Freitag, 12. September 2025

#pmdd2025: Der 28. August 2025

An jedem 28. eines Monats ist Picture my Day-Day, kurz pmdd. Ich finde, das ist ein schönes Tagebilderbuch. Mitmachen ist einfach: Fotos vom Tag machen, bloggen oder mit #pmdd2025 auf Twitter oder Instagram einstellen. Gesammelt wird alles auf dieser Seite.

Acht Wochen im Krankenhaus ... Eine weitere Woche wird folgen.

Heute gibt es nur ein Bild. Der Gatte ist seit sechs Wochen im Krankenhaus. Es gibt keine Prognose mehr, keine Chance auf Heilung. Wir entscheiden heute, dass er nach Hause in die palliative ambulante Versorgung geht. Es ist ein schwerer Tag.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 28. August 2020 lebte sich Schwiegermutter gerade in der Seniorenwohnanlage ein, war der Gatte noch gesund, fuhren wir am kommenden Tag nach Dänemark. Am 28. August 2021 war der Gatte schon krank, wartete auf die Entscheidung über seine Verrentung, musste ich arbeiten, holten wir abends Tante ab, um in der kommenden Woche einen runden Gatten-Geburtstag zu feiern. Am 28. August 2022 waren wir noch so optimistisch, spätestens im kommenden Frühjahr ins alt-neue Haus zu ziehen. Am 28. August 2023 bezweifelten wir, dass wir überhaupt noch dort einziehen werden. Am 28. August 2024 waren wir umgezogen und erlebten einen kurzen Moment der Normalität.

Donnerstag, 11. September 2025

#12von12 im August 2025

Caro von "Draußen nur Kännchen" sammelt wie jeden Monat am 12. des Monats 12 Impressionen des Tages - vielen Dank dafür! Hier kommen meine August-Bilder.

#1: In unser aktuelles Krankenzimmer scheint der Vollmond.

#2: Körperpflege für den Gatten. Er ist noch zu schwach, das selbst zu machen.

#3: Außer auf den Gatten aufzupassen, stricken und lesen habe ich nicht viel zu tun. Aktuell lese ich die Thriller von Cara Hunter*.

Der Gatte ist seit bummelig fünf Wochen im Krankenhaus. Ich schlafe seit zwei Nächten bei ihm, um ihm aus dem Delir zu helfen. 

#4: Mittagessen. Laut Plan mediterraner Seelachs mit ebensolchem Gemüse. Keine Ahnung, wo das Mittelmeer war ... Die Knusperhaube war aber lecker.

#5: Der Zustand des Gatten ist kritisch. Er kommt auf die Überwachungsstation.

#6: Auf der Überwachungsstation dürfen Angehörige nicht übernachten, also packe ich mein Backbeermus und fahre schweren Herzens nach Hause. 

Der Zustand des Gatten verschlechtert sich, und im Laufe des Tages kommt er auf die Überwachungsstation, so dass ich wieder zu Hause schlafe. Ich frage eine der behandelnden Ärztinnen, ob ich mir angesichts der Verschlechterung des Zustandes Sorgen machen müsse. Sie verneint. Das ist allerdings die Ärztin, die seit bummelig fünf Wochen mit Falschdiagnosen daher kommt. Später wird sich zeigen: Meine Sorge war berechtigt. Der Gatte schwebte zwei Tage in Lebensgefahr. Inzwischen ist er wieder zu Hause. Das Krankenhaus stufte den Gatten als palliativ ein. 

#7: Das Abendessen auf den Weg bringen.

#8: Das Abendessen ist fertig: Ofenpfannkuchen mit Bickbeeren.

#9: An den Socken für eine meiner beiden Sandkastenfreundinnen weiterstricken.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 12. August 2020 war der Gatte noch gesund, arbeitete in Kurzarbeit, und es war sehr heiß. Am 12. August 2021 war der Gatte schon krank, musste in einer Klinik durchgecheckt werden, war Gott sei Dank ohne Befund - und es war sehr heiß. Am 12. August 2022 war es - oh, wunder - sehr heiß, waren wir plötzlich Hausbesitzer. Am 12. August 2023 wollten wir eigentlich schon seit vier Monaten ins Haus umgezogen sein. Am 12. August 2024 waren wir umgezogen und genossen einen kurzen Moment der Normalität.

