Mittwoch, 2. Oktober 2019

Ausgelesen: Bücher im September 2019

Eigentlich wollte ich im Mallorca-Urlaub hauptsächlich Mallorca-Krimis lesen, wegen Lokalkolorit und so, aber alle, die ich auf den Kindle lud, nahmen mich so gar nicht gefangen. Also landete ich bei Krimis, die auf den ostfriesischen Inseln spielen.

"Juister Mohn*" ist eine Gemeinschaftsarbeit der Autorinnen Elke Bergsma und Anna Johannsen. Zum Inhalt: Der Emder Hauptkommissar David Büttner sitzt auf gepackten Koffern, als ihn ein Anruf seiner Sekretärin in den beruflichen Alltag zurückholt: Auf der ostfriesischen Insel Juist wurde ein junges Paar in der Strandtoilette tot aufgefunden. Zunächst sieht alles nach einer Überdosis aus – bis der Staatsanwalt eine genauere Untersuchung fordert, denn bei der Toten handelt es sich um seine Nichte.

Auch die Kieler Hauptkommissarin Lena Lorenzen wird auf den mysteriösen Tod des Paares aufmerksam, gab es doch Monate zuvor in Sankt Peter-Ording einen ähnlich gelagerten Fall. Sie nimmt mit ihrem Kollegen Büttner Kontakt auf, der von ihrer Idee einer Zusammenarbeit zunächst jedoch wenig begeistert ist.

Letztlich aber gilt es, sich trotz aller Unterschiede zusammenzuraufen, denn am Tatort deutet ein Strauß von zehn Mohnblumen auf eine Verbindung beider Fälle und auf weitere geplante Morde hin. Für die beiden Kommissare beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, zumal sie wegen ungünstiger Wetterverhältnisse für mehrere Tage auf der Insel festsitzen.

Begeisterung löste das Buch nicht bei mir aus, aber es ist eine nette Urlaubslektüre. Ich fand es schade, dass immer wieder auf den vermeintlichen Unterschieden (Büttner verfressen und faul - Lorenzen plietsch und agil) herumgeritten wurde.

Besser gefiel mir da schon "Dünendämmerung*" von Johannes Wilkes mit Kommissar Mütze und seinem Lebensgefährten Klaus-Dieter. Die Krimi-Reihe begann in Erlangen und findet ihre Fortsetzung auf Spiekeroog, wo das Paar gerne urlaubt. Im Laufe der Zeit freundeten sie sich eng mit dem Inselpolizisten Ahsen an. Es war der erste Krimi, den ich aus der Reihe las, wird aber bestimmt nicht der letzte gewesen sein, denn das schräge Paar macht einfach Spaß.

Kurz nach der Ankunft des Paares wird in den Dünen ein Toter gefunden: ein Angestellter der Kurverwaltung, zuständig für die Herausgabe der Strandkorbschlüssel. Diesmal erhält Ahsen, der Inselpolizist, Unterstützung vom Festland. Kommissar Mütze atmet auf, aber dann begegnet ihm ein ehemaliger Mitschüler.

Mütze hat Heiko van Gehlen nie gemocht, den Sohn aus reichem Hause, dessen Yacht in der Marina vor Anker liegt. Durch ihn wird Mütze nach all den Jahren an den schrecklichen Tod eines Mitschülers erinnert. Er will endlich wissen, was in der Nacht ihrer Abi-Feier wirklich passiert ist. Welche Schuld hat er selbst daran? Und im Licht der Erinnerungen bekommt der aktuelle Mord an dem „Herrn der Strandkörbe“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Von Spiekeroog ging's nach Rocky Beach zu den drei Fragezeichen: "Skateboardfieber*" greift den alten Fall "Die silberne Spinne*" auf, ist rasant und spannend erzählt. Peter wird mit einem Spion verwechselt, verhaftet und nach einem spektakulären Ausbruch gejagt. Dabei will er doch eigentlich nur zu einem Skatertreffen! Dieser Band der Reihe macht wirklich Spaß!

