele Pläne wie möglich umzusetzen.

Nach der Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause dauerte es noch über eine Woche, bis der Gatte so weit stabilisiert war, dass ich ihn mit nach Hause nehmen konnte. Vor allem in den letzten zwei Tagen, als der Entlassungstermin feststand, bekam er immer wieder Fieber und Schüttelfrost, war zu schwach für eine Entlassung. Vorgestern war er schon entlassen, als er zusammenklappte und ich ihn wieder einweisen ließ. Seit gestern ist er endlich zu Hause.

Mit der Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause ging es dem Gatten psychisch schlagartig besser. Das Krankenhaus sorgte dafür, dass wir sofort mit der Palliativärztin sprechen konnten, und leitete alle weiteren Maßnahmen ein. So ist auch eine Therapiebegrenzung festgelegt, falls es dem Gatten nicht vergönnt sein sollte, friedlich zu Hause einzuschlafen, er im Krankenhaus intersivmedizinisch behandelt werden muss. Der Hausarzt des Gatten ist in einem Palliativnetzwerk, übernimmt die Betreuung. Zu dem Netzwerk gehört auch der bisherige Pflegedienst, so dass der Gatte von vertrauten Gesichtern umgeben ist. Rechtzeitig zur Entlassung wurden diverse Hilfsmittel geliefert. Auf ein Pflegebett möchte der Gatte solange wie möglich verzichten, aber eine meiner beiden Sandkastenfreundinnen befreite in einem Kraftakt die Stube von den letzten Umzugskartons, so dass dort ein Pflegebett stehen könnte. Vorerst wünscht sich der Gatte aber einen Relax-Sessel.

Als ich Mitte August zum Gatten ins Krankenhaus zog, sorgte ich erstmal für einen geregelten Tagesablauf, Körperpflege und Mobilisierung. Der Gatte, der aufstehen durfte, bekam nämlich keine Physiotherapie, lag nur im Bett, war inzwischen zu schwach, alleine aufzustehen, so sehr er es auch wollte und versuchte. Wir fragten mehrfach nach Physiotherapie, aber da kam erst jemand, als klar war, dass der Gatte palliativ ist. Dann gab's exakt eine Behandlung. Als erstes sorgte ich dafür, dass der Gatte sich anzog und wir am Tisch aßen. Ich wusste ja, dass er es kann und will, nur eben Hilfe braucht. Schon der Umstand, dass der Gatte am Tisch saß, sorgte bei Ärzten und Pflegekräften für Erstaunen. Als er letzte Woche dann am Rollator und später am Stock den Krankenhausflur entlang ging, selbstständig mit dem Rollstuhl unterwegs war, fielen die Kinnladen herunter. 

In der kommenden Woche werde ich mich um Krankengymnastik für den Gatten kümmern. Die müssen wir selbst zahlen, denn der Gatte ist ja jetzt palliativ, da lohnt sich das nicht mehr. Der Gatte hat aber einen starken Lebenswillen und will so lange wie möglich so viel Normalität wie möglich. Obwohl schnellstmöglich ein Treppenlift eingebaut wird, will der Gatten wieder Muskeln aufbauen, die es ihm ermöglichen, Treppen zu steigen. Er will sich außerhalb des Hauses auch ohne Rollstuhl bewegen, am liebsten auch ohne Rollator, denn die Beine funktionieren jetzt ja wieder. Deswegen verweigerte er auch die Aufstellung eines Pflegebettes im Esszimmer, wo er bis zum Einbau des Treppenliftes hätte schlafen sollen. Es zeigte sich gestern aber schnell, dass Treppen eine unwahrscheinliche Kraftanstrengung für ihn sind. 

Das Krankenhaus setzte dem Gatten unheimlich zu, nicht nur die lange Zeit, sondern auch die äußeren Umstände. Durch die häufigen Zimmer- und Stationswechsel wurde die Amputationswunde nicht mehr regelmäßig versorgt - der Gatte verschwand einfach vom Radar. Kein Wunder, dass sich von der Wunde ausgehen eine Candidose entwickelte. Wir mussten uns die regelmäßige Wundversorgung ertrotzen. Die Wundversorgung soll laut einem behandelndem Arzt täglich stattfinden, aber ein anderer entschied, alle zwei Tage oder bei Bedarf reiche. So ist denn jetzt auch die Verordnung für den Pflegedienst, obwohl im Entlassungsbrief eindeutig tägliche Wundversorgung steht. Ich hoffe, ich kann das morgen beim Gespräch mit dem Palliativarzt geradebiegen. Ich hoffe auch, dass er die vielen neuen Medikamente verordnet. Normalerweise besteht er darauf, dass das der jeweilige Facharzt macht, aber bis wir dort Termine bekommen, wird es dauern, und der Gatte braucht ja seine Medikamente.