#10: Wieder ein Tag Krankenhaus geschafft. Es sollen noch viele weitere folgen. Diese Woche bestellte ich ohne nachzudenken wie jedes Jahr um diese Zeit einen "Kalender für Zwei"* für das kommende Jahr. Dabei ist mehr als ungewiss, ob wir dann noch zu zweit sein werden. 

#11: Das Kuschelrudel will noch etwas lesen*, aber Schnuffi hält Ausschau nach Herrchen, das doch irgendwann mal durch die Schlafzimmertür kommen muss. 

#12: Gute Wünsche ins Universum schicken.

Das Rezept zum Tag gibt es in der Kombüse. / *Affiliate links

Mittwoch, 10. September 2025

#pmdd2025: Der 28. Juli 2025

An jedem 28. eines Monats ist Picture my Day-Day, kurz pmdd. Ich finde, das ist ein schönes Tagebilderbuch. Mitmachen ist einfach: Fotos vom Tag machen, bloggen oder mit #pmdd2025 auf Twitter oder Instagram einstellen. Gesammelt wird alles auf dieser Seite.

Wäsche aus dem ersten Stock mit nach unten nehmen. Den Briefblock brauche ich für einen Brief an die Ostsee-Tante.

Der Gatte liegt auf der dritten Station in drei Wochen im inzwischen vierten Zimmer. Auf dieser Station gibt es einen Wartebereich, in dem ich sitze, während der Gatte zu einer Untersuchung gefahren wurde. Die Uhr geht übrigens falsch.

Jetzt darf der Gatte endlich raus. Ich bleibe bei ihm bis nach dem Mittagsessen, wie jeden Tag.

Die Mittagspause nutze ich, um einzukaufen. Der Gatte braucht Melonennachschub.

Ich mache Schnäppchen und fühle mich wie eine gute Hausfrau.

Blumen und ein LTB für mich. 

Endlich frühstücken ... Morgens kam eine Sandkastenfreundin vorbei, um mich einfach mal zu drücken, und vor lauter Gedrücke schaffte ich nicht mein Frühstück. Die Aprikosen sind übrigens regional aus dem Alten Land.

Eines der vor vier Wochen bestellten Bücher wird geliefert.

Wäsche abnehmen.

Wassermelonennachschub für den Gatten.

Der Gatte liegt seit über drei Wochen im Krankenhaus, und wie jeden Tag bin ich etwa acht Stunden bei ihm, unterbrochen von einer Mittagspause.

Endlich wieder beim Gatten!

Wie jeden Tag bleibe ich, bis der Gatte zu Abend aß - mindestens. Meisten gehe ich erst gegen 20 Uhr wieder nach Hause.

Blich aus dem aktuellen Krankenzimmer auf die Baustelle des Krankenhauses.

Der Hoptimist möchte nach Hause, das ohne den Gatten so schrecklich leer ist.

Die Spülmaschine wird aktuell selten voll, aber heute lief sie tatsächlich mal wieder.

Kaum ausgeräumt, wird die Spülmaschine auch schon wieder eingeräumt.

Am kommenden Tag hole ich Essen vom Schlachter und stelle schon mal die Rebowls bereit, damit ich die nicht vergesse.

Ich habe es endlich geschafft, die perfekte TK-Pizza zu backen!

Ich bin aktuell so fertig, dass ich keine Socken stricken kann. Ein Schal in glatt rechts geht gerade so.