Im August las ich ja schon einen Kluftinger-Krimi, der mir gefiel, und so freute ich mich, den aktuellen Band in der Onleihe zu ergattern. Im zehnten Band, der schlicht "Kluftinger*" heißt, wird der Allgäuer Kommissar Großvater und erinnert sich an seine eigene Jugend und seine Anfänge bei der Polizei. Bei der "Allerheiligen-Prozession entdeckt er auf de Friedhof eine Menschentraube, die ein frisch aufgehäuftes Grab umringt, darauf ein Holzkreuz – mit seinem Namen.

Nach außen hin bleibt Kluftinger gelassen. Als jedoch eine Todesanzeige für ihn in der Zeitung auftaucht, sind nicht mehr nur die Kollegen alarmiert – sein ganzes Umfeld steht Kopf. Um dem Täter zuvorzukommen, muss der Kommissar tief in seine eigene Vergangenheit eintauchen. Doch die Zeit ist knapp, denn alles deutet darauf hin, dass Kluftingers angekündigter Tod unmittelbar bevorsteht.

Nachdem das schon das zweite Kluftinger-Buch war, das mir großen Spaß machte, beschloss ich, die Reihe von Volker Klüpfel und Michael Kobr einmal von Anfang an zu lesen. Die Bände sind zwar in sich abgeschlossen, aber es macht mir einfach Spaß, die Entwicklung der Protagonisten zu verfolgen. In der Onleihe war nichts zu bekommen, aber die Altonaer Bücherhalle hatte ziemlich viele Bände auf Lager, also ging ich nach sechs Jahren tatsächlich mal wieder in die Bücherhalle, um analog auszuleihen.

Mit "Milchgeld*" beginnt die Kluftinger-Reihe. Der Kommissar blickt hinter die Kulissen der Lebensmittelindustrie, um einen Mord an einem Lebensmittelchemikers des örtlichen Milchwerks aufzuklären. Bei "Erntedank*" wird's mystisch: Auf der Brust eines toten Mannes in einem Wald bei Kempten liegt, sorgfältig drapiert, eine tote Krähe. Im Lauf der Ermittlungen taucht der Kommissar immer tiefer in die mystische Vergangenheit des Allgäus ein, und es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder, bei dem die Zeit gegen ihn arbeitet. Denn alle Zeichen sprechen dafür, dass das Morden weitergeht. So interessant es ist, in die Allgäuer Sagenwelt einzusteigen, so langatmig ist die Handlung leider manches Mal, und der Leserin dämmern die Zusammenhänge schneller als den Ermittlern.

"Seegrund*" ist der für mich bislang spannendste Fall: Am Alatsee bei Füssen macht Kluftinger auf einem Familienausflug mit Frau, Sohn und Schwiegertochter in spe eine schreckliche Entdeckung: Am Ufer liegt ein Taucher in einer riesigen roten Lache. Was zunächst aussieht wie Blut, entpuppt sich als eine seltene organische Substanz aus dem Bergsee. Kluftinger, der diesmal bei den Ermittlungen sehr zu seinem Missfallen weibliche Unterstützung erhält, tappt lange im Dunkeln. Der Schlüssel zur Lösung des Falles liegt tief auf dem Grund des sagenumwobenen Sees.

In den Oktober gehe ich mit "Laienspiel*", dem vierten Kluftinger-Band, und tue mich momentan noch etwas schwer, den Einstieg zu finden. 

Montag, 30. September 2019

Plaça de Sant Joan in Son Servera (Mallorca / Spanien)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Gestern holte sich das blaubraune Pack erneut eine Schlappe bei dem Versuch, in Hamburg zu demonstrieren: 68 Rechte trauten sich auf die Straße und sahen sich gut 800 Demokraten gegenüber. Immerhin halten die Blaubraunen ihr Versprechen, viele Menschen auf die Straße zu bringen. 