Der Gatte wird nach der Entlassung auch nicht mehr durch die Wundambulanz des Krankenhauses versorgt - lohnt ja nicht mehr bei einem Palliativen. Ich hoffe, die Fußambulanz des Diabetologen kümmert sich darum, denn der Pflegedienst wechselt ja nur die Verbände, aber reinigt die Wunden beispielsweise nicht. Eigentlich müsste auch noch eine Hauttransplantation erfolgen, aber wie gesagt: Lohnt ja nicht mehr bei einem Palliativen.

Rund um die Uhr fuhrwerkte im Krankenhaus irgendjemand am Gatten herum, bekam er neue Infusionen oder Zugänge, wurde ihm Blut abgenommen, egal, ob er schlief oder nicht. Teilweise wurde noch nicht mal mit ihm gesprochen, wurde ihm nicht erklärt, was mit ihm gemacht wird, wurden die Verbände abgenommen und erst Stunden später erneuert. Solange lag der Gatte dann mit barfen Füßen da, schlurfte so auch schon mal auf die Toilette, wenn niemand auf sein Klingeln reagierte - wie gesagt, die Candidose kam nicht aus heiterem Himmel. Einige Ärzte sprachen auch nicht mehr mit dem Gatten, sondern nur noch mit mir, wogegen wir vergeblich protestierten. In den drei Wochen, die ich im Krankenhaus wohnte, gab's eine Ärztin, die sich weigerte, nachts einen neuen Zugang zu legen, und darauf bestand, dass der Gatte seine Nachtruhe hat. Ansonsten gab's auch schon mal mitten in der Nacht neue Zugänge (der Gatte hat schlechte Venen, weswegen er alle naslang neue Zugänge brauchte). Mit jeder Störung glitt der Gatte wieder ins Delir ab, wurde verwirrter, aggressiver, verzweifelter, wütender. Highlight war, dass man wollte, dass wir spätabends das Zimmer wechseln, obwohl der Gatte so fest schleif, dass ich ihn nicht wach bekam. Da eskalierte ich. Der Gatte hatte so oft den Eindruck, er sei woanders aufgewacht, als er einschlief, weil ihn die ständigen Zimmerwechsel überforderten, und dann das. Nach einigen Telefonaten stand fest: Wir durften am kommenden Morgen nach dem Frühstück wechseln. Für die letzten zweieinhalb Wochen hatten wir dann ein Dreibettzimmer nur für uns. Das Zimmer hatte sogar einen Balkon. Ich sorgte dafür, dass es so wohnlich wie möglich wurde.

Dass der Gatte kaum zur Ruhe kam, lag auch an dem Umstand, dass das Krankenhaus im laufenden Betrieb umgebaut wird. Das bedeutete bis zu zehn Stunden täglich an bis zu sechs Tagen Baulärm. So oft es ging, entflohen wir vor das Krankenhaus und saßen in der Sonne. Ich strickte, der Gatte rauchte seine Pfeife, wir redeten. Außerdem lernten wir unwahrscheinlich nette Menschen kennen, führten gute Gespräche. Das war eine sehr intensive Zeit.

Der Gatte stimmte nicht nur endlich einem Treppenlift zu (ich wollte den ja schon prophylaktisch einbauen, als wir das Haus renovierten), sondern auch einem Hausnotruf. Unser Pflegedienst bietet einen an, bei dem tatsächlich auch Hilfe kommt, selbst, wenn es "nur" ein Sturz ist. Beim bisherigen Anbieter, bei dem auch Mudderns war, musste immer erst ein Angehöriger kommen, um sich zu überzeugen, dass es tatsächlich ein medizinischer Notfall ist (dazu zählen keine Stürze), und selbst dann wurde kein RTW geschickt, wenn man nicht bereit war, die Kosten für den Einsatz zu übernehmen, sollte es doch kein medizinischer Notfall sein. Wenn es mit dem jetzigen Anbieter klappt, kann ich den Gatten beruhigter alleine lassen, denn ich habe ja auch noch ein eigenes Leben, möchte beispielsweise schnellstmöglich wieder arbeiten, habe eine Kurzreise gebucht, eine Dienstreise steht auch an. Für die Tage, an denen ich nicht da bin, möchte der Gatte zudem Essen auf Rädern nutzen. Er wird sich demnächst mal durch verschiedene Anbieter probeessen. 