Das Kuschelrudel will vor dem Einschlafen noch etwas lesen*.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 28. Juli 2020 war der Gatte noch gesund und mit der Haushaltsauflösung seiner Mutter beschäftigt. Zwei Tage später wurde ihr Haus an die Käufer übergeben. Zwei Jahre später ist er mit der Haushaltsauflösung meiner Mutter beschäftigt. Am 28. Juli 2021 war der Gatte schon krank, beschäftigte mich ein ominöser Tumor-Verdacht (der sich ein Vierteljahr später zum Glück nicht bestätigte, da die gefunden Tumore gutartig sind). Am 28. Juli 2022 machte ich erste Erfahrungen mit der Ölheizung, zog meine Mutter aus der Kurzzeitpflege in die stationäre Pflege um, hatten wir noch die Hoffnung, dass sie im Pflegeheim heimisch wird und sich dort wohlfühlt. Am 28. Juli 2023 lebten wir seit einem Jahr auf einer Baustelle, pendelten zwischen Haus und Wohnung. Am 28. Juli 2024 waren wir umgezogen, war unsere Küche fertig, dachten wir, wir könnten endlich im alt-neuen Haus ankommen. Ein Jahr später würde unser Leben mal wieder auf den Kopf gestellt. / *Affiliate link

Montag, 8. September 2025

#WMDEDGT 09/25: Krankenhaus IV

Heute ist wieder der fünfte Tag des Monats, und Frau Brüllen fragt "Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?", kurz WMDEDGT? Vielen Dank für's Sammeln!

Der Gatte ist seit neun Wochen im Krankenhaus. Eigentlich sollte er am Vortage entlassen werden, bekam aber wieder Fieber und Schüttelfrost, war sehr schwach und blieb widerwillig eine weitere Nacht. Ich schlief schon zu Hause, da heute einige Hilfsmittel geliefert werden sollen, die Putzfrau kommt und eine meiner Sandkastenfreundinnen mir mit den letzten Umzugskartons im Wohnzimmer helfen will. 

Der Wecker klingelt um sechs Uhr, aber ich komme nicht aus dem Quark, schaffe es erst kurz vor acht Uhr, mit allem so weit fertig zu sein, dass unsere Putzfrau loslegen kann. Sie bringt Blumen für den Gatten mit - wie lieb! Nescafé und trocken Toast zum Frühstück, außerdem ein Telefonat mit dem Gatten, der fieberfrei ist und optimistisch, heute entlassen zu werden. Zu meiner großen Erleichterung hat er die Nacht alleine ohne Zwischenfälle überstanden. Ich schlief ja drei Wochen bei ihm, weil er im Delir war, und die Nächte waren meistens ein Albtraum.

K. kommt super pünktlich, verschafft sich einen Überblick und legt sofort los. Ratzfatz sind die ersten Kartons geleert, die ersten Bücher in Regale verstaut - unsortiert. Hauptsache, die Kartons sind leer. 

Um zehn Uhr ruft der Gatte an: Er ist vom aktuell behandelnden Arzt mündlich entlassen und will nach Hause. Kurze Zeit später meldet sich das Krankenhaus: Ich solle bitte den Rollstuhl des Gatten abholen. Der Krankentransport sei für 15 Uhr geplant. Warum wird der Gatte nicht ins Rolli-Taxi gesetzt? Antwort des Krankenhauses: Der Gatte hätte noch immer Keime im Urin, das Rolli-Taxi könne nach Transport nicht entsprechend desinfiziert werden, deswegen braucht man einen Krankenwagen. Der kann allerdings den Rollstuhl nicht mitnehmen, weil der verkeimt ist. Ähm, ja, nee, is klaa. Wir brauchten das Rolli-Taxi, weil der Rollstuhl nicht ins Karlchen passt. 

K. meint, ich solle ins Krankenhaus fahren, sie würde die Stellung halten.

Im Krankenhaus angekommen, sind die Sachen des Gatten gepackt, aber er hängt noch an diversen Infusionen und ist total genervt, dass er noch nicht nach Hause darf, bis 15 Uhr warten soll. Ich erschrecke, denn der Gatte sieht alles andere als fit aus, hat leichten Schüttelfrost. Davon will er aber nichts hören. Er will nach Hause, sofort.