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Mehr Mallorca-Impressionen gibt es hier.


Blick auf das heutige Café S'Oratge. Im Keller des Gebäudes ist 1936 das Hauptquartier der Franquisten.
Son Servera ist eine Gemeinde im Osten Mallorcas. Die gleichnamige Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohner ist neben Son Carrió einer der wichtigsten Schauplätze der Schlacht um Mallorca im Spanischen Bürgerkrieg, eine Frontstadt. Während Son Carrió von Republikanern eingenommen wird, ist Son Servera einer der wichtigsten franquistischen Stützpunkte.

Wir kommen an einem Sonntag nach Son Servera. Der Gottesdienst ist gerade zu Ende, auf dem Kirchplatz, der Plaça de Sant Joan, herrscht noch reges Treiben in den zahlreichen Restaurants, aber ansonsten sind die Straßen wie ausgestorben. Freitags, am Markttag, ist es anders. Da kommen Touristen aus den umliegend Badeorten in Scharen. Heute sind außer den Einheimischen nur ein paar Wanderer und Radfahrer unterwegs.


Die Kirche San Joan in Son Servera.
Die Republikaner versuchen 1936 vergeblich, den Ort einzunehmen und geraten mit 50 Mann in einen franquistischen Hinterhalt. Drei der vier Überlebenden werden in Son Servera hingerichtet. Einzig der aus Barcelona stammende achtzehnjährige Domingo López überlebt die Erschießung. Er kann schwer verletzt fliehen und sich wieder seinem Kommando anschließen.

Die meisten der etwa 900 Einwohner Son Serveras fliehen. Ihre Häuser werden von Militäreinheiten besetzt. Die Republikaner nehmen die das Dorf umgebenen Hügel und Berge ein und bombardieren von dort aus 20 Tage lang beinahe täglich das Dorf, bis sie sich in der Nacht vom 3. auf den 4. September 1936 zurückziehen.


Eine der schmalen Straßen Son Serveras, durch die 1936 die faschistische Siegesparade führte.
Das Hauptquartier der Franquisten befindet sich auf der Plaça de Sant Joan, dem Kirchplatz, im Keller des heutigen Café S'Oratge. Hier findet auch die Siegesparade statt. Zum Anführer der Faschisten macht sich der Italiener Arconovaldo Bonaccorsi, der sich den Kampfnamen "Conde Rossi" gibt.

Bonaccorsi, ein Rechtsanwalt, der sich früh Mussolini  anschließt und 1922 als Anführer der Faschisten aus Bologna am "Marsch auf Rom" teilnimmt, hat einen Hang zur Hochstapelei: Quasi im Alleingang habe er die Republikaner zurückgeschlagen und so die Kriegshandlung für die Franquisten entschieden. 

Bonaccorsi ernennt sich zum General, gibt sich den Titel "Löwe von Son Servera", führt ein Terrorregime, berauscht sich geradezu an Gewalt, wird durch zahlreiche Propaganda-Auftritte in mallorquinischen Dörfern zu einer faschistischen Identifikationsfigur. Aber er macht sich sich Feinde, und so setzen spanische Militärs bei Franco durch, dass Bonaccorsi nach einem halben Jahr Mallorca verlassen muss. Der Personenkult um ihn aber bleibt: Bonacorssi wird in vielen Orten zum Ehrenbürger ernannt, erhält noch 1957 einen Orden von Franco.

Blick auf das heute Café S'Oratge und den Kirchplatz.
Im Zuge der Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs setzt auch im Umgang mit Bonaccorsi langsam ein Umdenken ein: Alcúdia entzog ihm Anfang 2017 die Ehrenbürgerschaft.

Heute erinnert in Son Servera kaum etwas an den Spanischen Bürgerkrieg: Gelegentlich finden sich vor Geschäften rostige Granatenhülsen als Türstopper, allerdings nicht, wenn man, wie wir, den Ort an einem Sonntag besucht. In den Wäldern finden sich immer noch verrostete Granaten und Patronenhülsen.