Generell möchte er jetzt alles an Hilfe in Anspruch nehmen, was geht - das ist auch Entlastung und Erleichterung für mich. So liegen denn hier gerade Anträge auf weitere Merkmale einer Schwerbehinderung, weil der Gatte gerne einen Parkausweis und eine Begleitperson hätte. Perspektivisch muss auch der Pflegegrad überprüft werden.

Die ersten Stunden nach Heimkehr des Gatten stimmen vorsichtig optimistisch: Der Gatte fand sich problemlos zurecht. Die Treppen machen ihm zu schaffen, abends musste ich ihn fast hochtragen, aber das wird mit zunehmenden Muskeln hoffentlich besser (heute hat er Muskelkater). Er schlief bis auf einen Albtraum sagenhafte acht Stunden durch. Vor der Nacht hatte ich am meisten Angst, denn aufgrund des Delirs fand der Gatte im Krankenhaus keine Ruhe, halluzinierte, kletterte aus dem Bett, riss dabei Sauerstoffschlauch und Infusionen mit und wollte durchs Krankenhaus irren. Mein Schlaf wurde im Viertelstundentakt unterbrochen, ich wankte irgendwann vor Erschöpfung. Letzte Nacht konnte auch ich durchschlafen. Was für eine Wohltat!

Hier gilt seit mittlerweile 286 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten wurde er ein Palliativfall. Der Gatte ist schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. Es geht uns dennoch vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus, wenngleich die Erkrankungen und der Schlaganfall des Gatten zu Wesensveränderungen führten, die ein Zusammenleben manchmal sehr schwer machen. 

Herzlichen Dank für die vielen guten Wünsche und Gebete, die mich auf unterschiedlichen Wegen erreichten! Das bedeutet mir sehr viel. Ich hoffe, ich schaffe es, euch allen zu antworten.

Ein Blumengruß von meinen Kolleginnen.

Diese Woche brachte zwei Blumensträuße. Unsere liebe Putzfrau, die den Gatten sehr in Herz schloss und mit uns hofft, betet und bangt, zögerte lange, ob man einem Mann Blumen schenken dürfe, entschied sich dann aber dafür. Der zweite Blumengruß kam von meinen Kolleginnen. 

Ein Blumengruß für den Gatten.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse. 

Mittwoch, 20. August 2025

Blog-Pause

Der Gatte ist seit sieben Wochen im Krankenhaus. Es gibt keine Prognose, wann er nach Hause kommen wird. Ich bin erstmal zu ihm gezogen. Bis wir wieder zu Hause sind, ist hier Pause.




Sonntag, 10. August 2025

Samstagsplausch KW 32/25: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCLXXXII

In der fünften Woche Krankenhaus fällt es immer schwerer, weiter zu kämpfen. Der Gatte hat einfach keine Kraft mehr. Donnerstag sollte das Gehtraining beginnen, endlich. Der Gatte freute sich schon so darauf, wieder mehr Selbstständigkeit zu gewinnen. Stattdessen liegt er seit Donnerstagmittag wieder mit ungewisser Prognose zwischen Kathetern und Schläuchen im Bett. Er verfällt zusehends, ist wieder delirant, wird immer schwächer, hat einfach keinen Mut mehr. Seine Wünsche werden immer bescheidener. Inzwischen wäre er schon überglücklich, wenn er im Rollstuhl mal nach draußen dürfte, aber angesichts von Kathetern und Schläuchen ist das nicht mehr möglich. Dabei würden ihm frische Luft, Vogelgezwitscher, Leutegucken und Sonnenschein gut tun. Ich muss immer wieder daran denken, wie glücklich er Dienstag war.

Besonders schlimm sind die Nächte, wenn der Gatte nicht weiß, wo er ist, ich nicht bei ihm sein kann, er desorientiert versucht, mit Schläuchen und Kathetern aufzustehen und stürzt. Er macht dann den Pflegekräften viel Arbeit und macht sich dadurch bei ihnen unbeliebt. Letzte Nacht lag er über Stunden vor seinem Bett, weil er gestürzt war, nicht an die Klingel kam und niemand nach ihm guckte. Heute morgen fand ich ihn halbnackt in Zugluft liegend vor. Er hatte Schüttelfrost und fror. Sein Blutzucker war bei 45; er war seit Stunden im Unterzucker, ohne dass jemand es kontrollierte oder Maßnahmen ergriff. Ich mag mir nicht ausmalen, was geschehen wäre, wäre ich später gekommen. Der Gatte war völlig verängstigt, traute sich nicht, sich ein T-Shirt anziehen oder sich zudecken zu lassen aus Angst, die Pflegekräfte würden dann wieder mit ihm schimpfen. Er ist wirklich am Ende seiner Kraft. Ich habe meinen Mann lange nicht mehr so viel weinen sehen wie in dieser Woche.  