Da ohnehin noch eine Infusion läuft, fahre ich erstmal den Rollstuhl ohne Gatten zum Karlchen, um zu gucken, ob's irgendwie passt. Auf dem Weg merke ich, dass ich einfach keine Kraft mehr habe. Am Auto angekommen, verlässt mich meine Kraft total. Ich wirke so verzweifelt, dass mich ein Mann, der gerade neben mir einparkte, anspricht, ob ich Hilfe brauche. Ja, unbedingt, bitte. Er zeigt mir, wie ich den Rollstuhl ins Karlchen bekomme. Gut, das Karlchen ist dann voll, aber egal. Und: Der Rollstuhl ist schwer. 

Zurück beim Gatten lässt sich sich leugnen, dass sein Zustand sich verschlechterte. Er hat definitiv Schüttelfrost und inzwischen auch heftiges Fieber. Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Wir bekommen ihn mit Mühe zu zweit vom Hocker ins Bett. Zusammen mit dem Arzt beschließe ich, der Gatte wird eine weitere Nacht bleiben. Die Entlassungspapiere sind fertig und wenn der Gatte am kommenden Tag fieberfrei ist, kann er nach Hause. Der Gatte ist inzwischen zu schwach zum Protestieren, bekommt eine weitere Infusion, diesmal gegen das Fieber.

K. hält die ganze Zeit über zu Hause die Stellung und mich per WhatsApp auf dem Laufenden. Sie nimmt das Sauerstoffgerät entgegen und lässt sich die Bedienung erklären, die ihr allerdings aus Gründen ohnehin vertraut ist. Sie nimmt den Toilettenstuhl entgegen, baut die Aufstehhilfe für's Bett zusammen und ein, hüllt die Matratze in einen wasserfesten Bezug usw. usf. Gegen 16 Uhr schreibt sie, sie gehe jetzt nach Hause. Da bin ich auch gerade auf dem Weg, muss aber vorher noch Wassermelone für den Gatten besorgen. 

Als ich nach Hause komme, trifft mich der Schlag: K. hat fast alle Umzugskartons ausgeräumt, ins Gartenhäuschen gebracht, aufgeräumt, durchgewischt ... Ich bin sprachlos! Es ist erstaunlich, wie groß die Stube ist, wenn dort nicht 18 Umzugskartons im Weg stehen!

Ich bin nur kurz zu Hause, um Wassermelone für den Gatten zu portionieren, und fahre dann sofort wieder ins Krankenhaus. Der Gatte sitzt gerade vor seinem Abendbrot - am Tisch. Die Infusion half rasch gegen das Fieber, er kann schon wieder aufstehen, ist aber noch wackelig. Zähneknirschend erklärt er sich damit einverstanden, noch eine Nacht zur Beobachtung zu bleiben. Gegen 19 Uhr mache ich mich schweren Herzens alleine auf den Heimweg - es fällt mir sehr schwer, den Gatten zurückzulassen, denn er hat große Angst, im Krankenhaus zu sterben. 

Auf dem Heimweg fahre ich noch beim Pflegedienst vorbei, um die Verordnung für die Wundversorgung abzugeben, damit das nahtlos nach der Entlassung aus dem Krankenhaus weitergehen kann.

Endlich zu Hause! Ich rufe Schwiegermutter an, möchte sie über die aktuelle Situation informieren, aber sie erzählt mir erstmal in epischer Breite von ihrem Tag, verschwendet keinen Gedanken an ihren Sohn. Narzissmus ist fein. Als ich endlich zu Wort komme, ist sie betroffen wegen der aktuellen Entwicklung.

Ich bin zu erschöpft, um zu essen, überlege hin und her, ob ich etwas bei der Schiebetür bestelle, habe aber nicht genug Appetit für den Mindestbestellwert. Im Kühlschrank sind noch zwei vorgebackene Camemberts, die in die Pfanne wandern. 

Auf's Sofa fallen, essen, etwas stricken und fernsehen. Das Taschentelefon erinnert mich daran, dass das Simchat-Tora-Massaker 700 Tage her ist - und das seit unglaublichen 700 Tagen noch immer 48 Männer und Frauen Geiseln der Hamas sind. Die Hamas veröffentlicht heute ein Propaganda-Video, aufgenommen vermutlich am letzten Donnerstag, das mit Guy Gilboa-Dalal und Alon Ohel zwei der noch etwa 20 lebenden Geiseln zeigt. Die jungen Männer sind schwach und ausgemergelt. Bring them home now gilt mehr denn je.