Vor zwei Jahren beginnen Wissenschaftler mit der Aufarbeitung der Batalla da Mallorca, der Schlacht um Mallorca: Sie untersuchen Schützengräben, in denen sich Faschisten und Republikaner zwischen dem 16. August und dem 3. September 1936 gegenüberstanden. Das Projekt soll bis 2022 laufen und wird von einem Blog begleitet

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Freitag, 27. September 2019

Sabates Mallorquines - mallorquinische Schuhe von Ben Calçat

Als wir im letzten Jahr durch Sóller bummelten, wollte ich mir schon Schuhe bei Ben Calçat kaufen, war aber von der Auswahl vollkommen überfordert, haderte das ganze Jahr mit mir, weil ich ohne Schuhe heimflog, und nahm mir vor, wenn wir noch mal nach Mallorca kommen sollten, kommt ein Paar Schuhe mit heim.

Das Schuhgeschäft von Ben Calçat in Sóller.
Dieses Jahr war's soweit.

Spontan fiel meine Wahl auf diese Schuhe, die perfekt zu meiner schwarzen Bürokleidung passen.
Die Schuhe werden komplett von Hand vor Ort gefertigt - Du kannst sogar in die Werkstatt luschern. Aber nicht nur wegen der Handarbeit sind die rahmengenähten Schuhe ein ganz besonderes Souvenir: Sie sind ein Stück balearische Geschichte.

Porqueres von vorne und hinten.
Die Porqueres, die wir kauften, wurden der Überlieferung nach zum ersten Mal von einem Mann, der von Ibiza nach Mallorca kam und kein Geld für neue Schuhe hatte, geschustert, und bestanden ursprünglich aus alten Autoreifen und Leinen. Da die Altreifen Metall enthalten, werden die Sohlen inzwischen aus Fördergurten gemacht. In den Sommerschuhen wird noch immer Leinen verarbeitet, während die Winterschuhe ganz aus Leder sind.

Der Gatte entschied sich für diese Porqueres, die gut zu Blue Jeans passen.
Die Porqueres haben keine ausgearbeitete Innensohle, was uns gelegen kommt, weil wir beide Einlagen tragen, die problemlos in die Schuhe passen. Beim Anprobieren helfen entzückende Verkäuferinnen, die genauestens auf den perfekten Sitz der Schuhe achten.

Die Gummisohlen aus Fördergurten imitieren das Muster von Autoreifen, aus denen die Sohlen früher hergestellt wurden.
Neben den Porqueres gibt es Sandalen (Fraileras und Albarques) sowie Stiefel (Patatera und Bota Mallorquina). Ich fürchte, nächstes Jahr muss ich mehr Platz im Koffer lassen.

Dieser Beitrag geht rüber zur Freutag-Linkparty.

Donnerstag, 26. September 2019

Der Verspätungsschal im Juli

Passend zum Hamburger ÖPNV hat der Verspätungsschal gerade enorme Verspätung ... Hier kommt der Juli-Beitrag, der an der Link-Party "Du für Dich am Donnerstag" teilnimmt. Wie ich zu dem Projekt kam, kannst Du hier nachlesen. Alle Beiträge zu dem Projekt findest Du hier.

Der Juli war der bislang verspätungsintensivste Monat: 379 Minuten Verspätung auf 38 Fahrten, darunter eine Fahrt mit 58 Minuten Verspätung.
Im Juli zählte ich 38 HVV-Fahrten mit 379 Minuten Verspätung, was im Schnitt 9,97 Minuten Verspätung entspricht. 8 Fahrten waren pünktlich. Rechne ich die Fahrten mit ein, die unter 5 Minuten verspätet waren, komme ich auf 25 Fahrten. 8 Fahrten waren mehr als 20 Minuten verspätet - eine Fahrt ganze 58 Minuten.