Für Morgen steht eine weitere OP an, die siebte in diesem Jahr, wenn ich mich nicht verzählte. Ob die OP durchgeführt wird, wird morgen entschieden. "Jeden Morgen gibt es eine neue Überraschung, die jeden Therapieplan umwirft", meinte eine Ärztin am Donnerstagabend resigniert. Angeblich soll es die letzte sein, soll der Fuß des Gatten dann wieder soweit hergestellt sein, dass er mit Maßschuhen laufen kann. Soweit die Theorie. In der Praxis wäre es ein Wunder, wenn etwas nach Plan laufen würde. Es fällt mir immer schwerer, dem Gatten Mut zuzusprechen, Optimismus und Zuversicht auszustrahlen. 

Die Augen des Gatten haben sich in den letzten Wochen massiv verschlechtert. Er ist praktisch blind. Eigentlich sollte inzwischen mit der Katarakt-Behandlung begonnen worden sein, aber durch den ausgedehnten Krankenhausaufenthalt verzögert sie sich, ist unklar, ob überhaupt noch etwas Sehkraft wiederhergestellt werden kann.

Mittwoch kam ein großes Paket von der Ostsee-Tante für den Gatten. Ich hatte ihr geschrieben, was bei uns los ist, und sie entschied sich, dem Gatten zur Aufmunterung einen über fünf Kilo schweren Eisenbahn-Atlasses ihres verstorbenen ersten Mannes zu schenken! Im Krankenhaus kann der Gatte das Buch gar nicht lesen, da kein Platz, aber in den wenigen Momenten, in denen er glaubt, wieder nach Hause zu kommen, freut er sich darauf, mit Buch und Lupe am Esstisch zu sitzen und darin zu blättern. 

Ich hoffe so sehr, dass der Gatte bald nach Hause kommen kann.

Hier gilt seit mittlerweile 282 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall. Er ist schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. Es geht uns dennoch vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus, wenngleich die Erkrankungen und der Schlaganfall des Gatten zu Wesensveränderungen führten, die ein Zusammenleben manchmal sehr schwer machen. 

Unsere Kontakte sind normalerweise auf das Notwendigste beschränkt, heißt: Arbeit, Ärzte, Einkaufen, Schwiegermutter und Handwerker. Ich bin dankbar, dass Corona bislang Gatten, Schwiegermutter und Tante verschonte, und hoffe sehr, das bleibt so.   

Diese Woche musste ich nach Hamburg. Nach mehr als sechs Wochen, in denen ich nur in der Kleinstadt unterwegs war, war das wie ein Kulturschock. Ich hatte noch nicht mal eine Maske für den ÖPNV mit! Ich war in der alten Heimat unterwegs, kam an unserer alten Wohnung vorbei - ein merkwürdiges Gefühl. Jedenfalls war ich froh, als ich wieder zu Hause war.

Schwiegermutter käme am liebsten jedes Wochenende zu Besuch. Sie meint, ihre Besuche gäben dem Gatten Lebensmut und entlasten mich, dabei ist das Gegenteil der Fall. Sie ignoriert den Zustand ihres Sohnes total, schwärmt davon, wie schön es ist, mit uns vorm Krankenhaus zu sitzen ... Na, ich danke. 

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse.

Mittwoch, 6. August 2025

#WMDEDGT 08/25: Krankenhaus III

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Der Gatte ist die fünfte Woche im Krankenhaus. Das Haus ist leer ohne ihn, die Nächte sind unruhig, die Sorge ist groß. Ursprünglich war ein Krankenhausaufenthalt von zehn Tagen geplant, maximal zwei Wochen.