Früh und erschöpft ins Bett und darauf hoffen, dass es eine ruhige Nacht wird, dass ich den Gatten am kommenden Tag endlich nach Hause holen kann.

Der Blick zurück in die ersten fünf Corona-Jahre: Am 5. September 2020 urlaubten wir in Dänemark, waren auf der Suche nach Kreuzkümmel, war der Gatte noch gesund. Am 5. September 2021 waren der inzwischen kranke Gatte und ich zum ersten Mal seit seiner Erkrankung im Urlaub und ruhten uns am ersten Urlaubstag nach einer anstrengenden Anreise aus. Am 5. September 2022 bereiteten wir uns auf die juristische Übernahme des alt-neuen Hauses vor. Am 5. September 2023 waren wir noch immer nicht umgezogen, hatten mal wieder Probleme mit einem betrügerischen Handwerker und suchten einen Dachdecker. Den suchen wir immer noch, denn die Ausbesserungsarbeiten, die bei uns gemacht werden müssen, sind zu unattraktiv. Am 5. September 2024 war der Gatte noch fit genug, um selbst zu Fuß zum Arzt zu gehen. Heute ist er schon froh, wenn er ein paar Meter gehen kann, nutzt meistens den Rollstuhl.

Sonntag, 7. September 2025

Samstagsplausch KW 33/25 bis 36/25: Leben und Arbeiten in Corona-Zeiten CCLXXXIII bis CCLXXXVI

"Ich fasse es nicht, dass mein Körper jetzt von Pilzen aufgefressen wird!", sagte der Gatte, nachdem wir vorletzten Donnerstag entschieden, dass er das Krankenhaus verlässt und palliativ zu Hause weiterbehandelt wird. Nachdem er mit Beinvenentransplantation und Amputation zwei schwere Operationen überstand, wird ihm nun eine Candidose, eine Pilzinfektion, das Leben kosten (zusammen mit diversen anderen multiresistenten Keimen und Bakterien, die er sich im Krankenhaus zuzog). 

Die Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause fiel, weil es im Krankenhaus keine Perspektive gab, wie lange eine Behandlung dauern und ob sie Erfolg hat. "Wir müssen von Tag zu Tag abwarten", hieß es, nachdem die ursprünglichen zwei Wochen der Antimykotikum-Gabe ohne Erfolg vorbei waren. Bis dahin hieß es, in dem Zeitraum sei der Gatte garantiert pilzfrei. War er nicht. Jedes Organ ist von Pilzen, Bakterien oder Keimen befallen. Daraufhin entschied der Gatte, lieber zu Hause zu sterben als im Krankenhaus, denn seitens der Ärzte gab es keine Prognose, dass er die Candidose angesichts seiner Vorerkrankungen überstehen könnte, dass Bakterien oder Keime bekämpft werden könnten. Die einen sagen so, die anderen sagen so ... Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gatte Pilze, Bakterien und Keime wieder los wird, ist realistisch betrachtet verschwindend gering, wäre geradezu ein Wunder. Nicht, dass wir etwas gegen ein Wunder hätten ... 

In den nächsten Tagen kümmern wir uns um Testament und Grabstelle. Alles andere wie die Auflösung der Sammlungen des Gatten haben wir schon im Krankenhaus besprochen. Der Gatte hielt sein Versprechen, älter zu werden als sein Vater, wenngleich wir uns gewünscht hätten, dass es mehr als ein Jahr sein würde. Den Geburtstag feierten wir im Krankenhaus. Seitens des Krankenhauses gab's Glückwünsche und eine Überraschung. Schwiegermutter kam zu Besuch. Es war ein schöner Tag, gemessen an den Umständen.