Für zwei Fahrten gibt es eine Entschädigung von jeweils 1 €, für die anderen nicht, denn es ist Schienenersatzverkehr (SEV) und da gilt: Was nicht fährt, kann nicht verspätet sein. Bei zwei Fahrten kam es zu der putzigen Situation, dass ich 4 bzw. 5 Minuten früher am Ziel war als es laut Fahrplan möglich ist. Der Bus kam gut durch, und die S-Bahn war so verspätet, dass es sofort Anschluss gab.

Seit dem 27. Juni ist das S-Bahn-Dreieck Othmarschen - Holstenstraße - Altona für die Dauer der Sommerferien gesperrt. Die Ausweichstrecken sind komplett überlastet: Zu viele Menschen auf zu engem Raum, Staus durch Baustellen - Baustellenkoordination in Hamburg heißt, dass überall gleichzeitig Baustellen sind.

So gibt es auf allen Buslinien, die ich alternativ zur S-Bahn nehmen könnte, Straßenbauarbeiten - Anfang Juli sind's hamburgweit 84 Baustellen. Die Busse stehen also im Stau, sind bis zu 30 Minuten verspätet (okay, angesichts der bis zu 80 Minuten verspäteten S-Bahnen geht das schon wieder ...). Kommen dann noch Staus auf den Autobahnen dazu, geht zumindest in Hamburger Westen, wo ich wohne, auch bei den Buslinien nichts mehr. Und verglichen mit dem Süden und Osten der Stadt jammere ich noch auf hohem Niveau.

Parallel stemmt Hamburg einige Großveranstaltungen, so dass die Buslinien in der Innenstadt umgeleitet werden. Und wenn man schon mal dabei ist, kann man ja auch an der U-Bahn bauen und die Linien teilweise einstellen. Eins muss man der Hamburger Verkehrspolitik lassen: Wenn Chaos, dann richtig.

Den SEV wollte ich erst gar nicht ausprobieren, als ich sah, dass der dafür eingesetzte Bus abfährt, wenn mein Bus ankommt - bei der S-Bahn habe ich zumindest theoretisch zwei Minuten Zeit zum Umsteigen. Außerdem: Ein Bus ersetzt keine sechs oder mehr S-Bahn-Wagen, selbst, wenn es ein Gelenkbus ist. Nach drei Tagen meinte ein angesichts seines übervollen Busses entnervter Linienbus-Fahrer, die SEV-Busse führen leer, weil die Fahrgäste alle auf die Linie ausweichen - klar, das wird ihnen ja auch in der App empfohlen.

Ich probierte daraufhin den SEV aus. Da klappte es - einen Tag später dann wieder nicht, weil inzwischen mehr Leute auf den SEV auswichen, der SEV ausfiel, Umleitungen fuhr oder im Stau stand. Es gab tumultartige Szenen bei Ein- und Ausstiegen, wenn die Busse schon völlig überfüllt ankamen. Mein Verspätungsrekord waren 58 Minuten plus 34 Minuten reguläre Fahrzeit.

In den ersten Tagen ließ ich vor jeder Fahrt die HVV-App entscheiden, wie ich fahre. Zur Wahl standen Bus-Bus-S-Bahn, Bus-Bus, Bus-S-Bahn-Bus, Bus-U-Bahn-Bus-Bus oder Bus-Bus-U-Bahn. Da ich in Elbnähe wohne, erwog ich den Einbau einer Fährverbindung, um einmal alle Möglichkeiten durchgespielt zu haben ...

Da ich tatsächlich alle Verbindungen auch mehr oder weniger häufig während der Schulzeit nehme, habe ich einen direkten Vergleich und kann sagen, dass sie aktuell wesentlich stärker frequentiert sind. Normalerweise muss ich, wenn ich bei mir vor der Haustür in den Bus einsteige, maximal zwei Stationen stehen. Aktuell bin ich phasenweise froh, wenn ich überhaupt noch in den Bus komme.