Ich werde mit Meldungen zu Trumps Plänen für einen Atomreaktor auf dem Mond geweckt und prüfe erstmal, ob nicht der erste April ist. Anziehen, schnelles Frühstück und Wassermelone aufschneiden. Bevor es ins Krankenhaus geht, muss ich erst die reparierte Brille des Gatten vom Optiker abholen. Über die Siedlung fliegen drei Sikorsky CH-53-Maschinen, warum auch immer. Ich sollte so was kennen, war hier doch Übungsgebiet, gab's viele Tiefflieger, als ich Kind war, lebte ich die letzten zwanzig Jahre in einer Soldatensiedlung, aber dennoch macht mir so was Angst. Als ich dem Gatten von den Hubschraubern berichte, meint er trocken, das dürften die einzigen drei Maschinen dieses Typs sein, die noch flugfähig sind. 

Ab ins Krankenhaus zum Gatten. Bei jedem Besuch ist ungewiss, was mich erwartet. Dementsprechend bin ich angespannt.

Die Stimmung ist schlecht. Der Gatte darf am Vormittag nicht raus, weil seine Füße nach der Visite neu verbunden werden müssen, aber niemand Zeit dafür hat. Er hat einen neuen Zimmernachbarn, der in sehr schlechtem Zustand ist. Die Ärzte planen für kommenden Montag eine weitere OP. Wenn ich mich nicht verzählte, wird das die siebte in diesem Jahr. Ich versuche, den Gatten aufzubauen, aber das wird immer schwerer. 

Wie jeden Tag bleibe ich bis mittags im Krankenhaus. Dann müsste ich eigentlich einkaufen, bin aber zu erschöpft und fahre nach Hause. Ich suche die Sachen zusammen, die der Gatte nachmittags mitgebracht bekommen möchte und lege mich eine Stunde hin, schlafe komatös. Eigentlich müsste ich Betten beziehen und den Vorratskeller aufräumen, damit dort kommende Woche ein neuer Stromzähler eingebaut werden kann, aber ich habe einfach keine Kraft.

Kurz vor fünfzehn Uhr fahre ich zum Bahnhof, denn Besuch aus der großen Stadt hat sich angesagt. Der Gatte freut sich sehr (und ich mich noch mehr). Der Metronom ist tatsächlich pünktlich. Der Besuch hatte in diesem Jahr schon eine Überdosis Krankenhaus und wartet daher vorm Eingang auf einer Bank, während ich den Gatten hole. Das dauert länger als gedacht, weil die Füße des Gatten noch immer nicht verbunden sind. Das soll der Chefarzt machen, der zum Glück rasch zur Nachmittagsvisite kommt. Jetzt darf der Gatte endlich raus!

Wir sitzen lange zusammen, irgendwann bei Tee, Kaffee und Kuchen, bis ich den Gatten wieder auf sein Zimmer bringe. Der Gatte hat sichtlich Spaß am Besuch. Ich habe ihn lange nicht mehr aus vollem herzen lachen gesehen! Das ist so ein schöner Anblick! Als ich den Gatten zurück auf's Zimmer schiebe, seufzt er glücklich: "Das war ein schöner Nachmittag!" 

Nachdem der Gatte für die Nacht versorgt ist, fahre ich mit dem Besuch zum Essen. Endlich mal wieder eine ordentliche Mahlzeit ... Anschließend geht's zum Bahnhof, wo der Besuch noch einen Zug früher erwischt als geplant.

Auf dem Heimweg lege ich spontan eine Vollbremsung ein: In der Parallelstraße haben Nachbarn altes Zeugs entsorgt, und darunter ist ein Tragekorb, wie der Gatte ihn mag. Dieses Exemplar ist grauer Landhausstil, ziemlich schick. Wenn der Gatte wieder zu Hause ist, wird er sich darüber freuen.  

Der Abend wird ruhig. Ich freue mich, dass ich endlich wieder die Kraft habe, Socken zu stricken.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 5. August 2020 lebte Mudderns noch in ihrem Haus und ärgerte sich über die linken Nachbarn, mit denen wir auch schon eine unerfreuliche Begegnung hatten. Der Gatte war noch gesund und hatte einen Bürotag in Kurzarbeit. Das Verhältnis zu den linken Nachbarn hat sich übrigens sehr gebessert. Ich vermute, die Nachbarin hat ihren Lebensgefährten vor der Tür gesetzt. Jedenfalls gibt es kein betrunkenes Gegröle mehr. Am 5. August 2021 war der Gatte schon krank, hatte ich noch Kraft, vor der Arbeit schwimmen zu gehen. Am 5. August 2022 zeigten sich schon heftige Erschöpfungsmerkmale bei mir, begannen wir mit den Verhandlungen um einen Baukredit, den wir erst mehr als vier Monate später bekommen sollten. Am 5. August 2023 leben wir auf einer Baustelle - und ein Jahr später immer noch.