In gewisser Weise hielt der Gatte auch sein Versprechen, mich nicht mit 60 Jahren zur Witwe zu machen, wie es Mudderns, Schwiegermutter und Tante geschah. Nach aktueller Prognose werde ich jünger sein. Bis es soweit ist, machen wir uns eine möglichst gute Zeit, werden wir versuchen, so viele Pläne wie möglich umzusetzen.

Nach der Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause dauerte es noch über eine Woche, bis der Gatte so weit stabilisiert war, dass ich ihn mit nach Hause nehmen konnte. Vor allem in den letzten zwei Tagen, als der Entlassungstermin feststand, bekam er immer wieder Fieber und Schüttelfrost, war zu schwach für eine Entlassung. Vorgestern war er schon entlassen, als er zusammenklappte und ich ihn wieder einweisen ließ. Seit gestern ist er endlich zu Hause.

Mit der Entscheidung zur Palliativpflege zu Hause ging es dem Gatten psychisch schlagartig besser. Das Krankenhaus sorgte dafür, dass wir sofort mit der Palliativärztin sprechen konnten, und leitete alle weiteren Maßnahmen ein. So ist auch eine Therapiebegrenzung festgelegt, falls es dem Gatten nicht vergönnt sein sollte, friedlich zu Hause einzuschlafen, er im Krankenhaus intersivmedizinisch behandelt werden muss. Der Hausarzt des Gatten ist in einem Palliativnetzwerk, übernimmt die Betreuung. Zu dem Netzwerk gehört auch der bisherige Pflegedienst, so dass der Gatte von vertrauten Gesichtern umgeben ist. Rechtzeitig zur Entlassung wurden diverse Hilfsmittel geliefert. Auf ein Pflegebett möchte der Gatte solange wie möglich verzichten, aber eine meiner beiden Sandkastenfreundinnen befreite in einem Kraftakt die Stube von den letzten Umzugskartons, so dass dort ein Pflegebett stehen könnte. Vorerst wünscht sich der Gatte aber einen Relax-Sessel.

Als ich Mitte August zum Gatten ins Krankenhaus zog, sorgte ich erstmal für einen geregelten Tagesablauf, Körperpflege und Mobilisierung. Der Gatte, der aufstehen durfte, bekam nämlich keine Physiotherapie, lag nur im Bett, war inzwischen zu schwach, alleine aufzustehen, so sehr er es auch wollte und versuchte. Wir fragten mehrfach nach Physiotherapie, aber da kam erst jemand, als klar war, dass der Gatte palliativ ist. Dann gab's exakt eine Behandlung. Als erstes sorgte ich dafür, dass der Gatte sich anzog und wir am Tisch aßen. Ich wusste ja, dass er es kann und will, nur eben Hilfe braucht. Schon der Umstand, dass der Gatte am Tisch saß, sorgte bei Ärzten und Pflegekräften für Erstaunen. Als er letzte Woche dann am Rollator und später am Stock den Krankenhausflur entlang ging, selbstständig mit dem Rollstuhl unterwegs war, fielen die Kinnladen herunter. 

In der kommenden Woche werde ich mich um Krankengymnastik für den Gatten kümmern. Die müssen wir selbst zahlen, denn der Gatte ist ja jetzt palliativ, da lohnt sich das nicht mehr. Der Gatte hat aber einen starken Lebenswillen und will so lange wie möglich so viel Normalität wie möglich. Obwohl schnellstmöglich ein Treppenlift eingebaut wird, will der Gatten wieder Muskeln aufbauen, die es ihm ermöglichen, Treppen zu steigen. Er will sich außerhalb des Hauses auch ohne Rollstuhl bewegen, am liebsten auch ohne Rollator, denn die Beine funktionieren jetzt ja wieder. Deswegen verweigerte er auch die Aufstellung eines Pflegebettes im Esszimmer, wo er bis zum Einbau des Treppenliftes hätte schlafen sollen. Es zeigte sich gestern aber schnell, dass Treppen eine unwahrscheinliche Kraftanstrengung für ihn sind. 