Nach einer Woche ignorierte ich die App und den SEV, fuhr morgens eine Stunde eher los, machte entsprechend eher Feierabend und nutzte die Kombi Bus-Bus-S-Bahn bzw. Bus-Bus-Bus. Ich ließ auf dem Rückweg auch öfter mal einen Bus sausen, weil ich keine Lust mehr hatte, mich hineinzuquetschen (das zählte ich natürlich nicht als Verspätung). Die Linie, die vor meiner Haustür hält, war ohnehin so verspätet, dass die Busse im Abstand weniger Minuten kamen - wenn sie denn kamen.

Eine Entschädigung für die Verspätungen gibt es während der Bauphase nicht. Ich fände es angemessen, wenn SEV-Phasen finanziell entschädigt würden, es für Abokarten-Inhaber beispielsweise pauschal 20 % Preisnachlass, wenn die Schnellbusse und DB-Züge freigegeben würden, wenn Park+Ride-Plätze in dieser Zeit kostenlos nutzbar wären, wenn nicht parallel noch Bauarbeiten auf Ausweichstrecken stattfänden, Baustellen tatsächlich koordiniert würden.

Aber stattdessen wird die nächste Preiserhöhung angekündigt, kann ich froh sein, dass ich nicht draufzahlen muss, durfte ich doch mehr Zeit als sonst im ÖPNV verbringen, wird großspurig eine Qualitätsoffensive angekündigt, mit der man die nächste Preissteigerung rechtfertigen kann (die dann auch prompt angekündigt wurde), die aber keine Verbesserung bringen wird, solange an Personal und Material gespart wird, die Beteiligten des Verkehrsverbundes unabhängig voneinander agieren, nicht vernetzt sind.

Ich habe auch keinen Bock auf das xte Shuttle-Angebot, das das Chaos mindern soll. Ich will einfach nur einsteigen und ankommen - und das im Idealfall auch noch pünktlich.

Beim Juli-Abschnitt habe ich für die Strecke Zuhause - Büro die Zeit zugrunde gelegt, die ich normalerweise fahren würde, also 38 Minuten für den Hinweg und 34 bzw. 42 Minuten für den Rückweg. Würden die Anschlüsse funktionieren, bräuchte ich mit Bus-Bus-U-Bahn gerade mal 8 Minuten mehr als mit meiner üblichen Bus-S-Bahn-S-Bahn-Kombi. An guten Tagen brauchte ich auf dem Hinweg mit der Bus-Bus-S-Bahn-Kombi genau so lange - das sind die Streifen, die tatsächlich hellgelb oder gelb sind.

Montag, 23. September 2019

Die Kirche Sant Miquel in Son Carrió (Mallorca / Spanien)

Montags gegen Nazis.
Montags erinnere ich daran, was passiert, wenn es mit der Demokratie bergab geht und wie es anfing, denn die Nazis fielen ja nicht 1933 vom Himmel. Die krochen schon Jahre vorher aus ihren Löchern, wurden nicht rechtzeitig aufgehalten, auch, weil man sie nicht ernst nahm, dachte, es wird schon nicht so schlimm.

Wurde es aber.

In loser Folge gibt's hier also montags Kunst und Denkmäler gegen Faschismus, Nationalismus und Rassismus. Orte, die daran erinnern, gibt es nicht nur in unserer Stadt genug, denn wie gesagt: Wir hatten das schon mal.

Aktuell will das blaubraune Pack am 29. September eine Demo auf dem Rödingsmarkt. Da gibt es zwar keine wirkliche Versammlungsfläche, aber für das Häuflein reicht eine der Bushaltebuchten - und die demokratische Mehrheit schafft sich schon Platz. Sie trifft sich um 11.30 Uhr an der Ecke Stadthausbrücke / Neuer Wall an historischem Ort: Dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier.