Das Krankenhaus setzte dem Gatten unheimlich zu, nicht nur die lange Zeit, sondern auch die äußeren Umstände. Durch die häufigen Zimmer- und Stationswechsel wurde die Amputationswunde nicht mehr regelmäßig versorgt - der Gatte verschwand einfach vom Radar. Kein Wunder, dass sich von der Wunde ausgehen eine Candidose entwickelte. Wir mussten uns die regelmäßige Wundversorgung ertrotzen. Die Wundversorgung soll laut einem behandelndem Arzt täglich stattfinden, aber ein anderer entschied, alle zwei Tage oder bei Bedarf reiche. So ist denn jetzt auch die Verordnung für den Pflegedienst, obwohl im Entlassungsbrief eindeutig tägliche Wundversorgung steht. Ich hoffe, ich kann das morgen beim Gespräch mit dem Palliativarzt geradebiegen. Ich hoffe auch, dass er die vielen neuen Medikamente verordnet. Normalerweise besteht er darauf, dass das der jeweilige Facharzt macht, aber bis wir dort Termine bekommen, wird es dauern, und der Gatte braucht ja seine Medikamente.

Der Gatte wird nach der Entlassung auch nicht mehr durch die Wundambulanz des Krankenhauses versorgt - lohnt ja nicht mehr bei einem Palliativen. Ich hoffe, die Fußambulanz des Diabetologen kümmert sich darum, denn der Pflegedienst wechselt ja nur die Verbände, aber reinigt die Wunden beispielsweise nicht. Eigentlich müsste auch noch eine Hauttransplantation erfolgen, aber wie gesagt: Lohnt ja nicht mehr bei einem Palliativen.

Rund um die Uhr fuhrwerkte im Krankenhaus irgendjemand am Gatten herum, bekam er neue Infusionen oder Zugänge, wurde ihm Blut abgenommen, egal, ob er schlief oder nicht. Teilweise wurde noch nicht mal mit ihm gesprochen, wurde ihm nicht erklärt, was mit ihm gemacht wird, wurden die Verbände abgenommen und erst Stunden später erneuert. Solange lag der Gatte dann mit barfen Füßen da, schlurfte so auch schon mal auf die Toilette, wenn niemand auf sein Klingeln reagierte - wie gesagt, die Candidose kam nicht aus heiterem Himmel. Einige Ärzte sprachen auch nicht mehr mit dem Gatten, sondern nur noch mit mir, wogegen wir vergeblich protestierten. In den drei Wochen, die ich im Krankenhaus wohnte, gab's eine Ärztin, die sich weigerte, nachts einen neuen Zugang zu legen, und darauf bestand, dass der Gatte seine Nachtruhe hat. Ansonsten gab's auch schon mal mitten in der Nacht neue Zugänge (der Gatte hat schlechte Venen, weswegen er alle naslang neue Zugänge brauchte). Mit jeder Störung glitt der Gatte wieder ins Delir ab, wurde verwirrter, aggressiver, verzweifelter, wütender. Highlight war, dass man wollte, dass wir spätabends das Zimmer wechseln, obwohl der Gatte so fest schleif, dass ich ihn nicht wach bekam. Da eskalierte ich. Der Gatte hatte so oft den Eindruck, er sei woanders aufgewacht, als er einschlief, weil ihn die ständigen Zimmerwechsel überforderten, und dann das. Nach einigen Telefonaten stand fest: Wir durften am kommenden Morgen nach dem Frühstück wechseln. Für die letzten zweieinhalb Wochen hatten wir dann ein Dreibettzimmer nur für uns. Das Zimmer hatte sogar einen Balkon. Ich sorgte dafür, dass es so wohnlich wie möglich wurde.

Dass der Gatte kaum zur Ruhe kam, lag auch an dem Umstand, dass das Krankenhaus im laufenden Betrieb umgebaut wird. Das bedeutete bis zu zehn Stunden täglich an bis zu sechs Tagen Baulärm. So oft es ging, entflohen wir vor das Krankenhaus und saßen in der Sonne. Ich strickte, der Gatte rauchte seine Pfeife, wir redeten. Außerdem lernten wir unwahrscheinlich nette Menschen kennen, führten gute Gespräche. Das war eine sehr intensive Zeit.