Wie es zu dieser Beitragsreihe gekommen ist, kannst Du hier nachlesenAlle Beiträge aus dieser Reihe findest Du, wenn Du hier klickst. Mehr Mallorca-Impressionen gibt es hier.

Die Kirche von Son Carrió, von 1899 bis 1907 u.a. nach Plänen von Gaudí erbaut.
Son Carrió ist ein kleiner Ort mit etwas über 1.000 Einwohnern im Osten Mallorcas. Wenn man wie wir über die Mittagszeit kommt, wirkt er wie ausgestorben, ist die Kirche, die Hauptattraktion des Ortes, verschlossen. Touristen zieht es nur selten hierher.

Wir machten uns auf den Weg in das Dorf, weil es im Spanischen Bürgerkrieg während der Schlacht um Mallorca der einzige Ort der Insel war, der von den republikanischen Truppen vollständig eingenommen und über eine Woche lang gehalten werden konnte.

Das Rundkreuz zeigt noch sichtbare Beschädigungen, die von Schießübungen der Republikaner stammen sollen.
Löcher in der Fassade, die laut gatten von Einschüssen stammen.
Fällt das schon unter Street Art?
Der Spanische Bürgerkrieg erreicht die Insel am 16. August 1936, als die republikanischen Truppen um Alberto Bayo in Porto Cristo an Land gehen. Sie können nur einen kleinen Teil der Stadt unter ihre Kontrolle bringen, dringen aber weiter ins Hinterland vor.

Nach der Bombardierungen durch Flugzeuge und Schiffsgeschütze am 26. August 1936 räumen die Franquisten ihre Stellungen im Ortskern, in den angrenzenden Hügeln und den östlich gelegenen Windmühlen. Viele Dorfbewohner flüchten nach Son Servera, Sant Llorenç oder Manacor.

Sant Miquel in Son Carrió.
Son Carrió wird von drei Seiten aus eingenommen, aus östlicher Richtung durch einen Verband der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT über die Finca Sa Torre Nova, die später den Republikanern als Feldlazarett dient, von weiteren Militärs auf dem südlichen Landweg aus Porto Cristo und durch etwa 500 Milizionäre auf dem südöstlichen Pfad aus Richtung S’Illot.

Nach der Besetzung werden die Häuser nach Lebensmitteln und Wertgegenständen durchsucht und geplündert - die Versorgung der republikanischen Truppen ist prekär. In der Kirche reißen die anarchistischen Milizionäre die Heiligenfiguren vom Hauptaltar und aus den Seitenkapellen und zerstören sie - der Hass auf die katholische Kirche ist groß.

Sant Miquel in Son Carrió.
Die Republikaner ziehen sich in der Nacht zum 4. September 1936 auf ihre Kriegsschiffe zurück. Kurz darauf rückten die Franquisten wieder ein. Die wenigen Einwohner des Ortes, die nicht vor den Republikanern geflohen sind, werden der Kollaboration verdächtigt und drangsaliert. Die Kirche wird am 13. September neu geweiht. Pfarrer Martín Rosselló hatte auf seiner Flucht Monstranz, Hostienkelch, Pfarrsiegel, Pfarrbücher samt Archiv sowie die Kollekte mitgenommen.

Heute erinnert kaum noch etwas an den Spanischen Bürgerkrieg in Son Carrió, sieht man von Einschusslöchern an einigen Häusern ab und von dem Umstand das Bauern in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg Skelette auf ihren Feldern fanden, Kinder kistenweise verrostete Patronen und Granatenhülsen sammelten.

Sant Miquel in Son Carrió.
Am Rundkreuz auf dem Dach der Kirche sind Beschädigungen zu sehen, die von Schießübungen der Republikaner stammen sollen. Vom Loch, das eine Bombe ins Mauerwerk hinter dem Hauptaltar riss, ist nichts mehr zu erkennen, aber der Gatte identifizierte Einschusslöcher.

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