Der Gatte stimmte nicht nur endlich einem Treppenlift zu (ich wollte den ja schon prophylaktisch einbauen, als wir das Haus renovierten), sondern auch einem Hausnotruf. Unser Pflegedienst bietet einen an, bei dem tatsächlich auch Hilfe kommt, selbst, wenn es "nur" ein Sturz ist. Beim bisherigen Anbieter, bei dem auch Mudderns war, musste immer erst ein Angehöriger kommen, um sich zu überzeugen, dass es tatsächlich ein medizinischer Notfall ist (dazu zählen keine Stürze), und selbst dann wurde kein RTW geschickt, wenn man nicht bereit war, die Kosten für den Einsatz zu übernehmen, sollte es doch kein medizinischer Notfall sein. Wenn es mit dem jetzigen Anbieter klappt, kann ich den Gatten beruhigter alleine lassen, denn ich habe ja auch noch ein eigenes Leben, möchte beispielsweise schnellstmöglich wieder arbeiten, habe eine Kurzreise gebucht, eine Dienstreise steht auch an. Für die Tage, an denen ich nicht da bin, möchte der Gatte zudem Essen auf Rädern nutzen. Er wird sich demnächst mal durch verschiedene Anbieter probeessen. 

Generell möchte er jetzt alles an Hilfe in Anspruch nehmen, was geht - das ist auch Entlastung und Erleichterung für mich. So liegen denn hier gerade Anträge auf weitere Merkmale einer Schwerbehinderung, weil der Gatte gerne einen Parkausweis und eine Begleitperson hätte. Perspektivisch muss auch der Pflegegrad überprüft werden.

Die ersten Stunden nach Heimkehr des Gatten stimmen vorsichtig optimistisch: Der Gatte fand sich problemlos zurecht. Die Treppen machen ihm zu schaffen, abends musste ich ihn fast hochtragen, aber das wird mit zunehmenden Muskeln hoffentlich besser (heute hat er Muskelkater). Er schlief bis auf einen Albtraum sagenhafte acht Stunden durch. Vor der Nacht hatte ich am meisten Angst, denn aufgrund des Delirs fand der Gatte im Krankenhaus keine Ruhe, halluzinierte, kletterte aus dem Bett, riss dabei Sauerstoffschlauch und Infusionen mit und wollte durchs Krankenhaus irren. Mein Schlaf wurde im Viertelstundentakt unterbrochen, ich wankte irgendwann vor Erschöpfung. Letzte Nacht konnte auch ich durchschlafen. Was für eine Wohltat!

Hier gilt seit mittlerweile 286 Wochen: Der Gatte und ich sind weitgehend zu Hause. Im ersten Corona-Jahr wurde der Gatte schwerkrank, im zweiten zeigte sich, dass er nicht mehr gesunden wird, im vierten hatte er einen Schlaganfall, im sechsten wurde er ein Palliativfall. Der Gatte ist schwerbehindert und berufsunfähig verrentet. Es geht uns dennoch vergleichsweise gut. Wir halten es gut miteinander aus, wenngleich die Erkrankungen und der Schlaganfall des Gatten zu Wesensveränderungen führten, die ein Zusammenleben manchmal sehr schwer machen. 

Herzlichen Dank für die vielen guten Wünsche und Gebete, die mich auf unterschiedlichen Wegen erreichten! Das bedeutet mir sehr viel. Ich hoffe, ich schaffe es, euch allen zu antworten.

Ein Blumengruß von meinen Kolleginnen.

Diese Woche brachte zwei Blumensträuße. Unsere liebe Putzfrau, die den Gatten sehr in Herz schloss und mit uns hofft, betet und bangt, zögerte lange, ob man einem Mann Blumen schenken dürfe, entschied sich dann aber dafür. Der zweite Blumengruß kam von meinen Kolleginnen. 

Ein Blumengruß für den Gatten.

Dieser Beitrag geht rüber zum Samstagsplausch bei Andrea. Vielen Dank für's Sammeln! Über's Kochen und Einkaufen berichte ich in der Kombüse